Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Tagebuch des Dramaturgen

Aus dem Tagebuch des Dramaturgen

I

Motto: Die Weltanschauung des Dramaturgen
ist der Skeptizismus.

Die Weltanschauung des Dramaturgen ist der Skeptizismus.

Wozu werden Stücke gelesen? Wozu werden Stücke geschrieben? Sie werden ja doch nicht angenommen. Wenn sie angenommen werden, so werden sie nicht gespielt. Werden sie gespielt, so fallen sie durch. Und wenn sie Erfolg haben, sind es andere.

Der Dramaturg ist ein Prophet, der nur dann recht behält, wenn er Durchfälle prophezeit. Wer Durchfälle prophezeit, hat immer recht. Aber man kann nicht sagen, daß das eine fruchtbringende und beliebtmachende Tätigkeit ist.

Die undankbarste Rolle ist die der Kassandra. Der Dramaturg ist die Kassandra des Theaters.

Wenn er es nicht vorzieht, um des lieben Friedens willen und damit überhaupt etwas geschieht, gegen seine bessere Überzeugung den von jedem neuen Durchfall überraschten, immer wieder blamierten Optimisten zu mimen.

10 Wie wird man Dramaturg? Zum Künstler wird man geboren, zum Gelehrten erzogen; zum Regisseur entwickelt man, zum Theaterdirektor schiebt man sich empor; zum Intendanten wird man ernannt; zum Dramaturgen verdammt.

Offenbar muß einer unbedingt jahrelang über den Gebrauch des περι bei den griechischen Tragikern oder über das dionysische Element in Hebbels »Maria Magdalena« gegrübelt haben, um eines Tages Fräulein Schultze mitteilen zu können, daß ihr wegen wiederholter Probenversäumnis (infolge Filmens) die Rolle der dritten Magd im »Weißen Rössel« endgültig abgenommen wird.

Wie die Schule aufs Leben vorbereitet! Schönste Schuljungenerinnerung überkommt den Dramaturgen, wenn er hundertmal den Satz abschreiben muß: »Ihr ausgezeichnetes Werk ist leider zur Annahme für unsere Bühne nicht geeignet.«

Der Beruf des Dramaturgen ist allseitig: er ist das »Mädchen für alles« und der Prügeljunge für alle am Theater.

Welche Ansprüche werden an ihn gestellt! An seine Bildung, seine Kenntnisse, sein Gedächtnis, seine Geistesgegenwart, seine Geduld! Er ist das lebende Nachschlagebuch und Konversationslexikon des Theaters. Als selbstverständlich wird bei ihm Beherrschung aller Gebiete vorausgesetzt. Jeder Augenblick bringt ihm ein Examen in Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur und Personalkunde. Alle Stücke, alle Rollen, alle Besetzungen und alle Schauspieler muß er wie am Schnürchen parat haben. Er ist der einzige, auf 11 den die Verpflichtung gewälzt wird, das künstlerische Gewissen seines Theaters zu sein. (Um so freier können sich die anderen davon fühlen!) Was soll er nicht alles in sich vereinigen! Den Takt des ewigen Vermittlers und die Grobheit des gelegentlichen Hausknechts. In einer Sphäre der unaufhörlichen Aufregung und Aufgeregtheit hat er der ruhende Pol, das beruhigende Element zu sein. Aber doch nicht so ruhig, daß man an seinem Theaterblut, seinem Theatertempo zweifeln dürfte. Zwischen Milde und Härte, zwischen Jasagen und Neinsagen – welche verwickelten Probleme der Menschenbehandlung werden seiner Menschenkenntnis, seiner Diskretion gestellt! Berge der Eitelkeit, Abgründe des erotischen Lebens entnebeln sich vor ihm. (Vor Schneidern, Friseuren und – Dramaturgen braucht man sich nicht zu genieren.) Und so wird das Amt des Dramaturgen zum Amt des Beichtvaters, des Henkers, des Vertrauten und – vor allem und immer wieder – des Psychiaters. (S. unten: Verkehr mit Autoren, Schauspielern usw.)

Seine Tätigkeit vollzieht sich im kühlen Schatten einer nicht immer freiwilligen Anonymität. Ihm blüht kein Lorbeer und kein Erfolg; in die teilen sich Direktor, Regisseur und Schauspieler: er darf die Mißerfolge einheimsen. In nichts selbständig, wird er für alles verantwortlich gemacht. Verantwortlich zeichnen darf er nur für die Fehler der anderen.

In früheren Zeiten bestand die vornehmste Tätigkeit des Dramaturgen darin, wie seine berühmten Kollegen Shakespeare, Molière, Nestroy ältere Werke der dramatischen Literatur für die Bühne seiner Zeit einzurichten und zu 12 bearbeiten; diese Funktion ist ihm seit Erfindung der Tantieme abgenommen worden.

Andere berühmte Kollegen haben hamburgische Dramaturgien geschrieben und sich mit der Theorie des Dramas befaßt. Unerfindlich, wie sie gerade am Theater dazu kamen! Im Trubel des heutigen Theaterlebens und Theatererlebens wäre ihnen das nicht passiert. Was hat die Theorie des Dramas mit der Empirie des Theaters zu tun! Überhaupt das Drama mit dem Theater! Was haben Gesetz und Architektur des dramatischen Aufbaus, Wesen des Tragischen und tragische Weltanschauung, Kampf des Ichs mit Schicksal und Welt, dramatischer Rhythmus mit den theatralischen Wirkungen der heutigen Schaukunst, den Ansprüchen heutiger Nerven an Lärm, Buntheit, Abwechslung und stoffliche Sensation zu schaffen? Was hat die Frage, ob ein Stück gut ist, mit seinem Erfolg, mit Kasse, Geschäft und Geschmack des Publikums zu tun? Doch: je besser es gebaut ist, um so sicherer fällt es durch.

Der wirkliche Dramaturg des Theaters ist sein Kassier. (Ein Brahm-Zitat.)

Die wichtigste Tätigkeit des Dramaturgen war der Aufbau des Repertoirs. Seitdem an die Stelle des Repertoires die Serie getreten ist, gibt es nichts mehr aufzubauen: das Glück der Serie gehört ins Gebiet des Hasardspiels.

Immerhin, es bleibt ihm genug zu tun übrig: der Besetzungsvorschlag: da die Regie sich ja doch prinzipiell für das genaue Gegenteil entscheidet, hat er ihr eine nicht zu unterschätzende Vorarbeit geleistet. Der Verkehr mit den Autoren: er hat die Ausreden zu erfinden, warum das 13 Theater ihre Stücke nicht spielt. Der Verkehr mit den Schauspielern: alles Unangenehme darf er ihnen sagen; das Ressort der angenehmen Mitteilungen behält sich der Direktor selbst vor. Der Verkehr mit der Presse: der Dramaturg entwirft die Notizen, in die dann die geschäftliche Leitung die grammatikalischen Fehler hineinredigiert, die zur Erhöhung der geschäftlichen Wirksamkeit nötig scheinen. Ob der Dramaturg von der Frau Direktor auch zur Windelwäsche herangezogen wird, hängt allerdings ausschließlich von seiner persönlichen Tüchtigkeit ab.

Der dramaturgische Einlauf. Der gewissenhafte Dramaturg liest viele Jahre hindurch jeden Tag ein Stück. – Sisyphus; das Faß der Danaiden; das Rad des Ixion; der Stall des Augias: es gibt keine mythologische Grausamkeit, die grausam genug wäre, das Bitterschmerzliche, ganz und gar Trostlose, Hoffnungslose, Unfruchtbare und Unnütze dieser Lektüre auszudrücken.

Die Annahme. Oder: die Folter durch die Hoffnung.

Wie es Pufferstaaten gibt, so gibt es auch Pufferberufe. Wenn Schauspieler und Direktor sich miteinander schlagen, wird der Dramaturg gepufft.

Der Maler ist ganz Auge. Der Musiker nur Ohr. Der Regisseur nur Faust. Der Dramaturg nur Rücken, auf dem der uralte Krieg zwischen Schauspieler und Direktion, der so alt ist wie das Theater selbst, ausgetragen wird.

Der Dramaturg ist die bestgehaßte und die schlechtest gezahlte Persönlichkeit am Theater.

Dieser vielseitige Beruf hat bloß Kehrseiten. Von denen nur leider nicht oft genug Gebrauch gemacht wird. 14

 


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