Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Frank Wedekind

Vorspiel. Die Hartleben-Feier. Otto Erich Hartleben wurde wie alljährlich in Zürich erwartet und ihm zu Ehren eine Vorlesung veranstaltet, die ein in der Schweiz lebender deutscher Schriftsteller aus den Gedichten des Halkyoniers exekutierte. Wir gingen natürlich vorsichtigerweise nicht hin, da solche Vorlesungen in der selten umgangenen Regel einen geradezu letalen Grad von Langeweile zu erreichen pflegen, sondern saßen zu Ehren des Dichters in dem von ihm geachteten Schwertkeller. Richtig tat sich auch plötzlich die Türe auf, und die umfangreiche 142 Gestalt Otto Erichs erschien in ihr, noch im wallenden Reisemantel, teils an Wotan, teils an Goethe in der Campagna erinnernd. Er erzählte, daß er schon in der Nähe des Bahnhofs von einem Plakate einladend begrüßt worden sei, auf dem er den ihn immer wohltuend berührenden Namen Hartleben unschwer entdeckt habe, und auf diese Verführung hin einen Augenblick lang einer Vorlesung oder so etwas Ähnlichem beigewohnt habe, um im nächsten die Flucht zu ergreifen. Dann nahm er bei uns Platz, wartete aber mit einer bei ihm durchaus ungewohnten Ungeduld kaum den bestellten Alkohol ab, zog ein Bändchen aus der Tasche und begann: »Hier habe ich nämlich etwas viel Schöneres. Ein soeben erschienenes Buch, das ihr alle noch nicht kennt und das trotzdem viel besser ist als das ganze Zeug, das jetzt geschrieben wird. Außerdem lebt das glückliche Schwein von einem Dichter gegenwärtig in Paris.« Und er las aus dem »Frühlings Erwachen« die Professorenszene und die Begräbnisszene. Er las meisterhaft und mit einer erschütternden Komik. Darauf zog ein zweiter aus dem Kreise ein Buch hervor, und es war dasselbe Buch, das er zufällig ebenfalls bei sich trug, und er las die Heubodenszene. Und dann holte ich als dritter ein Buch hervor, und es war wieder dasselbe, und ich las den Monolog des Hänschen Rilow. Und dann stellte es sich heraus, daß alle »Frühlings Erwachen« kannten und es für das schönste Buch der Generation erklärten. Hartleben selbst aber war es gewesen, der auf diese selbstlose Weise die für ihn geplante Hartleben-Feier in eine Wedekind-Feier verwandelte. 143

Auf dem Anarchistenkongresse. In dem historisch gewordenen Kasino Außersihl zu Zürich fand im Frühling des Jahres 1893 ein internationaler Anarchistenkongreß statt, an dem die wundervollsten Männer der revolutionären Bewegung teilnahmen, unter ihnen Amilcare Cipriani, Domela-Niewenhuys, Mowbray, Gustav Landauer, Faure, Rossi, Ladislaus Gumplowicz. Ich gehörte, als Einundzwanzigjähriger, dem Büro des Kongresses an und hielt sogar eines der Referate, das über die Maifeier. An diesem Abend erblickte ich plötzlich, von meinem Ehrenplatz auf dem Podium aus, an einem Tische unten im Saale den wohlvertrauten, schwer zu übersehenden Kopf Otto Erich Hartlebens neben einem Herrn, in dem ich sofort, ohne ihn je vorher gesehen zu haben, Frank Wedekind erriet. Mein Herz hüpfte vor Freude. Schnell entschlossen warf ich einige Zeilen auf ein Papier und schickte ihnen den Zettel hinunter, folgenden Inhalts: »Hartleben und Wedekind! Wedekind und Hartleben! Wie uns die Dichter willkommen sind. Im Gegenwartleben! (Betone: im Gegenwartleben). Es grüßen dich, Kecker, die nach Freiheit schmachten, den Frühlingserwecker die Frühlingserwachten. Als Postskriptum: Auf nachher im Kropf!« (Verzeihung! Aber so ungefähr dichtete man um das Jahr 1890 herum). Ich sah, wie mein Zettel gelesen wurde und sich dann plötzlich, wie auf Kommando, feierlich zwei Maßkrüge Dunkles hoben, um mir zuzugrüßen. Was ich ebenso feierlich erwiderte. Es wurde dann ein sehr lustiger und erhebender Abend mit anschließender Nacht, im Kropfkeller. So lernte ich Frank Wedekind persönlich kennen. 144

»Donauweibchen.« Mein Freund, Dr. Carl Heine, kam mit seiner Ibsen-Tournee 1898 zum erstenmal nach Wien und brachte Frank Wedekind mit. Und zwar als Schauspieler. »Erdgeist« hat ihm die Zensur, die dort und damals nicht klüger war als anderswo und heute, natürlich verboten. Wedekind spielte unter einem Pseudonym: Kammerer. (Nebenbei bemerkt war dies der Name eines zu jener Zeit sehr bekannten österreichischen Anarchisten.) Wedekind spielte in seiner schon damals streng sachlichen und sehr eindringlichen Art einen der beiden Journalisten im »Volksfeind« und, in Ibsens »Frau vom Meere«, den stotternden Tanzmeister, denselben, der immer die leitmotivisch richtigen, das in seiner ironischen Absicht nicht leicht verständliche Stück gewissermaßen unauffällig kommentierenden Worte: »akkla – akklimatisieren« sagt. Die Nächte nach den Vorstellungen verbrachten wir zumeist in größerem Kreise in den verschiedenen Bier- und Kaffeelokalen der Stadt. Einmal des Nachts – oder vielmehr eines frühen Morgens begleitete ich ihn nach einer langen und anstrengenden Sitzung getreulich zu seinem in der Leopoldstadt gelegenen Hotel. Ich erinnere mich, daß wir durch den blühenden Stadtpark gingen – die Vögel sangen bereits – der Frühling hing geradezu aufdringlich fühlbar in der Luft – und als wir durch das »Donauweibchen« kamen, eine versteckte Allee des Stadtparks, die nach einer in ihrer Mitte aufgestellten Brunnenfigur so genannt wird, war Wedekind über die Maßen angeregt. Er sprach mit einer, natürlich immer streng sachlichen Begeisterung von der Frau, und zwar über sein Lieblingsthema: die 145 unlösbare Einheit von Körper und Seele. Er sagte: »Es gibt drei Forderungen: ein gerader, aufrechter Gang, eine gerade Nase, schöne, große, wohlgeformte Gliedmaßen, Hände und entsprechende Füße. Wenn diese drei stimmen, stimmt auch alles übrige: Charakter, Wahrhaftigkeit und die Fähigkeit zur Liebe. Was die Hauptsache ist.« Seine Stimme bekam förmlich den Aufschwung ins Ethische. Das unerschöpfliche Thema hat aber auch Details und das Gespräch nahm seinen Fortgang, bis wir das Hotel erreichten. Ich habe manches erfahren, was ich vorher nur schüchtern ahnte. Am Hoteltor verabschiedete ich mich schnell, da es mir vorkam, als ob Wedekind, nur zu begreiflich bei der vorgerückten Stunde, Eile hätte, ins Bett zu kommen. Als ich mich aber, meinen Weg fortsetzend, nach einigen Sekunden zufällig umdrehte, sah ich zu meiner Überraschung, wie mein lieber Wedekind aus dem Hotel wieder hervortrat und mit schnellen Schritten in derselben Richtung, in der wir gekommen waren, zur Stadt zurückging. Ich Ärmster hatte in meiner Naivität nicht bemerkt, daß unser sachlich theoretischer Dialog nur das vorbereitende Einleitungsstadium realer Erlebnisse war, deren empirische Durchführung meine unschuldige Gegenwart ungebührlich hinausgezögert hatte.

Der Wedekind-Stil. In der Pause während einer Probe vor der Erstaufführung eines neuen Wedekindschen Werkes in den Kammerspielen ging ich mit dem Dichter im Hofe vor dem Deutschen Theater auf und ab. Ich fragte ihn nach dem Eindruck, den er von der Probe hatte, und er antwortete: »Oh, ganz vorzüglich! Unübertrefflich!« 146 Wedekind sagte immer »ganz vorzüglich!«, wenn ihm etwas durch und durch mißfiel, und ich forschte daher weiter. Schließlich sagte er: »Die Schauspieler suchen immer nach einem besonderen Stil für mich. Ich wünsche aber gar keinen Wedekind-Stil. Verdammt, verdammt! Und dabei bin ich ganz einfach zu spielen. Sie sollen mich so spielen, wie man die Klassiker spielt. Meine Stücke vertragen es nur nicht, naturalistisch, mit den Händen in den Hosentaschen und mit einem salopp hingenuschelten Text gespielt zu werden, den kein Mensch versteht. Und man verschone mich auch mit psychologischen Tüfteleien: einen psychologischen Stil an sich gibt es nicht, das Psychologische versteht sich immer von selbst und muß quand même herauskommen, wenn meine Figuren psychologisch folgerichtig handeln. Psychologie ist meine Sache, nicht die meiner Gestalten und noch weniger die meiner Darsteller. Ich wünsche so gespielt zu werden, wie man am alten Burgtheater die Klassiker gespielt hat: darunter verstehe ich die schärfste Herausarbeitung der Typenhaftigkeit in den Figuren und die sauberste und strengste Arbeit am Wort. Mich schreckt auch das Pathos nicht, wenn nur meine Tiraden gehört werden und jedes einzelne Wort klar, deutlich artikuliert und sinngerecht herauskommt. Und wer den Macbeth oder den Othello spielen kann, der muß auch meinen Marquis von Keith spielen können, und meinen Schigolch wünsche ich von dem Schauspieler dargestellt zu sehen, der den König Lear oder den Shylock darzustellen gewöhnt ist, und meine Lulu ist eine Naive und darf von keiner gespielt werden als von der jungen Dame, die sonst das Gretchen und die Ophelia spielt.« 147

Der Bratenrock. Als der Zensurkampf um die »Büchse der Pandora« tobte, wurden wir vertraulich beschieden, daß die entscheidende Hilfe uns einzig und allein von Erich Schmidt kommen könnte; ein befürwortendes Gutachten dieses einen würde stärker in die Wagschale fallen als alles andere. Die einleitenden Schritte wurden unter günstigen Aussichten unternommen. Dann kam der Augenblick, der eine letzte Unterredung mit dem Literaturgewaltigen notwendig erscheinen ließ. Bei dieser mußte die persönliche Vorstellung des Dichters erfolgen, für den man die Intervention des einflußreichen und immer wohlwollenden Mannes anrief. Frank Wedekind fand, nach einigem Zureden, daß Paris eine Messe wert sei, erklärte sich zu diesem Schritt schließlich bereit und erschien zur richtigen Stunde, am angegebenen Ort (in der Universität) mit einem ehrwürdigen Bratenrock angetan von abenteuerlich altmodischem Zuschnitt und mit einem Zylinderhute in der Hand, der aus Urgroßväter Zeit herzustammen schien. Im übrigen benahm er sich ausnehmend klug, redete wenig, dies wenige jedesmal überraschend zwingend und klar, ließ die anderen reden und hörte zu, still und mit einer rührenden Bescheidenheit, auf einem Eckchen seines Stuhles sitzend. Als die Unterredung beendet war und man sich (der dankbare Dichter nicht ohne manche fast höfisch korrekte Verneigung) von Erich Schmidt verabschiedet hatte, blieb Wedekind, mitten auf dem Hofe, plötzlich stehen, schlug die Augen zum Himmel auf und sprach mit dem Ton und Ausdruck eines bis ins Innerste Ergriffenen die geflügelten Worte: »Welch ein Mann!!« Als würden mit einem Male Bratenrock und 148 Zylinder verständlich, so unbeschreiblich feierlich, so pathetisch und aus einer anderen Zeit her klang es, und dabei ist es nicht einmal ganz sicher, daß er es nicht im vollen Ernst gemeint hat.

Das Jesusproblem. Einmal saß ich mit Frank Wedekind allein im Café Monopol, und das war die schönste von allen Begegnungen mit ihm. Er sagte: »Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit allen großen Männern des Mythos und der Weltgeschichte herumgeschlagen und bin nachgerade zu dem Resultat gekommen, daß es nur ein wirklich tragisches Problem gibt, das Problem des Heroismus, für dessen Inhalt ich keine bessere Bezeichnung zu finden wußte als: die Schwäche der Kraft. Ich habe lange geschwankt, ob ich einen Simson oder einen Herakles, einen Bismarck oder einen Napoleon schreiben soll. Glauben Sie mir, unter allen sogenannten Männern der mehr als in einer Hinsicht fragwürdigen Tat, unter allen wirklich großen Männern, werden Sie nicht einen finden, der nicht ein ausgemachter Neurastheniker wäre; es gibt nicht einen, der nicht seine Achillesferse, nicht das verdammte Loch in seiner Hornhaut hätte, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn nicht gerade in dieser einen verwundbaren Stelle das Geheimnis der Kraft, zum mindesten das Geheimnis ihrer menschlichen Größe stäke. Wie aber erst, wenn die ganze Haut nur aus verwundbaren Stellen besteht! Die ganze Weltgeschichte scheint mir nur ein ungeheures Kompendium über das unwiderlegbare Thema: die Kraft der Schwäche. Siegt schon die Kraft lediglich durch Schwäche, welche unheimlich siegenden Kräfte müssen erst in der Schwäche stecken! Dabei ist es vollkommen gleichgültig, was einem 149 persönlich sympathischer ist, das heißt, mehr oder weniger auf die Nerven geht: Kraft oder Schwäche. Der Übermensch, der uns die Historie predigt, ist eigentlich der Untermensch, der Schwächste. Das ist der heimliche Sinn des Opferfestes, und einen anderen Sinn vermag ich in den Hauptabenteuern der Weltgeschichte nicht zu erblicken, wenn sich nicht das ganze Unternehmen als elend dilettantische Stümperarbeit, als eine hirnverbrannt lächerlich dumme Sinnlosigkeit bis auf die Knochen blamieren soll.«

 


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