Autorenseite

 << zurück weiter >> 
I.

Die Überraschung.


Es war an einem Sonntagmorgen, am 4. September 1910, bald nach Anbruch der Dämmerung – die Sonne war noch nicht aufgegangen –, da schritten zwei aus der zahllosen Menge der Londoner Nachtarbeiter die Fleet-Street herunter.

In der mystischen stillen Beleuchtung, ehe das Bahrtuch des Rauchs sich niedersenkt, hat sie etwas Ruhiges, Anziehendes, diese Hauptader des Londoner Verkehrs, mit ihren unregelmäßigen Reihen von geschlossenen Läden und Zeitungsexpeditionen.

Nur am frühen Morgen steckt die altehrwürdige City ihre beste Miene auf, in dieser einen ruhigen, süßen Stunde, wo das Mühen der Nacht zu Ende ist, das des Tages noch nicht angefangen hat. Nur in dieser kurzen Pause bei des Tages Geburt, wenn die rosigen Tinten des Himmels langsam zu Gold erglühen, ruht die gigantische Metropole; schon um fünf Uhr beginnt wiederum das Zuströmen der arbeitenden Millionen in die Geschäftsstraßen aus allen Punkten der Windrose, und sofort hebt auch der Sturm und Drang des Londoner Lebens wieder an.

In dieser Stunde schweigenden Zaubers machten die beiden graubärtigen Nachtredakteure, obwohl bei rivalisierenden Zeitungen angestellt, zusammen ihren Weg heimwärts nach Dulwich, um den Sonntag in wohlverdienter Ruhe zu verbringen, und simpelten Fach, wie Preßleute tun.

»Ich nehme an, Sie hatten dasselbe Malheur und konnten auch von dieser Yarmouth-Geschichte das Ende nicht kriegen?« fragte Fergusson von der »Weekly Dispatch«, als sie Whitefriar's-Street kreuzten. »Gerade hatten wir so 'ne halbe Spalte voll, da war's mit dem Draht zu Ende!«

»Telegraph oder Telephon?« erkundigte sich Baines, der vier oder fünf Jahre jünger war als sein Freund.

»Wir arbeiteten selbstverständlich mit beiden.«

»Wir auch,« sagte Baines. »Eine gute Geschichte, die famos Lärm macht – mysteriöser Raubanfall, wenn nichts weiter –, aber wir kriegten höchstens die Hälfte davon ... Offenbar ist mit der Linie was los; wenn's nicht so ein herrlicher Herbstmorgen wäre, müßte man wohl annehmen, daß irgendwo Unwetter gewesen ist.«

»Ja – spaßig, was?« bemerkte der andere. »Schade, daß uns so der Rest der Geschichte flöten ging, sie war erster Güte, und wir brauchten so was. Setzten Sie sie ins Inhaltsverzeichnis?«

»Nein, wir hatten das Ende ja nicht! Ich versuchte es auf alle Weise – klingelte die Central-News, P. A. Exchange Telegraph Company, an, versuchte, auf der Hauptlinie bis nach Yarmouth durchzukommen, und verschwendete eine halbe Stunde oder so mit Herumkleppern; aber von allen Stationen, überhaupt von überall her, kam dieselbe Antwort: Linie unterbrochen!«

»Ganz unser Fall. Ich telephonierte ans Amt und bekam die Antwort: Linien offenbar in Unordnung!«

»Na ja, muß doch wohl schlecht Wetter gewesen sein, irgendwo; aber –« und Baines warf einen Blick auf den strahlenden, klaren Himmel, den gerade die auftauchende Sonne rötete – »zu sehen ist wahrhaftig nichts davon!«

»Es stürmt oft an der Küste, wenn's in London ganz still ist, mein Lieber,« sagte weise sein Freund.

»Sehr schön. Aber wenn plötzlich alle Verbindungen mit einer bedeutenden Stadt wie Yarmouth abgeschnitten sind, und das ist der Fall, dann hilft kein Hinundherreden: da muß was passiert sein, was wir wissen sollten –«

»So ist es,« stimmte Fergusson bei. »Bin wirklich gespannt, was da los ist! Wir haben alle beide nicht Lust, ins Bureau zurückgerufen zu werden, und Henderson, mein Assistent, dem ich den Kram übergeben habe, klingelt mich beim geringsten Quark heraus ... Die Telephonlinien laufen alle im Hauptfernamt zusammen, droben in Carter-Lane; wir könnten ja unterwegs mal rangehen, es wäre nur eine Viertelstunde weiter, und von Ludgate-Hill haben wir mehrere Züge nach Hause.«

Baines sah nach seiner Uhr. Wie sein Begleiter hatte auch er keine Lust, ins Bureau zurückgerufen zu werden, wenn er einmal in Dulwich war; dennoch war's ihm auch nicht recht, sich jetzt auf Reporterdinge einzulassen.

»Ich bin nicht besonders dafür,« sagte er. »Sicher ist gar nichts los, mein Lieber. Außerdem hab' ich scheußliches Kopfweh. Ich hatte schwer zu tun diese Nacht. Einer von meinen Leuten liegt krank.«

»Na, auf alle Fälle, ich geh hin,« sagte Fergusson. »Machen Sie mir nur keine Vorwürfe, wenn Sie zu einem Extrablatt zurückgerufen werden sollten: furchtbares Unwetter, schrecklicher Verlust an Menschenleben usw., wie üblich! Also bis auf weiteres –« Lächelnd winkte er mit der Hand und verließ seinen Freund bei der Billettausgabe der Ludgate-Hill-Station.

Seinen Schritt beschleunigend, eilte er durch die Halle, ging hinten heraus und stieg die steile enge Straße hinauf, bis er das Haupttelephonamt in Carter-Lane erreicht hatte, wo er seine Karte abgab und sich dem diensthabenden Inspektor melden ließ.

»Ich habe Sie aufgesucht,« erklärte der Redakteur, »um zu erfahren, ob Sie mir irgend etwas sagen können über die Ursache der Yarmouther Linienunterbrechung, die eben stattgefunden hat. Wir hatten wichtige Nachrichten, die durchkommen sollten, wurden aber mitten drin abgeschnitten, und dann erklärte man uns, daß alle Telephon- und Telegraphenlinien nach Yarmouth unterbrochen wären.«

»Ja, gerade das ist die Sache, die auch uns eben in Verlegenheit setzt,« war die Antwort des Nachtdiensthabenden. »Es ist vollständig unerklärlich! Unser Strang nach Yarmouth scheint gestört zu sein, ebenso die Telegraphenlinien nach Yarmouth, Lowestoft und bis jenseits Beccles. Ungefähr achtzehn Minuten auf vier merkten die Beamten, daß was in Unordnung sei.«

»Sonderbar! Versagten sie alle zur selben Zeit?«

»Nein. Die erste war die durch Chelmsford, Colchester und Ipswich nach Lowestoft und Yarmouth. Der Beamte fand heraus, daß er noch direkte Verbindung nach Ipswich und Beccles hätte. Dort aber wußte man von nichts, außer daß etwas nicht in Ordnung wäre ... Ipswich war noch anzuklingeln, darüber hinaus nichts!«

Während sie noch im Gespräch waren, klopfte es an die Türe, und der Assistent trat ein und meldete: »Jetzt hat auch die Norwichlinie durch Scole und Long Stratton versagt, Sir! Um halb fünf meldete Norwich eine Störung irgendwo im Norden, zwischen dort und Cromer; aber jetzt ist die Linie unterbrochen, desgleichen die von dort nach Cromer, Sheringham und Holt.«

»Also wieder eine Linie zum Henker!« rief der Nachtdiensttuende aus, in vollster Verblüffung. »Haben Sie versucht, auf den anderen Routen nach Cromer zu kommen – durch Nottingham und Kings Lynn oder durch Cambridge?«

»Alle Routen versucht, Sir, aber keine Antwort!«

»Könnten Sie nicht einige von den Plätzen – Yarmouth zum Beispiel – erreichen, indem Sie sie über den Kontinent antelegraphierten?« erkundigte sich Fergusson.

»Versuchen wir gerade,« antwortete der Assistent.

»Was für Kabel laufen in der Gegend von der Ostküste aus?« fragte schnell der Redakteur.

»Fünf zwischen Southwold und Cromer, drei nach Deutschland, zwei nach Holland,« erwiderte der Assistent. »Da ist das Kabel von Yarmouth nach Borkum, auf den ostfriesischen Inseln; das von Happisburg, bei Mundeslay, nach Borkum; das von Yarmouth nach Emden; das von Lowestoft nach Haarlem und das von Kessingland, bei Southwold, nach Zandyport.«

»Und Sie probieren all die Routen?« fragte sein Vorgesetzter.

»Vor einer Stunde sprach ich selbst mit Paris und ersuchte es, auf allen fünf Routen nach Yarmouth, Lowestoft, Kessingland und Happisburg zu kabeln,« war des Assistenten Erwiderung. »Ich ersuchte auch Liverpool-Street-Station und Kings Croß, nach ein paar von ihren Stationen an der Küste zu drahten; aber die Antwort war, daß sie in derselben Schwierigkeit wären wie wir. Ihre Linien versagten nördlich von Beccles, Wymondham, East Dereham, auch südlich von Lynn ... Ich laufe rasch mal hinüber und sehe, ob Antwort da ist von Paris, sie sollte schon hier sein, denn es ist Sonntagmorgen und kein Verkehr!« Eiligst ging er hinaus.

»Sicher ist was Besonderes los,« bemerkte der Inspektor vom Nachtdienst zum Redakteur. »Ist's ein Erdbeben oder eine elektrische Störung, dann jedenfalls eine ganz außergewöhnliche! Jede einzelne Linie, die bis an die Küste geht, scheint unterbrochen!«

»Ja, 's ist ungewöhnlich spaßig,« bemerkte Fergusson. »Bin sehr neugierig, was los sein kann. Sie hatten wohl nie einen vollständigen Niederbruch, wie diesen?«

»Nie. Aber ich denke –«

Der Satz blieb unvollendet, denn sein Assistent kam zurück, einen Papierstreifen in der Hand, und sagte:

»Da ist die Meldung von Paris. – Ich lese vor:

›Telephondirektion Paris an Telephondirektion London. – Habe direkte telegraphische Verbindung mit den Beamten an allen fünf Kabeln nach England. Haarlem, Zandyport, Borkum und Emden melden sämtlich Kabelunterbrechung. Sie bekommen keine Antwort von England, und die Prüfung ergibt Kabelbeschädigung irgendwo nahe der englischen Küste‹.«

»Ist das alles?« fragte Fergusson.

»Alles. Paris weiß nicht mehr als wir,« antwortete der Assistent.

»Dann sind die Küsten von Norfolk und Suffolk vollständig isoliert – abgeschnitten von Post, Eisenbahn, Telephon und Kabel!« rief der Diensthabende aus. »Ein geheimnisvoller Fall – absolut unerklärlich!«

Einen Augenblick später war er im Gespräch mit dem Verkehrsbureau zu Liverpool-Street, dem er die Meldung von Paris wiederholte und das er ersuchte, leichte Maschinen nördlich Wymondham oder Beccles bis in die Zone der geheimnisvollen Störungen zu senden.

Die Antwort lautete: Das wäre schon geschehen; aber ein Telegramm von Wymondham habe gemeldet, daß auf der Strecke Kimberley–Hardingham anscheinend die Brücken eingestürzt und die Linie durch Trümmer gesperrt sei ... Unterbrechung sei ebenfalls gemeldet worden jenseits Swaffham, bei Little Dunham ...

»Sogar die Eisenbahnen unterbrochen!« rief Fergusson. »Wär's möglich, daß ein so großes Erdbeben –«

»Ein Erdbeben könnte nicht wohl alle fünf Kabel vom Kontinent zerstören,« bemerkte ernst der Diensthabende.

Kaum hatte er den Hörer an den Haken gehängt, als wiederum ein Beamter eintrat und ihm meldete:

»Bitte an den Klappenschrank zu kommen, Sir –. Ein Mann im Fernamt von Ipswich hat mir eben eine höchst sonderbare Geschichte erzählt: Um halb vier heute morgen sei er in seinem Auto von Lowestoft nach London abgefahren, und als er bei Anbruch der Dämmerung am Rande von Henham Park, zwischen den Dörfern Wangford und Blythburgh, entlang fuhr, habe er drei Männer erblickt, die anscheinend die Telegraphendrähte reparierten, einer oben auf dem Pfahl, die anderen beiden drunten. – Im Vorbeifahren sah er's aufblitzen – einer der Leute hatte mit dem Revolver auf ihn gefeuert! ... Der Schuß ging glücklicherweise vorbei; er aber gab auf der Stelle volle Kraft und sauste nach Blythburgh hinab, obwohl einer seiner Radreifen entzweiging, wahrscheinlich von der Kugel durchbohrt, denn so eine Durchlöcherung war ihm noch niemals vorgekommen. In Blythburgh machte er der Polizei Meldung; der Gendarm weckte den Postmeister, und als der versuchte, an die Polizei zu Wrentham zurückzutelegraphieren, merkte er, daß die Linie unterbrochen war. Sollten etwa jene Leute die Drähte abgeschnitten haben, statt sie zu reparieren? ... Der Autler erzählte weiter, daß er nach Ausbesserung des Schadens den Dorfgendarmen und drei andere Leute auf sein Auto nahm und nach dem Fleck zurückfuhr, wo sie freilich nur konstatieren konnten, daß jenes saubere Kleeblatt entwischt war, nachdem es die Telegraphenlinie vollständig zerstört hatte: an vier oder fünf Stellen waren die Drähte durchschnitten, und ganze Strecken in dicke Massen zusammengewirrt; eine Anzahl von Pfählen lag abgesägt an der Wegseite ... Da er sah, daß nichts zu machen wäre, bestieg er sein Auto wieder, fuhr nach Ipswich und meldete die Sache auf unserem Fernamt an.«

»Ist er noch dort?« rief rasch der Inspektor, sehr betroffen über diesen Bericht.

»Ja, ich bat ihn, ein paar Augenblicke zu warten, damit ich's Ihnen sagen könnte, Sir.«

»Gut, ich gehe sofort selber hinauf. Vielleicht haben Sie Lust mitzukommen, Mr. Fergusson?«

Kurz danach war der Inspektor im Gespräch mit Ipswich. Noch einen Augenblick, und er sprach den Mann selber, der soeben von der heimtückischen Durchschneidung der Linie Augenzeuge gewesen war.

Plötzlich aber stieß auf der anderen Seite des Klappenschranks ein Beamter einen Schrei der Überraschung und der Ungläubigkeit aus.

»Was sagt Beccles?« fragte er erregt. »Bitte wiederholen –«

Unmittelbar darauf rief er: »Beccles meldet, daß deutsche Soldaten zu hunderten in die Stadt eindringen! ... Die Deutschen sollen in Lowestoft gelandet sein!« ...

Alle Anwesenden sprangen auf und starrten einander wie betäubt an.

Der Assistent stürzte auf den Beamten los und ergriff dessen Apparat:

»Hallo – Hallo, Beccles! Hallo – Hallo – Hallo!«

Die Antwort bestand in ein paar mürrischen deutschen Worten, und deutlich vernahm man Gewühl und Getümmel – dann war alles still ...

Fortwährend klingelte der Assistent das Suffolker Städtchen an, aber umsonst. Die schleunig vorgenommene Prüfung ergab, daß nunmehr der zweite Hauptstrang nach Norwich, von Ipswich über Harleston und Beccles, durchschnitten worden war, und zwar näher an London!

Aber was sie zwang, den Atem anzuhallen, war die Tatsache, daß die Landung, die die militärischen Kritiken der letzten Jahre so oft vorausgesagt hatten, nun wirklich ausgeführt, daß an diesem stillen Septembermorgen England das nichtsahnende Opfer eines Überfalls, daß die Invasion eine fertige Tatsache geworden war! ... Durfte – mußte man das Entsetzliche glauben?

Fergusson war schon auf dem Sprunge, nach der Expedition der »Weekly Dispatch« zurückzueilen und ohne Verzug ein Extrablatt auszugeben; aber der Inspektor, der noch im Gespräch mit dem Autler war, schärfte ihm Bedachtsamkeit und Vorsicht ein.

»Lieber noch eine Weile warten, damit wir das Publikum nicht unnötig alarmieren,« schlug er vor. »Wir brauchen eine Bestätigung, laßt uns den Autler herbestellen!«

Fergusson war einverstanden; er trat an den Apparat und ersuchte den Fremden, den die deutschen Vorhutspione – denn das waren sie zweifellos – zur Wahrung ihres Geheimnisses hatten erschießen wollen, daß er auf der Stelle nach London kommen und hier seinen Bericht, um den ihn sicher auch die Militärbehörden ersuchen würden, erstatten möge. Und gerade, als der Autler sich hierzu bereit erklärt hatte, lief von der Küstenwache zu Southwold eine vage, unzusammenhängende telephonische Meldung ein über nordwärts gesichtete fremde Schiffe; die Stationen King's Croß und Liverpool-Street aber läuteten beide fast gleichzeitig an und meldeten das Einlaufen ganz außerordentlicher Telegramme von King's Lynn, Diß, Harleston, Halesworth und anderen Städten: Deutsche Truppen ergössen sich über den Norden, Lowestoft und Beccles seien besetzt, Yarmouth und Cromer isoliert! ... Rücksichtslos sprenge der Feind die Brücken, reiße die Schienen auf und habe so alle Verbindung mit der Küste unterbrochen; mehrere wichtige Knotenpunkte seien von seinen Vorposten schon besetzt! ...

Das waren die erstaunlichen Nachrichten, die an diesem lieblichen, sonnigen Sonntagmorgen, als die ganze große Londoner Welt noch friedlich schlummerte, zu Carter-Lane, City, einliefen ...


 << zurück weiter >>