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XVII.

Landung in Weybourne Hoop.


Auf die ersten Gerüchte hin waren überall die Preise der Nahrungsmittel gestiegen, und Bäcker, Höker, Krämer und Schlächter hatten aus Furcht vor feindlichen Streifzügen geschlossen oder verkauften nur zu hohen Preisen; viele Menschen litten bereits Hunger.

In der Presse des ganzen Landes kam die allgemeine Entrüstung und Trauer zu Worte, und alle Blätter aller Schattierungen waren einig in der Verurteilung der Regierung.

Obwohl der Feind schon seit Anbruch des Sonntages auf englischem Boden stand, hatte bis zum Dienstag abend kaum ein einziger Reservist seine Einberufungsorder erhalten. Man gaffte die Königliche Proklamation an, die die Reserven zu den Fahnen rief, aber wie sollten die Leute sich in Bewegung setzen, ehe sie ihre Versammlungsplätze kannten?

Zweimal war unterdessen der Ministerrat zusammengetreten und hatte zweifellos Entschlüsse gefaßt; bis jetzt aber war alles geheim gehalten worden. Das vielberufene Komitee für die Reichsverteidigung, das sich früher stets den Anschein einer so eifrigen Tätigkeit zu geben gewußt, in Wirklichkeit aber gar nichts ausgerichtet hatte, hielt, wie es hieß, jetzt Sitzungen ab; doch was dabei herauskam, wußte auch niemand.

Das Extrablatt der Evening News, das am Dienstag abend herauskam, enthielt einen interessanten Bericht, der über die Bewegungen der Deutschen endlich einiges Licht verbreitete.

Bisher war eigentlich nur bekannt gewesen, daß die gesamte Küste von Norfolk und Suffolk sich in der Hand der Feinde befand; aber abgesehen von der Tatsache, daß feindliche Kavallerievedetten und Rekognoszierungspatrouillen bis zu zwanzig Meilen von der Küste schwärmten, war England gänzlich im dunkeln über das, was vorging. Man hatte zwar an verschiedenen Punkten das Beispiel der Ipswicher freiwilligen Radfahrer nachgeahmt, um hinter den Schleier der feindlichen Kavallerie zu gelangen, doch immer vergebens; der Feind hüllte vorsorglich alle seine Schritte in tiefes Geheimnis.

Heute endlich war dieser Schleier gelüftet. Der Bericht der Evening News, der überall gierig verschlungen ward, rührte von einem Hummerfischer aus Sheringham in Norfolk her, der dem Kommandanten der Küstenwache in Wainfleet, Lincolnshire, folgende Aussage gemacht hatte:

»Sonntag morgens, eben vor Tagesanbruch, war ich mit meinem Sohne Ted hinausgerudert, um unsere Hummertöpfe auszuheben, als wir plötzlich ungefähr drei Meilen von der Küste ab eine Menge wunderlicher Fahrzeuge hintereinander am Horizont auftauchen und anscheinend auf Cromer zusteuern sahen; es waren große und kleine Dampfer, die fast alle Flachboote, Leichter und Schuten im Schlepptau hatten. Als sie dann näher kamen, konnten wir deutlich sehen, daß sie bis an den Rand voll von Menschen und Pferden waren.

Ted und ich standen und starrten diese sonderbare Geschichte an und wunderten uns, was sie bedeuten sollte.

Die größten Schiffe fuhren auf Weybourne Gap zu, wo sie dicht an der Küste in fünfundzwanzig Fuß Wasser Anker warfen; die kleineren Dampfer und die Flachboote liefen einfach auf dem harten Kiesufer auf. Vorher schon hatte ich draußen auf hoher See eine ganze Anzahl fremder Kriegsschiffe bemerkt, und östlich und westlich von ihnen ab auch mehrere Torpedoboote.

Die größeren Dampfer setzten nun Boote aus, und in diese stiegen an jedem Fallreep eine Masse Soldaten ein. Dann kamen Dampfpinassen und schleppten sie an Land.

Ted und ich waren vor Staunen so verblüfft, daß wir zuerst alles für einen Traum hielten, denn seit meinen Knabenjahren hab' ich den alten Vers, den mein Vater so gern hersagte, in den Ohren gehabt:

Der da will England gewinnen,
Muß bei Weybourne Hoop beginnen ...

Gleich nach der Landung traten die Soldaten an und rannten mit ihrem Offizier den niedrigen Abhang nach der Küstenwachtstation hinauf; das Spaßigste war aber, daß schon vor ihnen andere gekommen und die Küstenwächter festgenommen hatten – Leute in Zivil, wir konnten sie ganz deutlich sehen, es werden wohl fremde Spione gewesen sein. Einer von ihnen drückte einen Küstenwächter gegen die Hauswand und hielt ihm einen Revolver vor.

Ehe wir es uns versahen, waren wir von all diesen wunderlichen Schiffen, die überall auftauchten, umringt, und dann und wann schrien die Fremden uns Worte zu, die ich natürlich nicht verstehen konnte.

Inzwischen waren schon ganze Schwärme von grauuniformierten Soldaten ausgeschifft, denn jedes leere Boot fuhr sofort zu den Dampfern zurück und holte neue. Sie mußten so dicht aufeinandergepackt gewesen sein, wie Heringe im Faß; aber jedermann mußte seinen Platz genau kennen, denn den ganzen Strand entlang standen Männer mit kleinen Flaggen in der Hand, und jede Abteilung marschierte schnurstracks auf ihre eigne Flagge los und sammelte sich um sie.

Ted und ich saßen da, als ob wir ein Theaterstück ansähen. Plötzlich sahen wir, wie aus einigen der Schiffe und größeren Schuten Pferde ins Wasser herabgelassen wurden und anfingen zu schwimmen; so kamen sie zu hunderten an Land. Und hinterher kamen ganze Boote voll von Sätteln. Man war so fix bei der Arbeit, daß niemand mehr auf uns achtete; wir aber saßen mäuschenstill und paßten auf; wir hatten keine Lust, das Schicksal der Küstenwächter zu teilen.

Hunderte und Aberhunderte von Soldaten wurden nach und nach an Land geschleppt und traten dort in einer Art von Vierecken an, die dichter und dichter wurden. Unzählige Pferde – an die tausend, möchte ich schätzen – wurden aus einigen kleinen, auf Strand gelaufenen Dampfern ausgeschifft, und da die Ebbe gerade angefangen hatte, kamen sie nur knietief ins Wasser. Diese Dampfer mußten große Schlingerkiele haben, denn als der Ebbstrom stärker lief, holten sie nicht über. Als ob sie extra für diesen Zweck gebaut wären! Und aus anderen kamen dann alle möglichen Sachen zum Vorschein: Karren, Geschütze, Motorwagen, mächtige Ballen Futter und Kleider, Krankenwagen mit großen roten Kreuzen drauf, dann auch eine Art flacher Dinger – Pontons, glaub' ich, nennt man sie –, gewaltige Stapel von Kochtöpfen und Pfannen, viereckige große Kisten mit Gott weiß was darin, und alles das wurde sofort vom Strand über die Hochwassermarke hinausgeschafft.

Inzwischen waren viele auf die Pferde gestiegen und durch den schmalen Heckenweg davongeritten, der nach dem Dorf Weybourne führt. Zuerst ritt immer nur ein Halbdutzend ab; nachher, soweit ich beurteilen konnte, ungefähr fünfzig. Dann brachen stärkere Trupps auf, und immer mehr und mehr Pferde schwammen an Land, als ob es niemals abrisse. Sie müssen mächtig eng verstaut gewesen sein, und viele von den Schiffen mußten extra für sie eingerichtet gewesen sein.

Bald darauf, nämlich so an die anderthalb Stunden nach ihrer Landung, fing auch die Infanterie an abzurücken; und soweit ich sehen konnte, marschierten sie auf allen Wegen landeinwärts, einige auf Kelling Street und Holt zu, andere über Weybourne Heath auf Bodham, und noch andere an den Wäldern entlang nach Upper Sheringham hinüber. Eine ganze Masse, die auch viele berittene Offiziere bei sich hatte, marschierte den Sheringhamer Weg entlang, und auf Muggelburgh Hill signalisierten sie wie verrückt.

Um diese Zeit hatten sie schon eine Menge Karren und Wagen und Automobile gelandet; auf die letzteren setzten sie Infanteristen und ließen sie sofort in Reihen hinter den Truppen herfahren. Alles ging wie der Blitz: eben erst an Land gebracht, wurde gleich alles fortgeschafft!

Und so ging es nun immer weiter, ohne Störung und Unordnung.

Von unserm Platz aus konnten wir sehen, wie die Küstenwächter auf ihrer Station gefangen gehalten wurden, mit Schildwachen rundherum, – das machte uns gewaltig bange für uns selber, und als die Flut nun stark nach Westen setzte, hoben Ted und ich leise unseren Anker aus dem Grund und ließen uns treiben. Es war uns auch eingefallen, daß wir vielleicht eine andere Küstenwachtstation alarmieren könnten, wenn es uns glückte, unbemerkt aus all der Geschäftigkeit, die hier vor sich ging, wegzutreiben. Na, und dabei malten wir uns die herrlichen Prügel aus, die unsere Kreuzer diesen vorwitzigen Fremden verabreichen würden, sobald sie erst da wären! Deshalb nur geschwind fort und dann Lärm machen, koste es, was es wolle! ...

Wir trieben nach Nordwest hinaus, zuerst nur langsam und immerzu in der Furcht, daß man uns gewahr werden und auf uns schießen könnte. Na, schließlich kamen wir glücklich rund Blakeney Point und atmeten freier, dann hißten wir unsre Segel und hielten auf Hunstanton zu, aber da wir auch in den Wash ebenso 'ne Flotte einfahren sahen, änderten wir unseren Kurs und hielten auf Gibraltar Point zu, wo ich den Kommandeur der Küstenwache traf und ihm alles erzählen konnte.«

Der Küstenwachoffizier hatte selber schon drei Stunden vorher fremde Schiffe den Wash hinauffahren sehen und telegraphisch seinem Divisionsinspektor in Harwich Meldung zu machen versucht, aber keine Verbindung bekommen können. Und eine Stunde darauf war es an den Tag gekommen, daß noch eine Landung auf der Südseite des Wash, aller Wahrscheinlichkeit nach bei Kings Lynn, bewerkstelligt wurde.

Fischer Scotneys Bericht ging durch Extraboten sofort nach London ab, kam aber infolge der Störung des Eisenbahnverkehrs erst am Montag in den Bureaus des Küstenwachtdienstes in Westminster an; von da wurde er unverzüglich an die Admiralität weitergegeben, die ihn bis auf weitere Bestätigung geheim hielt, um keinen unnötigen Alarm zu verbreiten.

Es fiel also der Presse zu, über das, was tatsächlich vorgefallen war, die Wahrheit zu verbreiten und die Nation darüber aufzuklären, wie der Feind es angestellt hatte, gewissermaßen durch die Hintertür sich in England einzuschleichen ...


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