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IX.

Die Niederlage der englischen Kreuzer.


Die Schußweite zwischen dem deutschen Hauptgeschwader und der Invincible war bis auf wenig über 3000 Yards heruntergegangen und verringerte sich noch, während die vier Panzerkreuzer des zweiten deutschen Geschwaders auf die englische Queue zusteuerten. Wenn die englische Flotte in diesem Augenblick des Durcheinanders Zerstörer bei sich gehabt hätte, so würde es, wie der deutsche offizielle Bericht anerkennt, den Deutschen übel ergangen sein; aber hier wie anderwärts erwiesen sich die anfänglichen Mißgriffe und irrtümlichen Dispositionen als verhängnisvoll.

Auf beiden Seilen waren an Bord der meisten Schiffe die kleineren Geschütze schon fast alle außer Tätigkeit gesetzt; selbst die schwereren Kaliber hatten gelitten. Auch von den Türmen feuerten und drehten sich einige nicht mehr. Schornsteine und Kommandobrücken waren fortgeschossen; Löcher gähnten, wo Decks gewesen waren, aus den brennenden Stellen stiegen dichte Rauchwolken auf, und fortwährend riefen die frisch explodierenden Granaten neue Brände hervor. Blut bedeckte die Decks und rann rot aus den Speigatten. In dem vorderen Turm des Achilles, der von einer elfzölligen Granate durchbohrt war, spielte sich eine Szene voll unbeschreiblichen Grauens ab: er hatte plötzlich zu feuern aufgehört, und der Offizier, der abgeschickt war, um die Ursache davon festzustellen, hatte noch nicht hineingelangen können, als ein neues Geschoß kam und ihn fortfegte; ein anderer erbot sich, von oben durch das Dach – einen andern Weg zum Zutritt gab es nicht – in den stählernen Schirm zu klettern, kam auch wirklich lebend zurück und meldete, daß die ganze Bedienungsmannschaft tot, das Innere des Turms wie eine Leichenkammer sei; von einer Beschädigung des Mechanismus war nichts zu sehen gewesen, aber die Schwierigkeit war, eine neue Mannschaft lebend durch den Granatenhagel an die Geschütze zu bringen.

Die vier deutschen Panzerkreuzer der zweiten Division schwenkten 1500 Yards von der Spitze der englischen Linie ein, feuerten ihre Torpedos ab und gaben und erhielten ein furchtbares Granatfeuer; allen folgte je ein Torpedoboot auf der Ferse, und als sie wendeten, machten die Torpedoboote die Wendung nicht mit, sondern fuhren gerade auf die englische Linie los. Das Manöver war so unerwartet und so verwegen, daß es schwer zu parieren war. Mit 25 Knoten Fahrt sausten die deutschen Boote wie ein Blitz durch die englische Linie. Ein großer Wasserbuckel erhob sich unter der Hampshire, dem zweiten Kreuzer der umgekehrten Schlachtlinie; das Schiff erzitterte und setzte schwer aufs Wasser nieder, – ein Torpedo hatte es hinter dem vorderen Turm getroffen.

Fast im selben Augenblick griff eine andere Torpedodivision die Queue der englischen Linie an und lancierte einen Torpedo auf den Minotaur, das vorletzte Schiff der englischen Linie; hinter dem Steuerbordmaschinenraum getroffen, bekam es sofort Schlagseite und fing an zu sinken.

Als die Torpedoboote dann nach Süden zu entkommen versuchten, erhielten sie Feuer aus den Backbordbreitseiten des englischen Geschwaders: zwei gingen unter, zwei andere hielten sich kaum über Wasser.

Die beiden beschädigten englischen Kreuzer schoren aus der Linie und hielten südlich auf die Küste zu, denn die einzige Aussicht, sich und ihre Besatzungen zu retten, bestand darin, daß sie auf den Strand zu laufen suchten. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Kampf nahm das Getöse der Schlacht eher noch zu, und mächtige Flammenzungen schossen aus dem deutschen Kreuzer Bismarck auf, der, von den englischen 9.2-zölligen Granaten förmlich durchlöchert, sehr stark havariert war, während die übrigen deutschen Schiffe noch in gutem Stande zu sein schienen; die Torpedos aus den Lancierrohren der englischen Kreuzer hatten offenbar nicht getroffen.

Die Deutschen legten der Abfahrt der havarierten Schiffe kein Hindernis in den Weg. Dafür dampften sie jetzt auf die nur noch aus fünf sehr stark beschädigten Schiffen bestehende englische Kreuzerflotte los, gegen die sie selbst, abgesehen vom Bismarck, der aus der Linie hatte ausscheren müssen, neun Schiffe sowie zwei intakte Torpedodivisionen in Aktion zu bringen vermochten.

Das zweite deutsche Geschwader war eingeschwenkt, um sich dem ersten anzuschließen, das jetzt einen ziemlich parallelen Kurs mit den englischen Schiffen steuerte, aber etwas hinter ihnen zurückblieb. Nach dem kurzen, aber hitzigen Torpedogefecht hatten die beiden Flotten sich voneinander entfernt; die englische steuerte jetzt nordwärts.

In diesem scharfen Nahgefecht, mit einer Schußweite von nicht über 2000 Yards, ereignete sich auf der Invincible eine schwere Katastrophe: Als der Admiral seinem Geschwader die Order zum Wenden erteilte, trafen schnell hintereinander zwei schwere Geschosse den Kommandoturm, in dem er sich mit dem Kapitän, einem Midshipman, einem Bootsmannsmaaten und zwei Schiffsjungen befand; die erste Granate traf die Basis des Kommandoturmes, verursachte eine äußerst heftige Erschütterung und füllte das Innere mit Dämpfen und Gasen. Admiral Hardy lehnte sich an die Stahlwand und bemühte sich, durch den engen Sehschlitz festzustellen, was passiert wäre, als draußen die zweite Granate aufschlug und mit furchtbarer Kraft gegen den Panzer explodierte. – Durch die Erschütterung oder die von dem Aufschlag und der Explosion des Geschosses nach innen durchgetriebenen Bolzen und Splitter wurde Admiral Hardy auf der Stelle getötet; der Flaggenkapitän war tödlich verwundet worden, der Maat erhielt eine unbedeutende Quetschung und der Midshipman und die beiden Jungen kamen ohne einen Kratzer davon, obwohl betäubt und von dem schrecklichen Schlage stark mitgenommen.

Einige Sekunden lang war das Schiff ohne jede Leitung; dann übernahm der Midshipman, betäubt wie er war, das Kommando und schrie in die darunter liegende Kammer wo außer den Sprachrohren und allen übrigen Apparaten die Rudervorrichtung angebracht war – eine Verbesserung, die man nach dem Kriege im Fernen Osten eingeführt hatte –, den Befehl hinab, daß der Tod des Admirals und die schwere Verwundung des Kapitäns dem Commander mitgeteilt werde. Einstweilen aber war das englische Geschwader führerlos, wenn auch nach dem System des »Folge meinem Vordermann«, das auf dem Kreuzergeschwader adoptiert worden war, der Kapitän der Argyll, die an der Spitze war, die Leitung der Schlacht zu übernehmen hatte; in der Verwirrung, die hieraus entstand, wurde die in diesem Augenblick unzweifelhaft vorhandene Gelegenheit, dem Bismarck den Rest zu geben, versäumt.

Kapitän Connor von der Argyll steigerte die Geschwindigkeit auf 18 Knoten, hielt nordwärts, um das deutsche Geschwader von den havarierten englischen Schiffen abzubringen, und versuchte, quer vor der Spitze der deutschen Linie vorüberzufahren. Die Flotten kämpften nun Breitseite gegen Breitseite und nährten ein ununterbrochenes Feuer, bis Kapitän Connor merkte, daß er zu dicht an das Nordufer käme und zu wenig Raum zum Manövrieren hätte, und durch eine Wendung nach Süden seine Schlachtordnung umkehrte, so daß die Invincible nochmals an die Spitze kam.

Nach dieser Wendung dampfte das englische Geschwader auf den Bismarck los, der sich, umgeben von einer Torpedobootdivision, von der er sich gegebenenfalls helfen lassen konnte, in östlicher Richtung zu entfernen strebte.

Die jetzt in einer kompakten Linie formierten deutschen Geschwader, von deren Schiffen zwei stark beschädigt zu sein schienen, machten das Manöver der englischen Flotte nach und steuerten ihr parallel, doch mit einem kleinen Vorsprung vor ihr. Zugleich postierte ihre intakte zweite Torpedodivision sich leewärts von der Queue, die sechs übrigen Boote der beiden Divisionen, welche die erste Attacke ausgeführt hatten, aber leewärts von der Spitze der deutschen Linie.

Die beiden Flotten dampften in 3500 Yards Abstand nebeneinander her und kamen einander allmählich wieder näher, wobei nunmehr die größere Geschützstärke der neun deutschen Schiffe gegen die fünf englischen sich rasch zur Geltung zu bringen begann: die Argyll verlor zwei ihrer vier Schornsteine, und einer ihrer Masten stürzte laut krachend nieder; der Achilles hatte leichte Schlagseite; der Vorderaufbau der Cochrane war fortgeschossen; die Shannon hatte einen ihrer Schornsteine verloren.

Auf seiten der Deutschen war zu sehen, wie der vordere Gefechtsmast des Waldersee schwankte, da das Netzwerk seiner Stahlplatten stark zerschossen war; Caprivi brannte mittschiffs und stieß große Qualmwolken aus; Moltke hatte von seinen vier Schornsteinen keinen einzigen mehr; Manteuffel war am Heck so zugerichtet, daß er oberhalb des Panzers wie ein Gewirre verbogener Balken aussah; York und Roon hatten weniger gelitten, zeigten aber auch klaffende Wunden in ihren Seiten; Friedrich Karl hatte den oberen Teil des hinteren Gefechtsmastes verloren; Prinz Heinrich lag mit Bug und Heck tief im Wasser.

Funken und Splitter flogen aus den Stahlflanken der großen Schiffe, sobald ein Geschoß traf. Der Lärm war unbeschreiblich; mit dem dumpfen Dröhnen der schweren Geschütze vermischte sich das Knattern der kleineren und das Hämmern der Pom-Poms, die zu diesem wütenden Kampfe der Seeungeheuer ungeduldig den Takt schlugen.

Als der deutsche Admiral sah, daß die zwei Flotten sich ständig dem Bismarck näherten, versuchte er noch einmal das gewagte Manöver von vorhin, – die deutsche Marine hatte nicht umsonst seit zehn Jahren täglich Schlachtevolutionen geübt und damit zugleich auch die Nerven ihrer Kapitäne fortwährend auf die Probe gestellt, bis sie zuletzt stählern geworden waren.

Es war eine längst bekannte, jetzt auch praktisch erwiesene Tatsache, daß in solchen schwierigen und riskierten Manövern die Engländer von ihren deutschen Nebenbuhlern übertroffen wurden, nicht weil der deutsche Offizier tapferer oder fähiger, sondern weil er jünger und in höherem Grade zur Initiative und für den wirklichen Kampf erzogen war, als das Personal der englischen Flotte.

Die vier letzten Kreuzer der deutschen Linie änderten plötzlich ihren Kurs und steuerten gerade auf die englische Linie zu, während hinter ihnen, wie zuvor, sechs Torpedoboote folgten. Durch die Zwischenräume am Vorderende der deutschen Linie kamen die anderen sechs Boote, – eine Evolution, die sie beständig im Frieden geprobt hatten und mit bewundernswürdiger Genauigkeit und Schneid in der Krisis des Gefechtes durchführten – und griffen die Spitze der englischen Linie an. Der Rest des deutschen Geschwaders behielt seinen ursprünglichen Kurs bei und deckte den Angriff durch ein fürchterliches Feuer, indem alle seine Geschütze ihre Feuergeschwindigkeit steigerten, bis die Luft von Geschossen schwirrte.

Der unvermutete Angriff ward kräftig durchgeführt. Die englischen Schiffe an der Queue parierten ihn mit Erfolg dadurch, daß sie zusammen südwärts wendeten und davondampften, so daß auf dieser Seite das Vorgehen der Deutschen mit einem Schlag in die Luft endete. Aber das Flaggschiff an der Spitze der Linie war nicht so flink; in diesem kritischen Augenblick machte sich der Tod des Admirals schmerzlich fühlbar, und nachdem die Invincible drei auf ungefähr 3000 Yards von den deutschen Schlachtschiffen auf sie abgeschossenen Torpedos ausgewichen war, fand sie sich jetzt von zwei Torpedobooten bedroht, die von rechts und von vorn auf sie einstürmten. Bedenkzeit gab es nicht: sie griff das eine mit dem Sporn an und nahm es unter ihren Stahlbug, der die dünnen Platten durchschnitt, wie ein Messer ein Streichhölzchen; ihr riesiger Rumpf fuhr mit leichtem Erzittern über das Boot fort, das auf der Stelle explodierte und unterging. Das andere Boot indessen fuhr nur 100 Yards an ihr vorbei, in einem Sprühregen von Geschossen, die aber sämtlich wie durch Zauberei ihr Ziel verfehlten. Wie eine Vision flogen an der Bemannung des Flaggschiffes die wildblickenden Offiziere und Mannschaften, die an den Lancierrohren des Bootes tätig waren, vorüber; hell blinkten die zwei Torpedos in der Sonne auf, als sie aus den Rohren ins Wasser schlüpften. – Da traf eine große Granate das Boot, es schlingerte und ging unter. Aber zu spät, das Unheil war schon geschehen: einer der beiden Torpedos traf die Invincible voll am Backbordmaschinenraum und riß ihr die Seitenwand und die Schotten auf. Im Nu war der Maschinenraum voll gelaufen, und, seiner halben Kraft beraubt, schor der große Kreuzer aus der englischen Linie aus und hielt mit schwerer Schlagseite auf den Strand zu.

Ungefähr im selben Augenblick loderte an Bord des Caprivi unter dem Aufprall der englischen Granaten ein so mächtiger Brand auf, daß auch er ausscheren mußte.

Die englische Linie schloß auf und steuerte östlich; sie hatte den acht deutschen Schiffen jetzt nur noch vier entgegenzusetzen. Einige Minuten lang dampften beide Flotten in einem Abstande von 4500 Yards nebeneinander her; die Deutschen etwas schneller, sie hatten ja im ganzen auch weniger gelitten, da ihre Beschädigungen sich über eine größere Anzahl von Schiffen verteilten.

Noch einmal versuchte es der deutsche Admiral mit einer Überrumpelung: die acht deutschen Schiffe machten plötzlich und gleichzeitig eine Viertelswendung, die sie in Frontlinie brachte, und fuhren so auf die noch übrigen vier englischen los, um ihnen den Todesstreich zu versetzen. Sie hatten dabei die ganze Gewalt des englischen Feuers auszuhallen; aber der dienstälteste englische Offizier durfte mit so geschwächten Kräften das Risiko eines Nahgefechtes nicht laufen, sondern machte, um auszuweichen, ebenfalls eine Wendung und dampfte in Frontlinie von den Deutschen ab. In demselben Augenblick schossen Shannon, Achilles und Cochrane ihre Hecktorpedos ab. Angesichts der Gefahr, zu nahe an den Kurs einer sich zurückziehenden Flotte zu geraten, änderten die Deutschen ihren Kurs wieder in die alte Gefechtslinie und versuchten die englischen Schiffe von ihrer Rückzugslinie den Forth hinauf abzuschneiden.


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