Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Dr. Karl Heine

Es war im Jahre 1898, als ich das erstemal dem Freunde begegnete. Der über die Grenzen des Reiches bekannte, ja berühmte Gründer und Leiter der Ibsen-Tournee, dem der Ruf voranlief, als einer der ersten den Begriff einer neuen Regie geschaffen zu haben, der unnachgiebige Vorkämpfer Ibsens, der Entdecker Wedekinds, war in Wien eingetroffen, um ein Ensemblegastspiel, das am nächsten Tage im Carl-Theater beginnen sollte, dekorativ und organisatorisch vorzubereiten. (Dekorativ bedeutete: Kampf mit dem Operetten-Genius-loci; organisatorisch: die damals unvermeidlichen Antrittsbesuche bei der Presse.) Wir holten ihn, einige jüngere Leute, vom Bahnhof ab, ihn und Wedekind, der als Schauspieler und, so der Zensurgott wollte, als Autor am Unternehmen teilnahm. Und eine Stunde später saßen wir im Vorgarten eines der Praterstraßenkaffeehäuser und staken, an einem dafür viel zu schönen Frühlingsdämmerabend, mitten in einer jener unumgänglich notwendigen Ibsen-Diskussionen, an denen die Köpfe jener Zeit ihre geistigen Räusche zu entzünden pflegten.

Ach, und uns beschäftigte damals schon der seltsame Gast Wedekind, an dem uns alles, auch das Äußere wie jedes Wort, das er sprach, so unheimlich fremd und überraschend bewegte und zugleich so unbeschreiblich reizvoll anzog und gefiel, weit mehr als der ganze Ibsen! Nun sollten wir zum erstenmal eines seiner Frühwerke auf der Bühne sehen, in denen wir mit einer Erregung ohnegleichen die Linie 185 und eigentliche Melodie unserer Zeit gefunden hatten. Und hatten es diesem unauffälligen, ruhigen, seinen Herrn Doktor zu danken, der sich ebenso bescheiden hinter seine beiden Dichter stellte, wie mutig vor sie, wenn es galt, sie gegen Unverständnis und Zensurwillkür durchzusetzen.

Heine erschien uns, bei all seiner Einfachheit, wie ein ungemein vornehmer, stiller und gütiger Hausherr, der in seinem Bereiche die geistigen Honneurs machte. Jeder seiner vorsichtigen, fast zögernd hervorgebrachten Sätze erwies den klugen, allseitig gebildeten, vielfach gelehrten Mann, der gar nichts vom Theater an sich zu haben schien. Und es dauerte gar nicht lange, da war uns seine bloße Anwesenheit so wohltuend, wie man sich, vertrauensvoll, in der Hand eines weisen Führers fühlt, der ein untrügliches Ziel sieht, das man selbst noch nicht sieht, und unmerklich Wege weisen kann, um die man selber noch nicht gewußt hat. Aber diesem folgte man unbedenklich, denn man glaubte ihm Wege und Ziel. Nicht bloß jedem seiner Worte, die von der reinsten und unbedingtesten Wahrheit waren, aber auch dem Klange einer Stimme, die nie eine Lüge gesprochen hat und nie eine sprechen wird, und vor allem dem Blick dieser treuen Augen.

Ich weiß es noch wie heute. Das Gespräch ging um den Ibsen-Stil. Wir Wiener hätten – und natürlich entsprach das unserer eingeborenen Wiener Gemütsart weit besser als die nordisch-heroische Ibsenweis' auf düster-geheimnisvoll – am liebsten den ganzen Ibsen als Lustspiel dargestellt gesehen. Zum mindesten glaubten wir nicht an die Wikingerhaftigkeit dieser Frauen Ellida Wangel und Hedda 186 Tesman geborene Gabler, und vollends die Hilde Wangel als ernstgemeinter Walkürenbackfisch erschien uns grotesk. Wir witterten vielmehr darin »allerhand Teufeleien« des alten, mürrischen Fratzenschneiders Rubek-Ibsen, und da wir damals sehr sozialkritisch aufgelegt waren, sahen wir in diesen Damen unter ihrer scheinbar ernsten Maske um so boshafter ironische Karikaturen des bourgeoisen Hysterica-Typs, der sich an der Phraseologie einer bereits verflogenen Mädchensehnsucht noch künstlich berauschte, während er in der Wirklichkeit der bürgerlichen Versorgungsehe schon längst philiströs akklimatisiert war. Natürlich dachten wir nicht daran, daß unsere witzige Improvisation diesen ernsten und reifen Männern altklug und vorlaut erscheinen mußte, die, wo wir schwatzten, in wirklicher Arbeit einen wirklichen Stil geschaffen hatten. Und nun war es rührend, wie Heine, innerlich doch wahrscheinlich über unsere Blasphemien entrüstet, auf jedes unserer Argumente einging, abwehrte, verteidigte, sich für seinen Heros schlug, ihm seine Überlebensgröße und Überzeitgröße zu wahren suchte und in der Höflichkeit seines Herzens sich schließlich in den Ausweg rettete, das sei eben die Größe des Genies, daß es auch diese Auffassung vertrüge, und die einzige richtige Synthese werde wohl sein, Ibsen weder pathetisch, noch ironisch, sondern menschlich zu spielen. Was er, wie die prachtvolle »Volksfeind«-Aufführung des nächsten Abends bewies, auch ohne uns gefunden hatte.

Erst viel später einmal gestand er mir, daß er sich nachträglich noch lange mit meiner Ibsen-Auffassung herumgeschlagen hätte, bis er sich schließlich zu ihr bekehrt habe.

187 An den folgenden Abenden sah ich ihn unter seinen Schauspielern, ich erinnere mich unter anderen an einen sehr merkwürdigen Herrn Waldemar, an die hochintelligente Helene Riechers, eine Frau vom Dumont-Typ, und an die kleine Taliansky, und dieses vertraute Miteinander wirkte auf uns an die traditionelle Theateratmosphäre Gewöhnte gar nicht wie Theater, es wurde nicht geklatscht, nicht intrigiert, nicht um Rollen geeifert, alle schienen Begeisterte, von einer Sache Erfüllte, von der Sache des geistigen Theaters, willig, selbstlos einem Ganzen zu dienen, es war wie eine jener neuen Gemeinschaften, in denen ein gemeinsames Leben im Geiste, Dienst am Geiste, Gleichgesinnte und Gleichgerichtete verband, ähnlich, wie es anfangs bei Antoine gewesen sein soll und wie man es später von den Leuten Stanislawskis erzählte und neuerdings von der Habima. Die Seele war Heine, von allen verehrt, allen und in allem Autorität, um alle wie ein Vater bemüht, dessen immer gütiger, alles verstehender Humor jede Unebenheit ausglich, Disharmonien nicht aufkommen ließ und das beruhigende Gefühl der Gewißheit gab: in dieses Mannes reiner Nähe kann es eine Unanständigkeit, eine Gemeinheit nicht geben.

Die späteren Jahre haben uns dann, namentlich durch die gemeinsame Arbeit für die Sache Max Reinhardts, an dem er mit einer jugendlich fanatischen Herzensbegeisterung hing, ganz nah und eng zusammengeführt, und ich habe ihn in mancher Freude und mancher Not des Lebens kennengelernt. Ihn haben sie nicht geändert, weder Glück noch Niederlage. Das Älterwerden wurde ihm, der schon in seiner Jugend über seine Jahre reif und besonnen gewesen 188 war, nicht ganz leicht. Vielleicht war es, weil er Jugend nachzuholen hatte, daß er nie ganz aufhören konnte, jung zu sein, und an der Jugend mit einer fast schmerzlichen Liebe hing. Es ist nicht lange her, daß er mir erzählte, keine Arbeit bereite ihm so viel Freude, wie der Schauspielunterricht, weil der Verkehr mit jungen Menschen ihm die einzigen Stunden schenke, in denen er sich wieder jung fühlte. Darin irrte Heine. Es waren nicht die einzigen. Wer sich über jede gute Aufführung, jede gute Leistung, über jedes Talent so von innen heraus freuen konnte, wie er, so wie sich junge Menschen gar nicht freuen können, der war noch nicht alt. Solches Empfinden hält jung, und so einer kann nicht altern. Und so blieb Heine in allem Wesentlichen unbeirrt der, der er war. Resigniert vielleicht in bezug auf Erfolge, aber unverändert in der Wirkung seiner Totalexistenz. Immer war um ihn die reine Luft einer letzten Lauterkeit, vornehmen Menschlichkeit und völlig selbstlosen Güte, der sich keiner entziehen konnte, der in seine Nähe kam, und die alles um ihn her säuberte, läuterte und besser machte.

Es war zwei oder drei Tage vor seinem Tode, als ich ihn, aus einer jener Stimmungen, wie man sie im Theater manchmal hat, mit den Worten empfing: »Gott sei Dank, daß Sie kommen, Heine! Wenigstens ein Mensch, über den man sich nicht ärgert! Glauben Sie mir, Sie sind der einzige, an den sich mein Glaube an die Anständigkeit der Menschen noch anklammert!«

Er lächelte. Er saß auf dem Bänkchen gegenüber meinem Schreibtisch wie so oft. Jeden zweiten oder dritten Tag 189 kam er so zu mir in mein Büro und setzte sich auf das Bänkchen, auf dem nie mehr Karl Heine sitzen wird, und sprach mit mir über alles, was sein reiches Herz bewegte.

Nun ist auch der eine Mensch fortgegangen für immer.

 


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