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XXVIII.

Niederlage der Engländer.
Furchtbare Verluste.


Die Nachrichten aus Essex hatten den Mut der Bevölkerung wieder etwas gehoben, aber diese neue Hoffnung währte leider nur einen einzigen Tag.

Das ganze Land war in unbeschreiblicher Spannung gewesen. Aus Sheffield, aus Cambridge, aus Peterborough und von der ganzen Front des Feindes durch Norfolk, Suffolk und Essex waren Berichte ganz ähnlichen Charakters gekommen: die deutschen Heere verhielten sich abwartend, sie schienen es mit dem Vormarsch nicht eilig zu haben und zunächst den Ausgang unserer Offensive abwarten zu wollen. Was weiter geschehen würde, wer wollte es sagen? ...

Da erschien in der Times die Fortsetzung des lebendigen Berichts ihres Spezialberichterstatters und lehrte uns die furchtbare Wahrheit kennen.

Chelmsford, 9. September.

(Von unserem Spezialkorrespondenten.)

Als ich gestern abend meine Depesche Ihnen per Auto zusandte, geschah es mit ganz anderen Gefühlen, als womit ich heute abend im Mohrenkopf, dem Hauptquartier meiner Kollegen, die Feder zur Hand nehme.

Gestern abend war trotz des schweren Kampfes und der bösen Verluste, die wir erlitten hatten, die Aussicht für den folgenden Tag durchaus günstig, – heute fehlt mir das Herz, den Zusammenbruch all unserer hochfliegenden Hoffnungen, die Zurückweisung – ja, es hilft nichts, sich um die Dinge herumzudrücken –, die Niederlage unseres heldenmütigen und schwer heimgesuchten Heeres zu schildern ...

Ich fahre in meinem schlichten Tatsachenbericht da fort, wo ich gestern abbrechen mußte. Ich war bis zur Stockung unseres Vormarsches infolge des furchtbaren deutschen Schrapnellfeuers gekommen. Man konnte nicht darüber im Zweifel sein, daß die Freiwilligenbrigade, wenn sie auch ihre Stellung behauptete, nicht weiter vorzurücken vermochte. Der General hatte auch bereits für diesen Fall seine Vorkehrungen getroffen.

Auf der Linken debouchierten plötzlich die beiden Seebataillone auf Loddard's Hill, rissen die Trümmer der Freiwilligen mit sich fort und warfen sich in den Wald von Hazeleigh. An dem mit Draht umstrickten Waldsaume kam es zu einem blutigen Handgemenge, aber die Neuankömmlinge ließen sich nicht abweisen, und nach einem viertelstündigen hitzigen Nahkampf, der die Lichtungen des Waldes mit stöhnenden und zuckenden Verwundeten und starren Leichen erfüllte, blieben wir Herren des Waldes und faßten sogar Fuß auf dem angrenzenden Eisenbahndamm.

Zu gleicher Zeit griff die lange Linie unserer Feldgeschütze bei Woodham Mortimer in das Gefecht ein, teils um die deutschen Geschütze auf der gegenüberliegenden Seite zum Schweigen zu bringen, teils um eine Batterie niederzuringen, die am West Maldoner Bahnhof aufgefahren war, um die Bahn zu flankieren, und ihr Feuer jetzt auf den Wald von Hazeleigh richtete; gegen sie wendete sich auch eine Freiwilligen-Batterie 4.7-zölliger Geschütze, die hinter Woodham Walter Stellung nahm. Unsere Batterien bei East Hanningfield aber feuerten mit verdoppeltem Nachdruck auf die Höhe von Great Canney, deren Gipfel gänzlich von Rauch- und Staubwolken eingehüllt wurde, so oft eins unserer riesigen Brisanzgeschosse auf ihm explodierte.

Die englische Hauptfeuerlinie, die ständig von rückwärts Ersatz erhielt, gewann jetzt langsam Boden, und als die Grenadiere und die Irischen Garden sich glücklich durch eine von Woodham Hall fast zwei Meilen weit sich nach Westen ziehende Reihe von Pflanzungen durchgearbeitet hatten, ohne von dem vollbeschäftigten Feinde wahrgenommen zu werden, und auf der Rechten in das Gefecht eingriffen, da gab es einen deutlichen Ruck nach vorwärts. Aber die Gegenwehr der Deutschen war nicht zu erschüttern, und gegen Mittag kam die ganze englische Linie wieder zum Stehen, ihre Linke noch in Hazeleigh Wood, ihre Rechte in Prentice Farm. Sie erhielt den Befehl, sich so gut wie möglich zu verschanzen, und den Truppenteilen, die noch nicht damit versehen waren, wurden Spaten und anderes Schanzzeug nachgeschickt.

Unterdessen hatte im Norden die Garnison von Colchester wieder ihre schwere Artillerie gegen die Abhänge südlich von Wickham Bishops in Aktion gebracht, während von Westen her ein Scheinangriff auf Maldon unternommen wurde, der die deutsche Besatzung beschäftigen sollte; auf dem rechten Flügel aber war eine wichtige Flankenbewegung im Gange.

Ein beträchtlicher Teil unserer Truppen stand in East Hanningfield, das in einer Mulde zwischen zwei niedrigen, ungefähr eine Meile auseinander von Südwesten nach Nordosten laufenden Höhenzügen liegt. Hinter dem fast durchgehends sehr schmalen östlichen Höhenzuge waren mehrere Feldhaubitzenbatterien aufgestellt, die über ihn weg mit einer Schußweite von ungefähr 5000 Yards auf Great Canney feuerten; über den westlichen Höhenzug war eine Anzahl von 4.7-zölligen Geschützen zerstreut, die ihr Feuer auf dasselbe Ziel konzentrierten und trotz der weiten Entfernung sicher eine Menge wirksamer Treffer hatten, da die Höhe von Great Canney ein gutes und gut sichtbares Ziel abgab; außerdem zog das Aufblitzen ihrer Schüsse die Aufmerksamkeit des Feindes von den Haubitzenbatterien auf ihrer Front ab und verbarg ihm deren Anwesenheit, so daß kein einziges deutsches Geschoß bei ihnen einschlug.

Zu Beginn des Kampfes marschierten die Truppen, die nicht in Reserve bleiben oder auf dem rechten Flügel des Hauptangriffes mitwirken sollten, in der Richtung auf Woodham Ferris ab und unternahmen einen Scheinangriff gegen die deutsche Stellung auf den beiden steilen Köpfen von Edwin's Hall, wobei die englischen Feldgeschütze auf der Höhe nördlich von Rettendon ebenfalls in Aktion traten und die des Feindes in ein Feuergefecht auf weite Distanz verwickelten. Der wirkliche Angriff auf diesen Vorsprung der deutschen Stellung kam aber von einer ganz anderen Seite.

Die hierzu bestimmten Truppen waren bei Tagesanbruch nach Wickford vorgegangen und hatten das Dorf vom Feinde geräumt gefunden; sie bestanden aus dem Oxfordshirer leichten Infanterieregiment, der Honourable-Artilleriekompagnie und den Inns of Court-Freiwilligen mit ihren eignen und drei oder vier anderen Maschinengewehrabteilungen, deren Maxims statt auf Wagen auf abnehmbaren Füßen lagen. Mit ihnen wirkten zusammen die Essexer und East-Kenter Milizreiter, die auf Hockley zu rekognoszierten.

Die Truppen hatten einen langen, ermüdenden Marsch vor sich; sie sollten von der Ebbzeit profitieren und unter dem Nordufer des Crouch-Flusses außer Sicht des Feindes marschieren, da man erkundet hatte, daß die Geschütze der deutschen Verteidigungslinie, die eine oder zwei Meilen nördlich von dem Flusse nach Osten umbog, den Fluß noch bestrichen und jeden Versuch des Brückenschlages zu vereiteln vermochten. Die Milizreiterei hatte den Auftrag, die Aufmerksamkeit des Feindes in Canewdon auf sich zu ziehen und die Durchfahrt von Booten der deutschen Kriegsschiffe zu verhindern. Dieser Teil unserer Operationen glückte vollständig. Die langen, kriechenden Linien der Oxfordshirer und der Maschinengewehrabteilungen in ihren Khakiuniformen waren schon in geringem Abstande nicht mehr von den steilen Morastufern zu unterscheiden und entgingen der Beobachtung sowohl der deutschen Hauptlinie als auch ihrer Vorposten bei Canewdon, bis sie die Mündungen der beiden Seitenarme erreicht hatten, auf die sie zustrebten. Jetzt erst fingen die Geschütze links hinter der deutschen Stellung an zu donnern. Aber es war zu spät. Die Oxforder Kompagnien eilten mit verdoppelter Schnelligkeit vorwärts. Fünf Kompagnien besetzten die Deiche des Stow Creek, des östlichsten von beiden, während der Rest sich im Clementsgreen Creek versteckte und alle Maschinengewehre gegen den südlicheren der beiden Steilköpfe richtete. Ihr Feuer, das ein wenig hinterwärts der linken Flanke des südlichen Kopfes herkam, bestrich ihn vollständig und verursachte auf ihm solche Verluste und solche Verwirrung, daß die Honourable-Artilleriekompagnie und die Inns of Court, die sich auf dem Eisenbahnkörper von Battle Bridge herangeschlichen hatten, sich mit Leichtigkeit auf dem Bahnhofe von Woodham Ferris und einem benachbarten Gehöfte festsetzen konnten. Nachdem sie gleich darauf durch zwei von Rettendon herkommende Bataillone Reguläre verstärkt worden waren, unternahmen sie einen nachdrücklichen Angriff auf den südlichen Steilkopf, dessen Verteidiger, demoralisiert wie sie waren durch den Platzregen von Kugeln aus der Maschinengewehrbatterie, und überdies stark bedroht durch die von Woodham Ferris her demonstrierenden englischen Truppenteile, bald die Flucht ergriffen; unter lautem Hurrageschrei arbeiteten die Unsrigen sich durch alle Hindernisse durch und nahmen die Stellung in Besitz.

Unterdessen waren die Oxfordshirer einem heftigen Gegenangriff von North Frambridge her ausgesetzt gewesen, dem eine Beschießung durch die Geschütze auf Kits Hill vorhergegangen war; aber unterstützt durch das Feuer der Milizreiterei auf dem Südufer des Flusses, die herangaloppierte, den Deich besetzte und so den Verteidigern des Stow Creek die Flanke deckten, schlugen sie den Gegenangriff unter beträchtlichen Verlusten ab. Ihre Maschinengewehre wurden nun nahe am südlichen Steilkopf aufgestellt und so wirksam verwendet, daß dessen neue Herren nicht nur mehrere Gegenangriffe, die von den angrenzenden Teilen der deutschen verschanzten Linie aus unternommen wurden, zurückwiesen, sondern sich auch zu Herren des nördlichen Steilkopfes machen konnten.

Auch in den übrigen Abschnitten des Schlachtfeldes war hitzig und verlustreich gekämpft worden. Die Hauptangriffslinie war bis zu einem Terrainabschnitt vorgedrungen, der ihr eine gewisse Deckung bot, aber drei Versuche, von hier aus weiter vorzustoßen, waren mißlungen, – der letzte der drei führte sogar die fast gänzliche Vernichtung der Angreifer herbei, indem unvermutet hinter dem Great Canney-Hügel eine starke Kavallerieabteilung hervorbrach und die vorrückende Linie attackierte. Ich selbst war Zeuge dieser Attacke, der malerischsten Episode dieses Schlachttages.

Ich beobachtete gerade durch mein Glas von der Anhöhe bei Wickham Farm die Entwicklung des Gefechts als ich die deutschen Reiter in ihren hellblauen Waffenröcken und blitzenden Helmen, Linie auf Linie, ins offene Terrain hinaustraben und dann in wahnsinnigem Galopp sich auf die Unsrigen werfen sah. So unerschütterlich diese stundenlang dem mörderischen feindlichen Feuer standgehalten hatten, ein so furchtbarer Orkan von Roß, Lanze und Säbel, ein so betäubendes Getöse von Hufschlägen, ein so wildes Geschrei aus Tausenden von Reiterkehlen war wehr, als solche nur halb ausgebildeten Soldaten aushalten konnten: einer dünnen Salve aus ihren Gewehren folgte ein Rückzug, der nicht viel anderes war als ein allgemeines Sauve qui peut.

Doch suchte eine große Anzahl Freiwilliger Deckung hinter den zerschossenen Häusern des Weilers Cock Clarke, um von da aus ein heftiges Feuer auf die kühnen Reiter zu eröffnen. Die Argyll- und Sutherland-Hochländer, die um diese Zeit in dem Gehölz von Mosklyns lagen, sowie die Garde- und anderen Truppen auf der Rechten richteten ebenfalls ihr Schnellfeuer auf die deutsche Kavallerie, und da nun auch die Schrapnells unserer Geschütze auf Loddard's Hill sie erreichten, so machte sie Kehrt und sprengte auf Leben und Tod davon.

Bald darauf kam es zu einer Ruhepause im Gefecht, als ob alle durch die lange Mühsal des Tages völlig erschöpft wären. Es war zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags, und ich hatte gerade von der Einnahme der beiden Steilköpfe gehört; da begab ich mich nach Danbury, um meine Depeschen abzufassen.

Kurz nach meiner Ankunft daselbst erfuhr ich von der Eroberung der Spar-Höhe, eines einzelstehenden Hügels etwa 12 000 Yards nordwestlich von Purleigh; die Mariner von Hazeleigh Wood hatten ihn von den entgegengesetzten Seiten plötzlich und unvermutet angegriffen und verschanzten sich jetzt darauf. Was Wunder also, daß ich in meiner Meldung vom günstigen Verlauf sprach und – wie sich später zeigen sollte – allzu zuversichtlich auf den Sieg rechnete? ...

Ich verbrachte einen großen Teil dieser Nacht unter dem Sternhimmel auf der Höhe bei East Hanningfield, indem ich das unheimliche Spiel der Scheinwerfer beobachtete, die von den verschiedensten Punkten aus das Gelände absuchten, und auf den Donner des Geschützfeuers und das Knattern des Gewehrfeuers horchte, das hin und wieder auf Versuche schließen ließ, unter dem Schutze der Dunkelheit vorzugehen.

Eben vor Tagesanbruch hub das Brüllen der Schlacht wieder an, und als es hell wurde, sah ich, daß unsere Truppen mitten durch die deutschen Linien bis nach Cop Kitchen's Farm auf der Straße von Maldon nach Mundon vorgedrungen waren. Hastig wurden Verstärkungen nachgeschoben und ein Angriff war im Gange gegen die Rückseite von Purleigh und Great Canney, wohin unsere schweren Geschütze, die während der Nacht auf die beiden Steilköpfe geschafft worden waren, ein heftiges Feuer richteten.

Aber die Verstärkungen reichten nicht aus. Die Deutschen ließen Purleigh nicht fahren, und ebensowenig einige Reservestellungen, die sie bei Mundon eingerichtet hatten. Nach zwei oder drei Stunden verzweifelter Anstrengungen, die Tausenden das Leben kosteten, kam unser Angriff zum Stehen. In diesem kritischen Augenblick wurde von Maldon aus ein kräftiger Gegenangriff unternommen, und, geringer an Zahl und beinahe umzingelt, mußten unsere tapferen Krieger weichen. Aber sie zeigten dieselbe Zähigkeit beim Aufgeben, wie beim Gewinnen des Terrains, und die Argylls, Mariner und Grenadiere deckten ihren Rückzug auf Danbury.

Die Geschütze zu East Hanningfield und auf den beiden Steilköpfen hielten die Verfolgung bald auf, und die Deutschen schienen keine Lust zu haben, sich weit von ihren Schanzen zu entfernen. Später am Tage mußten die Steilköpfe aufgegeben werden; wir halten jetzt unsere frühere Linie von Danbury nach Billericay besetzt und sind eifrig dabei, uns zu verschanzen.


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