Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Das Cervaro-Fest

Wenn der Karneval lange zu Grabe getragen, das letzte Moccololichtchen lange erloschen ist und die ganze stille Zeit der Quaresima sich zwischen den Karneval und die heilige Osterwoche gelegt hat, dann taucht nach der Passionszeit noch einmal ein kurzer, flüchtiger Nachglanz des Karnevals auf. Die deutschen Künstler feiern das fröhliche Cervaro-Fest, das man im Volke den Karneval der Fremden nennt.

Der Frühling ist der blumenbekränzte Genius der Trennung für die Fremden in Rom; nach allen Weltteilen wandern sie fort, ziehen die Künstler von dannen, welche gemeinsames Streben in Rom zusammenführte. Aber man möchte nicht langsam und matt jenes fröhliche Leben des Winters sich enden sehen; und wie man den Karneval lachend begräbt, so soll auch der Aufenthalt in Rom einen schönen, heitern Schluß, ein jubelndes Ende nehmen.

Im Frühling ist die Campagna frisch und grün. Wie ein in milden Wogen erstarrtes Meer heben und senken sich leise die Hügel der weiten Fläche, auf der so manche blutige Schlacht gefochten, soviel weltumwälzende Siege erkämpft worden sind. Das Blut der zahllosen Schlachtopfer hat die Erde verschlungen, Sieger und Besiegte sind in Atome verstaubt, nur der Name und die Tat leben fort, von der Erinnerung sorglich getragen durch Jahrtausende, und Maßlieb und schönfarbige Anemonen blühen, wo der Fußtritt der Kämpfenden die Erde zerwühlte.

Dort hinaus ziehen die Künstler am frühen Morgen zum Abschiedsfeste, an einem der ersten Tage im Mai, in bunter, verschiedener Maskentracht, ein jeder geschmückt mit dem Ordenszeichen eines neuen, blanken Bajocho an grünem Bande. Schon in aller Frühe ist die Campagna von zahllosen Wagen belebt. Jeder, der in Rom es möglich machen kann, hat Wagen und Pferde; jeder, der Wagen und Pferde hat, fährt nach den Steinbrüchen von Cervaro und Ponte Mammolo zum Cervaro-Feste hinaus. In langen Zügen bewegen sie sich die Straße nach Albano hinab; Männer und Frauen zu Pferde, die Hüte mit farbigen Bändern und Federn geschmückt, sprengen über das Blachfeld.

Endlich kommt der Zug der Künstler. Der Präsident ihres Vereines ist auch der Präsident ihres Abschiedsfestes und immer die Hauptperson des jedesmaligen Schwankes. Auf einem großen, mit sechs weißen Ochsen bespannten Wagen zieht er feierlich einher. Das Fuhrwerk, die Hörner der Tiere sind mit Blumen umkränzt, der Präsident steht in phantastischer Tracht des Mittelalters auf dem Wagen. Seine Garden, sein Hofstaat begleiten ihn zu Esel und Roß; Narren und Weise, Ritter, Perser, Beduinen, Campagnarden folgen ihm nach. Den Schluß machen andere Wagen, auf denen Gott Bacchus als Flaschenmeister, umgeben von Bacchanten und weißgekleideten Küchenjungen, den Wein und Speisevorrat der Gesellschaft behütet.

So bewegt sich der Zug bis nach einer einsamen Ruine, dem Torre de' Schiavi, wo der erste Halt gemacht wird und der Präsident nach langer Rede die Truppen mustert. Da ziehen sie vorbei, Don Quixote und Apollo, Wilde und Ritter, Chinesen und Raffaels, die Eselchen zwingend zu anständigem Schritte, während die Fahnenträger voraufreiten und die Musik aus zahllosen Instrumenten, auf denen jeder die Töne hervorbringt, welche der Zufall ihnen entlockt, ein wahres Höllencharivari bildet.

Nach der Musterung der Truppen wandert die Schar weiter fort, sich ausbreitend und beliebig frei bewegend, hinab nach den Steinbrüchen von Ponte Mammolo. Aufgelöst erscheint die Maskengesellschaft noch viel malerischer, wenn die einzelnen Reiter sich im weiten Felde zerstreuen. Besonders malerisch sehen die weißen Mäntel der Beduinen aus, im raschen Ritte sonnebeleuchtet flatternd.

Die Steinbrüche von Ponte Mammolo befinden sich etwa anderthalb Stunden von Rom. Es sind große Höhlen, aus denen die Alten ihren Steinbedarf entnahmen; jetzt werden sie nicht benutzt, und Moos und Schlingpflanzen haben Zeit gehabt, die innern Wände an vielen Stellen mit reichem Grün zu überkleiden. Die Hügel, in denen die Steinbrüche sind, umschließen ein kleines, kesselförmiges Tal. Oben auf den Hügeln richten die Zuschauer sich ein zu fröhlichem Biwakieren. Die Pferde werden abgespannt und zusammengestellt, die Wagen bilden eine ganze Mauer. Die Sitzkissen aus denselben geben Polster auf der Erde, man spannt Schirme aus, große Körbe mit Mundvorrat kommen zum Vorschein, elegante Männer und Frauen decken auf dem Wiesengrün selbst die Tafeln, und in der stillen, träumerischen Campagna, wo sonst nur Ziegenhirten im Schatten einer alten Mauer ihr hartes Mahl verzehren, tafelt mitten im heißen Sonnenbrande des Mittags die vornehme Welt, fliegen knallend die Champagnerkorken in die Luft und erklingen scherzhafte Toaste in allen Sprachen.

Unten im Tale vor den Steinbrüchen aber geht es feierlich zu. Die Ordensverteilung hat begonnen, der Präsident ernennt die Würdenträger für das kommende Jahr. Es ist ein Staat von Kosmopoliten, und die Fahne der Franzosen, welcher wir schon im Karneval gedachten, trägt wieder in der Devise: »Tous les arts sont frères!« den rechten Wahlspruch dieses Künstlerlebens. Nach Kunst, Namen und Vaterland werden die neuen Beamten für das Cervaro-Fest aufgerufen; dabei sieht man erst recht, aus wie fernen Gegenden diese Menschen zusammenkamen, die gemeinsames Streben in Rom verband. In weißen Küchenjacken und Schürzen eilen Maler und Bildhauer aus dem Innern der Höhle herbei, die Orden zu empfangen, nachdem sie mit Fässern und Brettern die Tafel für fast dreihundert Menschen herrichteten. Die Hand, welche sonst den Kopf eines Jupiters bildet, schält heute harte Eier ab und stapelt Butterbrote und Geflügel auf.

Endlich ist das Mahl bereitet. Dreihundert Männer sitzen in dem kühlen Halbdunkel der Steinbrüche an der Tafel; deutsche Männerchöre, französische Chansons und italienische Lieder erklingen in bunter Abwechslung; man spricht mit jugendlicher Eßlust den Schüsseln zu, die bedienenden Künstler können nicht schnell genug mit den vollen Flaschen herbeieilen, welche Augenblicks wieder geleert sind. Das Mahl wird immer lauter, je mehr es sich dem Ende nähert.

Da erscheint unter Donner und Blitz aus dem tiefen Dunkel der innersten Höhle die Sibylle von Ponte Mammolo und droht den frechen Eindringlingen Vernichtung. Aber die Sibylle ist ein Weib, sie widersteht dem männlichen Mute nicht, männliche Bitten bewegen sie, männliches Wirken trotzt ihr Achtung und Liebe ab. Der Präsident tritt ihr entgegen mit dreister Rede, er schildert ihr die Berühmtheit, die Liebenswürdigkeit, die Tüchtigkeit der anwesenden Künstler, die sich hier im Vertrauen auf ihre Gastlichkeit versammelten; die Sibylle fühlt sich geschmeichelt, unterhandelt, wird gerührt und ladet endlich die Künstler zur Wiederkehr ein, ihnen alles Glück prophezeiend und ihnen Schutz gelobend, ehe sie unter neuem Donner und Blitz verschwindet.

Indes die Nähe der Götterentsprossenen hat doch ihr Unheimliches für den Erdgeborenen. Die Künstler verlassen das Dunkel der Höhle und steigen hinauf aus der Tiefe, auf das sonnige Feld der Campagna. Ein Wettkampf beginnt; man steckt mit den Fähnchen der verschiedenen Truppen den Circus ab, und Beduinen auf leichtem Roß halten den Wettlauf mit den eselberittenen Clowns und Sancho Pansas, mit Rittern und Mönchen. Man kämpft zu Fuß und zu Roß, jeder körperlichen Übung wird ihr Recht, und alles sieht heiter und malerisch aus, dank der weiten Landschaft und der phantastischen Tracht. Den Zuschauerkreis bilden die Nichtkünstler, welche, in den Wagen wie auf Tribünen stehend, das fröhliche Spiel mit lautem Zuruf ermuntern.

Ein Feuerwerk, vor Sonnenuntergang abgebrannt, macht den Schluß. Dann werden die Wagen wieder bespannt, und in buntem Gedränge fahren die Fremden zur Stadt zurück, die man zu Wagen bald nach Ave-Maria erreicht. Erst mehrere Stunden später langen die berittenen Künstler an. Die Rosse und Esel sind müde vom Wettlauf wie die Reiter von der Lust des Tages, und mancher kann es nicht vermeiden, in der Glückseligkeit dieser Stunden die Erde Roms zu küssen, von der er scheiden soll.

An den Toren der Stadt empfangen Scharen neugierigen Volkes die Heimkehrenden. Noch in der Nacht hört man die Lieder und Instrumente einzelner verspäteter Nachzügler, die mit einem »Evviva!« begrüßt werden.

Draußen in der Campagna aber tritt die alte, träumerische Stille wieder ihre schweigende Herrschaft an, und leise träufelnder Tau befruchtet den Rasen, den heute nicht der müde Fuß bluttriefender Kämpfer, sondern die leichten Schritte fröhlicher Menschen bei harmlosem Scherze zertraten. Da blühen Anemonen und Maßlieb doppelt schnell hervor!


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