Egon Erwin Kisch
Zaren, Popen, Bolschewiken
Egon Erwin Kisch

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Dorf am Sonntag

Solch ein Sonntagnachmittag auf dem russischen Dorf ist ewig gleich. In der mittleren Zwiebelkuppel schwingt ein Mann die Glocke, und der Pope geht aus seinem Haus, dem einzigen vertünchten des Dorfes, mit langsam ausladendem Schritt der Kirche zu. Ist's kalt, stecken seine Hände in einem schwarzen Muff, sonst trägt er einen Stock, der so lang ist wie er selbst. Sein Haar und sein Bart sind edel, jeder sein eigener Christus, Batjuschka ist ganz Würde und Frömmigkeit, und man sieht ihm nicht an, daß er wochentags in einer Holzbude stehen und Galanteriewaren verkaufen muß, weil der Staat ihm kein Gehalt mehr bezahlt, und aus dem Klingelbeutel heutzutage niemand einen Haushalt bestreiten kann. Es gehen wohl auch nicht mehr so viele Gläubige zum Gottesdienst wie zur Zeit, da Gott und der Zar regierten, meist sind es Frauen in kurzem Kaftan, unter dem der Sarafan bunt sichtbar wird, ihre Kopftücher sind hell und geblümt; die perlenbehängte Krone, der Kokoschnik, der einst ihr Stolz war, ist fast verschwunden. Aus der Männerwelt ist es die ältere Generation allein, die allsonntäglich die Messe besucht. Die Alten grüßen auch den städtisch gekleideten Mann im Schlitten, während Junge, wenn ihnen der Kutscher zuruft, auszuweichen, nur höhnisch zur Antwort haben: »Natürlich, weil ein Barin vorüberfährt!« Die Burschen und jene Mädchen, die sowjetrote Kopftücher tragen, gehen nicht mehr in die Kirche, sondern in den Klub der Komsomolsen, sie spielen Theaterstücke und inszenierte Gerichtsverhandlungen, deren Textbücher ihnen der Dorfsowjet liefert und deren Sujets die Einführung des Dampftraktors, der Elektrifizierung, des 192 Vierfeldersystems oder hygienische Angelegenheiten sind. Sie frequentieren die Lesestube, die Isba Tschitalnaja, und bekommen dort Bücher, die der neue Patronatsherr gesandt hat: die Chefkommission; jedes Dorf und jeder Truppenteil steht nämlich unter kultureller Obhut eines städtischen Unternehmens, sei es einer Behörde, eines Amtes, einer Organisation, eines Industriebetriebes oder eines Trusts, das sich um die geistige Nahrung seiner Schutzbefohlenen zu kümmern hat. Die Alten sieht man in der Lesestube niemals ein Buch, eine Zeitung oder eine Zeitschrift in die Hand nehmen; zwar haben sie unter dem Druck der enormen Propaganda, unter dem Druck des Staates, des Dorfsowjets und dem ihrer begeisterten Söhne in den ersten Jahren der Revolution das Alphabet zu studieren versucht, haben vielleicht sogar lesen gelernt, aber sie machen wenig Gebrauch davon; ist man alt geworden, ohne lesen und schreiben zu können, so weiß man schon, daß es ohne dergleichen moderne Neuerungen auch geht. Um so eifriger hören sie dem Radio zu, besonders an Wintertagen; wenn auf den Feldern der Schnee liegt, schmettert der Lautsprecher Sinfonien von Beethoven und Reden von Bucharin in jede Lesestube, und mit offenen Augen und Mündern lauschen Bauern und Bäuerinnen den Dingen über Leninismus und Marxismus, von denen sie keinen Deut verstehen. Ist's aber eine Oper, mit lustigen Melodien, dann wird die Lesestube zur Bühne für ein Ballett der Gesichter.

»Derewnja« hieß ein Dorf, das so klein war, daß es nicht einmal eine Kirche hatte, »Selo« ein größeres, in dem die Kirche war. Heute bekommt man, wenn man einen Dorfjungen fragt, was der Unterschied sei, zur Antwort, in einem Selo sei ein Kino, in der Derewnja nicht. Ein Radio aber und ein Klub und eine Lesestube sind heute auch in jeder Derewnja. In der Nähe der Städte gibt es hölzerne Villen, Datschen, manche prunkvoll und manche armselig, manche geräumig und manche eng, in denen die Städter zwei Monate Séjour hielten, dann wieder zusperrten, den Hausrat mit sich in die Stadt nehmend. Diese Datschen sind nun das ganze Jahr hindurch bewohnt, entweder von den Bürgern, die ihre Wohnung in der Stadt aufgegeben haben oder von den Dorfarmen. Die neuen Häuser, die aufgeführt wurden, 193 sind so angelegt, wie jene aus der Zeit, da noch keine Antenne über den Dächern schwebte und kein Draht das weltvergessene Idyll mit dem Elektrizitätswerk verknüpfte; ein Fundament aus Lehm oder unbehauenen Steinen, darauf wagerecht übereinandergelegte Baumstämme; die Zwischenräume sind mit Werg und Moos ausgefüllt. In einer einzigen, sehr breiten Zeile stehen diese Häuser, zwischen ihnen niedrige Pumpen mit langem Schwengel; unter der Mündung ist das Wasser gefroren zu einer bis zum Pumpenrohr hinaufreichenden Stange, so daß das Rohr einem aufgelegten Gewehr in der Schießstätte gleicht.

Das größte Haus ist jetzt für die Kooperative freigemacht, die aus der Stadt Waren bezieht und der alle Dorfbewohner angehören, ob sie nun Sowjetstern und rotes Kopftuch oder ob sie Gebetbuch und Sarafan tragen, manche kaufen außerdem noch in dem kleinen Larjok ein, den der Pope innehat, weil er individuelle Artikel feilbietet und vielleicht auch, weil sie sich den Segen Gottes davon versprechen.

Neben dem Genossenschaftshaus stehen hölzerne Pyramiden, es sind die Dächer der unterirdischen Eiskeller, in denen Lebensmittel aufbewahrt werden. Ein anderes öffentliches Gebäude, das in keinem Dorf fehlt, ist der Feuerwehrschuppen mit einer Apparatur, die nichts von neuem Geiste atmet; daneben ist eine hohe Stange in den Boden gerammt, auf deren Topp, von einem kleinen Dach beschützt, die Feuerglocke hängt. Es ist kein Dörfchen so klein, eine Tschajnaja muß darin sein, aber o weh, man kriegt im Teehaus wirklich nur Tee, und da dem Samagon, dem Schwarzbrennerwesen, von Dorfmiliz, Tscheka und den Jugendorganisationen der Garaus gemacht worden ist, muß man oft einige Werst weit wandern, um den Sonntagnachmittag in einem anständigen Teehaus zu verbringen, das heißt in einem solchen, wo Bier ausgeschenkt wird, und das an einer runden Blechtafel mit der Aufschrift »Ehemals Karnejeff-Gorschanoffsche Bierbrauerei« kenntlich ist. Darin geht es den ganzen Sonntagnachmittag ziemlich wüst zu. Vollbärtige und langhaarige Männer, die über jeden Verdacht erhaben sind, küssen einander bei jedem Glas Bier. Von Zeit zu Zeit versuchen sie sogar zu singen, aber nach einigen Takten sehen sie das Aussichtslose dieser 194 Bemühungen ein, gießen sich und dem Nachbar ein Glas ein, küssen ihn je dreimal auf die rechte und die linke Backe und saufen weiter. Ist die Flasche geleert, dann holen sie eine neue von der Theke, dort amtiert der Wirt, eine Käsekugel vor sich, einige Konservenbüchsen, einige Würste und kalten Schweinebraten und die schlechtesten Zigaretten des Mosselprom oder des Leningrader Tabaktrusts.

Alles was recht ist, die Alkoholiker sind nicht so schlimme Säufer wie jene, die keinen Alkohol trinken, sondern Tee. Es ist eine schweißtreibende Angelegenheit, den Teetrinkern nur zuzusehen, sie sitzen in der heißen, rauchgeschwängerten Stube, als ob sie auf dem Nordpol wären, haben struppige Mützen tief in die Stirn gedrückt, den Schafpelz zugeknöpft und umgürtet, ihr Gesicht ist eingepackt in einen rechtgläubigen Vollbart, erstaunlich, daß sie wenigstens die Handschuhe ausgezogen haben. Ein Stück Zucker stecken sie in den Mund und behalten es darin, während sie aus dem großen Tschajnik heißes Wasser ins Glas schütten und aus dem kleinen Tschajnik Tee dazu, und dann das Ganze in die Untertasse, aus der sie es siedend schlürfen, Untertasse auf Untertasse ergießt sich in den Mund, in dem der Zucker bleibt. In kurzen Intervallen ziehen die Trinker ein Handtuch aus der Tasche, ein graues Handtuch, mit dem sie den Schweiß trocknen, der ihnen in die Augen und in den Bart strömt. Die Stirn wischen sie nicht ab, denn dazu müßten sie die Mütze abnehmen, und dann würden sie vielleicht weniger schwitzen.

Der Ursinn dieses Teetrinkens, des Transpirierens, ist nicht zu ergründen. Wollen sie alle bösen Gedanken, alle bösen Triebe und alle bösen Säfte aus ihrem Körper ausschwitzen? Wollen sie sich schon auf Erden an die Pein der Hölle gewöhnen? Wollen sie den Frost verhöhnen, ihm zurufen, du marterst mich draußen, hier drinnen aber lache ich deiner, hier drinnen schwitze ich um so mehr! So etwas muß es sein, denn auch im Dampfbad, das in keinem Dorfe fehlt, hocken sie in teuflischen Temperaturen und erhöhen die Folter, indem sie sich mit Birkenruten prügeln. So etwas muß es sein, was sie zum Teetrinken veranlaßt. Oder aber, sollt' es möglich sein?, schmeckt es ihnen, 195 auf einem Sitz viele Liter heißes Wasser in sich hineinzuschütten?

Im Freien, in arktischer Kälte harren die Pferde, längst geleert ist die Krippe, und sie müssen stundenlang zwischen den beiden Deichseln stehen, unter der riesigen Duga, dem Krummholz, – keinem Bauer fällt es ein, das Pferd untertags auszuspannen – sie frieren, die armen Rosse, und niemand steckt ihnen ein Stück Zucker zu, durch das sie einen Eimer heißen Tees schlürfen könnten. Erst spät abends, wenn die Sterne aufgehen, wanken Biertrinker und Teetrinker aus der Stube, legen sich in ihre Schlitten und schlafen. Das Pferd findet allein den Weg nach Hause, trotzdem es weit ist vom Selo zur Derewnja. Raben flattern über den Schnee, innerhalb der wagrechten Häuserbalken ist es dunkel, unter ihrem hölzernen Zirkumflex wartet die Feuerglocke, das Eiskristall an den Pumpen glitzert ein wenig, ein Fenster im getünchten Haus des Popen ist erleuchtet, und im Klub wird noch debattiert, vielleicht redet man dem »Sellkorr«, dem Korrespondenten der Bauernzeitung, zu, über die letzte Kirchenhochzeit einen satirischen Bericht zu verfassen, einige Burschen lesen.

 


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