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XXXVIII.

Die Faust des Siegers.


In der Nacht gab es in London keine andere Straßenbeleuchtung, als von den aus den Dächern aufschießenden Flammen. Diese Straßen der Vororte lagen so schwarz und schweigend da, wie in einer Stadt des Todes. Und zu allen Schrecken der Beschießung kam hinzu, daß in ganzen ausgedehnten Quartieren der Riesenstadt der Hunger durch die Straßen und Häuser schlich. Die Reichen konnten immer noch gegen exorbitante Preise alle Lebens- und sogar Luxusbedürfnisse erstehen, aber die Armen, zumal die starke Fremden- und Judenbevölkerung des East Ends, hatten furchtbar zu leiden.

Natürlich regte sich die öffentliche und städtische Mildtätigkeit; Bons für Suppe, Brot, Fleisch und Kohlen wurden freigebig ausgeteilt, aber auch damit hob man die entsetzliche Not nicht. In den dicht bevölkerten Distrikten von Whitechapel und südlich vom Flusse stieg die Sterblichkeitsziffer rapide; besonders die Kinder wurden zu hunderten hingerafft.

Am meisten zu leiden hatte die Klasse der kleinen Angestellten, Gewerbetreibenden, gelernten Handwerker und Krämer, die keine Gelegenheit zu Ersparnissen gehabt hatten. Die Entbehrungen und die Not der Beschießung versetzten die Bevölkerung in grenzenlose Erbitterung; alle diese Leute waren jetzt fester als je entschlossen, den Widerstand nicht aufzugeben, sondern den eindringenden Feind bis aufs Messer zu bekämpfen. Und wenn sie auch die von Granaten zerstörten Barrikaden und die Hunderte von zertrümmerten großen Bauwerken vor Augen hatten, so machte dieser Anblick sie nicht wankend in ihren grimmigen Entschlüssen und blutigen Racheplänen.

Frauen mit aufgelösten Haaren in Männerkleidung und in Waffen, und halbnackte Männer mit Flinten, Sicheln, Beilen, Pistolen und Eisenstangen in den Fäusten durchzogen die von dem blutroten Licht der prasselnden Flammen erhellten Straßen und stürzten sich unter Rachegeschrei dem Feinde entgegen.

Tod in jederlei Gestalt war der tägliche Genosse sowohl der Sieger, als der Besiegten gewesen; und Tod in jederlei Gestalt war jetzt zu schauen in den verwüsteten Straßen der gigantischen Metropole. Die ganze Stadt war wie ein siedender Kessel, in dem die scheußlichsten Mischteile gärten für die Vernichtung des siegreichen deutschen Heeres.

Von Kronhelms Spione statteten ihm Bericht ab über die Stimmung in der Stadt, und alle Nachrichten, die in Jack Straws Castle zusammenliefen, bestätigten, daß die vorrückenden Truppen auf den verzweifeltsten Widerstand stoßen würden. Außerdem wußte von Kronhelm, daß es in ganz London keine Behörde gab, die imstande gewesen wäre, über den Frieden zu verhandeln oder eine Kapitulationsurkunde zu unterzeichnen, da der Sitz der Regierung jetzt in Bristol war.

Sollte er es noch hinausschieben, dem bebenden Körper den Gnadenstoß zu versetzen, oder jetzt ohne weiteres in die Stadt einziehen?

Von Kronhelm hatte bereits auf dem Happisburger Kabel die Nachricht von dem Falle Londons nach Potsdam telegraphieren lassen. Selbstverständlich war die Schreckenskunde auch nach Bristol geflogen, wo beide Häuser des Parlaments zur Sitzung versammelt waren und das Kabinett schleunigst zur Beratung zusammentrat.

Die wildesten Gerüchte durchschwirrten ganz London nördlich der Themse. Die einen wollten wissen, daß von Kronhelm direkt mit dem Kabinett in Bristol verhandle; andere behaupteten, daß er auf endgültige Befehle des Kaisers warte; und noch andere erklärten, daß er seine Leute diese Nacht ruhen lassen und nicht eher einbrechen würde, als bis die Feuersbrünste heruntergebrannt seien.

Allein von Kronhelm war bis zu diesem Augenblick noch unschlüssig, ob es geratener wäre, die Wut der Londoner noch stärker zu reizen, oder sich bis zum nächsten Morgen untätig zu verhalten. Zwischen seinem Hauptquartier und dem Privatkabinett des Kaisers im Potsdamer Palais war eine direkte telegraphische Verbindung hergestellt worden; alle Viertelstunden kamen und gingen Meldungen und Orders.

Drunten in der Stadt waren trotz der Finsternis alle Hauptstraßen voll von Menschen. Ordnung und Aufsicht gab es nicht mehr, denn die Polizei konnte wegen ihrer numerischen Schwäche nicht daran denken, gegen Aufrührer und Plünderer einzuschreiten. – Es war, als ob die Hölle losgelassen wäre ...

In Berlin gaben die Zeitungen die ganze Nacht Extrablätter über Extrablätter aus; die Bevölkerung war wie närrisch vor Entzücken, singende Menschenhaufen durchzogen unaufhörlich die Straßen und ließen den Kaiser, von Kronhelm und das deutsche Heer hochleben, bis die Kehlen ihnen rauh und heiser wurden.

Auf jedem Kabel, von Paris nach Neu Kaledonien, von Stockholm bis Neuseeland, flog die unglaubliche Kunde rund um die Welt: London gefallen! ...

Mit bleichem Lichte stieg der Mond am Nachthimmel empor, von Zeit zu Zeit durch die nachsetzenden Wolken eingeholt und verhüllt, und mischte seine weißen Strahlen mit dem roten Glanz der Feuersbrünste drunten in der Riesenstadt. Auf dem ganzen weiten Bezirk, wo die letzte heiße Schlacht gekämpft worden war, beschienen die Mondstrahlen die fahlen Gesichter der Gefallenen.

Immer noch wanderte von Kronhelm ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war er zum Entschluß gekommen, er rief die Mitglieder seines Stabes herbei und erteilte ihnen die Befehle für den Einmarsch.

Er wußte es wohl, das war das Signal für ein abermaliges schreckliches Handgemenge und Blutvergießen. Dennoch nahm er seinen Befehl nicht zurück. Ein Aufschub von sechs Stunden, bis zum nächsten Tage, würde jedenfalls die letzte Gegenwehr nur noch verzweifelter machen.

Die Hornsignale ertönten. Die Mannschaften und Offiziere, die schon geglaubt hatten, sich nach der heißen Arbeit des Tages nun Ruhe gönnen zu dürfen, mußten antreten und abmarschieren, nm sich den Eingang in die Stadt zu erzwingen, von der sie wußten, daß sie von ihrer ergrimmten und verzweifelten Bevölkerung bis aufs äußerste verteidigt werden würde. – Hätte man nicht bis morgen früh damit warten können? ...

Kurz vor neun Uhr abends brachen die ersten Abteilungen der deutschen Infanterie auf und marschierten in die Stadt ein. Schon bei Haverstock Hill erhielten sie Feuer von den Trümmern einer großen Barrikade aus. Zwanzig Deutsche fielen bei der ersten Salve, und nun spie ein Maximgeschütz, das im ersten Stock eines benachbarten Hauses verborgen gewesen war, sein tödliches Feuer auf die Angreifer. Bei den Deutschen hieß es: vorwärts, marsch, marsch, und unter lautem Hurrageschrei stürmten sie auf die Barrikade los. Die Londoner erwiderten das Geschrei und wichen nicht. Ein wildes Handgemenge erfolgte, die Straßen bedeckten sich mit Blutlachen, haufenweise lagen die Engländer und Deutschen auf dem Pflaster. Zehn Minuten später waren die Verteidiger trotz ihres zähen Heldenmutes vertrieben, die Maximkanone genommen. Die Pioniere machten sofort den Weg frei, die Deutschen stürmten durch die Bresche und befanden sich in London.

Aus jedem Fenster erhielten die weitermarschierenden Truppen Feuer; eins nach dem anderen mußten die Häuser erstürmt werden, und jeder Zivilist, der mit den Waffen in der Hand gefangen genommen wurde, ward ohne Gnade und Barmherzigkeit erschossen. Langsam, aber unhemmbar drangen die Feinde vor.

Der Kaiser saß unterdessen in Potsdam; er fühlte beständig den Pulsschlag seines Heeres, verfolgte jeden seiner Schritte und erfuhr von jedem Fußbreit Terrain, den seine Heerscharen ihm gewannen.

In immer wachsenden Massen strömten die Deutschen nach London hinein; soviele ihrer auch fielen, unaufhaltsam rückten sie vor. Es war zuletzt ein grauenvolles, unbeschreibliches Gemetzel, Pardon wurde nicht mehr gegeben, sondern alles, was Waffen trug, erschossen, Männer, Weiber und Kinder.

Schon rückten die Deutschen auf die City und Charing Croß los, auf allen Straßen von Osten und von Norden, an den zertrümmerten und brennenden Häusern, an den unbegrabenen Leichen von Hunderten harmloser Bürger vorüber, die im Bombardement ihr Leben hatten lassen müssen.

Was fliehen konnte, floh. Auf allen Straßen und Plätzen sah man nur deutsche Uniformen, hörte man nur die tiefen Kehllaute der deutschen Sprache. In bester Ordnung und Propertät zogen sie heran, Bataillon auf Bataillon, mit festem Tritt und voll Staunens über das Aussehen dieser dunkeln, schweigenden, verödeten Straßen.

Hin und wieder krachte noch ein verlorener Schuß aus dem Fenster eines dieser düsteren, verlassenen Häuser, und ein Soldat stürzte zusammen; aber jedesmal war sofort das Haus in Brand gesteckt, die Insassen dem Feuertode überliefert.

Es war elf Uhr abends. Immer noch weckte der schwere Tritt der deutschen Infanterie, das Klirren der Waffen und das unheimliche Rasseln der Geschütze die Echos der schweigenden Straßen. In Regents Park wurden sofort die Vorbereitungen zum Biwak gemacht und im Hyde Park ein riesiges Lager errichtet, das sich vom Marble Arch bis nach Knightsbridge erstreckte.

Gegen Mitternacht hielt General von Kleppen, der Kommandeur des 4. Armeekorps, sein Pferd vor der Rampe des Mansion House an, stieg ab und trat ein.

Drinnen empfing ihn der Lord Mayor in Amtstracht und Kette; er verbeugte sich, brachte aber kein Wort hervor. Von Kleppen verbeugte sich gleichfalls und begann in reinstem Englisch: »Ich bedaure, Mylord Mayor, Sie so haben stören zu müssen, aber Sie werden ja in Betracht ziehen, daß die englischen Waffen eine Niederlage erlitten haben und London von den deutschen Truppen besetzt worden ist. Ich habe Befehl vom Generalfeldmarschall von Kronhelm, Sie als Geisel für das Wohlverhalten der Stadt während der Dauer der Friedensverhandlungen in Gewahrsam zu nehmen.«

»In Gewahrsam!« keuchte der Lord Mayor. »Sie wollen mich einkerkern?«

»Nun, so arg wird das nicht sein«, sagte der deutsche Heerführer mit grimmigem Lächeln. »Wir wollen Ihnen die Haft so bequem machen, wie möglich. Ich werde Ihnen eine Wache hersetzen, und die einzige Einschränkung, die ich Ihnen auferlege, ist, daß Sie weder dies Haus verlassen, noch mit irgend jemandem außerhalb dieser Wände in Verbindung treten.«

»Aber meine Frau?«

»Wenn Ihre Ladyship sich hier befindet, würde ich es für ratsam halten, daß sie sich für den Augenblick von London fortbegibt.«

Der Lord Mayor legte seine Amtskette ab und übergab sie seinem Diener zur Verwahrung. Nachdem er auch seine Robe abgelegt hatte, trat er wieder vor den deutschen General, der ihn aufforderte, eine Proklamation anschlagen zu lassen, die der Bevölkerung von London jeden weiteren Widerstand untersagte.

Gleich darauf rückte auch eine starke Wache in das Mansion House ein; deutsche Doppelposten standen an jedem Ausgang und auf jedem Korridor, und als einige Minuten später die englische Fahne niedergeholt und die deutsche gehißt wurde, ertönten wilde Hurrarufe aus den Kehlen der draußen aufgestellten Truppen.

In den schweigenden engen Straßen der City war kein einziger Engländer mehr zu sehen. Außer dem Lord Mayor und seinen Beamten war alles geflohen.

Ohne Verzug wurde noch in dieser Nacht eine deutsche Verwaltung in London eingesetzt, an deren Spitze ein deutscher Gouverneur trat.


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