Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Max Dauthendey

Sehr ergiebig war diese Begegnung weder für das Deutsche Theater noch für ihn. Die ausgezeichneten, Shawsche Geschichtsironien antizipierenden »Spielereien einer Kaiserin« ließen wir uns, nach manchen Verhandlungen, schließlich entgehen, wenn ich mich recht erinnere, weil uns damals keine unserer Schauspielerinnen für die Ansprüche der Katharina-Rolle genügte – die Bergner gab es leider noch nicht –, eine historische Legende vom heiligen Kilian, »Die Heidin Geilane«, schien uns zu spezifisch und abseitig, zu sehr als lokale Festspielangelegenheit gedacht, und die kleineren Stücke und Einakter konnten wir innerhalb unseres Spielplans nicht unterbringen, sie waren auch mehr skurrile Stilimprovisationen als für den so charakteristischen Dichter charakteristisch. So verliefen mehrere Unterhandlungsversuche ergebnislos.

Um so ergiebiger war die Begegnung für mich.

194 Ich lernte zum erstenmal eine Menschenart kennen, die es bis zu Dauthendey in der deutschen Kunst wohl kaum gegeben hat: den Südseemenschen. Südseemensch, das heißt: Erfüllung gewordene Sehnsucht nach der fernsten Ferne, nach dem Abenteuer, wirkliche Naivität, wiedererrungene Unschuld; das heißt: Courage, alles Gestrige hinter sich zu verbrennen, um sich das Leben um die Nase wehen zu lassen. Südseemensch, das heißt: Stevenson, Rimbaud, Gauguin, später Pechstein. Heute gibt es ja nur noch Südseemenschen; und morgen wird unser Weekend Südsee heißen.

Das Schönste aber an Dauthendey war, daß er beides zugleich war. Südseemensch und Würzburger.

Würzburger sein heißt: kleine Stadt, edelste alte Kultur, Riemenschneider, fürstliches Barock, Balthasar Neumann, Aufwachsen in idyllischer Stille und in der Umgebung einer durch pfäffische Enge anregend unterbrochenen Schönheit.

Das alles glaubte man dem Dichter anzuspüren. Vielleicht hat man es sich nur eingebildet; aber daß man es sich einbilden konnte, beweist, wie viel Atmosphäre um ihn war.

Es war so vieles an ihm, das gefallen mußte. Schon das Äußere: der hübsche, feste, untersetzte Mensch, kurz und stämmig, mit dem offenen, frischen, immer noch jungen Gesicht, mit den offenen, sauber blitzenden Augen, mit dem dichten, buschigen, dunklen, erst ganz leise silberangestaubten Haar. Für den Theatermenschen, der gerne nach repräsentativen Schauspielern typisiert, ein 195 Prachtexemplar des so sympathischen Rittner-Typs. Stimme und Sprechart; die ohne Absicht zurückhaltende und zugleich unbefangen herzliche Art, sich zu geben; im Gespräch die plastische Gegenständlichkeit und Sachvertrautheit, die den früheren Maler verriet; und, nebenbei erwähnt, eine auffallend schöne Handschrift.

Was man von ihm gelesen hatte, war schön und zu bewundern: in den Gedichten, die zu den besten der neueren Lyrik gehörten, die Eingebung neuer und trotzdem edler Formen; in den mit epischer Meisterschaft und Simplizität erzählten orientalischen Novellen die sinnliche Farbigkeit der stofflichen Phantasie. Ein Mensch von der reichsten ursprünglichen Begabung zu allem; und dabei frisch, naiv und unverbraucht wie ein Kind.

Und nun wußte man, daß er nach seiner dichterischen Vergangenheit aus dem damals für mich wenigstens mit einer geheimnisvollen und priesterlich feierlichen Gloriole umgebenen Kreise Stefan Georges stammte, was ein weiteres Element zu der aufregenden Atmosphäre um den Mann hinzufügte.

Was hatte dieser Wanderer für glückhafte Dichter- und Maleraugen, die sich die weite Welt nach Herzenslust in das bunteste Bilderbuch sich übersprudelnder Bilder verwandelten, und was für tiefe, daß ihm alle geliebten Dinge ihr Geheimnis preisgeben mußten, Gleichnis des großen Geheimnisses zu sein! Wenn es etwas gibt, das den Dichter macht, ist es diese Feengabe, und wenn einer ein Dichter war, war er es. Neben ihm wurde alles ringsherum bloßer Naturalismus.

196 Das spürte man in den ersten Minuten, so einfach und sachlich seine Worte auch waren.

So verlief unsere erste Begegnung: er setzte kurz auseinander, weswegen er gekommen sei: sein Stück unterzubringen und in Berlin den derzeitigen Stand der Theaterkunst kennenzulernen, der er durch längere Abwesenheit entfremdet wäre. Dann sprach er, in Anschauungen, Wünschen und Hoffnungen, vom Theater, nicht wie Theatermenschen vom Theater sprechen, sondern wie ein erstauntes Kind, das vom Theater jedes Wunder verlangt; in einer fast theaterfremden Sprache, aber mit einer kühneren und phantasievolleren Einsicht in seine Möglichkeiten, zumal in die des technischen Apparates. Er sprach von den Schauspielern, ohne ihre Namen zu kennen und zu nennen, aber mit einer so seltsamen Liebe und Verehrung, wie von Edelexemplaren einer hohen Ordnung, wie von Wesen, denen eine besondere und heilige Mission in die Hände gelegt sei; und dann sprach er, ganz unvermittelt, von der Liebe. Was die im Orient bedeute und wozu die europäische Zivilisation sie heruntergewürdigt habe. Da wurde mir auf einmal klar, worin der Lingam-Dichter Wesen und Geheimnis des Theaters erblickte; und er sagte es auch mit ganz natürlichen und wundervollen Worten: damit Mann und Frau nicht vergessen sollen, daß sie zur herzlichen, sinnlichen Vereinigung auf die Welt gekommen sind, denn die Menschen sind vergeßlich und unwissend, und alles muß sie immer wieder gelehrt werden, auch die Liebe.

Durch meine lebhafte Beistimmung warm geworden, 197 erzählte er dann noch vieles vom geliebten Orient, der Wahlheimat seiner Seele, und wenn nicht ein unverwischbarer Anklang der lieben fränkischen Mundart daran erinnert hätte, wäre mir der Würzburger damals nicht fühlbar geworden.

Er ist im Jahre 1918 auf Java gestorben, am Heimweh.

 


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