Autorenseite

 << zurück weiter >> 
XV.

Der Todeskampf der Nordseeflotte.


Der erste Schuß der Schlacht kam aus dem vorderen Turm der Hohenstaufen auf eine Entfernung von 10 000 Yards. Das Geschoß flog über die Captain weg und schlug hinter ihr ins Wasser. Einen Augenblick darauf feuerte auch ihr zweites zwölfzölliges Turmgeschütz und traf die Captain am Bug; das Vorderkastell wurde zertrümmert, die Spirituslast in Brand gesetzt.

Dann folgte der Backbordturm der Hohenstaufen mit zwei Schüssen, die beide das englische Flaggschiff verfehlten, von denen aber der zweite die vordere Barbette des Thunderer traf und, ohne Schaden anzurichten, explodierte. Die englische Flotte erwiderte das Feuer noch nicht, weil sie Munition sparen wollte und mit ihren zerschossenen Entfernungsmessern nicht mehr die Schußweite bestimmen konnte.

Um 11 Uhr 19 feuerte die Brandenburg, das Führerschiff der Backbordkolonne, aus ihrem vorderen elfzölligen Turmgeschütz einen Zielschuß, der die Captain fehlte; eine halbe Minute später feuerte auch das zweite Geschütz und machte einen Volltreffer: die Granate prallte von dem Dach der vorderen Barbette ab und explodierte heftig gegen den Kommandoturm, den er mitsamt seinen Insassen auf das furchtbarste erschütterte.

Zwei Minuten später richtete die zweite oder Backbordkolonne auf 7000 Yards aus ihren Breitseiten einen Hagel von Geschossen auf die Captain, desgleichen die ganze erste oder Steuerbordkolonne. Die Captain gab jetzt also für nahezu 40 schwere Geschütze die Zielscheibe ab! Rasch hintereinander wurde sie von drei Granaten oder Brisanzgeschossen getroffen; eines demolierte die Zielhaube ihres linken Geschützes, verletzte drei von der Bedienungsmannschaft und tötete deren Offizier; das zweite verbog für einige Minuten die Drehvorrichtung der Barbette; das dritte durchschlug die achtzöllige Panzerplatte, die auf derselben Stelle schon einmal getroffen worden war, drang mit einem Hagel von Splittern in die Barbette ein und tötete zwei Mann, explodierte aber glücklicherweise nicht, sondern lief sich, indem sie wie durch Zauberei die entsetzte Mannschaft nicht weiter behelligte, an der Innenwand des Panzerschirmes matt und tat weiter keinen Schaden. Aber von diesen drei Treffern war die Barbette so erschüttert und beschädigt worden, daß sie fortan das Feuer einstellen mußte.

Auch auf die übrigen Barbetten des Flaggschiffes regnete es Treffer; ihre Geschütze waren beständig in den Qualm der platzenden großen und kleinen Granaten gehüllt, so daß es den Bedienungsmannschaften vollständig unmöglich war, zu zielen und zu richten.

Fortwährend dröhnten die deutschen Geschosse gegen den Stahlpanzer; die Erschütterungen machten hier und da Risse und ließen erstickende Gase eindringen. Der gewaltige Schiffskörper war voll Brandgeruch und Rauch und Flammen.

Die Schiffe hinter der Captain feuerten nur schwach und mußten dasselbe furchtbare Feuer über sich ergehen lassen. Als dann die Schußweite geringer wurde, griffen auch die deutschen 6.7-zölligen und 6-zölligen Geschütze mit verheerender Wirkung in den Kampf ein, die englischen Schiffe konnten nicht weiter fechten und gehorchten dem Steuer nicht mehr. In diesem Hagel von Splittern und in diesem erstickenden Qualm waren die Geschützmannschaften machtlos, und aus den Sehschlitzen der Kommandotürme waren kaum die Masten des vorausfahrenden Schiffes zu unterscheiden, und selbst die verschwanden sekundenlang in dem braunen Brodem und dem Feuerschein der platzenden Granaten.

Admiral Parker entschloß sich nunmehr, zu wenden und einen letzten Versuch zu machen, sich nordwärts durch seine Verfolger durchzuschlagen. Seine Schiffe drehten; jedes folgte dem Mast seines Vordermannes, und erst jetzt, wo sie sich vom Feinde abkehrten, konnten die Kapitäne den Stand der Dinge überschauen.

Etwa 5000 Yards hinter den englischen Schiffen fuhr die lange Linie der zehn Brandenburge und Siegfriede, die heftig weiterfeuerten. Dwars ab nach Steuerbord und 5000 Yards entfernt waren die anderen fünf deutschen Schlachtschiffe, deren Türme sich ununterbrochen drehten, aufblitzten und ein fürchterliches Feuer spien. Und 8000 Yards nach Steuerbord lagen die vier großen deutschen Kreuzer, die gerade das Feuer eröffneten. Auf Backbord aber erhoben sich die einförmigen Umrisse der Küste von Norfolk – des Landes, das Nelson hervorgebracht, wo er die Tage seiner Jugend erlebt hatte –, jetzt dazu bestimmt, Zeuge zu sein von dem Fall der großen Seemacht, deren Flotten er in glücklicheren Zeiten zu so unwandelbarem Siege geführt hatte ...

In dem seichten Wasser nahe der Küste befanden sich zwölf oder mehr deutsche Torpedoboote. Admiral Reißigs Flotte aber, die der englischen den ganzen Weg vom Forth her gefolgt war, war noch acht Meilen von der englischen Flotte ab und näherte sich ihr jetzt mit dem entgegengesetzten Kurse – Feinde ringsum, kein Entkommen mehr möglich! ...

Nur für einige Augenblicke wurde das konzentrierte Feuer des Feindes schwächer, da die deutschen Geschwader eine andere Stellung einnehmen mußten, damit sie ihr ganzes Feuer auf die sechs eingeschlossenen Schiffe richten konnten; diese Pause aber benutzten die englischen Geschützmannschaften dazu, um ihre Geschütze zu richten und einige Treffer zu machen: eine zwölfzöllige Granate aus dem hinteren Turme des Bellerophon traf das Heck des Siegfried an der Wasserlinie und havarierte ihn so, daß er sich aus der Schlacht zurückziehen mußte.

Dann jedoch schwoll unter gewaltigem Krachen, gleich dem Gehämmer von zehntausend riesigen Kesselschmieden, das Feuer der deutschen Schiffe wieder an; und als sie die günstigste Position und Schußweite erlangt hatten, flogen ihre Geschosse in förmlichen Schwaden auf die englischen Barbetten und Kommandotürme zu.

Einige Minuten später griff auch Admiral Reißigs Flotte in den Kampf ein und dampfte quer auf den englischen Kurs, um noch einmal das Manöver des Vorbeiziehens vor der feindlichen Spitze auszuführen und das vor North Berwick begonnene Werk zu vollenden. Und außer Admiral Reißigs Schlachtschiffen kamen nun auch seine Kreuzer in Aktion. – In diesem furchtbaren Augenblick feuerten 250 deutsche 6- und mehrzöllige Geschütze auf die englische Flotte, die dagegen nur 82 aufbieten konnte ...

Unter solchem Höllenfeuer war an Rammsporn oder Torpedo nicht mehr zu denken, – wenn die Kommandotürme von Granaten umhagelt werden, ist feines Manövrieren unmöglich!

Die Redoubtable, Courageous und Malta, die drei schwächsten Schiffe der englischen Linie, brannten schon an mehreren Stellen und lagen tief im Wasser; dennoch folgten sie hartnäckig dem Flaggschiff durch den Rauch, der sich schwer auf die Oberfläche der See senkte. Sie waren bis ans Ende der englischen Linie zurückgeblieben, hinter dem Thunderer und dem Bellerophon, die gleich ihnen kaum noch imstande waren zu feuern. Die Captain hielt sich immer noch an der Spitze, aber auch sie war wenig mehr als ein rauchender Trümmerhaufen, über den sich die Stümpfe ihrer Masten und die zerschmetterten Platten ihrer zwei Schornsteine erhoben.

So grausig der Anblick war, so verfolgten doch von der Küste aus Hunderte den Todeskampf der Captain. Unaufhörlich platzten auf ihr die Granaten, Schlag folgte auf Schlag. Jetzt hüllte ihr Bug sich in Rauch und Flammen; jetzt loderte mittschiffs Feuer auf; jetzt sah ihr Heck aus, als ob es sich in einem Schmelztiegel auflöste!

Die lange Rauchschleppe, die das Schiff hinter sich herzog, zeugte von der Gewalt der Feuersbrunst, die auf ihm wüten mußte. Rings umher wurde das Wasser zu Schaum gepeitscht und spritzte in Gischtwolken auf von dem fortwährenden Einschlagen der Geschosse. Und um die Captain und die fünf ihr folgenden Schiffe her fuhren mit unwandelbarer Genauigkeit der Richtung und des Abstandes die Schiffe der fünf deutschen Geschwader, deren Breitseiten fortwährend zu Schusse kamen, und spielten mit der Captain, wie die Katze mit der Maus ...

Die Courageous fing an zu sinken, feuerte aber schwach weiter und führte noch immer die schon fünfmal fortgeschossene und fünfmal unerschrocken ersetzte englische Flagge. Die Malta erdröhnte von gewaltigen Explosionen. Aus der Redoubtable schossen Flammenzungen auf.

Als Admiral Parker wiederum auf die Küste zuhielt, fand er die Brandenburg-Division quer vor seinem Kurs, und abermals wurde sein Schiff mit Geschossen jeder Größe und Art überschüttet.

Die vordere 9.12-Backbordbarbette wurde getroffen und durchschlagen, jeder Mann darin getötet. Die hintere Steuerbordbarbette wurde von einem fast gleichzeitig aufschlagenden Geschoß vollständig zertrümmert, ihre Besatzung in Stücke gerissen.

Das Heck des Flaggschiffes lag tief im Wasser; über dem Panzerdeck war alles in Trümmern, abgesehen von der Zitadelle und den gepanzerten Rohren, die nach dem Kommandoturm und den Barbetten führten. Und als nun eine neue Granate gerade auf und unter dem Kommandoturm platzte, so daß Admiral Parker betäubt zu Boden geschleudert wurde, war damit das Schiff auch steuerlos geworden; sein Bug drehte sich, und hinter dem Flaggschiff her fuhr die englische Flotte mitten in den Feind hinein. Sofort wendeten alle deutschen Geschwader nach Süden und steuerten von der Captain ab, unter dem ununterbrochenen Feuer ihrer Breitseiten.

Hinter ihr steuerte Admiral Reißig einen Kurs, mit dem er die englischen Schiffe von der Küste abdrängen wollte. Aber Admiral Stahlberger gab ihm den Befehl, zurückzugehen, da es nicht in der Absicht der Deutschen lag, die englischen Schiffe auf tiefem Wasser zum Sinken zu bringen.

Im Kommandoturm der Captain hatten die Insassen sich unterdessen so weit erholt, daß sie die Leitung ihres Schiffes wieder in die Hand nehmen konnten.

Es blieb jetzt nur noch eines übrig: die Schlachtschiffe auf Grund zu setzen und zu sprengen. So würde wenigstens ein Teil ihrer Bemannungen zu retten sein, daß sie an einem besseren Tage den Kampf wieder aufnehmen könnten! ...

Mit scharfer Wendung hielt Admiral Parker auf das Dörfchen Hasborough zu; aber mitten in der Wendung sank die Malta unter einer schrecklichen letzten Explosion.

Indem die Deutschen hinter der englischen Flotte herfuhren, doch so, daß sie die Gewässer vermieden, die jene durchfahren hatte, überschütteten sie sie noch immer mit demselben fürchterlichen Feuer.

Gerade südöstlich von Hasborough ist eine Lücke im Küstenrand, durch welche Fuhrwerke an den Strand hinabgelangen können; auf diese Lücke steuerten die fünf englischen Schlachtschiffe zu. Sie kreuzten die Fünffadenlinie, und während sie von hinten durch Granatendampf eingehüllt wurden, und die rings einschlagenden Geschosse das Wasser über die Decks warfen, lief eines nach dem anderen scharf auf Grund; alles, was unverwundet war, erhielt den Befehl, über Bord zu springen und an Land schwimmen.

Der älteste überlebende Offizier hatte jedesmal die Aufgabe, sein Schiff gründlich zu zerstören. In den Maschinenräumen waren Torpedoköpfe angebracht und durch elektrische Leitungen miteinander verbunden worden, und zehn heftige Explosionen erschütterten die Schiffsrümpfe. Dann hißte der letzte Mann die weiße Flagge und strich die englische, damit die Verwundeten, die auf den Decks herumlagen und die Zitadellen anfüllten, der weiteren Qual enthoben würden.

Auf der brennenden Redoubtable blieb etwa ein Viertel der Besatzung zurück, da es die Verwundeten nicht dem Feuertode preisgeben wollte. Von den Booten war keins mehr vorhanden, so konnten diese heldenmütigen Leute nichts tun als abwarten, daß die deutschen Torpedofahrzeuge, die auch schnell herankamen, ihnen Hilfe brächten. Alle deutschen Schiffe enthielten sich nunmehr des Feuerns; acht oder zehn Torpedoboote waren an Ort und Stelle und retteten von den Ertrinkenden, soviel sie konnten.

Von Admiral Parker wurde nichts mehr gesehen noch gehört; er sprang als der letzte über Bord, und es ist anzunehmen, daß er verwundet gewesen war, seiner Umgebung aber die Wunde verhehlt hatte, und nun vor Erschöpfung umkam, ehe er die Küste erreichte.

Die Zerstörung der auf Grund gesetzten englischen Schiffe war vollständig gewesen; die 185 Pfund Schießbaumwolle in jedem Maschinenraum hatten die Maschinen zertrümmert und die Seitenwände auseinandergesprengt.

Vier Bergungsdampfer, die der deutschen Flotte beigegeben waren, machten sich sofort ans Werk, um von den Wracken zu bergen, was zu bergen war, hauptsächlich einige wenige noch brauchbare Geschütze. Mit den Schiffskörpern selbst war nichts anzufangen.

Der auf der deutschen Flotte angerichtete Schaden war äußerst gering. Alles in allem hatten die Engländer nur 17 Treffer gemacht; die Schwierigkeiten, unter denen sie hatten arbeiten müssen, waren zu gewaltig, der ununterbrochene Hagel von Granaten auf die Kommandotürme und Zielhauben zu furchtbar gewesen.


 << zurück weiter >>