Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Der Apostata
(Maximilian Harden)

Es wird wohl in allen deutschen Angelegenheiten und bei jedem deutschen Menschen so sein und bleiben: »zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust«. Man hat sie definitiv so formuliert: die Potsdam-Seele und die Weimar-Seele. Und die Formel ist schon so geschichtsreif geworden, daß Shaw sie demnächst ironisieren wird.

Beide Seelen wohnten auch in Hardens Brust. Wohnten nicht eben friedlich. Kämpften bis zur Selbstvernichtung.

Über Hardens Potsdam-Seele haben andere geschrieben: Freund und Feind, Lobende und Tadler, allzu gerecht und darum allzu ungerecht Abwägende. Da gehört Hardens unbeschreibliche Klugheit hinein, seine Weitsicht und seine Irrtümer, sein unbestochener politischer Wirklichkeitssinn und seine grenzenlose Leidenschaft, Harden der Partisan, Harden der Kämpfer, Moritz und Rina, deren fontanisches Altpreußentum nur der potsdamisch Beseelte so nachfühlen konnte.

Ich aber bilde mir ein, Hardens andere Seele gekannt zu haben. Eine trotz aller Klugheit und kultivierten Kompliziertheit ganz naive und kindliche Seele. Dieser mit allen Wassern der Politik Gewaschene war im Grunde seines Herzens ein Hans der Träumer wie irgendein Eichendorffscher Jüngling. Ich habe tief in seine seltsamen Augen geschaut, und ich glaube – ich lasse mir diesen Glauben nicht nehmen –, daß Hardens Seele in Kinderträumen steckenblieb, die in ihm weiterlebten und ihn nie wieder ganz losließen, in kühnen 202 und verwegenen, vielleicht kindischen, aber göttlich schönen Knabenträumen, wie man sie auch seinem Nächsten nicht anvertraut: der Erste zu werden: der beste Schauspieler, der beste Regisseur; der erste Publizist, der beste Redner, der beste Volksführer, Minister, König, Kaiser. Knabenehrgeiz kennt keine Grenzen, Knabentraum überfliegt sie alle.

Er hatte die glänzendsten Gaben und Fähigkeiten. Er wurde auch der erste Publizist seiner Zeit. Aber alles andere blieb ihm versagt. Sein Schicksal hat grausam mit ihm gespielt. Nicht an Gelegenheit hat es ihm gefehlt. Aber jedesmal wenn die Gelegenheit kam, schob ihm die Glückslaune einen andern vor, dem das in den Schoß fiel, was er anstrebte. So wurde er der Apostata. Der freilich auch schon immer in ihm steckte. Denn der Mensch wird ja doch nur das, was er ist.

Bei Strindberg wird einmal gesagt: »Ich heiße der verworfene Engel, der tausendmal wieder erscheinen soll, ich heiße Satan, weil ich euch mehr liebe als mein eigenes Leben, ich heiße der Befreier, der zu früh kam, ich hieß Luther, ich hieß Huß, jetzt heiße ich Anabaptista.«

Geist von diesem Geiste war auch Harden-Apostata. In diesem angeblichen Reaktionär war immer Revolte. Er stand immer allein gegen viele. Er lebte und starb als Einsamer.

Sein Leben war ein Märchen, aber ein trauriges. Als sei ihm an der Wiege gesungen, jedes Glück mit verzehnfachtem Leid zu bezahlen. Jedes Gelingen war ihm beschieden, und hinter jedem kam ein böser Dämon her, seine Wirkung zunichte zu machen. Immer gab es ein verheißenes Land 203 in seinem Leben, das er von der Nähe schauen, aber nicht betreten durfte.

Er trug das Kreuz derer, die im Dienst des Wortes leben. Im Anfang war, auch für ihn, das Wort. Vielleicht liegt darin seine ganze Problematik. Vielleicht wurde ihm die Gnadengabe des Wortes, die unselig-seligmachende, zum Fluch seines Lebens. Es gibt Menschen des Wortes, denen es so ungeheuer viel bedeutet, daß es fast alle anderen Funktionen des Willens und des Geistes an sich reißt und die Wirklichkeit ersetzt. Die Wirklichkeit aber rächt sich, indem sie das Wort um seine Wirkung betrügt. Was nützt uns aller Glaube an die Wunderkraft des Wortes? Gerade so viel, das Mißtrauen der Ungeistigen, der Tatmenschen zu wecken.

Harden meisterte das Wort, aber das Wort meisterte auch ihn. Die großartige Konzeption dieses aus reicher Tradition und eigenwilliger Persönlichkeit organisch gewachsenen, bei aller Schwere tänzerischen Stils war nicht allen zugängig und entfremdete ihn einer Zeit der allgemeinen Stillockerung. Die architektonisch strenge Struktur seines konzessionslosen Periodenbaues vertrug sich nicht mit dem kurzatmig amorphen Telegrammtempo des herrschenden Geschmacks. Und dezimierte dadurch wohl auch den Kreis seiner Wirkung. Es ist sehr schön, den Besten seiner Zeit genuggetan zu haben, aber für ein politisches Auditorium reicht ihre Zahl nicht.

Doch was lag ihm letzten Endes an einer Zuhörerschaft, die er im Grunde verachtete! Er hatte es zu oft erlebt, daß die ihn öffentlich verleugneten, die sich heimlich 204 in camera caritatis Rats von ihm holten. Er trieb Politik, weil er es für seine Pflicht hielt, weil er nützen wollte. Die leidenschaftliche Liebe seines Herzens galt dem Theater.

Es war, als rette er sich vor der Politik ins Theater. Oder war es Heimkehr?

Vielleicht ist auch diese Art des Theaterfanatismus nicht mehr zeitgemäß. Ich wenigstens kenne weder in Wien noch in Berlin einen Zweiten, der das Theater so glühend liebt, wie es Harden getan hat. Und keinen, der es so genau kennt und versteht wie er. Nur in Wien gab es früher einmal den Typus des Theatromanen, aber er gehört auch dort schon längst der Lokalgeschichte an. Nicht bloß, daß Harden fast alle klassischen Dramen, und nicht bloß die klassischen, wörtlich auswendig wußte; nicht bloß, daß er über alle Vorgänge und Personalien an allen Theatern aufs genaueste unterrichtet war, und zwar auf eine unerklärliche Weise sofort, man brauchte ihm gar nichts zu erzählen, er wußte alles bereits, nur noch genauer: der mit so unglaublicher Arbeitslast Überhäufte, der jede Postkarte eigenhändig und ausführlich sofort beantwortete, fand immer noch Zeit, über alle Theaterfragen nachzudenken, sich mit allen zu beschäftigen und war unerschöpflich an den richtigsten und nützlichsten Ratschlägen, Repertoirvorschlägen, Besetzungsvorschlägen. Das Besetzen der Stücke war, wie bei jedem echten Theatermenschen, seine große Passion. Er besetzte phantasievoll, einfallsreich, mit der genauesten Kenntnis der Schauspieler, mit dem subtilsten Verständnis und einer immer überraschenden, überraschend richtigen Auffassung des einzelnen Stückes. Natürlich mit kluger Berücksichtigung aller theaterpraktischen und 205 theatertaktischen Erwägungen. War er zu Proben geladen, harrte er unermüdlich und unermüdet die ganze lange Probendauer aus, und alles, was er dann, in unbeschreiblich reizvollen und anregenden Formulierungen, zu Reinhardt und uns sagte, war schöpferisch und wertvoll und traf immer ins Schwarze, weil es nicht aus Theorie und Postulat entstanden, sondern aus dem lebendig geschauten Bedürfnis des Theaters heraus empfunden war. Man sah es den glühenden Augen des Mannes an, wie er mit Leib und Seele dabei war, und daß alte heimliche Wünsche in ihm aufsprangen. Hätte er doch am liebsten selbst inszeniert, und am liebsten jede Rolle selber gespielt! Und am nächsten Morgen trafen dann regelmäßig jene mit der zierlichen Handschrift eng beschriebenen Seiten ein, die alle Eindrücke und die wichtigsten Winke zusammenfaßten und die Reinhardt jedesmal aufs neue mit Bewunderung für die Unfehlbarkeit dieses einzigartigen Theaterblickes erfüllten.

In Hardens Verhältnis zum Theater war nichts von Apostasie, und der so zarte, so empfindliche Mann hielt der Sache des Theaters durch Glück und Not seine starke Treue bis zum letzten Augenblick.

 


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