Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Première

I

Jahrelang hat einer mit seinem Gott, mit der Welt, mit seinem Leben, mit seinem Ich gerungen und hat ein Werk geboren. Er hat seiner Seele Tiefstes, seines Geistes Klarstes, seines Wesens Bestes, das Resultat einer Entwicklung hineingegossen, hat die einzige ihm mögliche Form gefunden. Wie ein Gott hat er Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen und ihnen Leben von seinem Leben gegeben, hat sie in sich herumgetragen, mit ihnen gesprochen, verkehrt, gelebt, wie wenn sie Fleisch und Blut wären. Und so ist eine neue kleine Welt entstanden, ein neues Leben, gerade so rund und ganz und gut wie irgendein anderes. Wahrer 89 sogar als das wirkliche: denn nicht der Schein trügt, sondern die Wirklichkeit; der Schein hat recht.

Andere haben das Werk gelesen und waren erfüllt davon. Ein zweiter kam und hat es so tief in sich aufgenommen, daß es sein eigen wurde. Auch er hatte Wochen und Monate mit den Gestalten des Werkes gelebt, hat die Vision des Werkes zu seiner eigenen gemacht und hat sie in Farben, in Linien, in Töne, in Bilder, in Stimmen und Gesten, in vibrierende Menschenseelen, in lebendiges Leben umgesetzt. Auch er hat aus seiner Schöpferseele Fülle seines reichen Menschenlebens mit hinein verwebt, um die Vision des Künstlers durch das vielfältige Material des Theaters auszudrücken. Hundert fleißige Hände haben eine kleine Welt aufgebaut, Maler gemalt, Schauspieler gelernt, studiert, probiert und immer wieder probiert, Wille wurde an Wille gesetzt, Energien rangen miteinander, ein Fieber spannte die Nerven aller, vom ersten bis zum letzten, aufs äußerste, bis endlich eine Einheit, ein Neues, Fertiges dastand.

Und nun soll ein Abend, sollen drei Stunden die unermüdliche, unaufhörliche, nervenaufpeitschende Arbeit von Wochen, von Monaten krönen.

II

Noch ist der Vorhang unten, und schon sitzen sie da, alle, immer dieselben, immer in derselben Stimmung, kampfbereit, zum Widerstand gewappnet, bis an die Zähne gepanzert mit Feindseligkeit. Entschlossen, nicht zu wollen um jeden Preis. Entschlossen, eher zu sterben, als sich zu 90 ergeben. Dieser eine Zug finsterer Entschlossenheit lagert auf allen den verschiedenen Gesichtern, bricht unverkennbar durch die mühsame Maske einer gespielten Gleichgültigkeit durch. Alle kennen sie einander: in der Art, in der sie einander begrüßen, in den kühlen Blicken, mit denen sie sich gegenseitig messen, liegt abgestumpfte, jahrelange Gewohnheit, liegt die geringschätzige Gleichgültigkeit einer unfreiwilligen Gemeinschaft, wie bei Eheleuten, die sich zu genau kennen und sich nichts mehr zu sagen haben. Und doch, wie verschieden sie an Bildung, Niveau, Meinungen sein mögen, in diesem Augenblicke eint sie ein gemeinsamer Gedanke, ein unheimlich starker Wille, wie ein geheimes Gelübde die Mitglieder einer Verschwörung: Mag kommen, was will, imponieren lassen wir uns auf keinen Fall! Und auf keinen Fall soll es ihnen ohne Kampf hingehen! Kampf, Kampf, Kampf um jeden Preis!

(Man greift sich an den Kopf, fragt sich immer wieder: Warum Kampf? Warum in aller Welt Kampf? Gerade hier? Die da oben wollen doch nichts als Gutes, wollen ihr Bestes geben, Schönheit zeigen, Freude bereiten. Warum sollen sie dafür durchaus bestraft werden? Warum müssen sie als Feinde behandelt werden? Ihr Wille ist doch der friedfertigste: wozu also euer Kampf? Ihr seid doch sonst nicht so!)

Erste Plänkeleien beginnen. Zunächst auf neutralem Gebiet. »Heute ist es hier zu kalt. (Zu warm.)« Seit zwölf Jahren ist es dem alten Herrn bei jeder Première zuerst zu kalt oder zu warm. »Daß Sie nie pünktlich sein können. Es ist gleich dreiviertel.« Seit zwölf Jahren könnte er schon 91 wissen, daß jede Première genau um dreiviertel beginnt, weil man abwartet, daß das Publikum auf den Plätzen sitzt und die ersten Szenen nicht durch die Unruhe der zu spät Kommenden stören lassen will. Man liest den Theaterzettel und kritisiert die Besetzung im vorhinein. Man hätte anders besetzt. Man kennt die Geheimgeschichte. Man mag den Schauspieler nicht, der spielt, und zieht den vor, der nicht spielt. Es gibt Schauspieler, die man ohrfeigen möchte, so oft man sie sieht, natürlich werden die am besten beschäftigt. Man erzählt seiner Frau, was man vom Inhalt des Stückes bereits weiß. Man fragt, warum spielt er das Stück eigentlich?, sucht nach Motiven, natürlich unsauberen, und munkelt allerlei, irgendein Geheimnisvolles weiß jeder. Man informiert sich noch schnell, holt sich Tatsachen von der Kulissengeschichte der Vorstellung, läßt sich Erinnerungen an andere Aufführungen desselben Werks, an Aufführungen anderer Werke desselben Dichters bestätigen, kurz man sammelt seine Waffen.

Und nun sitzt man da, im vollen Gefühl seiner Gottähnlichkeit, eingesetzt zu urteilen und zu richten. Zum Herrn bestellt über Tod und Leben, das Schicksal des Abends, eines Dichters, eines Werkes, eines Theaters in den gewaltigen Händen, bedeutend, groß. Den Ernst der Stunde und der Aufgabe im Gesicht, wenn auch vielleicht innerlich lächelnd, weil man seinen besten Pfeil bereits gespitzt hat, ehe noch der erste Schwertstreich gefallen ist. Denn an diesem Abend fühlen sich alle als Kritiker, auch die, denen noch keine Zeitung mit dem Amte den Verstand verliehen hat.

92 Der Vorhang rauscht in die Höhe, das erste Wort tönt in den Saal und ein leises, nicht allzu leises »Schon faul!« des Entzückens entringt sich, gesprochen oder unausgesprochen, fünfzig Lippen, hundert Seelen. »Hugh!« sagt der Indianer, wenn er auf den Kriegspfad geht. Der Premièrenbesucher, zumal der Berliner, sagt: »Schon faul!« In dieser wundervollen Einheit finden sich die Herzen. Es deutet zart die Stimmung an, zu der man bereit ist. Ein Vorzeichen gewissermaßen, das die Tonart angibt, auf die man gestimmt ist; die Stimmgabel schwingt den Grundakkord an. Mehr Kriegsruf als, bewahre! vorschnelles Urteil. Und dann versinkt ein jeder in sich selbst. Wie indische Nabelanbeter, bemüht, die Welt zu vergessen, die sich da draußen auf der Bühne vor ihnen abspielt, sitzen sie da, aufs innigste und zärtlichste mit sich selbst beschäftigt, sehen nichts, hören nichts, weil sie Formeln finden, Worte prägen, Witze schmieden und Eindrücke formulieren müssen, die sie gar nicht haben. Alle arbeiten sie an dem großen Kunstwerk: Zwischenakt, das einen Vorgeschmack des Weltgerichtes bedeuten soll. Aller Glanz, alle Schönheit auf der Bühne ist umsonst, alles Menschliche, die stärkste Leidenschaft verpufft ins Leere, Gedankengänge rauschen ungehört an tauben Ohren vorüber: nur hie und da, von Zeit zu Zeit wirft einer einen verwirrten Blick auf die Bühne, um sich von dem, was da vorgeht, von neuem zu sich selbst entzünden zu lassen. Manchmal erwachen sie aus der Tiefe ihres Innenlebens, recken sich gähnend, sehen auf die Uhr und verabreden mit dem Nachbar das Restaurant für das Abendbrot. In der großen Pause des Zwischenaktes aber wird Gericht gehalten: da 93 entlädt sich, was sich während der Akte an Gift, Galle und Witz in den Gemütern aufgespeichert hat. Mit der Unerbittlichkeit strenger Lehrer werden die Fehler notiert, die Zensuren erteilt: gut oder schlecht, ein drittes gibt es nicht; was falsch ist, wird angestrichen. Wehe dem Werk, wenn die guten Köpfe beieinander stecken, die schnellen Zungen wispern! Keine Inquisition konnte je so unerbittlich sein. In dem Hochgespräch dieses Zwischenaktes gipfelt der Abend: hier ist Zweck und Erfüllung des Ganzen. Die kritische Diskussion lebt davon, daß man mit Leuten derselben Meinung verschiedener Meinung ist, und über nichts läßt es sich so gut disputieren, als über Geschmäcke, vorausgesetzt, daß einer vorhanden ist, und erst recht, wenn keiner vorhanden ist. Und so kehrt man befriedigt, entladen, gehoben zum zweiten Teil der Vorstellung zurück. Das Urteil ist gefällt, es kann nichts mehr passieren. Und trägt geduldig bis zur vorletzten Szene: dann geht man, denn die Garderobe ist wichtiger, als der scharfsinnig schon längst erratene Schluß.

Unterdessen haben da oben auf der Bühne alle Künste für sie gespielt, um sie geworben; hat einer, haben viele ihr Herzblut hergegeben, ihr Innerstes enthüllt, das Beste ihrer Kunst entfaltet. Vergeblich; sie rühren keine Hand; da sind sie viel zu objektiv dazu.

III

Das soll um Gottes willen kein Protest, kein Reformversuch, keine Bitte um Abänderungsvorschläge sein. Es kann wohl nicht anders sein und wird auch immer so 94 bleiben. Nur ein kleiner Beitrag zur Massenpsychologie. Im einzelnen lauter liebe Leute, ich kenne sie alle persönlich: entzückende Leute: alle zusammen das Grausamste, Härteste, Mordgierigste. Man kann eine Première nur mit dem Maturatraum, dem Hexengericht, dem Inquisitionstribunal vergleichen. Und wenn man diesen Eindruck in jahrzehntelanger Erfahrung berufsmäßig immer wieder, ja von Première zu Première immer stärker erlebt hat, verzeiht man sich eines Tages das Bedürfnis, ihn offen heraus zu sagen.

 


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