Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Neapel

Neapel

Wenn man die einsame Campagna auf der Straße nach Neapel durchfahren hat, gelangt man nach Albano, Ariccia und Genzano, den Bergstädtchen, in denen Römer und Fremde die Villeggiatur halten. Hier machen die Maler ihre Landschaftsstudien, hier finden sie die Modelle zu den Bildern von Frauen und Männern, welche uns die kräftige Schönheit der Südländer widerspiegeln, und hier in diesen Städtchen begegnet man noch Italienerinnen in der schönen, farbigen Volkstracht, mit dem weißen, schleierartigen Kopftuche geschmückt.

Ein paar Meilen südlicher beginnen, gleich hinter dem Städtchen Cisterna, die Pontinischen Sümpfe, von denen ich nach allen Schilderungen eine ganz falsche Vorstellung hatte. Möglich, daß sie im Hochsommer öde und verbrannt aussehen, im Frühling gleichen sie vollkommen unsern nordischen Marschländern, nur daß in den Sümpfen die Vegetation viel kräftiger ist als in jenen. Es sind unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchschnitten, welche von Baumalleen eingefaßt werden. Große Herden von Rindvieh weiden allerorten; in den Kanälen halten sich zahlreiche Büffel auf und starren unter den zottigen, schwarzen Stirnen mit wildem Blicke die Vorüberfahrenden an. Von menschlichen Wohnungen sieht man nur das nomadenhafte Bretterhaus des Hirten oder den flachen, langen Kahn, der von Menschen auf den Kanälen fortgezogen wird. Wären die Büffel nicht da, man könnte sich in Niederdeutschland wähnen, denn selbst große Mummeln, jene weißen und gelben Wasserblumen, sehen aus den Kanälen hervor, sich auf ihren fetten, grünen Blättern wiegend. Links begrenzen die Apenninen die Ebene, und in weiter Ferne erhebt sich zur Rechten in bläulichen Umrissen der Monte Circeo.

Am hellen Mittage erreichten wir Terracina. Es schaut von steiler Felsenhöhe hinab auf das Meer, das ich hier mit unsäglicher Freude zum ersten Male seit Genua wieder erblickte. Schöne, schwungvolle Palmen sahen von dem Felsen hernieder, das Meer war tiefblau, mit breiten, goldenen Sonnenstreifen übersät, und in dem blendenden Tageslicht tauchten wie unbestimmte Traumbilder schattenhaft die Inseln Ponza und Ischia aus weiter Ferne am Horizonte hervor.

Jenseits Terracina wird das Ansehen der Apenninen wild und rauh wie das Wallis in der Schweiz. Die Städtchen Fondi und Itri liegen mitten in zerklüfteten Felsmassen. In Fondi hatten wir den Wagen verlassen und wollten den schlechtgepflasterten Ort zu Fuße durchwandern, während man die Pferde wechselte. Kaum waren wir auf der Straße, als ein Gefolge von fünfzehn Bettelnden, Kinder, Männer und Frauen, uns begleitete. Wir flüchteten in eine Kirche, deren maurisches Portal uns ohnedies lockte, den Bettlern und der furchtbaren Sonnenhitze zu entgehen. Indes nur gegen die letztere fanden wir Schutz; unser Gefolge blieb uns treu. Die meisten baten um eine Gabe; der eine wollte ein paar alte Scherben, ein anderer einen farbigen Stein verkaufen, ein Knabe uns die Merkwürdigkeiten der Stadt erklären. Wir versicherten ihm, daß wir sie nicht zu sehen begehrten.

»So müssen Sie doch die Kirche in Augenschein nehmen.«

»Wir haben genug Kirchen gesehen und wollen keine Erklärung hören, laß uns allein«, sagte meine Freundin.

Der Junge schaute sie mit seinen großen, schwarzen Augen an, besann sich einen Augenblick, stellte sich dann mit aller Wichtigkeit eines Cicerone vor uns hin und sprach: »Aber das müssen Sie wissen, Signora! (bisogna sapere questo). Sehen Sie, Signora! dies ist der Altar, an dem die Kinder in Fondi getauft werden!«

Der Ernst, die Bestimmtheit, die Feierlichkeit des Buben waren unwiderstehlich komisch, wir bekamen fast Achtung vor der Entschlossenheit, mit der er uns auf diese Weise die Gabe abtrotzte, welche wir ihm geweigert hatten. Der Knabe war der Typus jener kraftvollen Schlauheit, welche der Italiener dem Fremden gegenüber geltend macht, wo er sie zu brauchen für nötig findet.

Gaeta, eine Festung auf einem weit in das Meer hineinragenden Felsen, ist mit seinen hohen Türmen und maurischen Zinnen einer der schönsten Punkte Italiens. Es war nahe an Sonnenuntergang, als wir uns in dem nahe gelegenen Mola im Garten der Villa Composella auf dem Balkon zur Ruhe niedersetzten. Villa Composella liegt hart am Meere auf den Ruinen der Bäder des Cicero. Alleen von Zitronen- und Apfelsinenbäumen, Rosen- und Lorbeerhecken reichen bis zum Meere hinab. Das Wasser war zu starken Wellen aufgeregt, aber die Luft still und weich. Wenn ein leiser Windhauch sie bewegte, schütteten die Bäume ganze Massen von Orangenblüten über uns hin mit süßen, berauschenden Düften. Ein ruhiger Sommeraufenthalt in dieser Villa Composella müßte ein wahrhaftes Glück gewähren, das empfindet man in dem Entzücken, mit dem man sie betritt, in dem Bedauern, wenn man von ihr nach flüchtigem Verweilen scheidet.

Die Landstrecke von Mola di Gaeta bis Neapel und die Umgegend von Neapel selbst sind so sorgfältig angebaut, wie ich es nur in Württemberg und Toscana gesehen habe. Welch Paradies aber unter dieser Kultur aus einem fruchtbaren Südlande wird, das zeigt sich hier. Die Gärten bringen in jedem Jahre acht Ernten, in besonders günstigen Jahren zwölf hervor. In den Weizenfeldern, die in der Mitte des Mai der Sichel entgegenreiften, standen Maulbeerbäume, dem Weinstock zur Stütze dienend, und der Boden trägt zu gleicher Zeit diese dreifachen Früchte. Hat man den Weizen gemäht, so sät man ein zweites Getreide und endlich nach diesem Flachs oder Hanf. Ich habe alle unsere Getreidearten, Hülsenfrüchte, Reis, Flachs und Hanf fast reif nebeneinander gesehen, nur der Mais war noch klein und kommt erst in den heißesten Monaten zur Reife. Erdbeeren und Kirschen waren schon in Fülle vorhanden, die Feigen noch selten; aber alle Obstarten, Trauben und Oliven hatten schon wieder zu Früchten angesetzt. Das Land führt mit vollem Rechte den Namen der Campagna felice.

In Capua beginnt die Eisenbahn nach Neapel, bei einbrechender Dunkelheit fuhren wir in Neapel ein.

Neapel ist die prächtigste, lebensvollste Stadt Italiens; sie erscheint noch um so glänzender, wenn man sie mit dem ernsten, träumerischen Rom vergleicht. Der Aufenthalt an dem Zollhause währte lange, und die Nacht hatte sich über die Erde ausgebreitet, als wir den Hafen entlangfuhren, unser Hotel, die am Meere gelegene Villa di Roma, zu erreichen. Der Anblick des Vesuvs war uns entzogen, da keine Flamme sein inneres Leben verriet. Im Hafen hingegen, an den Kais, flammten vor zahllosen beweglichen Buden flackernde Lämpchen und brannten strahlende Gasflammen hinter dem Spiegelglase der Magazine, während hoch über dem dunkeln Mastenwald das wechselnde Licht des Leuchtturmes bald heller, bald matter durch die Nacht glänzte. Am Abende muß man Neapel sehen, um das südliche Volksleben zu beobachten.

Die ganze Bevölkerung hat anscheinend die Häuser verlassen, deren Fenster überall weit geöffnet sind. An dem Kai des Hafens wird wie in Genua gekocht und gebraten, aber die Buden der Viktualienhändler, der Limonadenverkäufer sind noch bunter aufgeputzt, noch heller erleuchtet als dort. Männer mit nacktem Oberkörper und weißer Leinwandhose bieten in großen, flachen Körben, die sie auf den Köpfen tragen, alle Arten von Lebensmitteln mit lautem Ausrufe feil. Von zwanzig zu zwanzig Schritten stehen kleine Tische, an denen die Wassermelonen verkauft werden: ganze Früchte in ihrer glänzend grünen Schale, durchgeschnittene, aus denen das blutrote Fleisch mit den schwarzen Kernen hervorsieht, und kleine Stücke für das Volk, das sich in Scharen um diese Tische versammelt, sich an der saftreichen, gesunden Frucht zu erfrischen. Daneben röstet man über Kohlen die gelbe Kolbe des Mais, ein ebenso beliebtes und ebenso wohlschmeckendes Nahrungsmittel. Nahe am Meere sind Reihen von Stühlen aufgeschlagen für die Austernliebhaber. Männer und Frauen sitzen dort beisammen; die Verkäufer öffnen die Austern, brechen die frutti di mare auf, kredenzen den Landwein, der in großen Flaschen zwischen den Haufen grüner Zitronen auf kleinen Tischen steht. Gitarrenspieler drängen sich so nahe als möglich herbei, eine Belohnung für ihr Spiel zu erhalten, und werden von den Wasserverkäufern auf die Seite geschoben, welche mit dem lauten Rufe »Acqua gelata!« überall ersehnt und willkommen sind. Eiswasser mit einem Tropfen Anisett darin ist ein Labsal für das Volk, welches selbst rohes Eis als notwendige Erquickung genießt. Man gibt den Säuglingen Stückchen Eis in den Mund, die sie begierig aufsaugen, so dringend ist das Bedürfnis nach Abkühlung.

An allen Ecken sind auf Tonnen Brettergerüste aufgeschlagen, auf denen Seiltänzer und Gaukler ihr Wesen treiben. Pomphafte Bilder, grob gemalt, bilden die Hinterwand für die Darstellung. Hier stößt sich ein Jongleur ein Messer in den Hals, dort neckt Pulcinella einen armen Fischer; weiterhin tanzt ein schönes, kleines Mädchen auf dem Seile und führen andere ein Lustspiel auf. Überall zahlreiche Zuschauer; Väter und Mütter, welche die kleinsten Kinder emporheben, während nackte Buben sich mit kräftigem Arm den Platz in den ersten Reihen zu erkämpfen wissen und Soldaten, mit ihren Schönen im Schatten schäkernd, der Aufführung nur halbes Gehör schenken. Mönche, wohin das Auge sieht! feiste, sinnliche, lebensvolle Gestalten, schwatzend, tabakschnupfend und Beifall rufend wie die andern alle.

Mitten durch das Gewühl der Fußgänger kommen zahllose Droschken und Calessini von der Eisenbahn gefahren. Der letzte Zug von Castellammare langt erst gegen zehn Uhr abends an. Solch ein Calessino oder Carricolo ist ein Neapel im kleinen. Es enthält auf engem Sessel, den ein buntgeschmücktes Pferd schnell fortbewegt, das ganze Durcheinander des Volkslebens, wie man es im Hafen erblickt. Weiber, Kinder, Matrosen, Soldaten, Mönche, Fischer, zehn Personen und mehr finden darauf Platz, stehend, sitzend, in dem angehängten Netze liegend oder auf der Deichsel hockend. Es ist, als ob es lebenslustige Menschen geregnet hätte; der Fremde, ungewohnt des Treibens, wird fast davon verwirrt. Alle diese Calessini fahren wild durch das Gewühl, hart an dem Stapelholze vorbei, auf dem am Hafenkai die braunen Neapolitanerinnen sitzen in farbigem Rock und weißem Hemde, die kleinsten Kinder in Bastkörben zu ihren Füßen schlummernd. Man zittert für die lebenglühenden kleinen Geschöpfe, die in der Nachtluft unbedeckt, fast unbekleidet schlafen; man fürchtet den Nebel des Meeres, man ängstigt sich, wenn die Wagenräder hart vorbeistreifen an den Körben, aber die Mütter schwatzen und lachen sorglos weiter. Es geschieht den kleinen Geschöpfen doch kein Schaden.

Vom Largo del Palazzo, dem Schloßplatze, abwärts ändert sich die Szene. Man verläßt den Bereich des Volkslebens und kommt in die Residenz.

Es ist neun Uhr abends, die Militärmusik bringt das Ständchen unter den Fenstern des Schlosses, der ganze Platz ist gedrängt voll Menschen. Zahllose Wagen fahren in langsamem Schritte durch das Gewühl dem Toledo zu, der langen und schönen Straße, die aus der Ebene nach Capo di Monte emporsteigt, oder halten vor den Läden der Eisverkäufer. Alle Magazine sind geöffnet und hell erleuchtet. Was der Luxus Schönes und Prächtiges bietet, liegt an den großen Spiegelfenstern zur Schau. Auf dem Trottoir sind bewegliche Gerüste und Tische aufgeschlagen, an denen Tabulettkrämer, Fächerhändler, Glas- und Papierverkäufer ihre Waren feilbieten. Überall stehen Käufer dabei, Männer und Frauen aus dem Volke, von umherwandernden Stutzern umringt, und manches zärtliche Abenteuer wird auf dem Toledo begonnen.

Plötzlich flimmert ein erhöhter Lichtglanz überraschend durch die Nacht, Fahnen flattern über unsern Häuptern, zur rechten und zur linken Seite des Toledo strahlt eine Illumination in vielfarbigem Lampenschimmer. Es ist das Fest irgendeines Heiligen, dessen Kirche in dieser Gegend gelegen ist. Musikbanden spielen vor derselben auf erhöhter Tribüne Bellinische Opernmelodien, ein Feuerwerk wird mitten auf der Straße abgebrannt, und das Volk jubelt seine Beifallsbezeigungen zum Nachthimmel empor, unter dessen mildem Glanze die vornehme Welt den Toledo auf und nieder fährt.

Aber welch ein Anblick bietet sich dem Auge dar, wenn die Wagen auf der Rückkehr vom Toledo sich wieder dem Meere nähern. Welch eine rote Glut, welch eine verderbensprühende Flamme leuchtet uns entgegen! Der Vesuv zeigt sich als Beherrscher Neapels. Es ist tiefe Nacht geworden. Schatten lagern sich über dem Meere, dessen dumpfes Brausen unser Ohr berührt, die einzelnen Masten der Schiffe werden im Vorgrunde sichtbar, während die kegelförmige Bergmasse des Vulkans sich auch in der mächtigen Dunkelheit kenntlich macht. Ein Feuer von ungewöhnlichem Rot, von einer intensiven Glut, wie nie die Macht der Menschen sie hervorruft, hebt sich langsam auf und nieder wogend aus dem Krater empor und fließt in rotem, zähem Flammenstrome den Berg hinab. Rastlos, immerfort arbeiten die unsichtbaren Kräfte im Schoße der Erde, wie ein Meer wogt die Flamme in fast regelmäßiger Bewegung, bis gewaltig eine Feuergarbe emporsprüht, weithin Funken und glühende Steine versendend.

Der Fremde starrt voll Entsetzen ob des unheimlichen Wunders; der Boden seines Daseins scheint ihm untergraben, wenn er die unsichtbaren Kräfte der innern Erde in diesem sichtbaren Flammenzeichen erblickt; man möchte fliehen oder anbetend niedersinken. Aber das Volk von Neapel wendet kaum den Kopf nach jenem Wunder, es treibt in Santa Lucia, das dem Vesuv ganz gegenüberliegt, sein täglich Gewerbe. Hier sind die Fisch- und Austernhändler zu Hause. Auf dem mit Quadern gepflasterten Platze ertönt der lauteste Ausruf, wird gehandelt und geschmaust. Muschelverkäufer haben hier ihre Buden, und in schönen Magazinen kauft man die kunstreich verarbeiteten Produkte des Meeres und des Berges, geschnittene Korallen, Konchylien und Lava.

Über dem Volksgewühl thront ernsthaft in mächtigem Schweigen das Kastell Sant' Elmo. Die Sträflinge in ihren hellgelben Kleidern, die man am Tage auf den Mauern umhergehen sieht, sind eingeschlossen in die Kasematten und vergitterten Stuben. Das Verbrechen, zu dem das lebensprühende Neapel verlockte, wird abgebüßt in jenem Kerker, dessen Einsamkeit, dessen Haft doppelt traurig erscheinen, da unter seinen Mauern die lachende Volkslust ertönt und die volle Schönheit der Natur hinauslockt in ihr Reich.

Unten am Ufer, ganz hart am Fuße des Felsens, der das Kastell Sant' Elmo trägt, liegt das Kastell dell' Ovo, erbaut auf den Ruinen der Villa des Lucullus. Die Straße Chiatamone entlang folgt man dem Ufer des Meeres bis zur Villa Reale, deren dunkle Alleen verlockend uns winken.

Aus tiefem, grünem Baumesschatten tauchen die schönsten Nachbildungen antiker Statuen hervor. Die Mediceische Venus, die Flora, der Apoll von Belvedere, der Antinous, die wir in den Museen nur dann und wann zu erblicken gewohnt sind, stehen hier im Freien, und die Schönheit der Gestalten wird dem glücklichen Volke des Südens, in dem sie erblühte, als eingeborenes Eigentum zu süßer, traulicher Gewohnheit.

Mit den Klängen der Militärmusik, welche hier zweimal in der Woche Gratiskonzerte veranstaltet, mischt sich das leise Rauschen des Meeres, wie sich das Licht des Mondes mit der Flamme des Vesuvs und dem Gaslicht unter den Bäumen zu einem zauberhaften Ganzen vereint.

Ein schützendes Gitter trennt die Villa, welche nur von Fußgängern betreten werden darf, von dem Gewühle der Wagen und Reiter auf der Riviera di Chiaia, wo sich Palast reiht an Palast. Überall flache Dächer, Balkone und offene Fenster, überall Lichtglanz und Frauen in glänzender Kleidung, Lachen, Spiel und Pracht, wohin das Auge sich wendet! Und unten im Schatten der Bäume, am Ufer des blauen, seligen Meeres manch schweigendes Paar, das hinausblickt in die Unendlichkeit des wogenden Elementes, ein Bild zu finden für die überschwellende Liebesflut in der Menschenbrust. – Das ist Neapel!


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