Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Der Jugendliche

Man sagt: Der Jugendliche, schlechtweg. Das Wort hat allerdings doppelte Bedeutung: im Sprachgebrauch des Lebens (und der Gerichtssaalrubrik) bedeutet es den jugendlichen Verbrecher, im Sprachgebrauch der Bühne den jugendlichen Liebhaber.

Ich meine natürlich diesen.

Nur in seltenen Ausnahmefällen treffen die beiden Typen zusammen; sei es, daß es sich um ein Verbrechen gegen die Liebe, sei es, daß es sich um ein Verbrechen gegen die Kunst handle. Im normalen Falle hat kein Mensch weniger Anlage zum Verbrecher als der jugendliche Liebhaber: gegen den Charakterspieler oder gegen den Komiker gehalten, pflegt er sich als durchaus harmlos zu bewähren.

Ich beabsichtige eine Ehrenrettung des Jugendlichen: ich möchte nachweisen, daß es falsch ist, den jugendlichen 55 Liebhaber für den Tenor des rezitierenden Dramas zu halten. Nicht jeder jugendliche Liebhaber ist ein Tenor.

Andere werden nachweisen, daß nicht jeder Tenor ein jugendlicher Liebhaber ist. Womit ungefähr dasselbe gemeint ist. Und auch sie werden von ihrem Standpunkt aus recht haben.

Der Tenor – wer wüßte nicht, was ein Tenor ist! Da lobe ich mir meinen Jugendlichen. Es gibt sogar sehr intelligente jugendliche Liebhaber. Der Jugendliche von heute ist für sein Alter sehr intelligent.

Das Lebensalter des Jugendlichen variiert. Als ich noch jung war, zählte der durchschnittliche Jugendliche fünfundfünfzig Jahre. Es kam auch vor, daß er sich beim Zählen verrechnete.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute herrscht der Knabe vor. Wenn heute der jugendliche Liebhaber in sein Fünfundfünfzigstes kommt, pflegt er sich langsam darauf vorzubereiten, bereits in das Fach des gesetzten Liebhabers überzutreten.

Wenn die Agenten früher vom Jugendlichen sprachen, sagten sie: »sonnig«. Oder »eine Siegfriednatur«! Was in ihrem Munde besonders begeistert klang. Etwa so, wie wenn Marquis Posa fragt: »Sire, wie geben Sie Gedankenfreiheit?«

Der »Sonnige« ach! wird nicht mehr gefragt. Die Siegfriede sind auf der Bühne ausgestorben. Der Liebhaber von heute ist ein unglücklich Liebender und trägt die düstere Farbe der Entsagung.

Was ist aus der Zeit geworden, was ist aus der Liebe geworden, wenn es keine wirklichen jugendlichen Liebhaber 56 mehr gibt, sondern nur noch lauter jugendliche Charakterdarsteller! Statt der sonnigen Siegfriede schwarze, bleiche, magere, melancholisch-pessimistische Intellektuelle! Wenn Romeo auf Pathologie der Pubertät, Mortimer auf religiöse Hysterie, der Infant Carlos als infantil Degenerierter gespielt wird!

Siegfried war gesund bis zum Platzen und gar nicht durchgeistigt, dafür aber konnte er blonde Locken schütteln und war pausbackig wie ein Trompeter. Und trompeten konnte er, daß die Kulissen von Jericho wackelten.

Wer erinnert sich nicht mit stiller Rührung der großen Momente, wenn der Jugendliche unserer Jugend bis dicht an den Souffleurkasten herantrat, feierlich in schönem, rundem Bogen die Arme hob (wenn es Musik gegeben hätte, so hätte sie in diesem Augenblick aufhören müssen wie im Zirkus), deutlich sichtbar aus den Tiefen seines Leibes Atem holte und zu schmettern begann! Er schmetterte. Man kann es nicht anders sagen. Wenn Wetter von Strahl sagte: »Der bloße Blitz aus meiner Wimper schmettert dich zu Boden,« dann schmetterte nicht bloß der Blitz, dann schmetterte der Donner, dann schmetterte die Stimme, die Brust, der Bauch, dann schmetterte der ganze Wetter. Heute ist die schöne Stelle mit der ganzen Schmetterei gestrichen: zu pathetisch! Und wie überlief es uns heiß und kalt, wenn der blonde, breitbrüstige Kerl: »Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre«, ins Publikum hinausschmetterte! Tosender Applaus! Der Dunois von heute ist ein kluger Realpolitiker, und es würde uns gar nicht sehr wundern, wenn er uns nüchtern bewiese: 57 »Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an die Dividende ihrer Munitionsfabriken!« Keine Hand rührt sich, außer die der Interessenten.

Wenn sie gar nichts konnten, brüllen konnten sie. Wenn einer nicht brüllen konnte, war er kein Liebhaber. Das Brüllen gehörte zur Liebe, wie – wie eben die andern Dinge, die zur Liebe gehörten. (Ob heute noch? Wer kann das wissen! Das hat sich alles so verschoben.)

Manchmal sangen sie. Denn es war wie Gesang, wenn sich, mit stärkster Modulation, die hohen Lieder der Liebe, im wundervoll gesteigerten Crescendo der Leidenschaft, in die Musik ihrer schönen Stimmen ergossen. Es war natürlich nicht das, was man später natürlich nannte. Und doch war es Natur, die elementar aus ihnen herausbrach und sich entlud und nicht anders konnte, und das war es, was sie davor schützte, bloßes Stimmphänomen, unbeseeltes, sie davor schützte, Tenor zu werden.

Schön war's doch. Es waren Prachtmenschen. Es gelang ihnen, aus Feuer, Leidenschaft, Sturm und Schwung, an Shakespeare, Schiller und Kleist, einen erfreulichsten Menschentypus (mit nur leisen Zügen der individuellen Verschiedenheit), den feurigen Jüngling zu schaffen und damit einen reinen Begriff von Jugend, der hinreißend und vorbildlich für ganze Generationen wurde. Und wenn sie selbst auch oft keine Jünglinge mehr waren, das lebendige Gefühl der Jugend erhielt sie jung wie ein Elixier, das ewige Jugend verleiht.

Natürlich gab es Abschattierungen. Der kraftvoll helle, heitere Jugendliche, der fast schon Naturbursche war: ihm 58 gehörte Siegfried, Graf Wetter Strahl, der Tempelherr, Max Piccolomini, Melchthal, Dunois. Und der Dämonische, Adlige, Stolze, eigentlich schon mehr Held: Hamlet, Coriolan, Tasso. Wundervoll kontrastierten ihre Typen, wenn sie friedlich wetteifernd nebeneinander Posa und Don Carlos, Graf Leicester und Mortimer, Don Manuel und Don Cesar, Weislingen und den Knappen Franz spielten. Im Egmont und im Karl Moor schnitten ihre Kreise einander: um diese beiden Rollen ging dann auch ihr dreißigjähriger Krieg. Erst wenn sie ganz, aber auch ganz reif geworden waren, beruhigte sich der Kraftvolle bei Tell, Othello und Götz, der Dämonische bei Macbeth und Wallenstein.

Heute wird alles vom Charakterspieler und auf charakterspielerisch gespielt. Der Jugendliche von heute, dessen Hauptmission auf der Bühne der unerläßliche Kampf mit Papa ist, den er nur einmal im dritten Akt mit einem verunglückten Ausflug in die große Welt der Bars, die das Leben bedeuten, tragisch unterbricht, auch er trägt den Charakterspielerstab im Tornister, und sieht auch so aus. Und in welchem Kostüm er auch immer den Hamlet spielt, er wird immer so aussehen, als ob er ihn im Smoking spielte. Er ist nämlich und will nichts anderes sein als der Sohn seiner Zeit. Diese neurasthenische Zeit hat uns den neuen Typus des nervösen Liebhabers beschert. Aber spotten wir nicht: er hat's auch nicht leicht, der Jugendliche von heute. So jung er ist, er hat bereits an allen Folgen der Wissenschaft, inklusive der Psychoanalyse, zu tragen. Es gibt gar nicht so viel Kreuze, als an die er geschlagen wird. Eine Passion muß es nicht gerade sein, aus einer Passion in die andere 59 zu geraten. Da hatte es der Jugendliche der Vergangenheit heiterer getroffen. Nur eines ist unverändert durch die Jahrzehnte Tradition des Fachs geblieben: brüllen können sie immer noch.

 


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