Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Begräbnisse in Italien und die Katakomben in Palermo

Zeigt sich der Süden lachend und heiter in der Lebensweise des Volkes, so tritt der Tod bei den Begräbnissen in Italien in seiner schrecklichsten Gestalt ans Licht und bildet dadurch den härtesten, qualvollsten Gegensatz zum Leben.

Die Art, in der die Italiener den Tod auffassen, ist von der unsern wesentlich verschieden. Man könnte sie heidnisch nennen im Vergleich zur christlichen Anschauung, welche im Tode ein erhöhtes Leben erwartet und ihm im Leid der Erde sehnsüchtig entgegenharrt. Diese christliche Idee hat der Katholizismus dem Volke nicht geben können, das in gesunder Lebensfülle das Aufhören des irdischen Daseins als eine trostlose Notwendigkeit betrachtet, an die es ungern erinnert sein mag. Keine Aussicht auf den Himmel, auf ein verklärtes Dasein, von dem ihn freilich noch das unerläßliche Fegefeuer als lästige Zwischenstation trennt, entschädigt den Italiener für das verlorene Glück, die blaue Luft zu atmen und sich zu wiegen in der berauschenden Schwebe zwischen Schmerz und Lust, die man das Leben heißt.

Eine junge Neapolitanerin klagte mir ihr Liebesleid, ihren tiefen Gram über den Tod ihres Geliebten. Ich suchte sie zu trösten mit dem Hinblick auf das Jenseits, mir dem wir Deutschen, das stärkste Volk in gläubigem, geduldigem Hoffen, uns zu beschwichtigen wissen. Die Italienerin sah mich mit ihren großen, dunkeln Augen verwundert an und sagte achselzuckend: »Im Paradiese? Signora! im Paradiese heiratet man sich nicht!«

Auch jenen Zauberhauch schwermütigen Träumens, jene Grabeswehmut, die mit Kränzen über den Totenhügeln das sehnsüchtige Herz erlabt, findet man in Italien selten. Ich erinnere mich nicht, jemals auf den Kirchhöfen Menschen gesehen zu haben, die in schmerzlichem Sinnen an den Gräbern ihrer Geschiedenen weilten, wie dies in Deutschland so häufig geschieht. Nur am Tage Allerseelen besucht man vorschriftsmäßig die Kirchhöfe, sich mit seinem Gefühlsleben ein für allemal abzufinden. In Neapel wandert das Volk an jenem Tage aber von den Gräbern sogleich in die Osterien und läßt beim Becherklang die Seelen der Toten leben.

Das Klima, welches den Körper noch schneller als bei uns im Norden zur Beute der Verwesung macht, bedingt möglichst eilige Beerdigung und zerstört die irdische Hülle des Gestorbenen so rasch, daß selbst das Auge der Liebe nicht mehr mit Liebe darauf zu verweilen vermag. Das entzaubert die Phantasiebilder, mit denen man sich tröstet. Während wir eine Beruhigung darin finden, geliebte Tote so lange als möglich in unserer Behausung zu behalten, um uns wieder und immer wieder ihr Bild einzuprägen, zwingt dasselbe Gefühl der Pietät den Südländer, die Leiche so schnell als möglich zu entfernen.

Die Art der Beerdigung ist in den verschiedenen Städten verschieden, sich nur darin überall gleich, daß die Mönche und die Geistlichkeit eine Hauptrolle dabei spielen, welche in Prozession dem Sarge vorausziehen und folgen. Brennende Wachsfackeln werden dabei getragen, und hinter den Fackelträgern drängen sich Knaben aus dem Volke herbei, das abträufelnde Wachs in Papiertüten zu sammeln.

In Florenz und Rom hat die Mehrzahl der Leichen geschlossene Särge, über welche reichgestickte, vielfarbige Teppiche gebreitet sind; indes in der letztern Stadt kommen auch schon Beerdigungen vor, bei denen der Tote offen zur Schau liegt. So erinnere ich mich, daß wir an einem sonnenhellen Frühlingsnachmittage aus der Villa Pamfili heimkehrten, als in den engen Straßen unterhalb des Kapitols der wohlbekannte Totengesang uns entgegentönte. Unser Wagen mußte halten. Der spezifische Modergeruch, den man immer empfindet, wo große Klosterprozessionen vorüberziehen, und der wohl von den nie gewechselten Kleidern der Mönche herrühren mag, wurde fühlbar, und lange Reihen von Kapuzinern zogen Gebete murmelnd und singend an uns vorüber. In ihrer Mitte trugen sechs Kapuziner den Sarg. Der Tote, ein reicher Bürger, lag unverhüllt in Kapuzinerkleidung auf demselben, eine magre, verfallene Greisengestalt. Der Anblick war schmerzlich, aber nicht widerwärtig. Die letzten Sonnenstrahlen fielen zwischen den schmalen Häuserreihen in die Straße hinab, als wollten sie dem Menschen, der die Erde verlassen mußte, so lange als möglich das Geleite geben, ihm noch so lange als möglich wohltun, indem sie sein kaltes, bleiches Totengesicht mit ihrem rötlichen Schimmer erwähnten.

Man trägt die Leichen aus den Häusern in die Kirchen, wo das Totenamt gehalten wird. Hier bleiben sie oft über Nacht stehen, um am nächsten Morgen der Erde oder der Familiengruft übergeben zu werden, und dies macht dann für den Ungewohnten den Besuch der Kirchen fast unmöglich. Der Leichengeruch hat uns manchmal vertrieben, während die Italiener ganz ruhig dem Gottesdienste beiwohnten.

Je weiter man aber gegen Süden kommt, je schauriger, je widerwärtiger wird die notwendige Hast, mit der man die Leichen aus den Familien entfernt. In Castellammare sah ich einen großen, starken Mann in elegantester Modekleidung unter meinen Fenstern zu Grabe tragen. Er war am Morgen verschieden, um sechs Uhr nachmittags begrub man ihn. Die Blumenkränze, die man um den Sarg gelegt hatte, der Frack, die weißen Glacéhandschuhe, die helle Weste und darüber der starke, aufgedunsene, blutunterlaufene Kopf des Toten, der bei dem schnellen Schritt der Mönche auf seinem Sammetkissen hin und her schaukelte, waren ein so entsetzliches Bild, daß ich es viele Tage und Nächte lang immer vor den Augen hatte. Ähnlich entstellt sah ich einmal ein junges Mädchen auf dem Posilip zur Erde führen, dem blutiger Schaum vor dem Munde stand, während ein weißer Rosenkranz das schwarze Haar umgab. Schmuck und Verwesung bilden solch harte Gegensätze, daß man nicht begreift, wie die schönheitsdurstige Seele des Italieners sie in dieser Weise nebeneinander zu dulden vermag, wie man eine Lust daran haben kann, diese Schrecken dem Auge bloßzustellen, statt sie liebend zu verhüllen.

In Neapel liegt am Fuße von Capodimonte der prächtige neue Kirchhof, das Camposanto, welches mit den reichsten Mausoleen geziert ist. Neben diesen Denkmalen, in denen Familienstolz und Liebe das Andenken ihrer Gestorbenen zu erhalten streben, befinden sich die allgemeinen Gruben für das Volk. Es sind ihrer soviel als Tage im Jahr. An jedem Morgen wird eine dieser Gruben zur Benutzung geöffnet. Wie man abgeblühte Blumen fortwirft zur Erde, so senkt man hier den unbekleideten, unbeschützten Leichnam hinab, daß der Staubgeborene zu Asche werde in der allgemeinen Auflösung. Das Datum der Grube ist das einzige Merkmal für die Überlebenden. Wie auf dem Schlachtfelde verwesen hier Freund und Feind in derselben Erde. Kein Kranz, keine Blüte, kein grüner Rasen breitet sich darüber, und die starre Steinplatte, welche die Gruft verschließt, legt sich hart und kalt auch über das Empfinden der Lebenden.

Eine ähnliche Einrichtung findet in Palermo statt, wo man die wenigsten Umstände bei den Begräbnissen macht. Unbekleidet, nur in einen alten Mantel gehüllt, setzt man die Leichen in eine Portechaise und trägt sie zum Kirchhofe. Ermüden die Träger, so stellen sie die Portechaise ohne weiteres mitten auf der Straße zur Erde, um irgendeine Erfrischung zu verzehren. Währenddessen treten wohl Vorübergehende hinzu, lüften den Ledervorhang, der die Fenster der Portechaise verhängt, und gehen ruhig vorüber, wenn sie sich überzeugt haben, ob sie den Toten kannten oder nicht. Mir schauderte, als ich einmal vor einem der Cafés eine solche Trage halten und die Vorhänge erheben sah, welche den nach vorn gesunkenen Kopf des Toten erblicken ließen. Das Verfahren schien mir unmenschlich, und doch versicherte mir mein Begleiter, daß diese Art der Bestattung noch eine ganz anständige sei. Die Armen wenden nicht soviel Geld und Zeit daran, sondern packen ganz einfach die Leiche in ein Tuch, fassen dies mit einem Freunde zusammen an und tragen es in die Grube ohne alle weitere Zeremonie. Für das ersparte Geld, sagen sie, kann man dem Toten schon eine Messe lesen lassen, und diese frommt ihm mehr als das feierliche Begräbnis.

Während nun auf der einen Seite die Sorglosigkeit für die Toten in Palermo so groß ist, hat die Stadt andrerseits in dem außerhalb der Stadt gelegenen Kapuzinerkloster jene berühmten Katakomben, in welchen die Leichname mumienhaft bewahrt und erhalten werden. Wir fuhren an einem schönen Nachmittage hinaus, das Kloster zu besuchen.

Der Weg dahin führt durch die Olivuzza. So heißt eine Vorstadt Palermos, in der die schönsten Landhäuser der großen Familien liegen. Es ist einer der lieblichsten Punkte des ganzen Tales und muß als solcher schon frühe bekannt gewesen sein, denn zwei alte maurische Schlösser, die Cuba und die Zisa, das letztere sehr wohlerhalten und noch bewohnt, befinden sich in dieser Gegend. Jetzt ist die prächtigste Besitzung in der Olivuzza die Villa Butera, welche die Fürstin Butera der Kaiserin von Rußland zur Wohnung überlassen hatte, solange die Kaiserin in Palermo verweilte. Schon auf dem Wege nach der Olivuzza überraschte mich der Anblick von Bäumen, die ich noch nicht kannte und die hier über die Gartenmauern hervorragten. Es waren Dattelpalmen, reich mit Früchten beladen, welche jedoch selbst hier nicht in jedem Jahre zur Reife kommen. Das schönste Bild südlicher Vegetation entfaltet sich aber in der Villa Butera, wo die sorgliche Pflege und der gebildete Sinn eines deutschen Gärtners – Schott ist sein Name – den Reichtum der südlichen Pflanzenwelt zu einem zauberhaften Ganzen zu vereinigen wissen.

Palmen, Bambus, die verschiedensten Kaktusarten und all jene tropischen Gewächse, die bei uns in kläglichen Exemplaren in den Treibhäusern verkümmern, sind hier in schöner Freiheit zusammengestellt und vertragen mit geringen Ausnahmen den Winter dieses sehr warmen Tales. Gummi- und Kampferbäume schützen große Fuchsia- und Wolgameriabüsche, der Heliotrop, die schönsten Gloxinien blühen daneben und duften und glühen unter diesem Himmel doppelt schön aus dem umgebenden Grün hervor.

Nur mit Widerstreben rissen wir uns von diesem Garten los, um die Kapuziner zu besuchen. Ihr Kloster liegt ziemlich einsam. Die Tore waren offen, man sah hindurch in einen freundlichen Klosterhof, der hell von der Abendsonne erleuchtet war. Dunkelrot blühende Oleanderbüsche drängten sich aus dem Portal hervor, unter dem acht Kapuziner plaudernd beieinandersaßen. Einer von ihnen ward uns zum Führer gegeben; er mochte ein Vierziger sein und hatte den Ausdruck jener unzerstörbaren Heiterkeit, wie man ihn sich bei dem »Lustik« irgendeines Regimentes zu denken gewohnt ist.

Er stieg mit uns eine Treppe hinab in ein Souterrain, und ich fing an, mich nach allem, was man mir von den Entsetzen dieser Katakomben beschrieben hatte, auf den furchtbarsten Anblick vorzubereiten, namentlich auf jenen beklemmenden Verwesungsgeruch. Aber davon war hier keine Spur. Der erste Eindruck, den die Katakomben mir machten, war ein entschieden komischer, so wunderbar dies klingen mag.

Es sind lange, gewölbte, sauber geweißte Kellergänge mit fliesenbelegten Fußböden und mit Fenstern, durch die helles Licht hineinfällt. Zu beiden Seiten der Gewölbe hängen an Tauen, die sie um den Hals haben, die Leichen in Kapuzinertracht. Die eigentümliche Luftbeschaffenheit dieser Gewölbe, welche die Leichen innerhalb sieben Monate zu Mumien ausdörrt, trocknet sie auch zusammen, so daß sie bedeutend kleiner werden, als sie es im Leben waren. Im Augenblick des Hereintretens bemerkte ich die braunen Totenköpfe wenig, die Hände sind in den Ärmeln der Kutten verborgen, die Füße von denselben bedeckt; ich sah eigentlich nichts als lange, fast unabsehbare Reihen von schwarzbraunen Kutten, in der Weise neben- und übereinander aufgehängt, wie man es mit den Kleidern in Garderobehandlungen tut. Dies Kuttenmagazin schien für Italien ein notwendiges Bedürfnis. Es machte mich um so mehr lachen, als ich mir einen furchtbaren Anblick erwartet hatte. Indes dieser sollte nicht ausbleiben, nachdem ich mich umzusehen und das einzelne zu unterscheiden begonnen hatte.

Hier fletschte ein Totenkopf das ganze Gebiß aus weitgeöffnetem Munde hervor, dort hatte einer das Auge offen und sah gleichsam blinzelnd über schief verzerrtem Munde auf uns herab. Jeder Kopf bot ein anderes Bild des Todes, jeder Krampf, jede Verzerrung fand hier ihren Repräsentanten. Dazu hatte das Hängen etwas Widriges, und die Namen, Titel und Eigenschaften der Skelette, welche an und über ihnen in deutlichen Lettern zu lesen waren, erschienen wie die bitterste Verhöhnung aller irdischen Eitelkeit. Den Skeletten bleibt nur soviel Fleisch, um in den Muskeln den Ausdruck der Todesstunden festzuhalten, und je mehr wir diesen zu betrachten anfingen, je gräßlicher, je qualvoller erschien er uns.

Der Mönch führte uns heiter schwatzend mit aller Genugtuung eines Besitzers umher, der seinen Gästen eine Sammlung von Kunstgegenständen zeigt. Er erzählte, daß man die Leichen sieben Monate lang auf eisernen Stangen über jenen Gewölben liegenlasse, deren Luft die Austrocknung bewirke. Nach Verlauf der sieben Monate »logieren wir unsere Gäste hier ein«, sagte der Mönch, »und behalten sie so lange, als ihre Familien uns am Sterbetage eine Gabe senden, die Messe für sie zu lesen und eine Kerze anzuzünden. Geschieht dies nicht mehr, so tun wir sie fort, damit für neue Gäste Platz wird.«

Auf meinen Wunsch, das Gewölbe zu verlassen, weil bei dem sinkenden Tage die Schatten in den Hallen immer tiefer wurden und der Anblick mir immer fürchterlicher, erklärte der Mönch, das sei ganz unmöglich, ehe ich die Frauen gesehen hätte. »Nur die Männer hängen so unerfreulich an den Wänden, für die Frauen tun wir ein übriges; wir sind galant, wir lassen sie schön gekleidet, eine jede hat als echte Signora ihr eigenes Ruhebett und ihren Glasspiegel.«

Uns ohne den Führer aus den sich kreuzenden Gängen herauszufinden, wagten wir nicht, und dieser hielt das Betrachten der Frauenskelette für so unerläßlich, daß wir ihm folgen mußten. Die Frauen liegen in Schränken hinter Glasfenstern, jede Leiche hat ihr besonderes Fach. Für mich sahen diese in Atlas und Sammet gehüllten, mit Perlen und Ringen geschmückten Skelette noch viel schrecklicher aus als die der Männer. Aus den großen Dormeusen und Flügelhauben des vorigen Jahrhunderts, aus dem Flitterputz unserer Tage diese verzerrten Totenköpfe hervorblicken zu sehen, konnte ich nicht länger ertragen, und im Herausgehen packte mich ein solches Grauen, daß ich selbst es nicht begriff, wie mir der erste Eindruck ein komischer sein, wie ich es so lange hatte unter diesen Schreckgestalten aushalten können. Mir war, als zöge die ganze Totengesellschaft mir nach, als wären sie eifersüchtig auf mein Atmen, als grinseten all jene zähnefletschenden Köpfe mich an, mich verhöhnend über das Vollgefühl des Lebens, über meine Daseinslust, die ja bald auch für mich zu Ende sein konnte. Der Weg durch all diese Kreuzgänge schien mir zehnfach so lang als bei der Ankunft, ich schritt immer schneller vorwärts, um den Ausgang zu erreichen, weil ich mich aus dieser Totenwelt fortsehnte hinaus in die lebendige Natur.

Und schöner habe ich nie den Abend über die Erde sich breiten sehen als nach jenem Tage. Wir fuhren durch stille Landwege die ersten Hügelreihen der Berge hinan, das Kloster Santa Maria di Gesù zu besuchen, dessen schöne Aussicht man uns gerühmt hatte.

Das Kloster liegt hoch. Es war sehr still da oben. Die Mönche öffneten uns die Türe und luden uns ein, die Sonne bei ihnen untergehen zu sehen. Neben dem Kloster ist die Kirche, ein Kirchhof, auf dem viele Fremde begraben sind, umgibt sie. Unter den hier Beerdigten befinden sich die Schwiegermutter und zwei Kinder der Herzogin von Berry. Sie hat ihnen hier eine kleine Kapelle errichten lassen.

Die Mönche speisen Arme und betteln selbst. Einen Tag beköstigen sie Männer, den andern Tag Frauen. Wir fragten, wieviel Portionen sie austeilten. Sie antworteten, das sei unbestimmt. Das Kloster sei ganz arm, sie kochten täglich soviel, als sie hätten, und teilten aus, solange etwas da wäre. Die Mehrzahl der Mönche war alt; keiner von allen sah wohlgenährt oder lebensfroh, die meisten still und beschränkt aus, oh! sehr beschränkt durch geistigen Druck. Wir fragten, womit sie sich beschäftigten. »Wir haben den Gottesdienst, den Garten, Haus und Kirche zu beschaffen, Seelenmessen zu beten und Tote zu begraben.« Wir wollten wissen, ob sie lesen und studieren, ob sie sich geistig beschäftigen.

Ein gesprächiger Greis von dreiundsiebenzig Jahren berichtete mit einem gewissen Stolz, daß alle jüngern Mönche des Klosters lesen könnten, schreiben jedoch nur wenige: »Ma il priore e il guardiano lo sanno tutti i due e hanno una libreria.« (Aber der Prior und der Guardian können es alle beide und haben eine Bibliothek.)

Der hannöverische Konsul, der uns hinausgeführt hatte, gab dem Mönche Geld und bat ihn, für uns eine Messe zu lesen. Eine der Damen fragte, ob man für die fremden vornehmen Herrschaften und Prinzen, welche hier begraben lägen, auch täglich Gebete halte.

»Ma che principi!« sagte der Alte, »quando sono là basso, sono povere anime come gli altri!« (Ach was, Prinzen! Wenn sie da unten sind, sind sie arme Seelen wie die andern.)

»Also sie gehen auch in das Fegefeuer?«

»Gewiß! denn dahin gehen alle!« entgegnete der Mönch.

»Und Ihr betet sie heraus?«

»Natürlich!«

»Auch aus der Hölle?«

»Nein! das ist unmöglich! Aus der Hölle kehrt niemand zurück.«

»Aber wer kommt denn in die Hölle?«

»Chi lo sa!« (Wer weiß das!) sagte der Mönch, die Achseln zuckend.

Uns klingt das wie ein Scherz. Hier war es Ernst. Jedes Wort ging und kam dem Alten von Herzen und aus seiner tiefsten Überzeugung.

Wir waren vom Fahren und Steigen heiß und durstig geworden und baten, uns einen Trunk zu geben. Einer der jüngsten Mönche brachte auf irdenem Teller einen kleinen, irdenen Krug nebst zwei Gläsern, die sie in unserer Gegenwart sorgfältig ausschwenkten. Der Alte ließ es sich nicht nehmen, sie selbst für uns vollzuschenken. Er pries die Frische und Klarheit der Quelle, während er uns freundlich die Gläser hinreichte. Man kann auch mit einem Glase Wasser gastfrei und ein wohlwollender Wirt sein.

Alle Mönche sahen zufrieden aus, als wir das Wasser lobten und mehr davon verlangten; aber keiner von ihnen hatte einen freien, geistigen Ausdruck. In keinem dieser Gesichter Spannung, Zweifel, Streben. Nur kindlich gutmütige Neugier und stille Ruhe.

Der Abend sank mehr und mehr, die Schatten lagerten sich dunkelblau über die Berge; im Tal sahen die Gipfel der Karuben- und Mannabäume hell und frisch aus dem Dunkel hervor, das den Boden bereits bedeckte. Über dem weißen Kloster an der massigen, gelbgrauen Felswand wuchsen unter ernsten, dunklen Zypressen hellgelb die riesigen Blütenbäume der Aloe empor. Der ganze Vorgrund so ruhig und still wie in Gurlitts schwermütigsten Campagnabildern. Zwischen dem gegenüberliegenden Monte Pellegrino und dem Capo Gallo fiel noch streifendes Tageslicht auf einzelne Stellen des Tales. Kein Laut verkündete das Dasein von Menschen; leiser, süßer Vogelsang in der Luft und fernes Zikadenschrillen.

Das Untersinken des Tages machte mich traurig, denn kurz vorher war mir ein heißgeliebtes Leben untergegangen im Todesschlaf. Ich las die Inschriften der Leichensteine, welche auf den Gräbern lagen. Lauter fremde Namen, aus Nord und Süd, aus Ost und West, hier nebeneinandergebettet zu ewigem Schlaf. Die alle hatten auch gelebt und gewünscht, gelitten und gehofft, genossen und verloren!

Fernab schweifte meine Seele fort von dieser Stelle bis hin zum Gestade der Ostsee, wo unter Fliederbüschen und Linden ein Hügel, mit Veilchen und Reseda bepflanzt, die Asche meiner geliebten Toten bedeckte.

Ich ging hinein in die kleine Kirche; da brannte die Ewige Lampe vor dem reichgekleideten Madonnabilde, das hell hervorleuchtete in seinem Strahlenschmuck aus der Nacht umher. Es duldete mich nicht in den Mauern, die Dunkelheit und Schwüle der Kirche schnürten mir das Herz zusammen.

Als ich heraustrat, rüsteten die Freunde sich zum Aufbruch. Die Mönche gaben uns bis an die äußere Pforte das Geleit. Die Stille der Gegend, die ruhige Einfalt der Klosterbrüder hatte uns alle ernsthaft gemacht. Schweigend fuhren wir durch das Tal. Der berauschende Duft der südlichen Pflanzenwelt strömte durch die Nacht, die Sterne funkelten hell hernieder, und in dieser weichen, milden Naturstille lösten sich die Schmerzen der Seele auf in einen erquickenden Strom stürzender Tränen.


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