Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

 << zurück weiter >> 

Emil Gött

Ich bin diesem Dichter, der nun lange schon tot ist, nur zweimal (zwei gepriesene Male!) im Leben begegnet. Das eine Mal in einer großen, rauschenden Gesellschaft, nach irgendeiner großen Premiere des Deutschen Theaters. Es saßen, sich preisend mit viel schönen Reden, viele berühmte Namen um einen langen Tisch, und der Erfolg, von Einfluß und Gegenseitigkeit wirksam unterstützt, ging reihum und belebte bedeutungsvoll Stirnen und Gespräch; und es waren auch manche darunter, die eine lärmende Gemeinde als »die Stillen im Lande« feierte: aber ich sah an diesem Abende nur den einen, der von allen der Stillste im Lande war. Und dann, als der erste, ganz still geworden ist. Es war unter den lorbeerbeschwerten Stirnen keine, über der ein solcher Adel der Geistigkeit lag, war kein Auge, aus dem tiefer das Feuer des Dichters leuchtete, es war keine Stimme, die, wie diese leise, stockende, so tiefe, so erlebte und so einsame Weisheit sprach. An jenem unvergeßlichen Abend einer überlauten Premièrengesellschaft.

Das andere Mal in meinem Büro, wohin er gekommen war, um mir seine Stücke zu übergeben, und wo wir dann über ganz anderes sprachen, das sich mir unauslöschbar ins Gedächtnis eingesenkt hat.

Ich bin vielen Dichtern in meinem dornenvollen Leben begegnet, aber vor keinem habe ich so rein wie vor diesem das »Ecce poeta!« gespürt.

Vor keinem habe ich, wie vor diesem, so schmerzlich und beschämt die Ohnmacht des Dramaturgen empfunden, dem 172 Dichtwerk die Bühne zu erobern, die Ohnmacht des Theaters, dem Dichtwerk das Publikum zu erobern, und die Ohnmacht des Publikums, sich das Dichtwerk zu erobern.

Schließlich wurde der Versuch gemacht und mißlang. Viel später erst, und Emil Gött hat es nicht mehr erlebt. Dieser Mensch hatte zeitlebens soviel mit seinem inneren Erleben zu tun, daß es mit dem äußeren nicht klappen konnte. Er war kein Zahlenmensch und hat sich meist verrechnet, schließlich auch mit dem Sterben. »Edelwild« wurde also an der Volksbühne aufgeführt, die damals dem Reinhardt-Ensemble angegliedert war, und gefiel den Leuten nicht. Die weise Heiterkeit dieser Wunsch- und Rauschdichtung, die etwas von der Fülle und Schwere edler, alter Weine hatte, mundete den auf gröbere Kost eingestellten Gaumen nicht und ging ihnen nicht ein. Die waren an andere Wünsche und andere Räusche gewöhnt: Wer ist noch imstande und gewillt, im Theater neuen und kühnen Gedankengängen zu folgen? Das Publikum versteht doch nur die Gedanken, die es schon verstanden hat, und Kredit hat bei ihm nur, was schon die Patina des Kredits hat. Übrigens war auch die Aufführung nicht gut, bis auf die wundervolle Falstaff-Figur des betrunkenen Bettelphilosophen, wohl der besten Leistung, die Emil Jannings je gelungen ist. Leider war ihr kein langes Leben beschieden. Und doch war dieses »Edelwild«, das eine unverständige Premièrenmeute mit Teilnahmslosigkeit zur Strecke brachte, ein Edelgebild, wie deren die deutsche Dichtung der letzten Jahrzehnte nur wenige besitzt: an Klangschönheit des Wortes, an Gedankenbesonderheit, an 173 Vergeistigung des Humors, an Fülle gestalteter Gesichte, an beschaulicher Weltschau und an Menschlichkeit.

Übrigens hatten andere Werke von ihm, noch zu seinen Lebzeiten, mehr Glück auf der Bühne. Die Stücke, nicht der Dichter. Er hatte keine reine Freude am Erfolg. Der Seltsame, gewöhnt, »des Schicksals Stöß' und Gaben mit gleichem Dank zu empfangen«, stand jenseits, stand über Erfolg und Mißerfolg, ja litt fast am Erfolg, der dem unablässig über sich Hinaufstrebenden den Abstand zwischen Gewolltem und Gewordenem allzu sichtbar machte.

Er hatte kein großes Gepäck in die Unsterblichkeit: nebst einigen meist philosophischen Gedichten, Aphorismen, Briefen (in denen der immer Verschwenderische sich ganz auszugeben vermochte), vier Bühnendichtungen: »Schwarzkünstler«, »Edelwild«, »Mauserung« und »Fortunatas Biß«. Er gehörte zu jenen wenigen Frühvollendeten, denen nur weniges zu schaffen gegeben ist, aber jedes anders, jedes in seiner Art vollkommen, in seiner scheinbar mühelos gemeisterten, wie selbstverständlichen, schwebenden Form, jedes so, daß man es sich wie eine Kostbarkeit in Samt gehüllt denken möchte. Von diesen Goldschmieden der Dichtung war er einer und stand, ein Unzeitgemäßer, ein Vorzeitiger, Hans der Träumer von Glanz und Schönheit, mitten in der Hochflut des Naturalismus und wahrte in der Sprache seiner Verse die edle alte Form, die er mit neuen Ideen füllte. Mißverstand und Neid empfanden ihn als Epigonen, ihn, der doch Vorläufer einer kommenden Zeit war, Johannes eines Messias, auf den wir immer noch warten.

174 Johannes und Vorläufer künftiger Zeiten blieb er durch sein ganzes Leben durch, in allem, was er begann: ob er Flugträumen nachsann, ob er Maschinen erfand, die andere zu Geld machten, ob er als Bauer und Gärtner Siedlungs- und Kolonisationsbestrebungen zu verwirklichen versuchte. Denn nichts blieb bei ihm bloß Wunsch, Absicht oder Idee: alles setzte er sofort, aber ach! immer mit den unzulänglichsten Mitteln, in Tat, Leben und Wirklichkeit um, mit Schweiß und Arbeit der eigenen Hände. Die Theorie genügte ihm nicht: »Geh du vernunftwärts, laß mich triebwärts gehen!« Immer war er bereit, für jeden seiner Träume mit dem Einsatz seines ganzen Lebens zu zeugen, für jede Idee sich hundertmal kreuzigen zu lassen. Und sein Leben hat ihn gekreuzigt.

Von diesen Dingen sprachen wir, als er bei mir in meinem Büro saß, um mir sein Stück zu übergeben. Von der Freiheit im Sozialismus; von seinem unablässigen Ringen mit dem Leben, das er nicht lassen wollte, es segne ihn denn. (Es hat ihn nicht gesegnet.) Und von seinem Ringen mit jenem großen Geiste, der über ihn eine unheimliche Magie gewonnen hatte und dem er nahe kam wie keiner: mit Nietzsche. Und gegen den er sich deshalb wehren mußte, wie gegen einen bösen Feind, da er ihm doch der nächste Freund war.

Emil Gött! Armer Bruder in Nietzsche! Dein tänzerischer Geist hatte die Leichtigkeit, die aus der Schwere kam. Und, weiß Gott! genug Chaos in sich, um einen tanzenden Stern zu gebären.

175 So sahst du dich: »Mit beiden Füßen fest auf der Erde; mit beiden Händen in jeder Werkschicht; mit dem Haupt in den Wolken.«

 


 << zurück weiter >>