Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Egon Friedell

Egon Friedell bin ich im Laufe einiger Jahre fast täglich begegnet, und diese Begegnungen dauerten meistens von acht Uhr abends bis acht Uhr morgens des anderen Tages. Er war in diesen Dingen sehr gewissenhaft und hielt auf eine genaue Zeiteinteilung.

Ich kann nicht sagen, daß ich in jenen Jahren besonders fleißig gewesen bin. Der Verkehr mit Egon Friedell ist ein Beruf, der den ganzen Menschen in Anspruch nimmt. Egon liebt, da er selbst so ziemlich alle Berufe in sich vereinigt, es nicht, wenn seine Freunde einen zeitraubenden Nebenberuf ausüben.

Da alle unsere Begegnungen gleich schwer an Weisheit und Wein waren, wird es auch nicht leicht sein, eine herauszuheben. Die Lokale wechselten: der Inhalt blieb derselbe: die Welt. Und sie endigten alle in der Lyrik des Sonnenaufgangs, metaphysisch vertieft durch die Nachwehen einer verbummelten Nacht.

Aber zunächst muß gesagt werden, wer Egon Friedell eigentlich ist.

Denen, die ihn nicht kennen, ist er nicht begreiflich zu machen. Zum Glück gibt es niemanden, der ihn nicht kennt.

190 Die ihn kennen, wissen natürlich: er ist Doktor der Philosophie, und zwar nicht bloß so ein ernannter Ehrendoktor von Oxford oder Cambridge, sondern er hat seinen Doktor wirklich gemacht; er ist Kabarettist (wozu der Doktor der Philosophie unbedingt nötig war); er war der Freund, Eckermann und Biograph Peter Altenbergs, was allein schon ein Leben ausfüllen kann; er ist Berufsphilosoph und hat ein Buch über die Philosophie des Novalis geschrieben; er ist Schauspieler; er ist Naturwissenschaftler; er ist Essayist; er ist Feuilletonist; er ist Mitverfasser des »Goethe«, des witzigsten aller Einakter über den Goethe-Kult; er ist der gründliche Kenner der englischen Historiker und Philosophen und hat Carlyle übersetzt und herausgegeben; er hat ein Buch über das »Jesus-Problem« geschrieben und ist mit Recht böse, wenn man es für eine Altenberg-Anekdote hält, während es ein wirklich ernstes und gescheites Buch ist; er hat eine sehr feine Studie über den »Dichter« (sein Lieblingsthema) und eine andere »Von Dante bis d'Annunzio« geschrieben; er liest Andersens Märchen vor wie kein zweiter; und er läßt eine dicke, dreibändige Kulturgeschichte erscheinen, die nicht bloß von originellen Einfällen und Paradoxien, sondern auch von Belesenheit, Wissen und Gedankentiefe strotzt. Die Nachwelt wird erst erfahren, daß er auch Dramatiker ernsten Stils war und eine unter dem Siegel des Geheimnisses am Burgtheater aufgeführte »Judas«-Tragödie gedichtet hat. Außerdem ist er Hausbesitzer (das trägt den tragischen Unterton in seine sonst pedantisch geordneten Verhältnisse). Außerdem ist er Berufswiener. Und wenn ich recht 191 unterrichtet bin, ist er neuestens Vorkämpfer für die Trockenlegung Österreichs, was sich wohl dahin aufklären dürfte, daß er dem Alkohol den Garaus macht, indem er ihm den Garaus macht. (Ich fürchte, dieser Witz ist nicht von mir, sondern war schon immer da.)

Das alles ist er. Aber das alles ist noch nichts. Das ist er nur so nebenbei. Was Egon Friedell wirklich ist, weiß doch nur, wer jahrelang die Nächte zwischen acht Uhr abends und acht Uhr morgens täglich und pflichtgetreu ausharrend mit ihm verbracht hat.

Das Körperliche ist nicht unwichtig an ihm. Es ist reichlich viel Körperliches vorhanden. Er ist nicht ganz so groß wie ein Riese, aber nicht viel kleiner, und er ist nicht ganz so dick wie ein Faß, aber nicht viel dünner; und sein Kopf zeigt eine durchaus gelungene, geradezu edle Mischung von Goethe und Falstaff. Wenn er lacht, wackelt der Olymp. Er lacht gerne, und es gelingt ihm auch nicht selten, sich zum Lachen zu bringen, denn er ist sich ein dankbares Publikum.

Der eigentliche Egon Friedell, Egon Friedell am Gasthaustische, im Café, Egon Friedell zu Hause unter seinen Büchern, Egon Friedell im vertrauten Kreise der Freunde, Egon Friedell unter vier Augen ist der witzigste, amüsanteste, geistreichste, einfallsreichste, unerschöpflichste, unaufhörlichste Sprudelcauseur, der je mit ernsten Gedanken lustigen Fußball gespielt hat. Er ist voll Beziehung. Er ist voll Figur. Er ist spielerisch, wie nur einer sein kann, der über den Dingen steht. Er kann mit jedem Ernste spielen, weil hinter seinem Spiele ein tiefer Ernst steckt. 192 Er spielt mit System und unerbittlicher Gründlichkeit. Er ist der virtuoseste Schauspieler seiner selbst. Er ist der Schauspieler von tausend Figuren, die er in sich hat. Seine liebsten Rollen sind der Ethiker und der Pädagoge. Natürlich ist er im Grunde selbst ein Ethiker und ein Pädagoge. Aber er ist ein Ethiker von pantagruelischer Lebensfülle und Freiheit, was man diesem letzten Schüler und Nachfahr von Rabelais wohl auch ansieht, und er ist der lustigste Pädagoge, der je den Prügeljungen seines Spottes die Hosen stramm gezogen hat.

Nur eines kann er nicht. Er kann nicht aufhören. Wenn ich bereits im Auto saß, stellte er seinen Fuß auf das Trittbrett, im strömenden Regen, den aufgespannten Regenschirm über sich, weil ihm plötzlich einfiel, einen Professor zu kopieren, der sich mit einem Fachkollegen über den Gebrauch des peri bei den griechischen Tragikern zankte, oder einen andern, der seiner Frau Professor im Ehebette ein Privatissimum über den neuesten Stand der Limesforschung hielt, und es störte ihn nicht, wenn der im Innersten aufgewühlte Chauffeur zuhörte und die Welt nicht mehr verstand. Und wenn ich schließlich, todmüde, durch das schon offene Haustor schlüpfen wollte, hatte der Erbarmungslose kein Einsehen und mußte unbedingt, in der Tür, noch einmal, meritorisch, zur endgültigen Festlegung der erzielten Resultate, in Schlagworten den vollständigen Gesprächsverlauf des ganzen Abends, mit sämtlichen Seitensprüngen, Filiationen und Marginalien, mit a und b, mit römisch I und römisch II, am roten Faden seines unwahrscheinlich zuverlässigen Gedächtnisses in nuce 193 rekapitulieren. So verlangte es das geistige Reinlichkeitsbedürfnis des Systematikers ethisch-pädagogischer Observanz in ihm.

Andere Sorgen hat er nämlich nicht. Zwei Zitate aus seinem kongenialen Lieblingsdichter Wilhelm Busch drücken ihn, je zur Hälfte, wunderbar aus: »Wer Sorgen hat, hat auch Likör«, und »Der Vogel, dünkt mich, hat Humor«. Er hat keine Sorgen, aber Likör. Und er ist zwar kein Vogel, dünkt mich, aber er hat Humor.

 


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