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Ab hier falsche Kapitelnummern im Buch korrigiert. Re. für Gutenberg

XXV.

Landung der Garde in King's Lynn.


An jenem denkwürdigen Sonntage hatte in den deutschen Nordseehäfen nahezu eine Million Tons Brutto deutscher Fahrzeuge gelegen; in gewöhnlichen Friedenszeiten ist dort etwa eine halbe Million Tons zu finden; die andere Hälfte war in aller Stille dadurch aufgebracht worden, daß man die Schiffe in Häfen wie Emden, Bremen, Bremerhaven, Braake und Geestemünde versammelte, die zusammen wenigstens zehn Meilen Tiefseekais und hinreichende Eisenbahnverbindung besitzen. Die Ansammlung dieser Fahrzeuge hatte kein besonderes Aufsehen erregt, und schon auf hoher See waren sie für den Transport von Mannschaften und Pferden eingerichtet worden.

Gedeckt durch die ostfriesischen Inseln hatte man aus jedem Kanal, jedem Flußarm und Durchlaß eine riesige Menge von Flachbooten und Schuten zusammengebracht, fertig und bereit, an die Kais geschleppt und beladen zu werden. Plötzlich, in ein und derselben Stunde, hatte in Hamburg, Altona, Cuxhaven und Wilhelmshaven eine fieberhafte Tätigkeit angehoben, und ehe die Einwohner selbst eine Ahnung hatten von dem, was vorging, hatte die Einschiffung bereits begonnen! In Emden mit seinen direkten Kabeln nach dem Kriegsschauplatze in England war die geistige Leitung des ganzen Unternehmens konzentriert gewesen.

Aus allen Teilen des »Vaterlandes« waren mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes die Truppenzüge angelangt: aus Düsseldorf kam das 7. Armeekorps, das 8. aus Coblenz; das 9. war schon in Altona, dem Sitz seines Generalkommandos, versammelt, bis auf den Teil, der in Bremen eingeschifft werden sollte; das 10. kam aus Hannover, das 14. aus Magdeburg; das Gardekorps, der Stolz und die Blüte des deutschen Heeres, hatte von Berlin und Potsdam nach Hamburg nicht weit gehabt und gehörte zu den ersten, die eingeschifft wurden.

Die Kriegsstärke eines deutschen Armeekorps beträgt etwa 38 000 Mann, 11 000 Pferde, 144 Geschütze und 2000 Motorwagen, Trainfahrzeuge usw.; für diesen Feldzug aber, der eher ein Streifzug als ein langwieriger Krieg sein sollte, war die Anzahl der Gefährte, nur mit Ausnahme der Motorwagen, etwas verringert worden.

Die den einzelnen Armeekorps beigegebenen Kavalleriebrigaden zählten je 1400 Pferde und einige 35 leichte Maschinengewehre.

Alles in allem hatte die deutsche Heeresverwaltung sich den Überschlag gemacht – und der erwies sich so ziemlich als richtig –, daß jedes Armeekorps für seine Überfahrt nach England einer Brutto-Schiffsräumte von 100 000 Tons bedürfte, und zum Transport von Lebensmitteln usw. für vier Wochen noch weiterer 3000 Tons. Dementsprechend brauchten die sämtlichen sechs Armeekorps etwa 618 000 Tons Brutto, so daß für alle möglichen Fälle in den deutschen Häfen noch hinreichende Transportmittel zurückblieben. Die Hälfte jenes Tonnengehalts wurde von ungefähr 100 Dampfern von durchschnittlich je 3000 Tons geliefert, der Rest von Booten, Schuten, Leichtern und Schleppern.

Für das Korps, das sich mit Verletzung der belgischen Neutralität in Antwerpen eingeschifft hatte, war durch Beschlagnahme sämtlicher flachgehenden Fahrzeuge auf der Schelde und den zahlreichen Kanälen, sowie der Kauffahrteischiffe im Hafen, der nötige Tonnengehalt zur Überfahrt nach dem Blackwater und dem Crouch ohne Schwierigkeit zusammengebracht worden.

Gleich den übrigen Korps hatte auch das Gardekorps, unter dem Herzog von Mannheim, seine Landung ohne Störung vollziehen können, indem es unvermutet vor King's Lynn am Wash erschien und sich der Stadt bemächtigte. Nach der Landung hatte es sich mit dem Korps von Kleppen's vereinigt, das sich von Weybourne aus schnell über ganz Norfolk ausgebreitet hatte.


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