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XXXVII.

In der Feuerzone.


Nachdem der Feind die Gegenwehr um Enfield niedergerungen und die Verteidiger aus den befestigten Häusern vertrieben hatte, war er vorgerückt und hatte die der Stadt nördlich vorliegende Hügelkette etwa zwischen Pole Hill, ein wenig nördlich von Chingford, und Twyford Abbey besetzt. Die ganze Position war gut rekognosziert worden, denn bei Tagesgrauen rasselte Artillerie durch die Straßen aller auf dieser Linie liegenden Ortschaften, und bald nach Sonnenaufgang waren Batterien schwerer Geschütze auf allen Punkten, die die Stadt beherrschten, aufgefahren.

Es war das nächste Augenmerk des Feindes, seine Artillerie so dicht wie möglich an London heranzubringen, denn es war ihm bekannt, daß selbst von Hampstead aus – dem höchsten Punkte, 441 Fuß über London – seine Geschütze nicht bis in die eigentliche Stadt selbst trügen.

Noch bei Tagesgrauen rückten die deutsche Kavallerie, Infanterie, Motorinfanterie und die Panzermotore – hauptsächlich Opel-Darracqs von 35 bis 40 Pferdekräften und mit je drei Schnellfeuergeschützen – auf den verschiedenen Straßen, die von Norden nach London führen, vor.

Bald stießen die Truppen auf Barrikaden, die ihnen den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzten. Die drei Maximgeschütze, die auf der großen Sperre bei Haverstock Hill postiert waren, zwangen die Deutschen, sich schleunigst zurückzuziehen, denn diesem furchtbaren Bleihagel war nicht zu widerstehen; sie ließen ganze Haufen von Schwerverletzten und Toten auf dem Straßendamm zurück. Und als sie nun zwei ihrer Panzermotore ins Gefecht brachten, wurde von beiden Seiten eine gute Viertelstunde lang Schnellfeuer abgegeben, ohne daß ein Erfolg zu sehen gewesen wäre. So zogen die Deutschen unter den dröhnenden Hurras der tapferen Männer, die dieses Tor besetzt hielten, wieder nach Hampstead ab. Die ganze Straße war mit Toten wie besät, während hinter dem mächtigen Wall von Pflastersteinen, umgeworfenen Karren und aufgetürmten Möbelstücken nur zwei Mann getötet, einer verwundet worden war.

Ein ebenso hitziger Kampf tobte auf Finchley Road; aber plötzlich erschien, offenbar unter Führung eines Deutschen, der sich in dem Gewirre von Nebenstraßen auskannte, eine feindliche Abteilung im Rücken der Barrikade, und nun kam es zu einem grimmigen und blutigen Handgemenge. Die Verteidiger aber behaupteten sich und vernichteten jene waghalsige Abteilung mit Hilfe einiger bereit gehaltener Petroleumbomben fast bis auf den letzten Mann. Dabei gerieten einige der umliegenden Häuser in Brand, und die Folge war eine riesige Feuersbrunst.

Auf Highgate Road war der Kampf womöglich noch heftiger; die wütenden Londoner fochten mit dem Mute der Verzweiflung. Auch hier waren die verderblichen Petroleumbomben ausgeteilt worden, und Männer wie Frauen schleuderten sie gegen die Deutschen, denen auch aus den Fenstern Petroleum sowie mit Paraffin getränktes und angezündetes Werg auf die Köpfe geschüttet wurde, so daß in einem Augenblick die Straßendämme zu Feuerströmen wurden, und viele Krieger des »Vaterlandes« in den prasselnden Flammen umkamen.

Jedes Mittel, die Eindringlinge zurückzutreiben, wurde versucht. So viele tausende auch die nördlichen Vororte verlassen hatten, es waren noch mehr tausende zurückgeblieben, die geschworen hatten, bis zum letzten Atemzuge ihre Heimstätten zu verteidigen. Das Knattern des Gewehrfeuers hörte nicht auf, und von Zeit zu Zeit mischte sich der dumpfe Donner eines schweren Feldgeschützes und das scharfe Hämmern einer Maximkanone in das Hurrageschrei, das Kreischen und Brüllen der Sieger und der Besiegten.

An der Barrikade auf dem Holloway Road triefte die Straße von Blut; und überall, in Kings Lane, Clapton, Westham Canning Town, wurde der Feind zurückgeworfen, so todesmutig und nachhaltig sein Ansturm auch war. Die Deutschen wurden jetzt gewahr, welch ernste Gefahr die rasend gewordenen Millionen Londons darstellten. Alle Abteilungen, die mit stürmender Hand eine Barrikade nahmen, wie z. B. auf dem Hornsey Road dicht beim Bahnhof, hatten sich sofort gegen den Angriff des wütenden Pöbels zu wehren und wurden einfach Mann für Mann niedergemacht.

Eben vor Mittag sah von Kronhelm ein, daß die Bewältigung der Barrikaden ungeheure Verluste kosten würde, so stark waren sie. Zudem waren ihre Besatzungen jetzt vielfach von regulären Truppen verstärkt worden, die auf der Flucht bis in die Stadt gelangt waren, und ein beträchtlicher Teil der Geschütze wurde nunmehr von Artilleristen bedient.

Von Kronhelm hatte sein Hauptquartier in Jack Straws Castle aufgeschlagen, von wo aus er das gewaltige London, die Hauptstadt der Welt, mit seinem Fernglase überblicken konnte. Unter ihm lag die ungeheure Erstreckung von Dächern, Türmen und Kuppeln, die in der Ferne sich in einen mystischen, grauen Dunst verlor, aus dem die Zwillingstürme und doppelten Dachbogen des Kristallpalastes aufragten.

Der hochgewachsene General mit dem hageren Gesicht und dem grauen Schnurrbart und mit dem glitzernden Kreuz am Halskragen stand ein paar Schritte seitwärts von seinem Stabe und starrte schweigend und gedankenvoll vor sich hin. Es war sein erster Blick auf London, und die riesenhaften Verhältnisse dieser Stadt setzten sogar ihn in Erstaunen. Wiederum ließ er sein Glas am Horizont entlangfliegen und zog die grauen Brauen zusammen. Er erinnerte sich der Abschiedsworte seines Kaisers, als er dessen kleines, einfach ausgestattetes Privatkabinett in Potsdam verlassen hatte:

»Wenn es not tut, so bombardieren Sie London. Der Stolz dieser Engländer muß um jeden Preis geknickt werden. Gehen Sie, Kronhelm – und Gott sei mit Ihnen!«

Die Mittagssonne glitzerte hell auf dem Glasdache des fernen Krystallpalastes. Weit drüben in dem grauen Dunst ragte Big-Ben auf, der Glockenturm, und die Spitzen unzähliger Kirchtürme, die fein und schmal aussahen in dieser Entfernung.

Das Knattern des Gewehrfeuers bei den Barrikaden reichte bis an den Standort des Generals; hinter ihm kniete ein Offizier im Grase, sein Ohr am Feldtelephon. Von überall her liefen Meldungen ein über den verzweifelten Widerstand in den Straßen; der General sah sie durch, warf noch einen Blick auf die vor ihm ausgebreitete Hauptstadt der Welt und erteilte dann rasch die Befehle für den Rückzug der Truppen von den Barrikaden und für das Bombardement von London ...

Im Umsehen tickten die Feldtelegraphen und läuteten die Telephone – ringsum ertönten deutsche Kommandoworte, und eine Sekunde später erhoben mit betäubendem Brüllen die Haubitzen der nahen Batterie ihre Stimmen und schleuderten ihre todbringenden Geschosse in die Richtung von St. John's Wood.

Zerstörend brauste der Hagelsturm über die Stadt hin, die von einem Halbkreise feuernder Geschütze umgeben war. Dem ersten Schusse folgten hunderte, als erst alle die Batterien auf dem nördlichen Höhenzuge ihre Befehle erhalten hatten, und die ganze ungefähr zwölf Meilen lange Linie von Chingford bis Willesden die verderblichsten aller modernen Geschosse auf die dichtest bevölkerten Teile der Hauptstadt schleuderte.

Es schien das eine unnötige Grausamkeit. Aber die Deutschen selber haben später erklärt, daß das Bombardement nur den Zweck gehabt hätte, Furcht und Schrecken unter dem Londoner Pöbel zu verbreiten, damit dieser alle etwa noch von den englischen Militärbehörden geplanten Versuche weiteren Widerstandes durch sein Eingreifen unmöglich machte.

Obgleich die Deutschen ihren Geschützen den günstigsten Schußwinkel gaben, so erstreckte sich die Feuerzone zuerst scheinbar nicht weiter nach Süden, als bis zu einer etwa von Notting Hill nach Walthamstow gezogenen Linie.

Aber die Panik war schon furchtbar genug, als die großen Granaten anfingen, in Holloway, Kentish Town, Coemden Town, Kilburn, Kensal Green und anderwärts zu platzen. Ganze Straßen wurden durch eine einzige Explosion niedergelegt, Feuersbrünste brachen aus, und finstere Rauchwolken verdunkelten den sonnenhellen Himmel. Überall schlugen prasselnde Flammen auf, und Männer, Frauen und Kinder wurden von den furchtbaren Geschossen in Stücke gerissen; andere suchten entsetzt und verstört Zuflucht in Kellern und was sie sonst für unterirdische Gelasse finden konnten, während über ihnen ihre Häuser wie Spielkarten zusammenstürzten.

Vor langen Jahren, als Paris bombardiert wurde, war die Artillerie noch nicht so vervollkommnet, und besaß man noch keine so starken Explosivstoffe, wie heutzutage. Die platzenden Riesengranaten erfüllten die Luft ebensowohl mit giftigen Dämpfen, wie mit todbringenden Splittern. Ein einziges Geschoß konnte beide Häuserreihen einer Straße zertrümmern und doch noch ein gewaltiges Loch in den Boden reißen. Häuserfronten wurden abgerissen wie Papierblätter, Eisengeländer wie Draht gewunden und Pflastersteine gleich Strohhalmen durch die Lüfte geschleudert. Die Bewohner Londons wurden von jähem Entsetzen gepackt. In dichtem Gedränge flohen sie südwärts nach der Themse zu. Einige wurden fliehend auf der Straße ereilt, zu Boden geworfen, verstümmelt und zermalmt; Männer und Weiber bis zur Unkenntlichkeit zerrissen, ihre Kleider versengt und zerfetzt; hilflose, unschuldige Kinder getötet, weiß und starr, die Glieder verzerrt oder abgerissen.

Die Luft wurde schwarz von Qualm und Staub, das Tageslicht verfinsterte sich über dem Norden Londons. Und durch diese Finsternis kamen die zischenden Granaten in ununterbrochenem Strome daher und platzten in diesen engen, dichtbevölkerten Straßen, – die Zerstörung, die sie anrichteten, ist nicht zu beschreiben, der Verlust an Menschenleben nicht zu berechnen oder nur zu schätzen. Auf je hundert Leute, die unter freiem Himmel in Stücke gerissen, kamen mehrere hunderte, die unter den Trümmern ihrer eigenen Häuser begraben wurden.

Den ganzen Nachmittag hindurch vernahm das Ohr nichts als den betäubenden Donner der deutschen schweren Geschütze.

Schon waren ganze Straßenzüge versperrt durch Dachziegel, Schornsteintrümmer, Telegraphendrähte, zerschlagene Möbelstücke, Steinstufen, Pflastersteine und herabgestürztes Mauerwerk. In das Hospital auf dem Hollow Road fiel eine Granate und tötete oder verwundete einige Wärter und eine ganze Anzahl von Kranken; nicht weit davon stand eine Kirche in hellen Flammen. Unzählige Menschen kamen um oder verloren eine Hand, einen Arm oder ein Bein durch die Splitter der mit unwandelbarer Regelmäßigkeit heransausenden Granaten.

Die deutschen Artilleristen wußten aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht, und es kümmerte sie auch nicht, wo ihre Geschosse einschlügen. Sie konnten jetzt, wo der Rauch aus Hunderten von Feuersbrünsten aufstieg, von ihren Standorten aus sicherlich nur wenig erkennen, und es kam ihnen lediglich darauf an, ihre Granaten so weit als möglich südwärts stiegen zu lassen.

In einer Kirche, in der gerade für den Erfolg der englischen Waffen ein Bittgottesdienst abgehalten wurde, durchschlug eine Granate die Wölbung, explodierte und tötete durch ihre Splitter und das herabstürzende Dach mehr als fünfzig Menschen, hauptsächlich Frauen.

Gleich beim Beginn des Bombardements waren viele Tausende in die Untergrundbahn als das sicherste Versteck gegen den Hagel von Geschossen hinabgestiegen. Zuerst hatten die Eisenbahnbeamten die Tore geschlossen, um den Andrang abzuhalten; aber auf allen Stationen der Untergrundlinien erbrachen die erschreckten Volksmassen sie und eilten auf den Aufzügen und Treppen nach unten, wo sie sich vollständig vor dem feindlichen Feuer geschützt wähnten.

Schon lange hatten die Züge aufgehört zu verkehren; die unterirdischen Stationen waren so gedrängt voll von Menschen, daß viele auf die Strecke selbst und bis weit in die Tunnel hinein geschoben und gestoßen wurden. Stundenlang warteten sie dort in der größten Aufregung und Angst, ob die Beschießung noch immer nicht aufhören wollte, daß sie wieder ans Tageslicht hinauf könnten. Plötzlich aber gingen die Lichter aus; eine explodierende Granate hatte in der Umformerstation die elektrischen Drähte zerrissen und damit auch die Aufzüge außer Tätigkeit gesetzt. Die Tausende, die gegen das Verbot der Beamten sich hinabgeflüchtet hatten, waren jetzt wie in einer Falle gefangen, denn die paar Öllampen, die hier und da einen schwachen Schimmer verbreiteten, vermochten den Ausbruch einer Panik nicht zu verhindern, und als man entdeckte, daß die Aufzüge nicht mehr gingen, und gar der Ruf ertönte, die Deutschen wären droben und hätten das Licht abgedreht, da entstand ein furchtbares Durcheinander und Gedränge. Die Treppen waren von dem sich stauenden Menschenstrom bald gesperrt; alles eilte deshalb in die engen, halbkreisförmigen Tunnel hinein, um die nächste Station zu erreichen. Aber in dem entsetzlichen Gedränge wurden unzählige Frauen und Kinder gequetscht, niedergeworfen und von ihren Hinterleuten totgetreten. Wild wogte der Kampf durch die schwarze Finsternis, von hinten wurde fortwährend mit unwiderstehlicher Gewalt geschoben, und viele derart gegen die Wände gepreßt, daß sie sich nicht rühren konnten und auch nach ihrem Tode noch wie angeklebt an den Mauern hingen ...

Dieser Vorgang wiederholte sich auf sämtlichen Stationen; auf einer einzigen wurden nachher über 420 Tote gezählt, zum großen Teil schwache Frauen und Kinder.

Kurz nach fünf Uhr ereignete sich ein Unfall, der von nationaler Bedeutung war. Von deutscher Seite muß es ein unglücklicher Zufall gewesen sein, da man dem Feinde nicht zumuten kann, daß er absichtlich zerstört haben sollte, was sonst seine wertvollste Kriegsbeute gebildet hätte.

Hoch durch die Luft sauste eine der Granaten her und schlug im Britischen Museum ein, so ziemlich in der Mitte der Fassade; sie explodierte und zertrümmerte eine Anzahl der schönen steinernen Säulen. Und ehe die Leute in der Nachbarschaft nur daran dachten, daß die weltberühmte Antikensammlung in die feindliche Schußweite geraten sein könnte, schlug krachend ein zweites Geschoß in die Rückseite des Gebäudes ein und riß ein mächtiges Loch in die Mauer. Es war förmlich, als ob alle Geschütze der am weitesten vorgeschobenen Batterie das nationale Schatzhaus von Kunstschöpfungen alter Zeiten aufs Korn genommen hätten; Granaten auf Granaten schlugen in rascher Folge ein, und ehe zehn Minuten verstrichen waren, wirbelte grauer Rauch aus der langen Frontkolonnade auf und wurde dichter und dichter – Das Britische Museum brannte! ...

Und damit nicht genug. Wie um das Unglück voll zu machen – die Deutschen freilich wußten sicherlich nichts davon –, flog auch eine jener schrecklichen Petroleumbomben heran, platzte im Manuskriptraum und verwandelte in einem Augenblick den ganzen Trakt in ein Feuermeer. So ging die schönste Sammlung von Büchern, Manuskripten, griechischen, römischen und ägyptischen Antiken, Münzen, Medaillen und prähistorischen Funden durch Feuer zugrunde ...

Die Feuerwehr war sofort alarmiert worden und bemühte sich unter größter Lebensgefahr, denn immer noch schlugen die Granaten in der Umgebung des Museums ein, und unter dem Beistande vieler freiwilliger Helfer, von denen einige leider in den Flammen umkamen, zu retten, was zu retten war, indem sie die Gegenstände auf den vergitterten viereckigen Platz vor dem Museum warf.

In den linken Flügel aber konnte niemand eindringen, auch nachdem es der unermüdlichen Feuerwehr gelungen war, die in den anderen Teilen des Gebäudes ausgebrochenen Brände endlich zu bewältigen. Der angerichtete Schaden war unersetzlich, denn mehrere einzig dastehende Sammlungen, darunter die Stiche, Zeichnungen und sämtliche mittelalterlichen und antiken Handschriften, waren bereits vom Feuer verzehrt worden.

Immer weiter nach Süden flogen die deutschen Geschosse. Die Artilleristen mußten sich die Kuppel der Pauluskirche zum Ziel genommen haben, denn beständig schlugen Granaten in Ludgate Hill, Cheapside, Newgate Street und auf dem Kirchhofe selbst ein. Eine traf die Stufen der Kathedrale und riß zwei von den Frontsäulen fort; eine andere traf den Uhrturm gerade unter dem Zifferblatt, schleuderte eine Menge Mauerwerk, sowie eine der riesigen Glocken unter betäubendem Krachen herunter und versperrte durch die Trümmer die ganze Straße. Der Feind schien auf die Zerstörung des herrlichen Bauwerks erpicht zu sein, die großen Granaten flogen jedoch darüber fort, und die Kuppel blieb heil, obwohl von der Spitze des zweiten Turmes etwa zehn Fuß weggeschossen wurden.

Überall sah man zerfetztes Mauerwerk, gewundene Eisenstangen, in tausend Stücke zersplitterte Balken. Auf beiden Ufern des Flusses standen die Werften in Flammen, und sowohl die obere, wie die untere Themsestraße war durch riesige Feuersbrünste unpassierbar gemacht.

Aus der großen Menge von Geschossen, die in der Umgebung des Parlamentsgebäudes niedergingen, war ersichtlich, daß die deutschen Artilleristen die königliche Standarte erblicken konnten, die auf dem Viktoriaturme flatterte, und sie zu ihrer Zielscheibe machten. Auf der Westfront der Westminster-Abtei schlugen krachend mehrere Geschosse ein und beschädigten das ehrwürdige alte Bauwerk auf das furchtbarste. Das Hospital gegenüber brannte lichterloh.

Plötzlich platzte eine der deutschen Brisanzgranaten an der Spitze des Viktoriaturms, sprengte alle vier Türmchen ab und brachte die Flaggenstange zu Fall. Auch Big-Ben diente der Artillerie als Ziel, denn er wurde von verschiedenen Schüssen getroffen, eins seiner riesigen Zifferblätter und die Spitze ihm abgeschossen. Auf einmal trafen zwei große Granaten ihn in der Mitte seiner Basis und sprengten ein so mächtiges Loch in die Mauer, daß er jeden Augenblick einzustürzen drohte. Auch andere Teile des Parlamentsgebäudes wurden getroffen, die Fenster zertrümmert, die Türmchen abgerissen.

Ein paar Augenblicke später stürzte einer der Zwillingstürme der Westminster-Abtei zusammen; eine andere Granate schlug krachend in den Chor ein und zertrümmerte vollständig den Altar Eduards des Bekenners, die Krönungssessel und all die Altertumssachen ringsum.

Die Zerstörung griff so weit um sich, daß es unmöglich sein würde, alle Einzelheiten des Schreckensgemäldes zu malen. Nur südlich von der Themse wurde wenig Schaden angerichtet, da die deutschen Haubitzen und Festungsgeschütze nicht so weit trugen.

London war gründlich eingeschüchtert. Dennoch wurden in den nördlichen Stadtteilen die Barrikaden noch immer von ihren tapferen Verteidigern gehalten, obwohl die Straßen vom Blute trieften; unzählige Heldentaten wurden hier verrichtet, und Tausende gingen unerschrocken für ihr Vaterland in den Tod – Umsonst, die Deutschen standen vor den Toren und waren auf die Länge nicht zurückzuhalten ...

Als das Tageslicht zu schwinden begann, waren Staub und Qualm geradezu erstickend geworden. Aber die Geschütze donnerten fort mit einer einförmigen Regelmäßigkeit, die die hilflose Bevölkerung zur Verzweiflung brachte. Überallhin folgten ihr das rasche Pfeifen in der Luft, die betäubenden Explosionen, das Krachen einstürzenden Mauerwerks und die giftigen Dämpfe, die jeden zu ersticken drohten, der sich in der Nähe eines platzenden Geschosses befand.

Der Feind, der uns bisher im ganzen menschlich behandelt hatte, führte jetzt, angesichts des hartnäckigen Widerstandes der nördlichen Vororte, die Anweisung aus, die der Kaiser seinem Feldherrn zum Abschied erteilt hatte: er demütigte den Stolz Londons mit Hinopferung von tausenden unschuldiger Menschenleben ...

Die Dämmerung senkte sich herab. Wie ein Leichentuch breitete sich der Qualm aus, der aus den brennenden Gebäuden aufwirbelte, und darüber hin goß die untergehende Sonne ihre blutroten Tinten. Aber die Kanonade dauerte fort, Geschoß auf Geschoß sauste heran und streute Tod und Verderben aus.

Gegen vier Uhr hatte von Kronhelm durch den Feldtelegraphen mehreren Batterien den Befehl erteilt, vorzugehen und die Barrikaden im Norden anzugreifen; und als nun – es geschah das bald nach fünf Uhr – die deutschen Geschosse in diese hastig errichteten Verteidigungswerke sich einwühlten, da ward unter den tapferen Verteidigern ein grauenhaftes Blutbad angerichtet. Breschen waren rasch gelegt, und zu hunderten wurden die Verteidiger durch die Granaten der Schnellfeuergeschütze hingemäht.

Bis gegen sieben Uhr hielt das dumpfe Donnern der Geschütze im Norden an. Dann war wie auf ein gegebenes Zeichen alles still – die erste Ruhepause seit der Mittagsstunde.

Von Kronhelms Feldtelegraph in Jack Straw Castle hatte Order gegeben, das Feuer einzustellen.

Alle Barrikaden waren in der Hand des Feindes.

Brennend lag London da – in den Klauen des deutschen Adlers ...

Und als die Dunkelheit sich über die unglückliche Stadt legte, blickte der deutsche Höchstkommandierende wiederum durch sein Fernrohr und sah an unzähligen Stellen die roten Flammen aufzüngeln, denen ganze Häuserblocks und Straßenzüge zum Opfer fielen.

Endlich lag London, die stolze Hauptstadt der Welt, an der das Herz jedes Engländers hängt, unter der Eisenferse Deutschlands ...


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