Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Arnold Schönberg

Wir waren alle sehr jung und hatten wenig Geld. Der allerjüngste war und am wenigsten Geld hatte Arnold Schönberg. Er hatte nämlich gar kein Geld. Das machte nichts. Er hatte ja nicht die Absicht, die Welt zu kaufen, sondern sie zu erobern. Auch hatte er keine Bedürfnisse oder vielmehr nur ein einziges, ungeheures nach einem Päckchen mazedonischen Tabaks, aus dem er sich mit großer Fertigkeit und seinen lieben kleinen dicken, immer ein wenig gelben Schuljungenfingerchen unausgesetzt Zigaretten drehte. Das Päckchen mazedonischen Tabaks kostete siebzehn Kreuzer. (Kreuzer! o entschwundene Zeit!) Darum pumpte er auch, wenn er pumpte, sich nie mehr als siebzehn Kreuzer aus. »Geh, leih' mir siebzehn Kreuzer auf Mazedonischen, auf Ehrenwort!« lautete sein damaliger Lebensrefrain. Heute ist er Professor und hat, wie Hegel sagen würde, die ganze Musik auf den Kopf gestellt. Die Lust und den festen Entschluß dazu hatte er schon damals, in seiner mazedonischen Periode.

Er war der gutmütigste Umstürzler, den es je gegeben 158 hat. Er war unser aller Liebling. Er wurde als das Kind des Kreises behandelt, sozusagen als die »Tochter des Regiments«. Er sah, klein, rund und untersetzt, wie ein Bub aus und war auch noch einer. Dabei war der Musiker unverkennbar. Er sah aus, wie der Kapellmeister Kreisler als Kind ausgesehen haben muß. Er hatte ein kugelrundes Kindergesicht und einen kugelrunden Kinderschädel, aber damals schon mit einer mächtigen leuchtenden Glatze, von einem lockigen Kränzelchen abstehender Flatterhaare eingefaßt. Ich glaube, die Glatze hat er immer gehabt. Es war nämlich nicht die erworbene Amüsiertonsur älterer Herren, sondern das unschuldige Atzelchen, wie es Neugeborenen zukommt. Genau genommen bot das Bild seines Kopfes eine gelungene Mischung von Baby und Sokrates, aber mehr Baby, mit frischen, fröhlichen, runden, immer ruhlosen, immer lachenden Kinderaugen und einem guten, roten, runden Kindermund (und zwar in jedem Sinne des Wortes). Der ganze Mensch hatte etwas unglaublich angenehm Rundes an sich und Geschlossenes. Bei aller Jugend. Oder vielleicht wegen seiner Jugend.

Alles, was er sagte, klang fest und unumstößlich. Auch das Paradoxeste. Er sagte nur Paradoxestes. Aber er glaubte heilig daran. Er bestand darauf und ließ nicht daran rütteln. Er war von einem trotzigen, aggressiven Eigensinn und konnte maßlos heftig werden. Jedes zweite Wort von ihm war Logik, aber sie war nicht seine stärkste Seite, und mit Vernunftgründen war er nicht zu überzeugen. Er kannte keine Grenzen, kein Paktieren, kein Kompromiß. Er hatte die eingeborene Wut des Künstlers gegen den Kitsch, gegen 159 das Süße, Hübsche, Niedliche. Alles, was der junge Mensch empfand und mit Fanatismus vertrat, kam aus der reinen und anständigen Gesinnung des Künstlers, der ein untrügliches Gefühl für Größe hatte. Ich erinnere mich noch, mit welcher Leidenschaft er Strindberg, Hamsun und George erlebte. Also auch Größe, die außerhalb seiner eigentlichen Sphäre lag. Im übrigen gab er die Trennung der Künste nicht zu, für ihn war Kunst eine Lebenseinheit und Künstler nur der, der es in allem war, in seiner Lebensgänze und in allen Lebensbetätigungen: er glaubte an den Maler und Dichter in sich ebenso wie an den Musiker. Nur das Neueste, das Kühnste ließ er gelten; nur was Fenster aufriß und Grenzen sprengte: alles andere entsprach seinem rebellischen Temperament nicht. Und wenn ich's recht bedenke, habe ich alles, was uns in den letzten Jahren als »Mentalität der Gegenwart« aufgetischt wurde, damals schon aus dem Munde des absonderlichen Jungen gehört: den Glauben an das Irrationale, an die Intuition, den Aufruhr des Gefühls gegen die Herrschaft des Verstandes; aber auch die Freude am Chaos, am Tempo der Zeit, an der Befreiung von Traditionen und überkommenen Formen. Eigentlich war der Schönberg von damals der erste Expressionist und Aktivist. Allerdings der sympathischste Expressionist und der herzigste Aktivist. Denn an ihm war alles naiv, echt, ehrlich und erlebt. Und wenn ihm etwas recht Freches und Kühnes über die Lippen gesprudelt war, war niemand erstaunter und niemand erfreuter als er. So ernst, so übertrieben ernst er's nahm, er war doch immer lustig (nicht witzig), voll Humor und von einer bezwingenden Drolligkeit. Was sich mit Genie 160 und Revolte ausgezeichnet vertrug und vielleicht auch mehr dazu gehört, als manche ahnen.

Es war eine lustige Zeit. Wir trafen uns in dem gemütlichsten und wienerischsten aller Lokale, im altberühmten, im weltberühmten und im weltberühmt billigen Winterbierhaus. Natürlich saßen wir nicht am Tisch der Unsterblichen, an dem, unnahbar, Speidel und die Burgschauspieler und sogar einige Universitätsprofessoren thronten und Pilsener Bier tranken, sondern am Katzentischchen der jungen Leute, aber die Lauteren waren wir. Wir machten Fronde gegen alles und hatten einander so lieb. Wenigstens glaube ich heute, daß wir einander so lieb hatten. Wir zankten miteinander wie die Spatzen und hatten trotzdem einander so lieb. Einmal sagte Schönberg, der C-dur-Dreiklang sei doch eigentlich das komplizierteste und revolutionärste Tongebilde. Wir glaubten es ihm unbesehen. Dafür glaubte er uns auch unsere Sachen, wenn wir das Theater, die Welt und auch noch einiges andere außerdem revolutionierten. Alle Zukunft ist auf gegenseitigen Kredit aufgebaut. Übrigens war dies unsere damalige Gegenwart auch. Später übersiedelten wir aus dem Winterbierhause in weniger billige, modischere Lokale, wo es ein Klavier gab. Denn wir diskutierten nicht bloß, sondern manchmal setzten sich Zemlinsky oder Arthur Bodansky (jetzt Amerikas erster Kapellmeister) ans Instrument und machten wunderschöne Musik. Auch Schönberg, aber der nur mit einem Finger, mit mehr konnte er nicht. Am schönsten war es, wenn Zemlinsky Walzer spielte. Er spielte wie wenige. Dann wurde getanzt. Wir hatten nämlich meist auch unsere Mädchen mit, wie das bei 161 Revolutionen so üblich ist. Auch Schönberg tanzte Walzer und vergaß an das Tempo der Zeit. Oder Zemlinsky charakterisierte unsere ganze Gesellschaft auf dem Klavier, indem er improvisierend für jeden das zu ihm passende Motiv anschlug, und wir errieten, wer gemeint war. Natürlich war das meistens eine mit boshafter Gemeinheit ausgesuchte Gemeintheit. Wir Literaten revanchierten uns, was bei der berufsmäßig vorhandenen Eitelkeit und Rivalität unserer musikalischen Freunde nicht schwer war. Wir improvisierten »letzte Worte«, indem wir für jeden einzelnen den einen ihn charakterisierenden Satz suchten, der ihm so anhaftete, daß er sich voraussichtlich auch in seinem letzten Stündchen nicht von ihm getrennt hätte. Schönbergs »letztes Wort« war, daß er den heiligen Petrus um siebzehn Kreuzer anpumpte, »auf Mazedonischen und auf Ehrenwort!«

Einmal standen wir, aus dem Kaffeehaus kommend, in einer sehr späten, ganz sternenklaren Nacht auf der Ringstraße vor dem Burgtheater. Da regt sich in Schönberg plötzlich der ausgelassene Junge, und er fängt wie besessen zu laufen an. Kaum sieht dies Jacob Wassermann, der daneben stand, wird er sofort angesteckt und schreit, der Franke, im schönsten, völlig unmotivierten Berlinisch: »Mit mir wer'n Se nich loofen, Schöneberch!« Auf uns andere wirkte dieses »Schöneberch«, auf unseren Schönberg bezogen, so unwiderstehlich komisch, daß wir uns vor Vergnügen buchstäblich auf dem Boden wälzten, Schönberg aber, in seinem tiefsten Ehrgeiz getroffen, nimmt stockernst die Herausforderung an und in wenigen Minuten ist ein regelrechtes Wettlaufen organisiert zwischen Jacob Wassermann und Arnold 162 Schönberg, und beide liefen so schnell, daß kein Nurmi der Welt nachgekommen wäre. Wer gesiegt hat, muß Ludwig Wolff wissen, der die fachkundigsten Augen machte und als Schiedsrichter fungierte: ich glaube aber, Schönberg hat das Rennen gemacht.

Lang, lang ist's her. Viele Wege trennten sich, und wir sind einander nur noch selten und schließlich gar nicht begegnet. Schönberg hat, außer seiner Musik, auch einige Stücke geschrieben, die übrigens nicht schlechter waren als etwa die von Kokoschka. Aber auch nicht besser. Alle diese Stücke sind in Farben, Linien, Tönen und Bewegung wunderschön ausgedacht, und es fehlt ihnen nur noch das eine, daß sie ein Dichter dichtet. Ich bin nicht dazu gekommen, das Schönberg zu sagen, und er hätte es mir auch nicht geglaubt: ich habe ihn nicht wiedergesehen. Es gibt eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe: Dramaturgie sprengt Jugendfreundschaft.

 


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