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XXVI.

Weitere Nachrichten aus Essex.
Die Engländer zurückgetrieben.


Über die Operationen des 12. deutschen Armeekorps in Essex hatte Mr. Henry Alexander, der Mayor von Maldon, ein Tagebuch geführt; da er sein Ehrenwort gegeben hatte, die Stadt nicht zu verlassen, hatte er auf seinem Posten verbleiben müssen.

Es hat den Anschein, als ob der ganze Montag ohne irgendeinen bemerkenswerten Zwischenfall verlaufen wäre; die Deutschen fuhren fort, ihre Geschütze in Position zu bringen, das Gelände vor ihren Verschanzungen schußfrei zu machen und im allgemeinen ihre Verteidigungswerke zu verstärken.

Über den Dienstag, 6. September, aber heißt es im Tagebuche des Mayors:

Gegen sechs Uhr heute morgen wurde ich plötzlich wach. Der Wind war nach Norden herumgegangen, und es kam mir vor, als ob in der Richtung irgendwo heftig gefeuert würde. Ich öffnete das Fenster und blickte hinaus. Das dumpfe Rollen und Dröhnen einer Kanonade, hin und wieder auch das Knattern des Gewehrfeuers, ward laut und deutlich auf dem Winde von den Hügeln bei dem Dorfe Wickham Bishops hergetragen. Ich konnte den Kirchturm genau sehen, ebenso kleine schwache Ringe und Puffe grauen Rauches, die bald da bald dort am Kirchturm und zwischen den Bäumen an seinem Fuße aufstiegen. Das waren Granaten, die explodierten, daran war kein Zweifel!

Ich vermutete sofort, daß die deutschen Truppen, die schon am Sonntage von hier in die Richtung nach Colchester abmarschiert waren, mit der Garnison dieser Stadt zusammengeraten sein müßten. Das Feuer währte etwa eine Stunde und starb dann hin.

Bald nach acht Uhr ließ Graf von Ohrendorff, Kommandeur der 32. Division, der hier den höchsten Rang zu bekleiden schien, mich holen und ersuchte mich, mit den Damen der Stadt die Beschaffung von Verbandmaterial und Charpie in die Hand nehmen zu wollen; da ich nicht sah, weshalb ich mich hatte weigern sollen, nahm ich es auf mich, machte mich sofort ans Werk und hatte unter dem wirksamen Beistande meiner Frau bald etwa 20 mehr oder weniger willige Frauen in der Nationalschule an die Arbeit gesetzt.

Unterdessen war abermals von Wickham Bishops her furchtbarer Kanonendonner zu hören gewesen, lauter und andauernder als vorhin. Sobald ich in der Schule abkommen konnte, eilte ich nach Hause und stieg auf den Dachboden. Der Petriturm und alle hohen Gebäude, die einen guten Überblick gewährten, waren von den Deutschen besetzt; mit Hilfe meines Feldstechers konnte ich mich aber auch von hier aus einigermaßen orientieren. Schwarze Rauchwolken stiegen aus Wickham Bishops auf, und bisweilen glaubte ich gegabelte Feuerzungen zwischen den umgebenden Bäumen auflodern zu sehen. Und jetzt sah ich eine Reihe kleiner schwarzer Punkte auf das offene Gelände südlich von der Kirche herauskommen. Die Bäume des Eastland-Waldes verbargen sie bald meinen Blicken, aber es folgten andere Reihen und dann auch schwarze Klumpen, die sich bewegten, und die ich für geschlossene Truppenkörper hielt. Hierauf sah ich vier oder fünf Geschütze mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf den Weg zufahren, der zwischen dem Eastland- und dem Captains-Walde durchführt; und dann wieder, ebenfalls in unglaublicher Eile, neue schwarze Punkte, von denen hier und da einige zu Boden stürzten und liegen blieben.

Ihnen auf den Fersen waren andere Punkte, die aber nicht ganz so deutlich waren. Ich blickte schärfer hin. Hurra! Leute in Khaki! ... Endlich also trieben wir diese Deutschen zu Paaren!

Auch sie verschwanden hinter den Gehölzen. Dann aber leuchteten zwischen den Bäumen rings um Wickham rasch nacheinander helle Blitze auf, denen nach einer Pause das laute Donnern schweren Geschützes folgte. Mehr konnte ich nicht unterscheiden, solange das Schlachtgetöse auch anhielt.

Bald nach elf Uhr galoppierten vier deutsche Geschütze von Heybridge heran, denen ein langer Zug lahmgeschossener Menschen nachhinkte; einige von ihnen schleppten sich ohne Hilfe weiter, andere an dem Arm von Kameraden, noch andere wurden auf Bahren getragen. Lazarettwagen fuhren im Trabe hinaus und lasen noch mehr Verwundete auf. Unsere Verbandsachen und unsere Charpie hatten nicht lange auf ihre Verwendung zu warten gehabt ... Das Feuer hörte jetzt für eine Weile auf.

Gegen ein Uhr ließ der deutsche General mir sagen, daß er einen Angriff auf die Stadt während des Nachmittages nicht für unmöglich halte und mir den dringenden Rat gebe, alle Frauen und Kinder – wenigstens einstweilen – aus der Stadt zu schaffen. So wohlgemeint dieser Rat auch sein mochte, ihn zu befolgen, mußte einigermaßen schwierig sein, ganz zu geschweigen der Panik, die es unter den Einwohnern hervorrufen würde. Dennoch war es mir anderthalb Stunden später gelungen, mehrere hundert Weiber und Kinder zu bewegen, daß sie sich nach Mundon auf den Weg machten. Da das Wetter für die Jahreszeit warm war, konnten sie dort, dachte ich mir, schlimmstenfalls die Nacht in der alten Kirche zu bringen.

Ich verließ die traurige kleine Schar der Ausgetriebenen – alte, gebeugte Frauen, denen ihre Töchter weiterhalfen, zarte Kinder, die sie hinter sich her durch den Staub mitschleppten, und die sich an ihrer Mütter Kleidern festklammerten, Säuglinge, die noch auf den Armen getragen werden mußten, und andere, größere und stärkere Kinder, die unter dem Gewichte wertvolleren Hausrates keuchten – und eilte zurück, um ihnen Mundvorrat nachschicken zu lassen.

Bei jedem Schritt nach Hause erwartete ich die Kanonade wieder einsetzen zu hören; aber außer dem Gezwitscher der Vögel in den Bäumen und Hecken, dem Rasseln und Poltern der vorbeijagenden Gefährte und dem Dröhnen eines Zuges auf der Bahnstrecke zu meiner Linken – den gewöhnlichen Lauten der ländlichen Umgebung – unterbrach nichts die Stille. Beinahe hätte ich mir vorstellen können, daß die Ereignisse der letzten 24 Stunden nur das Gegaukel eines Traumes wären.

Nachdem ich einige Stadtverordnete aufgesucht hatte, die es auf sich nahmen, den Frauen und Kindern Proviant nach Mundon zu schicken, sorgte ich dafür, daß meine Frau mit meinen Kindern nach Purleigh hinüberfuhren, um die Nacht dort bei Bekannten zu verbringen, – natürlich auf improvisierten Lagerplätzen, denn auf der ganzen Halbinsel hatte ja jedes Haus bereits eine Anzahl deutscher Offiziere und Mannschaften zu beherbergen.

Dann trat ich in den Garten hinaus – oder vielmehr, was früher Garten gewesen war. Dort sah ich, daß die sächsischen Geschützmannschaften schon bei ihren Geschützen standen, und einer meiner nicht gerade willkommenen Gäste rief mir in gebrochenem Englisch zu: »Wenn Sie auf mich hören wollen, so machen Sie schleunigst, daß Sie von hier fortkommen!«

»Was, soll auch hier die Schießerei losgehen?« fragte ich.

»Na, uns läge eigentlich nicht so sehr viel daran, aber es sieht so aus, als ob Ihre Freunde aus Colchester Lust hätten, zu probieren, ob sie uns treffen könnten!«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da vernahm ich einen scharfen, zischenden Laut gleich dem einer Lokomotive, die Dampf abläßt. Er wurde lauter und lauter, indem er über unsere Köpfe dahinfuhr, und fast unmittelbar darauf erfolgte ein furchtbares Krachen irgendwo hinter dem Hause. Ein tieferer und gedämpfterer Knall tönte aus dem Tale jenseits von Heybridge herauf.

»Aha, nun gehts los, und Sie können nichts Besseres mehr tun, als dort hinter die Brustwehr zu springen,« bedeutete mich der deutsche Offizier.

Sein Rat war gut, und ich befolgte ihn ohne Zögern.

»Da ist noch eine!« rief er und sprang neben mich in die Geschützgrube. »Wir werden jetzt mehr als genug davon bekommen!«

So geschah es. Granate auf Granate kam zischend und pfeifend über die Baumspitzen der tiefer gelegenen Gärten herangeflogen. Jedesmal war mir, als ob sie gerade auf meinen Kopf zukäme, aber eine nach der anderen flog über uns weg, um drüben zu explodieren. Die Artilleristen kauerten sich alle dicht an die aus Erde aufgeworfene Brustwehr, – ich tat desgleichen und schäme mich nicht, es zu gestehen. Mein deutscher Offizier kletterte indessen von Zeit zu Zeit auf den Erdhügel hinauf, um durch seinen Feldstecher den Stand der Dinge zu beobachten.

Da – ein furchtbarer Knall – eine Säule von Schmutz und Rauch stieg aus dem nächsten Garten unter uns auf! Und dann trafen fast gleichzeitig zwei Granaten die Brustwehr der Geschützgrube zu unserer Linken! Das gab eine betäubende Explosion, die uns ganz mit Erde und Steinen überschüttete.

Unmittelbar darauf flog ein anderes Geschoß so dicht über unsere Köpfe weg, daß ich fühlte, wie meine Haare zu Berge standen. Ich eben über die Brustwehr weg und seitwärts auf mein Haus zugeguckt: gerade rechts vom Eßstubenfenster war ein gewaltiges Loch, aus dem in diesem Augenblick das laute Krachen der Explosion herausscholl; alle Fensterscheiben klirrten und flogen in Splittern heraus, und dicker Rauch, weiß und schwarz, wirbelte aus dem Innern hervor.

»Mein Haus brennt!« schrie ich und stürmte wie närrisch aus der Grube und auf die Gartentür zu. Kaum war ich über die Schwelle gesprungen, da krachte es abermals über mir, und heller Lichtschein blitzte die Treppe herunter: ein neues Geschoß, das den Weg nach meinem Hause gefunden hatte! ...

Ich versuchte, bis in mein Arbeitszimmer zu dringen, fand aber den Weg durch niedergestürzte Balken und Plafondstücke verrammelt. Von dem Qualm, und weil die Fenster voll Schutt waren, war es sehr dunkel in der Halle; – um mich zurechtzufinden, schaute ich mich um, und es ging nur durch und durch, als ich über einen Trümmerhaufen weg zwei glänzend rote, blitzende Flecke sah ... Aber das Miauen, das nun ertönte, belehrte mich schnell, daß es nur des armen Tim, des Katers, Augen waren, der, allein zurückgeblieben, durch das Getöse und die Detonation der explodierenden Geschosse fast zu Tode erschreckt worden war. Während ich ihn noch anstarrte, schlug wiederum eine Granate dicht neben mir ein. – Tim wurde durch einen der herumfliegenden Splitter einfach zermalmt, ich aber zu Boden geworfen und unter einem Schauer von Ziegelsteinen und Mörtel halb begraben.

Ich muß wohl einige Zeit bewußtlos dagelegen haben, und das Erste, dessen ich mir wieder bewußt wurde, war, daß ein paar Sachsen mich in den Garten hinausschleppten; ich hatte rasende Kopfschmerzen und griff mit Begierde nach einem Glase Wasser, daß einer von ihnen mir reichte. Ihr Offizier, der ein sehr anständiger Kerl zu sein schien, bot mir seine Feldflasche.

»Ihr Haus ist wieder allright,« sagte er mit seinem starken Akzent. »Als es Feuer fing, haben wir es glücklich gelöscht, und für den Augenblick scheinen Ihre Freunde jetzt das Feld geräumt zu haben. Sie waren zuletzt höllisch waghalsig geworden und mit ihren Geschützen so weit vorgegangen, daß das Kriegsschiff auf dem Flusse sie in die Flanke fassen konnte: zwei von ihren Geschützen wurden in Muus und Gruus geschossen, und sie selber mußten machen, daß sie davon kamen; – auch Sie können nichts Besseres tun, Sir, als diesem Beispiel folgen! ...«

Ich war unschlüssig, ob ich bleiben sollte oder nicht. Das Haus konnte ich doch nicht retten; warum also nicht lieber zu meiner Familie im Pfarrhause von Purleigh gehen? Andererseits hatte ich die Empfindung, daß es mir, als Mayor, besser anstehen würde, wenn ich die Stadt nicht im Stiche ließe. Das Pflichtgefühl bekam die Oberhand, ich entschloß mich zu bleiben, wo ich war – für den Augenblick wenigstens. Alles war jetzt ruhig, und nach einem frühzeitigen Abendessen begab ich mich zur Ruhe und fiel ungeachtet der Erregung des Tages und meiner Kopfschmerzen in Schlaf, sowie ich das Kissen berührte.

Mittwoch, den 7. September.

Es muß gegen drei Uhr in der Frühe gewesen sein, als ich erwachte. Meinem Kopfe ging es viel besser, und eine Minute oder zwei blieb ich gemütlich im dunkeln liegen, ohne die geringste Erinnerung an die Ereignisse des vorhergehenden Tages. Da aber sah ich einen hellen Schein rasch über die Zimmerdecke fliegen und empfand eine stumpfe Verwunderung, was es sein könne ... Da war es schon wieder, verweilte einen Augenblick und verschwand ... Ich war jetzt hellwach, ging ans Fenster und blickte hinaus. Es war noch ganz dunkel, aber von jenseits Heybridge schoß ein langer weißer Strahl über die ganze Umgegend von Maldon: jetzt hob sich die Laubkrone eines Baumes im Garten unter uns bleichgrün in grellster Bestrahlung aus der schwarzen Umgebung hervor – jetzt warf eine Hausmauer, eine halbe Meile weit fort, das sich drehende Strahlenbündel weiß wie ein Blatt Papier zurück ... Und da leuchtete noch ein Schein auf, und nun glitten sie alle beide vorwärts und zurück, und ließen unsern ganzen Abhang tanzen und schwindelnde Sprünge machen.

Noch ein dritter, stärkerer Strahl durch brach die Dunkelheit – er kam von rechts her, aus größerer Ferne, und richtete sich anscheinend auf den Ursprung der beiden anderen; fast zur selben Zeit aber tönte von Heybridge her der Knall eines Flintenschusses scharf und unheimlich durch die stille Finsternis der Nacht. Ein halb Dutzend einzelner Schüsse folgten, dann ein schwaches Hurrageschrei. Mehr und mehr Gewehre fielen ein, – augenblicklich auch das heisere Klappern eines Maschinengewehres.

Hastig kleidete ich mich an. Das Feuer nahm zu an Umfang und Geschwindigkeit, Hornsignale ertönten hier und dort und bald in der ganzen schlafenden Stadt, und durch das Trommelgerassel konnte ich den eiligen Tritt von Hunderten von Füßen unterscheiden.

Als ich das Zimmer verließ, warf ich einen Blick aus dem Fenster. Die Zahl der elektrischen Scheinwerfer war bis auf sechs gestiegen; einige streckten lange, steife Finger in die leeren Räume der Nacht aus, andere wanderten rastlos auf und ab, hierhin und dorthin. Drunten in der Tiefe, über den Bäumen des Gartens, lag ein dunkelroter Schein, der langsam an Ausdehnung und Stärke zunahm. Das Gewehrfeuer knatterte ununterbrochen weiter.

Ich eilte auf die Straße hinaus und wurde beinahe von einem daherstürmenden Battaillon umgerannt, das im Laufschritt den Cromwellhügel herabkam. Eigentlich ohne zu wissen, was ich tat, lief ich hinterher. Der Feuerschein vor uns ward heller und heller. Ein paar Schritt, und ich sah, was die Ursache davon war: ganz Heybridge schien in Flammen zu stehen, und aus einer Menge verschiedener Feuersbrünste schoß die Lohe prasselnd zum Himmel auf.

Es trieb mich, möglichst nahe an das brennende Dorf vorzudringen, damit ich sähe, was dort vorginge. Aber ich machte meine Rechnung ohne die Deutschen. Als ich bis an die Brücke gekommen war, verwehrte mir der dort kommandierende Offizier das Weitergehen. Außer den überall hinter den Wällen und Gebäuden am Flußufer stehenden oder knienden Soldaten und einigen Maschinengewehren, die so aufgestellt waren, daß sie die Brücke und den jenseitigen Abhang bestrichen, war hier nicht viel zu sehen. Mehrere Deutsche aber machten sich in der großen Mühle gerade über dem Fluß stark zu schaffen, – was, konnte ich aber nicht entdecken. Als ich umkehrte, wurde der Feuerschein plötzlich stärker und stärker. Eine Masse dunkler Gestalten kam den hell erleuchteten Weg auf die Brücke zu hergerannt, während das Gewehrfeuer lauter wurde und sich näher herzog. Hier und da wurde die Luft belebt von, wenn ich so sagen darf, zischend und summend daherfliegenden Insekten: die Engländer mußten sich durch Heybridge durchgekämpft haben, und dies ihre Gewehrkugeln sein!

Da es gefährlich war, hier unten länger zu verweilen, so ergriff ich das Hasenpanier. Mitten im Laufen hörte ich hinter mir eine donnernde Explosion, deren Erschütterung mich beinahe zu Boden warf. Als ich über die Schulter blickte, sah ich, daß die Deutschen die Mühle am anderen Ufer in die Luft gesprengt hatten und nun Karren und dergleichen herbeischoben, um die Brücke zu verbarrikadieren. Auch die beiden Maxims begannen mit ihrem hämmernden Geknalle Blei zu spritzen.

Ich eilte nach links davon und bog bei der Petrikirche in die High Street ein. Gerade an der Ecke aber rannte ich Mr. Clydesdale in die Arme, dem Optiker, der die Aufsicht über die Bibliothek führt, die jetzt in der ehemaligen alten Kirche aufgestellt ist; er zeigte nach dem Turm hinauf, der dunkel gegen den blutroten Himmel aufragte.

»Sehen Sie diese verdammten Deutschen an!« rief er aus. »Nicht mal von dem alten Bauwerk können sie wegbleiben! Ach, hätten wir doch die Bücher fortgeschafft, ehe sie ankamen ...«

Ich konnte da, wohin er zeigte, keinen unserer Feinde erblicken, aber plötzlich entdeckte ich hoch oben auf der Turmspitze ein winkendes, blinkendes Licht.

»Das sind sie,« sagte Clydesdale. »Sie geben Signale, denke ich. Mein Junge sagt, er hätte gestern abend auf dem Kirchturm von Purleigh ganz dieselbe Geschichte gesehen. Wahrhaftig, ich wollte, sie fielen damit herunter! Es ist jedenfalls recht wacklig da oben ...«

Die Straße war ziemlich voll von Leuten. Obgleich die Deutschen angeordnet hatten, daß von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens sich niemand außer Hause blicken lassen dürfe, so mochten sie gerade anderswo alle Hände voll zu tun haben, und wenn die paar Soldaten, die augenblicklich hier waren, von dem Verbot wußten oder daran dachten, so sagten sie doch nichts. Wat Miller, der Postbote, kam heran und faßte an seine Mütze.

»Schreckliche Zeiten, Sir,« sagte er, »nicht wahr? Heut nachmittag 'ne Masse Leute getötet durch die Granaten da ... Die arme alte Frau Reece zum Beispiel, aus der Londoner Straße – bettlägerig, wissen Sie, schon an die zwölf Jahre lang – ja, Sir, von ihrem Kopf blieb auch nicht soviel übrig! Ordentlich zu Brei wurde sie, die arme alte Dame! Na, und dann von Zimmermann Johns die drei Kleinen, die zu Hause bleiben mußten, als ihre Mutter mit dem Jüngsten an der Brust nach Mundon ging wie all die übrigen Weiber! Das Haus wurde getroffen und fiel über sie zusammen – Zwei hat man herausgeholt, aber sie waren schon tot, und nach dem dritten sucht man noch ...«

Das Krachen einer Salve schweren Geschützes aus der Richtung meines eignen Hauses unterbrach seine Schreckensgeschichten.

»Das werden die Kanonen in meinem Garten sein,« sagte ich.

»Ja, Sir; und drei riesig große Dinger haben sie gerade hinter der Kirche aufgestellt – dort, in der Öffnung zwischen den Häusern,« sagte Clydesdale.

Kaum hatte er gesprochen, so erhuben die eben erwähnten Kanonen ihr Gebrüll, eine nach der anderen.

»Sieh mal an – sieh da auf 'm Turm!« rief der Postbote.

Das Licht auf der Spitze war verschwunden, und das luftige Bauwerk neigte sich langsam nach links!

»Er fällt doch um!« rief Clydesdale aus.

Es war wahr. Die alte Turmspitze, die so vielen Generationen himmelwärts gewiesen hat, kam herunter, mit einem so furchtbaren Krachen, daß es sogar den Lärm der Schlacht verschlang, obwohl gerade jetzt Geschütze aller Art und von allen Kalibern in das höllische Konzert einstimmten, und die englischen Batterien donnernd ihre Granaten über die Stadt hinzusenden begannen. Diese Erschütterung durch das Schießen hatte der alte Turm nicht aushalten können; seit Jahren schon stand er auf schwächlichen Füßen und war nur immer so ausgeflickt worden.

Sobald die Staubwolke sich verzogen hatte, eilten wir alle drei auf den gewaltigen Trümmerhaufen zu, der den kleinen Kirchhof erfüllte. Mehrere andere taten desgleichen. Trotz des Feuerscheines, der den ganzen Himmel färbte, war es hier unten im Schatten der Bäume und Häuser sehr dunkel; wir zündeten Streichhölzer an und durchsuchten die Haufen von Ziegelsteinen und Balken, um zu sehen, ob nicht einer von der deutschen Signalmannschaft darunter läge. Warum wir uns diese Mühe eigentlich gaben, weiß ich nicht recht; es war von mir und den meisten übrigen eine instinktive Regung der Humanität, glaub' ich. Miller jedoch, der Postbote, war logisch. »Ich hoffe, sie sind alle hin!« waren seine Worte.

Ich gewahrte einen Arm, der in einem hellblauen Ärmel aus dem Trümmerwerk hervorragte, und erfaßte ihn in der Absicht, an ihm den übrigen Körper unter den Steinen und dem Holzwerk hervorzuziehen: aber wer beschreibt mein Entsetzen, als der Arm lose in meiner Hand hängen blieb! – Der Rumpf, zu dem er gehörte, lag an Gott weiß welcher anderen Stelle des ungeheuren Trümmerhaufens begraben! Ich schrie auf, ließ ihn fallen und floh davon.

Die Dämmerung brach herein. Ich erinnere mich nicht genau, wohin ich mich nach dem Einsturz des Petriturms begab; aber es muß zwischen halb sechs und sechs Uhr gewesen sein, als ich mich auf der hochgelegenen Nordwestseite der Stadt befand, von wo man auf den ebenen Golfplatz herunterblickt, auf dem ich in der jüngsten Vergangenheit – wie weit, ach, lag sie jetzt hinter mir – so viele vergnügte Stunden verlebt hatte. Rings um mich nichts als Batterien, Schanzgräben und Geschützgruben! Aber obwohl auf der Rechten, wo Heybridge schwarze Rauchwolken aufsteigen ließ wie ein Vulkan, das Feuern noch nicht aufgehört hatte, so waren doch Geschütze und Haubitzen verstummt und die Bedienungsmannschaften, statt hinter der Erdschutzwehr Deckung zu suchen, standen zusammen auf der Erhöhung und spähten eifrig ins Tal hinab. So vertieft waren sie, daß ich mich dicht hinter sie schleichen und auch einen Blick auf die Vorgänge werfen konnte. Was ich sah, war folgendes:

Über die Eisenbahnbrücke, die sich ein wenig zur Linken über den Fluß spannt, eilte, Bataillon auf Bataillon, die grün und blau uniformierte deutsche Infanterie. Drüben kletterten sie über den Bahndamm und setzten dann ihren Marsch fort. Wo die Eisenbahn ihre Kurve macht, etwa eine halbe Meile hinter der Brücke, war die Krone des Dammes mit dunklen Gestalten besetzt, die liegend zu feuern schienen. Über den Golfplatz aber trabten die himmelblauen Reiter dahin, Schwadron nach Schwadron, die grünweißen Fähnlein munter im Winde flattern lassend; sie setzten über das Blackwater und den Chelmer-Kanal und ritten in die Richtung von Langford Rectory.

Jetzt sprangen die hinter dem Bahndamm zusammengedrängten Deutschen auf, überstiegen ihn, Plänklerkette auf Plänklerkette, und stürmten auf den unteren Teil der Stadt los, gerade quer über den Fluß. Hunderte fielen unter dem Feuer, das aus den von den Unsrigen besetzten Häusern auf sie abgegeben wurde, aber eine Linie nach der andern erreichte die Gebäude. Das Gewehrfeuer war jetzt heftiger als je – ohne die geringste Pause, während die Artillerie, abgesehen von einem gelegentlichen Schuß jenseits von Heybridge, im Schweigen verharrte.

Ich verstehe äußerst wenig von militärischen Dingen; aber selbst mir war es deutlich, daß das, was ich gerade gesehen hatte, ein schneidiger Gegenangriff der Deutschen war, die entweder vom anderen Ende der Stadt oder weiter vom Binnenland her frische Truppen herangezogen und unter dem Schutz des Eisenbahndammes gegen die Engländer vorgesandt hatten. Ich war nicht imstande, das Ende dieses Kampfes abzuwarten, aber schlechte Nachrichten fliegen schnell, und bald wußte es die ganze Stadt, daß die Unsrigen, es war die Division von Colchester, nicht nur den Fluß nirgendwo hatten überschreiten können, sondern Hals über Kopf aus der unteren Stadt rings um den Bahnhof und aus den rauchenden Ruinen von Heybridge mit starken Verlusten hinausgeworfen waren und sich jetzt in vollem Rückzüge befanden ...

Ja, eine Stunde oder zwei darauf wurden mehrere hunderte unserer Landsleute in Khaki als Gefangene durch die Stadt geführt, ganz zu geschweigen der zahlreichen Verwundeten, die im Verein mit den verwundeten Deutschen bald jedes zu Hospitalzwecken verwendbare Gebäude zu füllen begannen. Die Gefangenen gingen unter Geleit nach Mundon ab und sollen von dort nach Steeple gebracht worden sein. Es war ein unheilvoller Tag, und unsere Hoffnungen, die zu steigen begonnen hatten, als die Engländer in den nördlichen Teil der Stadt eingedrungen waren, fielen wieder unter Null ...

Derselbe Offizier, der mich neulich auf dem Golfplatze gefangen genommen hatte, kam jetzt auf einem großen Mercedeswagen von 24 Pferdekräften nach Maldon hereingesaust; er fuhr direkt nach meinem Hause und teilte mir mit, daß er Befehl hätte, mich zum Prinzen Heinrich zu bringen, der in den ersten Nachmittagsstunden in Purleigh sein würde.

»Hängt es etwa mit dem Scharmützel der Freiwilligen zusammen?« fragte ich.

»Weiß nicht,« war die Antwort. »Ich glaube aber nicht ... Könnte ich in der Zwischenzeit hier ein oder zwei Stunden schreiben?« fragte er höflich. »Ich habe meinen Freunden in Deutschland soviel zu schreiben und noch keine Minute übrig gehabt.«

Ich tat dem jungen Manne gern den kleinen Gefallen, und er saß bis gegen Mittag in meinem Arbeitszimmer, sehr beschäftigt mit Feder, Tinte und Papier.

Nach einem hastigen Frühstück setzten wir uns in den Fonds des wieder vorgefahrenen Automobils; vorn saßen seine Ordonnanz und der Chauffeur, ein energisch aussehender Mann in halbmilitärischer Tracht. Wir fuhren schnell die High Street entlang und sausten bald auf der Straße nach Purleigh dahin, wo ich vieles sah, was mein Erstaunen erregte. Ich konnte mir jetzt erst einen Begriff davon machen, mit welcher Vollständigkeit die Deutschen ihre Pläne vorbereitet hatten.

Als wir außerhalb der Stadt waren, bemerkte ich, daß das ganze flache, offene Gelände zu beiden Seiten der Straße von deutschen Truppen wimmelte, welche gruben und schanzten. Sie legten hinter den von Norden nach Süden laufenden Hecken tiefe Schanzgräben an. Daß sie tief sein mußten, merkte ich daran, daß aus den bereits vollendeten Teilen nur die Köpfe und Schultern der Mannschaften noch hervorragten. Die Erde warfen sie entweder hinter sich oder häuften sie vorn in der Hecke zusammen. Ich nehme an, daß die Schanzgräben auf der anderen Seite durchaus unsichtbar waren.

Längs der Ostseite des Eisenbahndammes hoben sie einen Terrassenrand aus – wahrscheinlich, um von dort aus über den Damm wegfeuern zu können –, während auf seiner ganzen Ausdehnung hier und da Schutzdächer angebracht waren, die von Eisenbahnschwellen oder anderem Balkenwerk getragen und mit mehreren Fuß Erde überdeckt waren. Auch diese Schutzdächer mußten von Westen aus unsichtbar bleiben. Geschütze sah ich nicht, ehe wir auf der kleinen Steigung der Straße gerade vor Flounders Farm ankamen. Hier waren mehrere Geschützgruben ausgehoben, gleich denen in meinem Garten. Ich sah nur ein paar Geschütze, aber es war wenigstens für ein Dutzend Platz. Die Leute bauten hier eine Art Schirm aus Buschwerk und Zweigen ein paar Yards weiter nach vorne, während wir vorbeifuhren.

Als wir uns rechts wandten und eben vor Purleigh die Eisenbahn kreuzten, konnte ich die ganze Strecke bis nach Maldon entlangsehen: Auf beiden Seiten, aber hauptsächlich auf der westlichen, lagen wunderliche, in der Sonne schimmernde Flecke, von deren Beschaffenheit ich mir keinen Begriff machen konnte, bevor wir an einem von ihnen dicht vorüberkamen. Da sah ich, daß der Boden mit einer Art Netzwerk aus Stacheldraht spinnwebartig bedeckt war; danach mußten sich also derartige Drahthindernisse auf der ganzen deutschen Front entlangziehen. Rings um Purleigh schien die Linie der Schanzgräben ein gut Teil weiter westlich angelegt worden zu sein. Von der eine kleine Senkung durchlaufenden Straße hatte es den Anschein, als ob sie sich auf dem Kamm einer Bodenschwelle nach rechts zögen, aber ich wußte, daß diese in Wirklichkeit nicht höher war, als das davorliegende Gelände, da der Boden nur sehr langsam ansteigt.

Rund um die Anhöhe, die die Kirche und das Pfarrhaus von Purleigh trägt, lagen frisch aufgeworfene Erdhaufen, zwischen denen ich mehrere Geschützmündungen zu entdecken glaubte. Da der Prinz, wie von Pabst mir mitteilte, im Pfarrhause sein würde, hoffte ich Gelegenheit zu haben, meine Frau und meine Kinder zu sehen und mich persönlich von ihrem Wohlsein zu überzeugen. Ich wurde in meiner Hoffnung nicht getäuscht, denn als wir den Hügel hinauffuhren, sah ich sie im Garten, und sie eilten mir bis an der Pforte des Pfarrhauses entgegen; leider war unser Zusammentreffen nur kurz, da der Prinz sich nach South Hanningfield begeben und den Befehl hinterlassen hatte, daß wir ihm dorthin folgen sollten.

Wir stiegen also mit der Aussicht auf eine beträchtlich längere Fahrt wieder ein; denn einmal war die Strecke, die vor uns lag, bedeutend weiter als die bereits zurückgelegte, und dann machen die Straßen auf gut Essexer Art die wunderbarsten Windungen.

Ungefähr eine Meile hinter Purleigh zieht sich der Weg durch das Dorf Howegreen und hat zur Rechten eine schmale, für diese Gegend recht ansehnliche Höhe, die auf etwa eine Meile oder noch etwas länger einen natürlichen Festungswall bildet; auf ihrer Spitze liegt ein Gehöft namens Whitmans Farm, und dicht daran grenzt ein ziemlich ausgedehntes Gehölz, das sich die abgewendete Seite hinabzieht. Die Deutschen schienen droben Verschanzungen anzulegen; aber wir fuhren nicht dicht genug vorbei, um es genau sehen zu können.

Hinter dem Hügel aber, rechts und links vom Wege, befand sich ein ausgedehntes deutsches Lager oder Biwak, sowie eine Menge von Geschützen. Nach links, beim Bahnhofe von Cold Norton, war noch ein Lager zu sehen, und ich glaubte, auf der Erhöhung daselbst ein oder zwei Geschütze unterscheiden zu können. Überhaupt trafen wir auf dem ganzen Wege nach Edwins Hall, drei Meilen weit, deutsche Biwaks und schanzende Soldaten – zusammen sicherlich mehrere tausend Mann. Bei Edwins Hall läuft der Weg zwischen zwei steilen kleinen Köpfen durch; der eine erhebt sich gleich rechts von der Hall, der andere, linke, in einem Abstande von einer viertel bis einer halben Meile. Beide schienen befestigt zu werden, und hinter beiden sah ich Geschütze.

Seit wir Purleigh verlassen hatten, war mir, als hörte ich fernen Geschützdonner, und gewiß hörte von Pabst es auch, obgleich er nicht mit mir darüber sprach; das Feuern hörte aber auf, als wir etwa bei Edwins Hall waren. Von hier ab begegneten wir nur noch zwei Unteroffizierspatrouillen; die eine marschierte aus, die andere war auf dem Rückwege. Beide Male ließ von Pabst halten und sprach sie an, schien aber die gewünschte Auskunft nicht zu bekommen, da er nur die Achseln zuckte und dem Chauffeur befahl, weiterzufahren; das Gespräch mit den Patrouillen war halb flüsternd geführt worden, so daß ich nichts davon hatte verstehen können.

Ohne Zwischenfall kamen wir im Dorfe Rettendon an, das wir langsamer durchfuhren. Am Ausgange des Dorfes, wo eine Wegkreuzung ist, sahen wir wieder eine Infanteriepatrouille uns entgegenkommen, und wieder ließ von Pabst halten – aber gerade, als wir anhielten, kam ein anderer Trupp rechts um die Ecke und auf das Auto zugerannt. Ehe der Chauffeur auf von Pabsts heftig ausgestoßenen Befehl die Maschine in Gang setzen konnte, hatte man ihn schon gepackt und von seinem Sitz gerissen; von Pabst ward durch einen Offizier mit dem Revolver in Schach gehalten, und mich nahm ein stark gebauter Sergeant beim Kragen. Für einen Augenblick war ich ebenso bestürzt wie meine deutschen Fahrtgenossen; aber als ich auf gut englisch die Worte: »Hände hoch!« und »Ergebt euch!« hörte, da wußte ich, daß wir meinen eignen Landsleuten in die Hände gefallen waren, und beeilte mich, meinen Namen und Stand anzugeben. Unsere Besieger – oder vielmehr Befreier – gehörten zur Marineinfanterie, – wegen ihrer blauen Feldtracht und ihrer Brodrickmützen hatten wir alle sie aus der Entfernung für Deutsche gehalten, auch von Pabst, der vielleicht geglaubt hatte, daß englische Soldaten immer Khaki trügen.

Der Offizier teilte mir mit, daß sein Bataillon zu einem von Chatham und London gekommenen Korps gehörte, das sich in Brentwood versammelt und gestern den Höhenzug von South Hanningfield besetzt hatte, nachdem es von dort ein deutsches Bataillon vertrieben hatte.

Captain Weatherby geriet aber in große Aufregung, als er hörte, daß wir den Prinzen Heinrich von Württemberg in South Hanningfield zu finden erwartet hatten; er schrieb sofort eine Meldung und sandte sie durch einen Leutnant auf unserem Auto nach South Hanningfield ab. Der junge Offizier führte das Auto selbst, da der Chauffeur und die Ordonnanz bei der Truppe als Gefangene zurückblieben; ich nahm neben ihm Platz, von Pabst aber, unter der Obhut eines Korporals, auf dem Rücksitz.

Noch waren wir nicht weit gekommen, als an der Maschine irgend etwas entzweiging und wir halten mußten. Es war am Rande eines kleinen Feldgehölzes; alle stiegen aus, auch von Pabst, der behauptete, sich auf den Mechanismus gut zu verstehen. Aber statt sich ihn anzusehen, nahm er plötzlich seine Gelegenheit wahr und setzte zwischen die Bäume hinein; im Umsehen jedoch hatte der Korporal das Gewehr an der Backe und feuerte; der unglückliche Flüchtling stolperte, fiel vornüber und war tot ...

In seiner Tasche ward ein Brief an einen Freund in Deutschland gefunden und mit Beschlag belegt.

Einige Minuten später waren wir in South Hanningfield, und von Pabsts Papiere, Kaptain Weatherbys Meldung und ich selber wurden dem Oberst des Seebataillons und von ihm dem Kommandeur des Detachements übergeben.

Das ist so ziemlich alles, was ich berichten kann, außer, daß ich noch erfuhr, Prinz Heinrich, den ich niemals das Vergnügen haben sollte zu sehen, sei nur mit Mühe der Gefangennahme durch einige East-Kenter Milizreiter entgangen, die östlich von Rettendon einen höheren Offizier mit seinem Stabe gesehen und nordwärts über die Hügel auf ihn Jagd gemacht hatten, bis das Feuer der umkehrenden deutschen Infanterie sie vertrieben hatte. Dieser höhere Offizier wird wohl der Prinz Heinrich gewesen sein.

Ich fand den englischen General, dem die wichtige Aufgabe zugefallen war, den Feind von dem Essexer Boden zu vertreiben, mit seinem Stabe in dem kleinen Gasthause am Westende des Dorfes.

Man führte mich ohne Verzug vor ihn. Er blickte von der Generalstabskarte auf, die er studierte und fragte:

»Mr. Alexander?«

Ich verneigte mich.

»Sie kommen unmittelbar aus Maldon?« fuhr er fort.

»Ich verließ die Stadt vor ein paar Stunden.«

»Können Sie mir irgend etwas über die Lage daselbst mitteilen?«

Ich berichtete nun, was ich von dem englischen Angriff auf die Stadt und von dessen Abweisung wußte. Er hörte mit schlecht verhehlter Ungeduld zu.

»Ja, ja,« sagte er, als ich nach meinem Bericht über den deutschen Gegenangriff innehielt. »Das hab' ich größtenteils schon über Colchester erfahren. Aber da sind noch ein paar andere Punkte, – glauben Sie z. B., daß Sie mir über die Anzahl der vom Feinde gelandeten Truppen eine wenn auch oberflächliche Angabe machen können?«

Ich antwortete, daß meiner Meinung nach in Maldon und seiner unmittelbaren Umgebung 5 bis 6000 Mann stehen müßten, und daß ich zwischen Maldon und Purleigh an weiteren 2 oder 3000 vorbeigekommen wäre; zwischen Purleigh und Edwins Hall aber könnten etwa auch noch 5 bis 7000 Mann stehen. »Letztere Angabe beruht rein auf Vermutung,« fügte ich hinzu. »Die Feinde waren so sehr zwischen den Hügeln, Bäumen und Feldgehölzen zerstreut, daß es mir unmöglich war, ihre Anzahl wirklich zu schätzen.«

Dann erzählte ich von den Lagerplätzen zwischen Great Canny Hill und dem Bahnhofe von Cold Norton, sowie von den Geschützen, die ich unterwegs gesehen hatte.

»Lassen wir nur die Geschütze,« unterbrach er. »Was ich haben möchte, ist ein wenn auch ungenauer Überschlag über die Stärke des Feindes. Diese verdammten Wasserläufe machen es einem unmöglich, sich von dem, was zwischen ihnen vorgeht, ein Bild zu machen, und es gibt in der Nachbarschaft keinen hinreichend hohen Aussichtspunkt, von dem aus die Halbinsel, die sie bilden, sich überblicken ließe. Ich hoffe morgen oder übermorgen einen Ballon zu bekommen; aber man hatte alle, die für den Augenblick verfügbar waren, nach Cambridge geschickt, um sie gegen die feindlichen Korps im Norden zu verwenden.«

»Feindliche Korps im Norden?« rief ich ganz entsetzt aus.

»Wollen Sie vielleicht sagen, daß Sie nichts von der Landung in Norfolk gehört hätten?« fragte der General zurück, nun gleichfalls erstaunt.

»Kein Sterbenswort! Sie sind also auch in Norfolk?« stieß ich hervor.

»Leider ja. Aber was für einen dichten Kordon muß der Feind rund um Maldon gezogen haben, damit solche Nachrichten nicht durchsickerten!« bemerkte der General, zu den Offizieren seiner Umgebung gewandt.

»Das läßt auf eine bedeutende Stärke des Feindes schließen,« sagte ein grauhaariger Oberst.

»Sehr wahr. Lassen Sie uns jetzt sehen. Sie sagten, Mr. Alexander, daß nach Ihrer Schätzung 6000 Mann in Maldon, 2000 zwischen dort und Purleigh, 7000 diesseits Purleigh stehen. Angenommen, daß Sie nicht weit vom Ziele vorbeigeschossen haben, so macht das 15 000. Dann sind noch die Kerls da, die wir hier gerade herausgeworfen haben, ein Bataillon und etwas Kavallerie – sagen wir noch 1000. Wir haben die anderen Positionen, die sie außerhalb des vom Blackwater und vom Crouch eingeschlossenen Terrains besetzt halten, zu rekognoszieren vermocht und schätzen sie auf – wieviel sagten wir, Carruthers?« fragte er einen Husaren, der an einem Tischchen vor dem Fenster stand.

Der Offizier zog einen Papierstreifen, den er in der Hand hielt, zu Rate.

»1500 Mann Infanterie, eine Batterie und etwas Kavallerie in Danbury,« antwortete er. »1000 Mann Infanterie in East Hanningfield, je ebensoviel in Wickford, Rayleigh, Hockley und Canewdon. An letzterem Orte auch einige Geschütze.«

»Schön,« sagte der General. »Das macht zusammen etwas über 22 000 Mann. Ohne Zweifel werden hinter den Truppen, durch die Mr. Alexander heute nachmittag durchgefahren ist, noch Reserven stehen; desgleichen an den Landungspunkten Burnham und Bradwell – vielleicht so zwischen 5 und 10 000 Mann. Aller Wahrscheinlichkeit nach also ein vollständiges Armeekorps, das wir auf 32 000 Mann veranschlagen dürfen ... Nun hatten wir ja von vornherein auf beträchtlich mehr als eine Division gerechnet, und wenn wir noch eine weitere Bestätigung unserer Schätzung nötig hätten, so läge sie in den wertvollen Informationen, die wir Mr. Alexander verdanken, daß nämlich der Feind eifrig daran arbeitet, sich längs einer Linie zu verschanzen, die im allgemeinen bezeichnet wird durch die Bahnstrecke von Maldon nach der Zweigstation Woodham Ferris.« Er ließ seinen Finger über die Karte vor ihm gleiten. »Sobald der Feind stärker war als eine Division,« fuhr er fort, »mußte er beinahe mit Sicherheit von drei Dingen eines tun: entweder er stieß nach London vor, oder er griff Colchester an, oder endlich er besetzte eine mehr nach vorn gelegene Position, von der aus er die Great Eastern-Bahn völlig in seiner Gewalt hätte, und die sich von Wickham Bishops nach Rayleigh erstreckte – so ziemlich die Linie, die wir von seinen Vorposten besetzt fanden, und die wir jetzt durchbrochen haben.«

Von den versammelten Offizieren kam ein allgemeines Gemurmel der Zustimmung.

»Nun also, meine Herren,« fügte der General hinzu, »wir haben recht viel nützliche Informationen gesammelt, und darunter befindet sich keine einzige, die imstande wäre, die Befehle, die ich Ihnen soeben für heute Abend diktiert habe zu beeinflussen; ich bitte Sie deshalb, sie ohne Zeitverlust den betreffenden Kommandeuren zu übermitteln.«

Die meisten der Anwesenden salutierten und verließen unter Säbel- und Sporengerassel das Zimmer; gleich darauf kündigte Hufschlag und Hornblasen ihren Aufbruch zu Pferde oder per Motor an.

»Sie, Mr. Alexander,« sagte der General, »haben uns – nicht nur der Armee, sondern ich darf wohl sagen, dem Lande – einen sehr beträchtlichen Dienst geleistet; ich will es auf mich nehmen, dafür zu sorgen, daß er nicht übersehen werden wird. Könnte ich Ihnen aber vielleicht schon jetzt irgendwie behilflich sein?«

Ich dachte an meine Familie zu Purleigh jenseits der deutschen Linien und fragte ihn, ob er es für möglich hielte, daß man sie mir auf seine Fürsprache zusenden würde.

»Für durchaus möglich,« erwiderte er. »Jedenfalls werde ich sofort ein Auto mit der Parlamentärflagge an den Feind abgehen lassen und sehen, was er dazu sagt. Eine Frage schadet ja nichts.«

Der General hielt Wort, und da die Deutschen menschlich genug waren, meine Bitte zu erfüllen, so hatte ich noch denselben Abend die Freude, meine Lieben wiederzusehen; ohne Verzug sandte ich sie nach London weiter.«


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