Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Florenz

Riviera di Levante

Wären wir bei unserer Abreise von Genua fürstliche Personen gewesen, so hätte sicher der offizielle Zeitungsbericht den Himmel in ein mitfühlendes Gemüt verwandelt und ihm seinen reichen, befruchtenden Regen für schwächliche Tränen der Teilnahme über unser Scheiden ausgelegt. Nach ununterbrochenem schönem Wetter regnete es gewaltig, als wir an einem Mittage das lebensvolle Genua verließen, um längs der Küste, der schönen Riviera di Levante, über Carrara und Lucca nach Florenz zu gehen.

In mäßiger Höhe zieht sich anfangs die Chaussee auf den Felsen an der Küste hin, deren Fuß das Meer bespült. Noch einmal blickten wir nach Genua zurück, das seinen Namen Genova la Superba mit so vollem Rechte verdient, uns damit über den Abschied tröstend, daß Firenze la Bella uns entschädigen werde.

Die Riviera ist angebaut wie ein Garten. Zwischen Oliven-, Kastanien-, Feigen- und Granatbäumen, um Pinien, Zypressen und Lorbeeren herum rankt sich auch hier in Festons der Wein von Stamm zu Stamm, so voll von reifenden Trauben, daß es gar festlich und fröhlich aussieht. An jedem Baume schlingen sich drei, ja vier und fünf Weinreben empor bis zu den höchsten Gipfeln. Ich mußte lachen über unsere guten christlichen Pastoren, die, weil sie nur den Norden kennen und seinen dürftigen Weinbau, in jeder Traurede von dem Ulmbaum predigen, um den sich die Weinrebe rankt. Solch ein südlicher Baum mit seinen vielen Reben ist ein ganz glückseliges, vergnügtes Bild echt mohammedanischer Polygamie. Da ist von der heiligen Einheit der Zwei keine Spur. Der Baum sieht nicht so ernsthaft darein als unsere nordischen Bäume, und die Weinrebe ist nicht allein bei ihm und ist ihm nicht treu. Solch ein Baum sieht aus wie ein stattlicher Pascha, den in neckischem, gaukelndem Spiele schäkernde Odalisken umtanzen. Hier fällt eine schmiegsame Ranke vom Stamme herab, schleicht ein Ende an der Erde im Verborgenen hin und schmiegt sich schnellkräftig an dem untersten Aste des Baumes wieder empor bis zu seiner Krone. Sie sind wie kokette Weiber, diese Weinranken, die scheinbar verlassen, um wiederzukehren und wiederkehrend doppelt willkommen zu sein nach kurzer Trennung.

Hecken von Aloe, Kaktus und blühenden Monatsrosen grenzen die Felder ein, aus denen die schwankenden Oleanderbüsche mit rot und weißen Blüten hervorgehen. Aus jedem Stein, aus jedem Gemäuer drängt sich der Feigenbaum hervor, mit Früchten beladen, und schirmt an seinem Fuße den Lavendel, die Federnelke und die weißblühende Myrte. Ganze Felder, mit Melonen besäet, Tomaten und reifender Mais, dessen langfaserige Fruchtkapseln wie tausend kleine Federbüschchen im Winde wehen, wechseln mit Orangenwäldern ab. Man weiß vor Fülle und Verschiedenheit der Vegetation kaum, wohin man zuerst blicken soll; man freut sich des Armen wegen über die Masse des Eßbaren und segnet ein Land, das in seinem Klima und seiner Fruchtbarkeit schon die ersten Bedingnisse für das Wohlergehen der Unbemittelten darbietet. Hier im warmen Süden dachte ich immer mit doppeltem Bedauern an die Notleidenden im Norden zurück, wo, wie Platen es bezeichnet, »an der Lippe zu Reif erstarrt jeder glühende Seufzer«!

Der Weg längs diesem Ufer hin ist einer der schönsten Teile Italiens und auch dafür anerkannt. Das Land ist südlich durchwärmter als der ganze darauffolgende Erdstrich bis nach Terracina und Molo di Gaeta hinab. Florenz und Rom sind in der Vegetation viel nordischer, und nirgend wieder habe ich, bis eben in Terracina, soviel Aloe, Kaktus, Orangen und Granaten gesehen als hier. Auf allen Höhen liegen Städte, mit altem, tüchtigem Mauerwerk gekrönt, von dessen hohen Türmen und öden Fenstern die Geister einer Vorzeit hinabschauen, in der der Wandrer hier nicht so sicher seine Straße zog als jetzt.

In den Buchten des Meeres, im Schutze der Felswände blühen die kleinen Hafenstädtchen, durch deren reges Treiben wir noch mehrmals im Laufe des ersten Nachmittages fuhren. Das liebliche Chiavari erreichten wir erst, als schon der Mond hoch am Himmel stand. Dann wendete sich der Weg vom Meere ab in die Berge hinein, und der Kurier fuhr die Abhänge so blitzschnell herunter, daß man in dem nebelhaften Halblicht des Mondes, von Schatten und weißen Nebelstreifen getäuscht, in jedem Augenblick in einen Abgrund zu stürzen fürchtete.

Von der Hitze ermüdet, kam ich bei dem schnellen Fahren in jenen Zustand, der, halb Schlaf, halb Wachen, das rechte Gebiet des Träumerischen in sich schließt. Wie ein funkelndes Meer voll Brillanten lagen die Täler da, im reichen Tau die Mondesstrahlen widerspiegelnd. Blaue, leichte Schatten schienen umherzuschweben zwischen der Erde und der Luft wie Geister der Blüten, deren Düfte mich umwehten; das Wirkliche zerfloß in Nebel, das Unkörperliche nahm Gestalt. Plötzlich streckte ein wüster Menschenhaufen seine Köpfe hervor, und die feurigen Augen sahen mich an, als wunderten sie sich über mein Dasein. Ein langer Arm dehnte sich nach mir aus, mich traf ein Schlag – ich fuhr empor! Es waren Zweige eines Baumes. Sie hatten in das Cabriolet gestreift und mich aus meinem Schlafe erweckt, der den letzten Eindruck des Wachens, einen irdischen Feigenbaum von Glühwürmchen umleuchtet, zu schreckhaften Ungetümen verwandelt hatte.

Helle Lichter flammten mir entgegen, Raketen stiegen empor, und bunte, chinesische Lämpchen schienen in flimmernden Girlanden auf dem Meere zu schweben. Es war Sestri, das man zu Ehren eines Heiligen an dessen Namenstage illuminiert hatte. Ich nahm mir fest vor, nicht wieder zu schlafen; ich wollte die südliche Nacht, den Mondschein am Meere, die Illumination in Sestri genießen; aber Sestri ward ein funkelnder, großer Stern, von dem es glutrote, strahlende Blumen herabregnete auf die Erde. Und all die Blumen schlugen Wurzeln in Menschenherzen, und wo solch eine Blume in den rechten Boden fiel, da blühte die Prachtblüte flammender, unvergänglicher Liebe urplötzlich empor, und die blauen Mondesstrahlen neigten sich anbetend davor zur Erde. Wie eine Sternenkrone funkelten die Leuchtkäferchen um die Wunderblüte auf und nieder, als wären sie in ihren Duftkreis gebannt, und die Nacht ward Tag und alles Dunkel Helle. Ein Klingen und Duften durchzitterte die Nacht; aus jedem Grashalm stiegen die Geister seines Seins hervor, um Leben zu empfangen von der Wunderblume der Liebe, die das schaffende Leben ist. Und die glückseligen Träger der Liebe, die Menschen, legten süß beklommen die Hände über das Herz, damit es nicht zersprengt würde von der ungeahnten Fülle des Glückes, und schlossen geblendet die Augen vor dem flammenden Lichte der Liebe – ich aber wachte auf, hatte die Hand auf das klopfende Herz gepreßt, Sestri war lange hinter uns liegengeblieben, ich hatte die Illumination verträumt, und meine Gefährtin schlief ruhig an meiner Seite.

Im Grauen des Tages fuhren wir durch wilde Bergschluchten und erreichten, als die Sonne über die Berge emporkam, La Spezia, dessen kleine Barken der Morgenwind auf den Wellen schaukelte. Schöne Spaziergänge ziehen sich längs dem Meere hin, denn La Spezia ist ein besuchtes Seebad, und es muß in den heißen Monaten ein lieblicher Aufenthalt sein. Hier in La Spezia, dünkt mich, war es auch, wo Lord Byron die Asche seines Freundes Percy Bysshe Shelley verbrannte, dem er in Rom auf dem Protestantenkirchhofe an der Pyramide des Cestius ein einfaches Denkmal errichtete. Ganz nahe an der Mauer des Kirchhofes liegt dort die flache Marmortafel über einem niedrigen Hügel; Shelleys Name, sein Geburts- und Todesjahr sind darauf verzeichnet. Darunter stehen die Worte: »Cor cordium!« – Herz der Herzen.

Nur bis Sarzana, einige Meilen hinter La Spezia, fahren die sardinischen Kuriere. Hier nahmen wir wieder einen Vetturin, weil wir uns in Carrara umzusehen wünschten, wo wir gegen Mittag anlangten.

Die Marmorfelsen hatten infolge des Regens, der hier ein paar Tage angehalten, eine gelblichbraune Farbe bekommen, gegen die das blendende Weiß an den Stellen, wo der Fels zerbröckelt und zerklüftet, das Innere den reinen, weißen Marmor zeigte, sehr bedeutend abstach. Carrara liegt, umgeben von diesen Felsen, in einem tiefen Kessel. Man hatte in den letzten Tagen heftige Gewitter gehabt und einzelne Erdstöße verspürt. Jetzt war die Natur wieder beruhigt, aber es schwebten noch so dicke, graue Wolken über den Bergen und die Pfade nach den Marmorbrüchen wurden mir infolge des Regens als so glatt und schlüpfrig geschildert, daß ich bald davon abstand, sie zu sehen, und mich mit dem Besuch einiger Bildhauerateliers als einziger Ausbeute dieser Fahrt nach Carrara zu begnügen beschloß.

Aber auch daran hatte ich keine rechte Lust. Ganz fremd und ohne Bekannte in dem Orte, waren wir der härtesten aller Sklavereien, der Tyrannei eines Lohndieners anheimgefallen, der vermutlich von allen Künstlern angewiesen sein mochte, ihnen die Fremden in die Ateliers zu führen. Weder er noch unser Wirt ließen sich bewegen, uns die Namen der Bildhauer im voraus zu nennen, damit wir selbst eine Wahl treffen konnten. Ganz willenlos, und ich meinerseits innerlich sehr widerspenstig, wurden wir in eine Straße gebracht, in der Atelier sich an Atelier reihte, und aus einem in das andere geleitet. Sieben, acht Ateliers von Deutschen, Italienern, Franzosen und Schweden habe ich auf diese Weise hintereinander genossen und erinnere mich nur, daß mir das Atelier des schwedischen Bildhauers Chevalier Biström die bedeutendsten Kunstwerke zu enthalten schien.

Biström selbst führte uns umher und machte uns auf einige Statuen aufmerksam, bei denen er Übermalungen und Vergoldungen angebracht hatte, wie die Alten sie gehabt haben sollen. Ich könnte aber nicht sagen, daß ich dies wohltuend oder künstlerisch schön gefunden hätte; im Gegenteil, es verdarb den Effekt, weil es die folgerechte Wirkung der Schatten in den Vertiefungen und der Reflexe auf der Oberfläche willkürlich unterbrach und dadurch eine Unruhe in dem Kunstwerk hervorrief, welche die Plastik am wenigsten erträgt. Ich stelle mir deshalb vor, daß diese Färbung der Bildwerke wohl auch im Altertume eine getadelte Ausnahme gewesen sein möge. Wenigstens hätte ich gern einer sehr schönen Statue der Wahrheit, die in goldener Strahlenpracht dastand, mit einem tüchtigen Schwamme zu ihrer ursprünglichen, unschuldigen Schönheit verhelfen mögen.

Im ganzen hatte das Treiben hier in den Ateliers in Carrara, wie man es so in flüchtigem Vorüberwandern übersehen konnte, etwas Handwerksmäßiges. Es wurden viele jener Amoretten hier verfertigt, die Netze stricken, Pfeile spitzen, Lyra spielen und, wenn sie sich hoch versteigen, einen Löwen reiten. Daneben gab es sterbende Heilande, händeringende Madonnen und Magdalenen und überhaupt eine Menge jener Dinge, mit denen man, wenn man wohlhabend ist und sich ein Haus einrichtet, eine leere Konsole und ein Betzimmerchen verziert, um den Namen eines Kunstfreundes billig zu erkaufen. Einige Bildhauer führten größere und gediegenere Arbeiten nach Modellen auswärtiger, bekannter Künstler aus; aber etwas wahrhaftig Bedeutendes, eines jener Kunstwerke, die sich wie große Tatsachen fest in die Seele prägen, habe ich nicht bemerkt.

Durch Pietrasanta fuhren wir nach Lucca, in dem, wie es mir erschien, fast jeder Einwohner seine eigene Kirche haben könnte, denn sowenig Menschen und soviel Kirchen habe ich nirgend wieder gesehen. Es liegt über Lucca die sanfte, vornehme Langeweile kleiner Residenzen, die nicht zu beschreiben, nicht zu erklären ist, die aber in Deutschland, wo wir an Residenzen keinen Mangel haben, ein jeder zur Genüge kennt. Man erzählte uns von der Pracht und dem Luxus des Hofes, von Festen und Spielen während der Zeit der Badesaison, die viel Fremde hierher lockt. Jetzt war nichts davon zu sehen, und weder die Promenade, welche mit schönen Alleen die Stadt umgibt, noch die zahlreichen Kirchen reizten uns zu verweilen, und schon am frühen Morgen verließen wir Lucca wieder auf der Straße nach Pistoja.

War Lucca tot, so erschien die Chaussee um so belebter durch den regsten Verkehr. Die ganze Straße war voll Lastwagen und Vetturine, die das Gut der Reisenden mit solcher Sorglosigkeit auf die Wagen befestigt hatten, daß man sah, man sei in einem vollkommen sichern Lande. Oft waren die Koffer nur oben in einen offenen Kasten auf dem Wagen gestellt oder mit einem einfachen Tau einmal hinter dem Wagen festgebunden. Dies gibt ein sehr behagliches Gefühl. Ich kenne nichts, was so schmerzlich an die Trostlosigkeit unserer sozialen Zustände mahnt, als die Notwendigkeit, das Eigentum gegen die Angriffe der Mitmenschen zu schützen. Ich empfinde dann immer, wie unglücklich diejenigen sein müssen, welche ihre Freiheit, ihr Leben, ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzen für einen Raub, dessen Ertrag sie doch nur auf kurze Zeit vor neuer Not und neuem Elende zu schützen vermag. Ich werde es niemals glauben lernen, daß Menschen Diebe und Räuber würden, wenn nicht die Mangelhaftigkeit unserer Einrichtungen sie zu diesen Verbrechen zwänge.

Hier auf dem Wege nach Florenz sah man sich von dem Anschein einer Wohlhabenheit und daraus erwachsenden Sicherheit umgeben, die mir bis dahin in solchem Grade nie vorgekommen waren. Von Pistoja ab ist das Land so angebaut, daß man bis Florenz immer zwischen Reihen massiv gemauerter Häuser bleibt, die alle sehr wohlerhalten sind. In allen Häusern, vor allen Türen saßen Männer, Frauen und Kinder, die sich mit Strohflechten beschäftigten; einzelne jüngere Personen lasen dabei; andere, und darunter sehr hübsch gekleidete Mädchen, gingen mit der Arbeit umher, wie man es bei uns mit dem Strickzeuge tut. Ganz kleine Kinder von drei, vier Jahren spielten mit Strohhalmen, als ob sie zu flechten verständen. Das Stroh wird aus den Blütenstengeln einer Rohrart gewonnen, welche in der ganzen Gegend in großen Feldern vielfach angebaut wird. Die Strohflechter vollenden die Hüte hier in den Privathäusern selbst. Sie werden gleich auf der Stelle gewaschen, gebleicht und appretiert, und man konnte die verschiedenen Verrichtungen hier und dort vornehmen sehen.

Diese Art der Industrie, bei der die Arbeiter nicht in engen Fabrikstuben eingesperrt sind, sondern sich frei und plaudernd in Gottes frischer Luft bewegen, hat etwas sehr Erfreuliches. Darum ist auch die Spindel der Italienerin, mit der sie so stattlich umherschreitet, viel schöner als das nordische Spinnrad, das die Arbeiterin festbannt an ihren Spinnstuhl; und man nimmt in Italien gern mit einem gröbern Bettuche fürlieb, wenn man denkt, daß die Frauen, welche das Garn dazu spannen, eben jene vor Gesundheit und Lebensfülle strotzenden, unverkümmerten Gestalten Italiens sind. Die Tracht der Frauen hier und in der ganzen Umgegend von Florenz ist der unsern sehr ähnlich, wenn man eben die großen, runden italienischen Strohhüte abrechnet, die weder hübsch noch kleidend sind, sondern, wenn der Wind sie in die Höhe schlägt, sogar recht häßlich aussehen.

So zwischen den heitern Bildern segensreichen, belohnten Fleißes, in freundlichster Gegend, fuhren wir bis nach Florenz und gerieten gleich hinter dem Zollhause in die lange Wagenreihe der aus den Cascinen kommenden Equipagen, welche, von der Abendfahrt in die Stadt heimkehrend, hier vor dem Tore ihre Laternen anzündeten und uns damit vorleuchteten in die schlecht erhellten Straßen von Florenz.


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