Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Hafenfahrt

Genua ist ein Freihafen, das heißt, die Schiffe dürfen in den Porto Franco einlaufen, ohne Hafengebühren zu zahlen; aber die Freiheit ist sonst eben nicht sehr groß und erstreckt sich nicht etwa auf einen Handel ohne Abgaben und Zölle; im Gegenteil, die Stadt ist gegen den Freihafen hin mit einem gemauerten Basar umgeben, durch dessen Tore man nicht passiert, ohne durchsucht zu werden, und dieses Gesetz wird streng gehandhabt. Jeden Morgen, wenn wir mit der Barke vom Seebade zurückkamen und das Tor durchschreiten wollten, ersuchte man uns, die Handbeutel zu öffnen, in denen wir unsere Badewäsche tragen ließen, und das geschah nicht nur am ersten Tage, sondern es wiederholte sich an vierzehn Morgen, obgleich die Zollbeamten uns als Fremde und Badegäste kannten.

Gegen den Hafen zeigt der Basar eine geschlossene Mauer, nach der Stadt zu eine Menge kleiner Läden, in denen Waren und Lebensmittel zum Gebrauche der Schiffer feilgeboten werden. Oben auf dem platten Dache, das man auf bequemen Treppen zu Anfang und am Ende des Basars besteigt, ist eine der schönsten Promenaden Genuas, auf der sich, da sie der vollen Frische des Seewindes genießt, am Abende immer zahlreiche Spaziergänger einfinden.

Genua präsentiert sich am schönsten vom Meere aus. Der äußerste Punkt des Hafenbaues ist die Lanterna vor dem Molo Nuovo. Von hier aus übersieht man die Stadt in ihrer ganzen Majestät, wie sie sich amphitheatralisch mit ihren Reihen prächtiger Paläste über dem Meere erhebt. Adelsstolz und die Prachtliebe reicher Kaufleute vereinten sich in den genuesischen Edelleuten und riefen einen geschmackvollen, heiteren Luxus hervor, der noch heute ebenso erfreulich als bedeutend erscheint.

Wenn man das Ufer entlang vom Molo Nuovo, am Militärhospital vorüber, fährt, so ist der erste Palast, der sich uns zeigt, der wundervolle Palazzo Doria. Er besteht aus zwei großen Palästen. Der eine erhebt sich über einem schönen, terrassierten Garten am Meere, der andere liegt zu Anfang des Berges von San Rocco; beide sind durch Arkadengänge in den ersten Stockwerken miteinander verbunden und beherrschen die Piazza Doria, welche die Dorias noch heute das Recht haben abzusperren und den Übergang zu verwehren. Hier ließen wir die Barke halten und stiegen in dem Doriaschen Garten ans Land.

Der Garten, im französischen Geschmacke, zieht sich mit seinen architektonischen Taxushecken vom Meere in die Höhe, den Fels hinauf und verbindet und umschlingt sämtliche Gebäude, welche zu dem Doriaschen Besitz auf diesem Punkte Genuas gehören. Mitten im ersten Plane des Gartens ist, umgeben von Taxusbogen, ein großes Marmorbassin mit Adlern und Delphinen, aus dessen Mitte der meerbeherrschende Neptun, den Trident in der Hand, emporsteigt. Er ist Porträt des Andrea Doria, dessen kolossale Statue in Kriegertracht oben von dem Felsen herab die Pracht des Ganzen überschaut. Wahrhaft königliche Säle und Hallen in den Palästen zeugen für die Macht und den Geschmack des edlen Hauses, das noch heute zu den reichsten Geschlechtern Italiens gehört. Überall prangt ihr Wappen, der Adler, und sieht aus dem Grün der mächtigen Galerien und Verandas hervor, die der fürstlichen Pracht der Gebäude ein so heiteres Ansehen geben, indem sie die kalte Schönheit des Steines mit immer neuen Blüten schmücken.

Die Prinzen Doria leben größtenteils in Rom; das macht, daß der Palast weniger wohlerhalten ist als die Paläste der übrigen Familien, welche regelmäßig während des Winters Genua und ihre Schlösser – denn es sind Schlösser in vollster Bedeutung des Wortes – bewohnen. Doch war man damit beschäftigt, alles herzustellen, und Vergolder und Maler trieben überall ihr Wesen. Man sagt, wenn die Fürsten Doria in ganz kleinen Tagereisen von drei, vier deutschen Meilen von Genua nach Neapel gehen wollten, so könnten sie an jedem Abende in einem ihrer Schlösser übernachten. Eine Kirche, mich dünkt, sie heiße San Luca, ist von den Lamba d'Aureas – so und nicht Doria schrieb das Geschlecht sich früher – erbaut und äußerlich von oben bis unten mit einer plastischen Darstellung der Taten bedeckt, welche ein Lamba Doria zu Wasser und zu Lande vollbracht hat. Einen sehr schönen Palast, den die Dorias in der Strada Nuova besaßen, haben sie in neuerer Zeit den Jesuiten geschenkt, die jetzt ihr Kollegium darin haben.

So königlich schön liegt der Palast Doria am Meere da, so herrschend über Genua, daß man den Widerwillen der Grafen Fieschi begreift, ein Adelsgeschlecht von dieser Gewalt über sich zu dulden. Überhaupt lernt man erst in Italien die Adelskämpfe des Mittelalters verstehen und beurteilt rückwärts schließend die Macht und den Einfluß dieser fürstlichen Geschlechter nach den Spuren, die man noch von ihnen findet.

Von dem alten Palast des Ludwig Fiesco ist jedoch keine Spur mehr vorhanden. Er wurde geschleift nach dem Aufstande des Grafen, und der jetzige Palast, ein unansehnliches, rot angestrichenes Gebäude in der Mitte des Halbkreises, der den Hafen einschließt, verschwindet gegen die übrigen Paläste zu seinen Seiten, von denen einige zu Hotels eingerichtet sind.

Interessant ist es, in der Stadt zu verfolgen, wie mit den veränderten Sitten des Adels die Lage der Schlösser sich änderte. Zu der Zeit, als die Aristokratie noch Handel trieb, bauten sich die fürstlichen Kaufleute am Meere an. Die Paläste der Doria, der Fieschi, der Durazzi und anderer, welche am Meere liegen, stammen aus jener Zeit. Die Signoria, jetzt das königliche Schloß, liegt etwas höher, beherrscht aber mit seinen wundervollen Galerien Stadt und Meer.

Jetzt sind die bewohnten Besitzungen der reichsten Familien in der Mittelhöhe der Stadt, in den prächtigen Straßen Strada Nuova und Strada Nuovissima, in denen man mit Wagen fahren kann, was in den alten, engen Straßen am Hafen und in den steilen Straßen hoch oben in der Stadt, wo man sich der Sänften bedient, unmöglich ist.

Ich habe, wie wir Jüngeren alle, eben keine leidenschaftliche Vorliebe für den Adelsstolz und finde ihn töricht, ungerecht und herzlos; und dennoch habe ich mir immer in Genua sagen müssen, daß in dem Bewußtsein, auf eine Reihe bedeutender Ahnen zurückblicken zu können, ein großes, erhebendes Gefühl liegen müsse. Im Palaste Brignole, Palazzo Rosso genannt, wegen der roten Farbe, mit der er angestrichen ist, befindet sich eine der prachtvollsten Gemäldegalerien, an denen Genua so reich ist. Dort hängen die Porträts der drei Brignole, welche Dogen waren; von dem vierten Dogen Brignole befindet sich eine Büste in der Sammlung. Der alte Diener, der uns herumführte, bemerkte mit einem gewissen Stolze: »Das ist der Marchese, welcher die Kriege gegen Maria Theresia führte.« Dieser Reflex des Adelsstolzes, widerscheinend aus der Liebe eines treuen Dieners für die Familie seiner Herren, hatte etwas Rührendes.

Ich bin später noch oft in die Galerie des Palazzo Rosso zurückgekehrt und habe mich bei dem Besehen ihrer Schätze jedesmal über die schönen Porträts der Männer und Frauen aus jener Zeit gefreut, die, in warmer Lebenskraft von van Dycks Meisterhand festgehalten, auf uns herniederschauen. Wie hat das Bewußtsein der Freiheit, der Herrschaft sich ausgeprägt zu männlicher Individualität in diesen meerbeherrschenden Genuesern! Männer, die in dem größten Volksgewühle als hervorragende Persönlichkeiten sichtbar werden würden. Da ist ein Marchese Brignole in schwarzer spanischer Tracht auf einem schönen Pferde von van Dyck; ich konnte nicht müde werden, dieses geistvoller feine und doch so energische Gesicht mit den dunkeln Locken und dem feinen Barte auf der Oberlippe anzusehen, wie er im Gefühl seiner Kraft, ruhig in die Ferne blickend, mit spielender Hand das mutige Roß bändigt. Unablässig fiel mir Schillers »Sein Rappe prahlte unter ihm« ein, das er die Kammerfrau im »Fiesko« sagen läßt. Dieser Marchese Brignole entspricht vollkommen dem Bilde, das Schiller sich von dem Helden seiner Tragödie gemacht hat. Dieselbe Schönheit der Gestalt, die Grazie des Wesens, die Feinheit und Kraft des Geistes, dieselbe Männlichkeit und Energie gegen Tyrannei und dieselbe Herrschsucht auf der königlichen Stirne. Ich konnte mich von dem Bilde niemals trennen und genoß es so recht nach meinem Sinne, da der Kastellan mich bald kannte, mir die Zimmer aufschloß und sich nicht weiter um mich kümmerte, sondern mich ruhig mir selbst überließ.

Aber nicht allein in den Männern spricht sich die Hoheit des Wesens aus, auch die Frauen haben sie. Da sind Matronen mit einer so sichern Ruhe, junge Frauen und Mädchen mit dem angebotenen Bewußtsein der Herrschaft in jedem Zuge der schönen Köpfe, in Haltung und Miene. Sie gehören in diese Paläste hinein, deren fürstliche Hallen das Meer beherrschen.

Auffallend war mir oft das Verhältnis der niederen Stände in Italien zu den höheren, der Dienerschaft zu der Herrschaft. Es liegt in diesen Verhältnissen dort noch etwas von dem Patronat der Römerzeit. »La mia famiglia« nennen die Italiener ihre Dienerschaft. »Meine Familie besteht aus fünf, sechs Personen« bezieht sich nicht auf Frau und Kinder, wenn ein Italiener der höheren Stände es sagt. Man behandelt die dienende Klasse gut, man redet sie mit dem Worte padrone und padrona an. Dies setzt schon eine gewisse Achtung für sie voraus, die uns noch fehlt.

Ich sah fast niemals Leute in Genua den Felsen von San Rocco hinaufreiten, auf dem eine Menge von Villen der reichen Kaufmanns- und Adelsfamilien gelegen sind, ohne daß der Reitende freundlich mit seinem Eseltreiber, denn man reitet zu Esel, geplaudert hätte, und das zutrauliche Wesen der Offiziere gegen die Soldaten fiel uns ebensosehr auf. Eines Tages bemerkten wir in einer der engsten Straßen Genuas, die kaum fünf Schritte breit sein mochte, einen etwa zwölfjährigen Burschen quer über die Straße an der Erde liegen, wo er entschieden unbequem für die Vorübergehenden war. Der Junge lag in behaglichem Halbschlafe, aber, wir blieben eigens stehen, es zu beobachten, niemand stieß ihn fort, niemand weckte ihn. Man lachte, stieg vorsichtig über ihn weg, bis ein Zug beladener Esel vorüberkam und deren Treiber ihn aufstehen hieß.

Dafür ist denn das Volk auch von einer auffallenden Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Als wir nach Genua kamen, hatten wir, da wir einen längern Aufenthalt machen wollten, die Absicht, eine Privatwohnung zu mieten, und ich war, eine empfohlene Wohnung suchend, die Strada Nuova und Strada Nuovissima entlanggegangen. Dabei trat ich in den Laden einer Putzmacherin, die allein arbeitend darin saß, und bat sie um Auskunft, weil ich den Lohndiener fortgeschickt hatte. Sie beschrieb mir den Weg, merkte aber wohl, daß ich dennoch mich in den höchst verschlungenen Straßen nicht zurechtfinden würde. Als ich dankend hinausgehe, ruft sie mir zu: »Warten Sie, Signora, ich will Sie begleiten. Sie kommen wohl schwer in Ihr Hotel zurück.« Mit den Worten nahm sie den weißen Schleier über den Kopf, den Fächer in die Hand, schloß ihren Laden, gab dem Friseur, dessen Bude zunächst an die ihre stieß, den Schlüssel und die Weisung, daß sie gleich zurückkehre, und ging nun ganz fröhlich plaudernd, mich um mein Vaterland und andere Dinge fragend, bis an mein Hotel mit mir. Als ich ihr eine Entschädigung für ihren Zeitverlust anbot, lehnte sie dieselbe mit der verneinenden Handbewegung der Italiener ab und sagte: »Es hat mir Vergnügen gemacht, Ihnen zu dienen« (mi ha fatto piacere di servirla); so daß mir nichts übrigblieb, als ihr später durch einen kleinen Einkauf in ihrem Laden meinen Dank auszudrücken.

Mögen nun diejenigen, welche gewohnt sind, in Italien und an den Italienern alles schwarz zu sehen, dies eine schlaue Berechnung nennen, mir hat es wohlgetan. Es ward mir ein Dienst auf erwünschte Weise geleistet, und ich lasse mir es lieber gefallen, daß jemand auf meine Dankbarkeit spekuliert, was schon eine Art von Zutrauen voraussetzt, als daß er mich unwirsch und kurz abfertigt, wie es so oft geschieht. Die Höflichkeit der Vornehmen untereinander ist allerdings bisweilen nur ein Goldfirnis über schlechtem Stoffe, aber die Höflichkeit und ein wohlwollendes Betragen in den unteren Volksklassen sind ein unwiderlegliches und mir erfreuliches Zeichen der Gesittung.

Überall in Italien spricht sich im Volke das Bewußtsein einer langen Zivilisation, einer großen Vergangenheit aus. Sie erzählen von den »alten Zeiten des Hannibal« in märchenhafter Weise; sie kennen die Namen ihrer Poeten und die Taten ihrer Adelsgeschlechter; und dies letztere trägt wohl zu dem Interesse bei, das das Volk noch heute für diese Familien hat.

Eines Abends fiel uns bei einem Besuche der schönen Villa Negro, in der uns ein freundlicher Gärtner umherführte, eine Reihe von sieben kasernenhaft großen Häusern auf, die wir von der Höhe der Villa im Tale erblickten. Wir fragten, was es für Gebäude wären. »Es sind Häuser«, sagte der Gärtner, »welche der Marchese Serra vor einigen Jahren während einer Teuerung bauen ließ, um die Handwerker zu beschäftigen. Er ist sehr reich und vermietet sie billig«. Dann erzählte er, daß auch sein verstorbener Herr, der Marchese di Negro, sehr reich gewesen sei und daß jetzt drei Neffen ihn beerbt hätten, »aber sie tun nichts für ihren Stand«.

»Was heißt das?« fragte einer von uns.

»Oh! sie geben Diners, aber keine divertimenti (Feste); indes sie sind sehr wohltätig – und das im stillen!« fügte er gleich hinzu, als fühle er, ein Unrecht getan zu haben, indem er seine Herren tadle. Es lag etwas sehr Feines, Zivilisiertes darin.

Aber ich bin aus dem Hafen von meiner Barke bis zur Villa Negro hinaufgekommen und will umkehren, die Hafenfahrt fortzusetzen.

Etwa in der Mitte des Hafens liegt die Darsena, welche zum Ausbessern der Schiffe benutzt wird. Dann folgt in einiger Entfernung der Palast Fieschi. In uns allen, es waren mehrere Deutsche beisammen, tauchte bei dem Klange dieser Namen, bei den Worten »Fiesco, Doria, Darsena und Thomastor« die Erinnerung an all das Entzücken empor, das einst Schillers schöne Tragödie in uns hervorgerufen hatte, und wir dachten hier auf den blauen Wogen des Mittelländischen Meeres in tiefer Verehrung des Genius, auf den Deutschland um so mehr stolz sein darf, als er in einer Zeit tiefer Verknechtung wie ein Adler frei der neuen Sonne der Freiheit entgegen seine mächtigen Schwingen entfaltete.

Unter den vielen Schiffen, die innerhalb der Hafenbegrenzung vor den Launen des Meeres Schutz suchten, befanden sich auch russische Dampfboote, welche die Ankunft der Kaiserin erwarteten, sie nach Palermo zu führen, und ein ägyptisches Kriegsdampfboot, das den Sohn Ibrahim Paschas in die Bäder von Pisa gebracht hatte und hier bis zu seiner Rückkehr liegenblieb. Der Führer unserer Barke schlug uns vor, es in Augenschein zu nehmen, und ruderte uns heran. Ein Schiffsleutnant, Renegat und geborener Genuese, in reicher Albanesertracht, der sehr gut französisch sprach, führte uns mit freundlicher Zuvorkommenheit umher. Er und der Maschinenmeister, ein Engländer, waren die einzigen Europäer auf dem Schiffe. Der Kapitän, ein Ägypter, in Frankreich für den Dienst gebildet, die ganze Mannschaft teils braune Ägypter, teils schwarze Abessinier. Nur mit einem leichten Beinkleid bekleidet, liefen die schlanken, feingliedrigen, dunkeln Gestalten auf dem Deck umher. Es gab große Wäsche, und gar behende kletterten die schwarzen Gestalten an den Strickleitern und Rahen umher, die heute statt flatternder Flaggen bescheidene Hemden und Pantalons trugen. Es war ein wunderliches Bild, diese halbnackten Arbeiter und dazwischen einige höhere Offiziere, die in orientalischer Ruhe auf Polstern auf dem Deck lagen und, die langen Pfeifen im Munde, ins Meer hinausschauten. Des Prinzen Kajüte war ein Gemisch von europäischem und asiatischem Komfort. Ein bequem fürs Schreiben eingerichteter Tisch und weiche Polster, europäische Messer und Gabeln neben den kleinen türkischen Tassen auf gewaltigen Untersätzen. Solch ein Gemisch bot auch das Kostüm sämtlicher Offiziere, die anwesend waren, den Renegaten ausgenommen, der sich offenbar sehr wohlgefiel in seiner phantastischen Kleidung. Als wir das Schiff verließen, fing die Abendmusik an, ein allerdings sehr befremdliches Durcheinander verschiedener Töne und Instrumente. Es hatte nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit den alla turcas, die uns unsere Komponisten zu geben pflegen, und war nichts weniger als schmeichelhaft für das Gehör. Unser Schiffer sagte, mit dem Kopfe verächtlich auf das Schiff deutend: »Ecco la musica turca!« – »Sie gefällt Euch nicht, Padrone?« fragte ich. Er sah mich an und rief mit einer unnachahmlichen Gebärde der Geringschätzung dafür das beliebte italienische »Ma che!« – das »Was denken Sie?«, das von dem Volke vielfach gebraucht wird.

Nun fuhr er uns weiter das Ufer der Stadt entlang bis hinaus zu der Stelle, wo ein dunkler Zypressenwald den Cholerakirchhof beschattet, der hier, wie man uns sagte, an zehntausend Leichen birgt. Darüber erhebt sich stolz die Kirche Carignano, und unterhalb des Cholerakirchhofs, etwas mehr zur Rechten, liegt an der äußersten Grenze der Stadt der Kirchhof der Juden, baumlos, traurig und öde, nur mit kalten Grabsteinen bezeichnet, deren fremdartige Charaktere symbolisch in die Jetztzeit hinüberragen.

Von dem Ufer in das Meer steuernd, brachte der Schiffer uns auf einen Punkt, von dem wir die äußerste Spitze der Bergkette sehen konnten, welche den Meerbusen von Genua bildet. Sie heißt Portofino und lag in dem tiefen, warmen Rosenrot des Sonnenunterganges über dem Meere, das leise seine weißen, kühlen Wellen heranplätschern ließ, als hoffe es damit die Glut des Berges liebend zu kühlen.

So ließen wir uns umherfahren, von den Wogen kaum merklich gewiegt, bis das erste Mondesviertel hoch am Himmel stand und die Lampen der Leuchttürme hell emporflammten vor dem Hafen, während Genua mehr und mehr in die Schatten der Dämmerung versank. Als wir die Stadt erreichten, empfing uns donnernder Kanonenknall. Die Großfürstin Helena von Rußland hatte die russischen Dampfschiffe besucht, und diese gaben ihr mit Geschützessalven das Geleite, als sie sich entfernte.


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