Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Rudolf Schildkraut

Auf meinem Lebenswege bin ich nicht gerade wenigen Schauspielern begegnet, und es waren darunter viele, die das Kennenlernen lohnten, und natürlich Damen erst recht, doch von denen will ich heute nicht sprechen, und manche darunter waren Prachtmenschen, und wenige waren darunter, bei denen man schüchtern das hohe Wort Genie aussprechen dürfte, und wenn ich von allen Namen die Namen Bassermann, Moissi, Krauß, Pallenberg, Klöpfer, 163 Gülstorff nenne, so tue ich dies nicht einer willkürlichen Klassierung wegen, sondern weil mir gerade von diesen jeder eine anders begnadete Einmaligkeit darzustellen scheint, aber Schildkraut – Schildkraut ist halt ein Kapitel für sich. War eines, denn er ist in Amerika und vorläufig für uns verloren.

An keinem anderen habe ich das Wesen der schauspielerischen Natur, mit allem Drum und Dran und Drin und Drunter, so stark, so unmittelbar und so lückenlos gespürt wie an ihm.

Es lag nicht am schauspielerischen Können an sich – bei diesem wild aufgewachsenen Autodidakten, der sich in diesem Sinne gern den einzigen Schüler Mitterwurzers nannte, erstaunlich groß! –, aber das technische Können versteht sich bei Künstlern dieser Ranghöhe von selbst. In der technischen Kultur, in der souveränen Ausnützung und Ökonomie der Mittel, in der Selbstbeherrschung und im Maß war ihm vielleicht sogar der eine oder der andere über. Und es lag auch nicht an der schauspielerischen Verwandlungsfähigkeit, an der Buntheit charakteristischer Gestaltung –: obwohl jede seiner Gestalten ihr charakteristisches Gesicht hatte, weil eben sein Gesicht so über die Maßen charakteristisch war. Sondern daran lag es, daß er beides war: eine Natur und ein Schauspieler. Eine Natur von dämonischen Ausmaßen und der Schauspieler. Eine Natur; aber keine von den keuschen, stummen, herben, schamhaft in sich verschlossenen, sondern eine explosive, und ein Schauspieler bis in die letzten Nervenspitzen: aber kein Komödiant.

164 Was war es, das diese Natur und diese Schauspielerei zu so etwas ganz Besonderem, Einmaligem, Nichtwiederkehrendem machte? Das um sie die Luft einer Ferne schuf, Ahnung einer fremden Welt, deren exotisch-phantastischem Reiz sich unsere kühleren, zivilisierten Zonen mit aufgeregt williger Neugier ergaben? Das ihr die Kraft einer Urtümlichkeit gab, die aus lange verschütteten Geheimnissen zu kommen und an unsichtbaren Nabelschnüren mit einer stärkeren und leidenschaftlichen Vergangenheit unlösbar zusammenzuhängen schien? So brach sie wie ein Sturm, mit elementarer, fast tierischer Wildheit in die Atmosphäre unserer gezähmten Kunst ein und brachte Botschaft und Gruß aus einer anderen Welt, aus anderen Zeiten. So kann nicht die Natur eines Mannes wirken, so wirkt nur die Natur und das Genie einer Rasse, die sich in dem einen Manne seltsam und ihm vielleicht unbewußt erneuerte.

Seht euch doch einmal den Kopf und den Leib dieses Mannes an – im Foyer des Deutschen Theaters hängt sein Bild, von Berneis meisterhaft hingehauen –, seht euch diesen gedrungenen breiten Körper an, wie er dasitzt, breitbeinig hingeflözt und auf den starken Männerhänden aufgestützt, die Wucht dieses Sarmatenschädels, aus dessen funkelnden Augen Treuherzigkeit und Schlauheit, Kraft und Güte blitzen, und vielleicht auch Kraft und Schwäche, die Schwäche der Kraft, und ihr werdet euch erinnern, wie er war, und wie er auf euch wirkte.

Ihr werdet euch an seinen Shylock erinnern, den vorher und nachher keiner, auch der berühmte Novelli nicht, so 165 echt, so unbewußt alttestamentarisch, so unmittelbar aus einem Volksempfinden gestaltet hat. Was liegt daran, wenn sich dabei die Sympathien verschoben! »Fisch mit zu ködern!« – niemand, der das gehört hat, wird diesen einen Satz vergessen können, in dem alle Wut und Rache des gedemütigten Rassestolzes, alle Wut und aller Schmerz der verratenen Vaterliebe triumphierte.

Ihr werdet euch an die lange Reihe seiner Vätergestalten erinnern, an den königlichen Vater Lear und den alten Moor, an den alten Miller und die Väter im »Gott der Rache« und in Heijermans' »Kettengliedern.« Keiner konnte das Väterliche so spielen wie er, das Glück und die Tragik des Vatertums, das Gütige und das Strenge des Vaters. »Tief wurzelt in unserem Volke die Familie!« Die Familie, diese Keimzelle alles religiösen Lebens im Judentum, war eine Quelle von Schildkrauts menschlicher und schauspielerischer Kraft.

Über seiner Herkunft schwebte Dunkel. In Konstantinopel war er geboren; ob er aus dem Ghetto stammte oder aus anderen Tiefen, welcher Art seine Familie war, erfuhr man nicht. In seiner Kraft lag etwas volkstümlich Plebejisches, aber zugleich auch Heroisches, eine Höhe, etwas, das man fast »Adel des Plebejertums« hätte nennen mögen.

Vor allem aber hatte Schildkraut, was man im Leben und auf der Bühne am seltensten findet, und was ja doch den höchsten, den letztgültig entscheidenden Wert darstellt: Er hatte Herz.

Da war eine Herzenswärme, eine Brutwärme, eine Gütigkeit, eine Fähigkeit zu lieben und ein Heißhunger, 166 geliebt zu werden, ein Mut zu den natürlichen Gefühlen, die sich nicht scheuten, auch sentimental zu werden, weil sie das europäische Odium dieses Begriffes nicht kannten und mit den Hemmungen gesellschaftlich vorgeschriebener Scham nicht belastet waren. Die Scham dieses Mannes war eine andere, nicht Angst, nicht Konvention, sondern Männlichkeit und die natürliche Unschuld einer eruptiven Sinnlichkeit. Wie saßen in diesem Vollmenschen die Gegensätze prall aufeinander! Der beste Gatte, der zärtlichste Vater – Gott! man darf eine kleine Indiskretion wagen, Amerika ist weit – war zugleich, was man in Wien einen Hallodri nennt; der Gütigste mitunter von einer jähzornigen Heftigkeit und faustbereiten Brutalität, mit der nicht gut Kirschen essen war, der Eigensinnigste mit einem guten Wort um den Finger zu wickeln; der gemütlichste Familienvater ein verwegener und leichtsinniger Spieler. Er hatte dieselbe unbedachte und unbedenkliche Courage im Leben wie auf der Bühne: weil er immer und in allem unmittelbar aus dem Elementaren seiner Natur handelte.

Ich sah ihn das erstemal auf einer kleinen österreichischen Provinzbühne, in Baden bei Wien. (Dieses Theater, eine Sommerarena, sah die Anfänge so mancher späteren Berühmtheit: Hier wurden die Massa und die Finaly entdeckt, das Entzücken der operettenverrückten Wiener in den achtziger Jahren, hier der herrliche Komiker Maran, hier unser Viktor Arnold. Auch ist Max Reinhardt in Baden geboren. Die Bedeutung dieser landschaftlich bezauberndsten Landstadt für das deutsche Geistesleben ist noch zu beschreiben: es gibt nämlich außer den Badener 167 Schwefelbädern und den unübertrefflichen Badener Bonbons auch eine spezifisch Badener Kultur, die mit keiner anderen europäischen zu vergleichen ist, und die Badener Gymnasiasten stellten, wenigstens zu meiner Zeit, die Elite der geistigen Moderne, und zwar ihre äußerste Linke dar, mit dem feinsten Flair für alles Kommende, aber ohne das mit Bewußtsein festgehaltene Badener Aroma zu verlieren.) Ich war damals selbst noch Gymnasiast, als mich meine Freunde, die Badener Gymnasiasten mit der Entdeckung begrüßten: »Du, jetzt haben wir einen neuen Schauspieler hier, wie du noch keinen gesehen hast; sehr prononziert allerdings« (sie drückten sich, erinnere ich mich recht, ein wenig anders aus, badnerischer), »aber ein Genie.« Das Genie hieß Schildkraut. Ich sah ihn als Schmock und als Wurzelsepp. Er hat, gestehe ich, maßlos übertrieben, aber es ist nicht zu sagen, wie man sich an dieser Übertreibung freute. Endlich wieder einmal einer, der über alle Stränge schlug, aus Reichtum, aus Fülle, aus Kraft, aus Schauspielerfreude an der stärksten Wirkung, aus Courage zu Farbe und Zeichnung.

Einige Jahre später war er entdeckt und in Wien am Carltheater tätig, das sich zur Zeit vorübergehend mit einem recht guten Ensemble dem rezitierenden Schau- und Lustspiel zuwandte. Damals lernte ich ihn näher kennen. Es war seine wildeste Zeit. Es verging kein Tag, der nicht eine Schildkraut-Anekdote brachte, Geschichten, die von einer maßlosen Heftigkeit und Ungezügeltheit, von ungehemmten Bohêmestreichen, aber auch von einem prachtvoll drastischen und ungenierten Humor, von einer grenzenlosen 168 Gutmütigkeit erzählten. Er wurde der Schrecken seiner Direktionen und der Liebling seiner Kollegen. Er war im freundschaftlichen Verkehr voll Vertrauen, von der ungeschminktesten Offenherzigkeit und Ehrlichkeit, freute sich wie ein Kind über Lob, vertrug dankbar jede tadelnde Kritik, die guter Gesinnung entsprang: war im Gespräch der amüsanteste, lebendigste, farbigste Erzähler, immer erfinderisch in Anekdoten, überraschend mit den saftigsten Vergleichen einer orientalischen Phantasie und dabei von einer kindlichen Naivität und Urtümlichkeit. Er spielte mit Leidenschaft, meist mit viel Glück und noch mit mehr Kühnheit und mit einem phantastischen Geschick zu jeder Art Spiel, gleich ob es Kombinations- oder Bluffspiele waren; aber zum Schluß verlor er doch immer alles. Er war unerschöpflich in Einfällen und Ideen, die eitle Dummheit wohlhabend dilettierender Möchtegern-Mäzene zu prellen, und er machte sich, aufrichtig gestanden, nicht allzuviel Gewissen daraus, zum Schlusse aber war doch immer er, in seiner Gutmütigkeit, der Geprellte, der draufzahlen mußte. So hatte er nie Geld, aber immer gute Laune; denn dieses »von heute auf morgen, von der Hand in den Mund leben« war der Zustand, der ihm einzig taugte. Darin hat er sich lange nicht geändert. (Jetzt freilich in Amerika soll er ein wenig anders geworden sein, aber es war auch höchste Zeit, und ein satter Genießer wird er wohl auch jetzt noch nicht sein: das einzige Talent, das diesem an Talenten Überreichen fehlt, ist das zum Knallprotzen.) Übrigens spielte er damals nicht bloß Karten, sondern auch Theater mit Glück, so daß ihn Baron Berger an das neugegründete Deutsche Schauspielhaus in 169 Hamburg engagierte, wo er die stärksten Erfolge hatte und zu ständig wachsender Berühmtheit anstieg.

Dann sollte er zu Paul Lindau nach Berlin kommen, der damals die Direktion des Deutschen Theaters übernahm und mit einer Aufführung von »Troilus und Cressida« eröffnete. Lindau hatte alle seine Hoffnungen auf ihn gesetzt, von dessen ungewöhnlicher Begabung Wunderdinge berichtet wurden, und ihm den Thersites zugedacht. Schildkraut überlegte sich's aber und wartete lieber, bis das Deutsche Theater an Max Reinhardt kam, bei dem er dann seine besten Zeiten hatte und an dem er mit einer leidenschaftlichen künstlerischen und menschlichen Treue hing.

Übrigens nicht bloß er, es übertrug sich von selbst auf das ganze Haus Schildkraut, bis ins dritte und vierte Geschlecht, zunächst aber wenigstens auf Weib und Kind, das alles schwor nicht höher als bei Max Reinhardt, und Reinhardt war fortan der erklärte Familienheilige.

Was nicht hinderte, daß es zwischen dem Theater und dem eigensinnigen Manne auch gelegentlich zu Krächen kam. Die er aber niemals denen machte, die er liebte. Ich zum Beispiel konnte ruhig in seine Garderobe kommen, ohne fürchten zu müssen, daß mir eine Waschschüssel an den Kopf flog. Im Gegenteil: mit mir war er weich wie Butter, und ich konnte alles bei ihm durchsetzen. Mit mir konnte er sich an die alten Zeiten und die alten Freunde in Wien erinnern. Oder er dichtete, mit glänzenden Augen, Stücke um. Die sentimentalsten amerikanischen Reißer, für die er eine Vorliebe hatte, aber er shakespearisierte sie. Er verband mit dem sichersten Gefühl für starke Theaterwirkungen die 170 fruchtbarste stoffliche Phantasie und überpurzelte sich an Einfällen. Er schrieb sie nie auf (sagte er), und wenn, dann ganz heimlich. Das überlasse er anderen, sagte er, aber ich hatte ihn immer in Verdacht einer versteckten und bis zum Platzen vollgestopften Schreibtischlade, wie er auch leugnete. Am liebsten aber schwärmte er. Die beiden großen Enthusiasmen seines Lebens waren das Talent seines Sohnes und Max Reinhardt. Manchmal schwärmte er allerdings auch von irgendeinem kleinen hübschen Mädchen, das er für ein großes Talent erklärte, und es dauerte jedesmal lange, bis er darauf kam, daß dieses große Talent ein kleines Talent, aber ein großes Luder sei. Was ihn nicht abhielt, sofort nach einem neuen kleinen Mädchen mit großem Talent zu forschen. Delila läßt sich immer wieder von Simson zur Bühne ausbilden, und Simson fällt immer wieder auf ihre Talentlosigkeit herein. Dieser Väterspieler war ein Kindergemüt und wird es ewig bleiben, ich wette, auch in Amerika und im Patriarchenalter.

Lieber Schildkraut! Was tust du in Amerika, dem dir nicht gelobten Lande der unbegrenzten Enthaltsamkeiten, Filme und Dollarströme? Das alles ist nicht für dich. Kehre zurück, verlorener Vater, und spiele, mit anspruchsloser Prominentengage, wieder Komödie, wie es dir verhängt ist, im Lande der Fleischtöpfe, in Berlin und mit Max Reinhardt! 171

 


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