Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Regie als Beruf

Wahrscheinlich wird es andern ebenso gehen wie mir. Es kommen viele junge Leute (Damen sind auch darunter) und fragen mich: »Wie werde ich Regisseur?« Manche fragen auch: »Wie werde ich Dramaturg?« Aber da die Vorstellung von der Tätigkeit eines Dramaturgen unbestimmt ist, schwebt wohl auch diesen mehr die Regie vor. Im Grunde meinen sie alle: »Wie wird man Theaterdirektor und verdient viel Geld?« Die werden schauen . . .!

Ich gestehe: die Frage, wie man Regisseur wird, setzt mich, so oft sie gestellt wird, immer noch in Verlegenheit. Ich weiß es nämlich nicht. Aus den Erfahrungen ist die Antwort nicht zu entnehmen. Jeder von den Regisseuren, die ich kenne, kam auf einem andern Weg dahin.

Und darin liegt es. Sie kamen dahin. Schließlich. Nicht der bloße Wille Regisseur zu werden, genügt. Es gibt keine Schule, in der man es lernen kann. Versuche, Regie in Schulen zu lehren, mißglücken kläglich. Auch das Zuschauen bei der Regieführung tüchtiger anderer hat noch keinen Regisseur gemacht. Man sieht die Griffe des 24 Handwerks ab, aber das Eigentliche geht einem dabei nicht auf. Es ist kein Beruf, den man wählen kann wie irgendeinen anderen. Man wird nicht Regisseur, wie man Schauspieler, Dichter, Maler oder Musiker wird; oder Lehrer, Gelehrter, Journalist oder Ingenieur, Arzt oder Rechtsanwalt; aus dem eigenen oder dem Willen der Eltern; aus Zwang des Innern oder der Verhältnisse; aus Lust, Laune, Beruf oder Berechnung. Man ergreift den Beruf nicht, sondern man wird von ihm ergriffen. Man geht nicht in ihn hinein, sondern man landet in ihm. Er hat keinen Start, sondern man gelangt hin. Er ist ein Resultat. Ein Lebensfazit. Das Leben hämmert einen dazu. Er muß die Summe eines Lebens sein, und zwar eines ungewöhnlich reichen, die Summe vieler Leben, aller Lebensmöglichkeiten und Lebenserfahrungen, muß Erfahrungen aller Berufe in sich schließen. Sonst ist es nichts damit. Sonst ist man ein Handwerker. Sonst soll man lieber gleich Schuster werden oder Intendanturbeamter oder so etwas ähnliches. Der Beruf des eigentlichen Regisseurs ist eine ganz einmalige Angelegenheit und ohne Beispiel, Vergleich und Gleichnis in den anderen Berufen, und diese Einmaligkeit ist das Wesen des Berufes und der Wert jedes einzelnen Regisseurs, der wirklich einer ist.

Es ist schon das Einzigartige an diesem Berufe, daß er, wie kein anderer, ein Sammelbegriff für alle Künste, viele Wissenschaften und einige Handwerke ist. Der Regisseur muß Dichter, Musiker, Maler, Architekt, Tänzer, und vor allem Schauspieler sein; aber dann soll er auch Historiker, Kunsthistoriker, Philologe, Psychologe und Diplomat sein; 25 und es schadet ihm nichts, wenn auch etwas vom Schneider, Tapezierer und Elektrotechniker in ihm steckt. Es genügt nicht, daß er alles seelisch und geistig meistert – er muß es auch technisch anzupacken verstehen. Er muß nicht bloß Dichter sein, weil nur der Dichter das Tiefste der Dichtung versteht, sondern weil er sie weiter zu dichten hat, in einer anderen Sphäre der Realität, und in einem anderen Material, und manchmal sogar in demselben weiter zu dichten hat. Er ist nicht bloß Architekt, weil er seine innere Vision eines Kunstwerkes zu bauen, dessen geistige Struktur nachzubauen hat, sondern weil er es richtig konstruktiv aufzubauen, in den Raum hineinzubauen hat, wie man ein Haus oder eine Stadt baut, und sehr oft auch als Haus oder Stadt. Und damit, daß er den Rhythmus und das innere Melos eines Dramas fühlt, ist niemandem gedient, wenn er die Melodie nicht auch vorzumachen, wiederzugeben, und, wo es not tut, mit dem Taktstock durchzusetzen vermag. Seine Farbenvision wird auf der Bühne nur Leben gewinnen, wenn er selbst als Maler sieht; und nur dann kann er seinem Maler angeben, was er will; sonst macht der, was er will, und die Einheit der Regievision kommt nie zustande. Er muß es dem Schauspieler vormachen können, und zwar dem einen anders, als es der Schauspieler machen soll, sonst fühlt sich dieser vergewaltigt, und dem anderen besser, als es der Schauspieler kann, sonst glaubt er es ihm nicht; und andere wieder gibt es, denen er nichts vormachen darf, sondern alles erklären muß, und da muß er zu jedem in seiner Sprache sprechen, denn der eine fragt, was ist der metaphysische Sinn meiner Rolle? und der 26 andere: soll ich laut oder leise, mit der Stimme hoch oder tief einsetzen? Mit dem technischen Apparat des Theaters muß er bis ins kleinste Detail vertraut sein, mit seiner Optik und Akustik, den Beleuchtungsapparat muß er beherrschen, den Fundus im Kopfe haben, in der Mode der Zeit, den Moden der Vergangenheit Bescheid wissen, und mit jedem Arbeiter in seiner Sprache sprechen können, genau so, wie er die Sprache jedes Schauspielers sprechen muß. Er muß alles wissen. Jeder Frage gewachsen sein, und wehe ihm, wenn er sich eine Blöße gibt! Das darf er erst, wenn er jene Höhe erreicht hat, auf der es den Glauben an den Meister nur noch steigern kann, wenn er zugibt, nicht alles zu wissen und auch irren zu können. Vorher nämlich finge mit dem ersten Zweifel an die Unfehlbarkeit jene Macht über die Gemüter zu wanken an, deren Besitz das letzte und schwerste Geheimnis dieses Berufes ist. Aber um das zu erreichen, dazu gehört die pädagogische Begabung eines Lehrers und alle Erziehungsmittel klug abwechselnder Strenge und Nachsicht, denn Schauspieler sind wie kleine Kinder, und zugleich die raffinierteste Psychologie und Menschenkenntnis, denn sie sind auch kompliziert und jeder anders und muß anders genommen werden, und die schlauen Künste des Diplomaten, um in dem Gewirre von Strebungen, Sonderinteressen und Intrigen die Fäden nicht zu verlieren und seinen Willen durchzusetzen, und, wenn es sich um Schauspielerinnen handelt, eine genaue Kenntnis der Frauenpsyche, wie sie nur der erfahrenste Erotiker besitzt. Entgegengesetztesten Ansprüchen muß er genügen, denn der Prozeß dieses seltsamen Berufes, der 27 ein Willensproblem ist, setzt sich seltsamerweise zu gleichen Teilen aus zwei entgegengesetzten Akten zusammen: einem rein schöpferischen und einem reinen Willensakte. So muß er beides: Visionär und Wirklichkeitsmensch, Künstler und Tatmensch sein; elastisch und eigensinnig, liebenswürdig und energisch bis zur Willenskraft des Despoten. Das alles muß ein Regisseur sein, und alles miteinander wird hohe Kunst doch erst dann, wenn in ihm auch ein Stück Philosoph steckt mit einem eigenen und erlebten Weltbild, das, bescheiden-stumm hinter dem Dichtwerk versteckt, der ganzen Tätigkeit erst ihren Wert und ihre Einmaligkeit verleiht.

Ich kann mir kaum einen Beruf vorstellen, der mehr Reife, Erfahrung und Erlebnis voraussetzt.

Bloß voraussetzt; denn dann kommt erst das zweite Stadium: das eigene Menschliche in Kunst und Form des dramatischen Dichtwerks umzusetzen. Und dann erst das Eigentliche: die Synthese von Erlebnis und Form am Material des Theaters und an anderen Menschen, den Schauspielern, in Leben und Wirklichkeit des Theaters umzusetzen.

Stil aber, sowohl der einzelnen Aufführung wie der eines einzelnen Regisseurs und einer Epoche, ist kein Willensprodukt. Nicht die Erfindung einer produktiven Phantasie. Nicht die Entdeckung eines konstruktiven Verstandes. Stil ist das, was sich ganz von selbst ergibt. Stil ist das Ende einer Entwicklung, nicht ihr Ausgangspunkt. Stil ist Resultat.

Nicht am Stil, der nur ein Wille ist, sind die Regisseure voneinander zu unterscheiden, sondern an der Fülle des Lebens und der künstlerischen Persönlichkeit.

28 Wenn ich das alles den jungen Leuten auseinandersetze, mit Beispielen, die doch am meisten einleuchten, glauben sie mir nicht. Sie kommen mit anderen Beispielen, von Leuten, die jung inszeniert haben und durchgefallen sind, aber nur, weil sie eben nicht die guten Schauspieler hatten wie die anderen, oder die dann später berühmt wurden. Am liebsten möchte jeder gleich selbst inszenieren; aber nur auf einer ersten Bühne und nur mit den ganz großen Künstlern. Das könne doch gar nicht so schwer sein; weil die ja doch alles aus sich selbst heraus machen. Wenn einer also nur das richtige Stück in die Hände bekäme, ein ganz modernes natürlich, das aber doch zugleich auch ein Kassenstück sein müßte, dann brauchte er nur noch den Rhythmus der Zeit zu haben, Tempo, das Dynamische also und so, und dann müsse er unbedingt bemerkt werden. Worauf es schließlich ankäme. Es machte vielleicht nicht einmal soviel aus, wenn das Stück sogar durchfiele. Das wissen auch die Jüngsten schon, daß es beim Theater immer anders kommt. Und schließt damit: man solle ihm also Gelegenheit geben zu inszenieren und ihm nicht den Weg mit Älteren versperren, die es nicht mehr nötig hätten; für den Rest werde er schon selber sorgen.

Ich hätte lieber gehört, daß mir einer sagte: »Also die Reife, die Sie für die Hauptsache beim Regisseur halten, habe ich nicht, und ich habe nicht die Zeit, zu warten, bis ich sie bekomme. Unterdessen spiele ich mit ein paar Freunden, die gerade so jung sind wie ich und ebensolche Genies, obwohl Sie sie nicht kennen, ein Stück, das Sie gleichfalls nicht kennen dürften und das ich für das größte 29 Meisterwerk seit Georg Büchner halte. Wir haben gar kein Geld, aber das macht nichts, weil wir den größten Maler haben, der uns alles umsonst macht. Er wird schon siebzehn. Wenn wir durchfallen sollten, schadet es gar nichts, dann habt ihr euch eben wieder einmal alle blamiert. Aber wir werden nicht durchfallen, sondern wahrscheinlich den größten Erfolg haben, der je da war. Sie werden an mich denken.«

Das scheint mir ein Weg. Aber wahrscheinlich ist auch das andere ein Weg, und jener vorsichtige junge Mann wird wohl recht haben, für den Rest sorgen und wahrscheinlich eines Tages Regisseur sein und eines Tages Theaterdirektor und sehr viel Geld verdienen. Nur, daß sein Weg nicht gerade der Weg ist, den ich gehen möchte, und daß seine Regie-Persönlichkeit und Leistungen wohl kaum die sein dürften, die mir in kühnen Zukunftsträumen vorschweben.

 


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