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XXXIII.

Die Lage vor Sheffield.


Am Sonnabend, 10. September, war die Lage um Sheffield eine höchst kritische. Es war bekannt geworden, daß General Graf Häsler, der Kommandierende des 8. Korps, das in New Holland und Grimsby gelandet war, ohne Widerstand Lincoln besetzt hatte. Am Sonnabend nachmittage traf die Spitze seiner Vorhut in East Retford ein, während das Gros diese Nacht zwischen Clarborough und Tuxford biwakierte.

Die glänzende Kavalleriebrigade Generalmajor von Briefens hatte schon während des Marsches das Gelände bis zum Rother-Flusse rekognosziert; jetzt bildete sie für die Operationen des Gros' einen Schleier zwischen Chesterfield und Worksop.

Die Kavalleriebrigade der anderen Division rekognoszierte nordwärts bis gegen Bawtry, wo sie mit ihren Kameraden vom 8. Armeekorps, das in Goole gelandet war, in Fühlung trat.

Die Nacht brach an. Auf allen Straßen bemühten die englische Milizreiterei und Kavallerie, die Radfahrer und Motorinfanteristen sich, das Geheimnis, in das der Feind seine Bewegungen hüllte, zu lüften; aber so vorsichtig sie sich auch zu nähern suchten, sie fanden sämtliche Straßen, Hecken- und Seitenwege von den Deutschen besetzt, und so oft sie sich an die deutsche Vorpostenlinie anschlichen, schlug ihnen der gedämpfte gutturale Anruf der Posten entgegen.

Hin und wieder krachten Schüsse durch die schwüle Nacht, und ein Wagehals stürzte tot nieder, und mehr als einmal erklang ein Todesschrei, wenn ein deutsches Bajonett der Laufbahn eines zu wißbegierigen Patrioten ein Ende machte.

Die schweren Wolkenmassen, die seit Sonnenuntergang sich zusammengezogen hatten, führten ein gewaltiges Gewitter herauf. Die heftigen Blitze schienen den Himmel zu spalten, der Donner krachte und rollte, und in Strömen ergoß sich der Regen über Sheffield und seine erregten Bewohner, die die ganze Nacht hindurch sich hinter den in den Straßen errichteten Barrikaden drängte. Die Flüsse Don und Rother schwollen an, und es stand zu erwarten, daß die Feinde hier ein hartes Stück Arbeit zu verrichten haben würden, sobald sie es unternähmen, unter dem Feuer der Unsrigen sich den Übergang zu erzwingen.

Am Sonntage, in aller Frühe, zeigte es sich, daß der Schlag, der solange gedroht hatte, nun kommen sollte, denn während der Nacht hatten die Deutschen große Massen Artillerie in die Front vorgeschoben und auf den beherrschenden Anhöhen postiert, ja, sie waren bereits bis in Schußweite des Schlüssels der englischen Stellung selber gelangt.

Hunderte von Geschützen – darunter viele der Festungsartillerie – waren ein wenig östlich von Whiston aufgestellt, von wo aus sie die englischen Verteidigungslinien schräge unter Feuer nehmen konnten. Diese Artillerie gehörte offenbar zum 7. deutschen Korps und war mit der größten Anstrengung von allen Pferden, die zur Verfügung standen, und sogar von Zugmaschinen quer durchs Land an ihre jetzigen Plätze geschafft; die schwersten Kaliber standen auf Dricks Hill, einer reichlich 400 Fuß hohen Bodenschwelle unmittelbar jenseits des Rother-Flusses und etwa 6000 Yards von Catcliff, dem Schlüssel unserer Verteidigungslinie.

Gegen Sonnenaufgang ertönte von hierher ein dumpfer Knall. Es war der Eröffnungsschuß des den Angriff vorbereitenden deutschen Artilleriefeuers, und trotz des weiten Abstandes war zu erkennen, daß der Zünder der riesigen Granaten wohl berechnet war. Ein Geschoß folgte dem anderen und explodierte unter grüngelbem Rauch, woraus zu entnehmen war, daß es mit einem starken Sprengstoff geladen war. Jetzt begann auch die Feldartillerie des Feindes auf ungefähr 3500 Yards zu feuern, und während einer Zeit, die mehrere Stunden zu dauern schien, in Wirklichkeit aber nur 50 Minuten dauerte, fand eine furchtbare Kanonade statt.

Auch die englischen Geschütze hatten ihre Stimme erhoben und schleuderten Schrapnells und andere Geschosse auf die deutschen Batterien.

Die letzteren aber waren sehr sorgfältig versteckt, da während der Nacht mit harter Arbeit wirksame Deckungen angelegt worden waren. Die englischen Geschütze wurden größtenteils von Freiwilligen und Milizen bedient, die zwar von der brennendsten Vaterlandsliebe beseelt waren, aber entsprechend ihrer geringen Übung im Scharfschießen – sie waren fast nur mit Exerzierkanonen eingedrillt worden – durchaus keinen Eindruck auf die wohlgedeckten Artilleriestellungen des Feindes machen konnten.

Es war klar, daß die Deutschen die Hauptmasse ihrer Artillerie an einem Punkte zusammengehäuft hatten, von dem aus sie hoffen durften, unsere Verteidigungslinie so weit erschüttern zu können, daß ihre Infanterie imstande sein würde, sie mit Sturm zu nehmen.

Fern im Süden aber machte sich nun auch Geschützdonner vernehmbar, – ohne Zweifel die Artillerie des 8. Armeekorps Graf Häsler, das wahrscheinlich den Fluß in der Nähe von Renishaw überschritten und, über Eckington vorgehend, sich auf der etwa 520 Fuß hohen Hügelkette nördlich von Ridgeway eingerichtet hatte, von wo sie die ganze englische Stellung der Länge nach bestreichen konnte, von deren Zentrum bei Woodhouse bis fast nach Catcliff selber. Das bedeutete eine ernstliche Verschlimmerung unserer Lage; es war nicht zu verkennen, daß die Deutschen im Begriffe waren, den Hauptteil der englischen Verteidigungsstellung zu umgehen.

Das schwere Geschützfeuer dauerte fort, und unter seinem Schutze nahm etwa zwei Stunden nach Beginn der Schlacht der Angriff im Rücken seinen Anfang.

Die 13. Division Doppschütz ging auf der Chaussee von Doncaster vor. Nachdem ihre Vorhut unlängst Rotherham besetzt und sich nun auch der Brücke bemächtigt hatte, zu deren Zerstörung man keine Zeit gefunden, setzte sie auf das andere Ufer über, trotz der starken Verluste, die ihr dabei der zwischen Tinsley und Brimsworth belegenen Teil der englischen Verteidigungsstellung zufügte. Die Brücke lag voller Toten und Sterbenden, aber nichts hielt das stetige Vorrücken dieser unwiderstehlichen Menschenwoge auf.

Flußabwärts bei der Kanklower Brücke sah es ähnlich aus; bei Catcliffe war die Eisenbahnbrücke mit Sturm genommen worden, und bei Woodhouse Mill machte die 14. Division unter von Kehler einen schrecklichen und erfolgreichen Sturmangriff, desgleichen bei Beighton.

Der Fluß selbst war etwa eine Meile von der Front der englischen Stellung entfernt, und obwohl ein möglichst heftiges Feuer auf alle Anmarschstraßen gerichtet wurde, ließen die Deutschen sich dadurch nicht abweisen. Ohne die geringste Rücksicht auf ihre Verluste marschierten sie vor, kaum daß die dezimierten Regimenter dabei einen Augenblick stutzten. Auf der Westseite des Flusses gewährten die Steilhänge zwischen Beighton und Woodhouse ihnen einen toten Raum, und hier schickten sie sich zu dem letzten Sturmlaufe an.

Der Stand der Dinge im Süden war ähnlich. General Graf Häsler hatte unter geringem Widerstand seine beiden Divisionen über den Fluß geworfen; sie rückten nach Nordosten vor und konnten schließlich ihren Kameraden auf dem rechten Flügel die Hand reichen.

Die deutsche Angriffslinie war jetzt beinahe halbmondförmig geworden; und gegen Mittag gab von Bistram, der Höchstkommandierende, die Befehle für den Sturmangriff aus.

Die Kavallerie des 8. deutschen Korps, die 13. und die 14. Kavalleriebrigade, wurde bei Greasborough zusammengezogen, wohl um sich in dem kritischen Moment auf die zurückgehenden Engländer zu stürzen. Zu dem gleichen Zwecke hielten in dem Tale bei Middle Handley, etwas südlich von Eckington, die 15. und die 16. Kavalleriebrigade des 8. Korps.


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