Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Regiesitzung

Ich begehe keine Indiskretion und keinen Bruch eines Bürogeheimnisses. Die Dinge, die ich darstellen will, sind bereits historisch. Mein Bericht basiert auch nicht etwa auf dem Protokoll einer bestimmten Regiesitzung, sondern ist 70 der Versuch eines Schemas, die Skizzierung eines Durchschnittes durch die vielen Regiesitzungen meiner Erinnerung, wie sie sich in meinem Gedächtnis malen.

Es war einmal.

Das alles ist jetzt anders. Tempo der Zeit. Das Verfahren ist wesentlich vereinfacht, die mündliche Verhandlung auf ein Minimum reduziert, die Besetzung des hohen Stabes zum größten Teil abgebaut. Damals, als das Theater noch eine kleine Monarchie war, mit dem einen an der Spitze, der alles in einem war, Regisseur und Direktor in Personalunion, wurde in langer Beratung der Rat der Räte eingeholt, den der oberste Wille brauchte, um nach geduldig angehörtem Für und Wider sich für ein Drittes zu entscheiden. Heute, in der Republik, gibt es keine Beratung, sondern nur noch Entscheidung des Verantwortlichen, der die Sache in sich abmacht und den fertigen Beschluß an die Exekutivorgane weiterleitet. Das neue System ist praktischer und weniger zeitraubend, das alte war lustiger.

Es wird, da es die ökonomische, die zeitgeizige Zeit so will, wohl in allen Theaterbetrieben ähnlich sein. Normung, Horatio, Taylorsystem, Fließarbeit!

Damals, da die Zeit noch Zeit hatte, war die Stunde der Beratung mit dem Direktor-Regisseur der Mittelpunkt, der Höhepunkt unseres Tages. Aus ihr entwickelte sich das ganze Programm unserer Funktionen. Alle übrige Zeit war Warten. Ein verzweifeltes, nicht endenwollendes, ein mit tausend rasenden Tätigkeiten ausgefülltes Warten auf diese Stunde.

71 Das Büro des Theaters ist eine hohe Schule der Geduld.

Um drei Uhr wollten wir nach Hause gehen. Um halb vier wurde uns von der Bühne heraufgemeldet, die Probe sei sofort zu Ende, und wir sollten unbedingt nicht früher fortgehen, ehe wir mit dem Direktor gesprochen hätten: Wichtiges läge vor. Um halb fünf erschien er endlich, todmüde von der Probe.

Vor uns waren nur noch zwei Schauspieler zu erledigen, mit denen er allein zu sprechen hatte. Dann irgendeine, anscheinend sehr wichtige Persönlichkeit von außerhalb. Wenn wir Glück hatten, nur eine. Dann kamen wir daran.

Zunächst erklärte er, daß die ganze Besprechung höchstens fünf Minuten in Anspruch nehmen dürfe. Sie dauerte auch manchmal nicht länger als zweiundeinehalbe Stunde.

Wir haben es gut getroffen. Der Stab ist heute vollzählig. Eine richtige Plenarversammlung.

Es sind alle da. Sogar der Meistbeschäftigte, der administrative Direktor, sonst ein seltener Gast bei den Regiesitzungen, denen er aus Prinzip und Zeitmangel fernzubleiben pflegt. Er wird auch heute alle paar Minuten abgerufen, ans Telephon geholt, verschwindet, taucht wieder auf, wird von jedem der Anwesenden, da jeder ein Spezialanliegen an ihn hat, in eine Ecke gezogen: man kann nicht sagen, daß er seines Lebens unter uns froh wird. Und man versteht, daß er sich, so wie es nur irgend möglich wird, ungesehen drückt. Er greift nur selten ein, aber dann 72 kurz, knapp, sachlich, entscheidend. Sein Wort hat, da er der finanziell Bevollmächtigte ist, letztinstanzliche Geltung, und er ist, selbst wenn er nicht persönlich anwesend ist, unsichtbar gegenwärtig. Außer ihm: beide Dramaturgen: der eine gewissermaßen Minister der auswärtigen Politik des Theaters, der andere mehr für den literarischen Innendienst an Text, Auffassung, Besetzung usw.; außerdem hat dieser für den Humor in den Sitzungen zu sorgen. Der Hilfsregisseur. Zwei Herren vom technischen Apparat: der Maler und der Maschinendirektor. Der Kapellmeister. Der Bürochef. Das Besetzungsbüro. Und dann immer noch irgend jemand. Diese Figur kann ad libitum ausgewechselt werden.

Jeder von den anderen hat eine Funktion. Die meisten zwei, drei, vier, unzählige Funktionen. Darum muß jeder alle fünf Minuten etwa, gleichzeitig mit seiner Teilnahme an der Beratung, in einem der beiden Nebenzimmer telephonieren. Der alte Witz von dem Vogel, der nicht zugleich auf zwei Hochzeiten sein kann, wird durch eine Regiesitzung ad absurdum geführt.

Dadurch wird sie zum bewegten Bilde eines unausgesetzten Hin und Her, eines fortwährenden Kommens und Gehens. Ein angenehmer Nervenreiz, in Verbindung mit dem beruhigenden Gefühl, den Kontakt mit der Außenwelt nie ganz zu verlieren.

Den Vortritt hat der technische Apparat, der muß zuerst abgefertigt werden, weil er sofort wieder an seine Arbeit muß, die tagsüber keine und in der Nacht nur eine kurze Pause hat.

73 Während die eiligst Entwürfe und Modelle herbeischleppen, ist schon mit einem kühnen Satze der Auswärtige am linken Ohr des Direktors und tuschelt ihm geheimnisvoll und halblaut, so daß es alle hören müssen, den Schlachtbericht von den zehn Kriegsschauplätzen des Theaters zu. Der Ärmste hat den Kampf mit den Behörden, mit der Presse, mit der Konkurrenz, mit den berühmtesten und widerspenstigsten Autoren, mit den prominentesten Mitgliedern auf sich, Prozesse, Termine, Friedensschlüsse und Engagementsabschlüsse hinter sich und vor sich, und wie überall, so ist auch im Theater das politische Lied das garstigste.

Der Direktor scheint, wortlos, nur mit halbem Ohr, hinzuhören, natürlich ist ihm kein Wort verlorengegangen, mit beiden Augen ist er schon längst, gleichzeitig, bei den ihm vorgelegten Entwürfen. Denn schon ist er wieder nur noch Regisseur, was er am liebsten ist. Das Direktionsgeschäft ist ihm eine, ach! durchaus nicht so goldene Last, die er zu anderen Lasten zu tragen hat. Aber hier, vor den Zeichnungen, ist er in seinem Element. An ihnen entzündet sich seine Regiephantasie. Darum ist er nirgends so dankbar wie hier, doch auch nirgends so schwer zufriedenzustellen. Dankbar für jede Anregung, die ihm vom Maler, vom Konstrukteur zufließt. Aber die meiste Anregung geht von ihm aus und auf den Maler, den Konstrukteur zurück. Er überströmt von den besten und überraschendsten Einfällen, und dabei scheinen sie so einfach und selbstverständlich wie das Ei des Kolumbus. Man schämt sich, daß man nicht von selbst darauf gekommen ist.

74 Wir stehen geschart um ihn herum, »wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt«, und starren gebannt auf die Blätter, die Pappmodelle. Wir erleben, wie sich das Gerüst einer Aufführung, wie sich ein Stück, ein Stück Welt, buchstäblich und geistig, vor unseren Augen in die Höhe baut.

Nichts ist so wohltuend wie die Realität. Der technische Apparat kennt keine Redensarten. Er kennt nur Möglichkeit und Unmöglichkeit. Eigentlich auch die nicht. Miedings wackere Söhne machen auch das Unmögliche möglich. Und doch fühlt man sich bei diesen Leuten so angenehm sicher, daß jede Zusage, die nach kurzer Überlegung erteilt wird, auch wirklich gehalten wird. Zur vergleichenden Völkerpsychologie: die Verkehrssprache mit dem technischen Apparat ist vorwiegend österreichisch.

Dann kommen die Dispositionen für die Probe des nächsten Tages. Die weitblickende Zukunftspolitik (in Gestalt des Auswärtigen) drängt zwar mächtig, aber vor dem unumstößlichen Gesetz, daß im Theater der Augenblick vorgehe, muß sich auch seine Ungeduld beugen. Der Hilfsregisseur und das Besetzungsbüro erhalten ihre Aufträge. Probenanschläge, Probenansagen, Bestellungen, Umbesetzungen, die während der Abendstunden erledigt werden müssen. Umbesetzungen den betreffenden Betroffenen beizubringen, ist das bitterste Amt. Es blüht dem Dramaturgen und wird von dem, dem die Rolle abgenommen wird, und dem, der sie erhält, mit gleichem Dank quittiert.

Das Besetzungsgespräch tobt. Hier stoßen die Gegensätze am heftigsten gegeneinander. Temperament kämpft gegen 75 Besonnenheit. Alle Qualitäten bewähren sich: Verständnis des Stückes, Kunstverstand, Stilgefühl, Theatererfahrung, Psychologie. Personalkenntnis erweist ihre Unentbehrlichkeit. Alle Erwägungen werden gehört: es gibt Rollen, für die der Kredit des großen Namens Voraussetzung ist, und andere, bei denen die besondere persönliche Eignung wichtiger ist; es gibt eine Meinung, die den besseren Schauspieler immer vorzieht, auch dem, der die besondere persönliche Eignung für die Rolle hat. Es werden Argumente theaterpraktischer, stimmtechnischer, theaterpolitischer, sogar rein menschlicher Natur in Betracht gezogen. Da es Menschen sind, die sprechen, melden sich auch Vorurteile, Sympathien und Antipathien; aber schließlich siegt über alle Sympathien und Antipathien bei allen das Gefühl für die gemeinsame Sache, und die Sache macht sachlich.

Der Regisseur hat sich schweigsam alles angehört. Lächelnd, denn er weiß, daß seinem eigentlichen Anspruch kein Kompromiß genügt und er sich auch mit keinem zufriedengeben wird. Und auf einmal kommt er mit einem überraschenden, ganz neuen Vorschlage, der weit über alle anderen hinausgeht und in dem sich, wie erlöst, alle Meinungen zusammenfinden. Nicht, weil's der Direktor ist, denn dieser verträgt jeden Widerspruch, schon weil er Widerspruch als fruchtbar und anregend empfindet, und erwägt jeden, sondern weil der neue Vorschlag einfach zwingend ist. Allerdings grenzt seine Durchführung meist ans Unmögliche, aber das hat diesen Mann noch nie gekümmert, dazu ist das Büro, das Unmögliche möglich zu machen. Womöglich schon bis morgen früh. Es wird Mühe, Energie 76 und noch einiges andere kosten, aber was liegt daran, wenn die Aufführung gut wird.

Und dann erst kommt alles andere. Jenes Gespräch vom Hundertsten ins Tausendste, in dem aus jedem Wort eine neue Anregung spritzt und mit ihr ein neuer Auftrag und eine neue Sorge, aber auch eine neue Aussicht und Hoffnung, über Freund und Feind, und alles auf das eine geliebte Zentrum und Sorgenkind, das Theater, bezogen. Da sind Schauspieler, von deren Talent man Wunderdinge gehört hat, jene Wunderdinge, die man nur von Schauspielern hört, solange man sie noch nicht engagiert hat, überall in der Welt verstreut, und man soll sie im Auge behalten; da sind Stücke, in anderen Städten aufgeführte, unaufgeführte, ungedichtete, die man sich um jeden Preis sichern muß. Die besten sind die, die man nicht bekommen kann und deren Verlust man erst zu beklagen aufhört, wenn sie anderswo durchgefallen sind. Da sind Stücke, die uns angeboten werden und auf die man schon viel weniger Lust hat; um so heftiger werden sie mit pro und contra und von allen Gesichtspunkten aus diskutiert; da sind Dichter, für die Ideen gesucht werden, und Ideen, für die Dichter gesucht werden; das nächste Stück wird gesucht, das so viele Bedingungen zu erfüllen hat wie der Prinz, den die Erbprinzessin heiraten soll; die Situation des Theaters wird diskutiert und die Stücke geprüft, die für diese Situation die geeignetsten sind. Und immer gleich mit der Besetzung der Hauptrollen, die nicht bloß bei der Wahl der Stücke den entscheidenden Ausschlag, sondern jedem Theatergespräch seinen beliebtesten Reiz gibt. Man denkt 77 auch an später: den oder jenen Klassiker müßte man noch spielen; in welcher Besetzung? Es werden Gastspiele projektiert: mit welcher Besetzung? Es wird das ganze Gewirr von Fragen angeschnitten, künstlerischen, politischen, wirtschaftlichen, persönlichen, mit denen, unmittelbar oder mittelbar, das Wohl und Wehe des Theaters verknüpft ist. Das Gespräch, vielleicht ein wenig sprunghaft und scheinbar unsystematisch, in seinem Ernste dem witzigen und manchmal boshaften A propos nicht gerade abgeneigt, aber in der ganzen Mannigfaltigkeit und Buntheit seiner Beziehungen dem Wesen des Theaters, dem es dient, um so näher und verwandter. Und ganz plötzlich, schon zum Schlusse, taucht die Andeutung eines neuen Projektes auf, einer neuen Idee, deren Kühnheit so fasziniert, daß man, unter dem letzten Eindrucke, beglückt voneinander und in die Hoffnungen eines neuen Tages hineingeht.

Der Regisseur geht nach Hause, ruft abends mit neuen Aufträgen im Theater an und arbeitet dann ruhig bis fünf Uhr morgens an seinen Regieanmerkungen für die nächste Probe weiter.

 


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