Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Der Komiker

Eines Tages oder vielmehr einer besoffenen Nacht setzten sich E. Th. A. Hoffmann und Daumier über paar Jahrzehnte hinweg zueinander und erfanden gemeinsam den Komiker.

Der Komiker selber ist nämlich noch seltsamer und hoffmannesker als die von ihm gespielte Figur. Die Komiker sind die skurrilsten Geschöpfe, die absonderlichsten Tiere in Gottes reichdotiertem Tierpark.

Die meisten Menschen sehen komisch aus, aber die Komiker noch viel komischer als die meisten anderen Menschen. Werden sie Komiker, weil sie so komisch aussehen? Oder sehen sie komisch aus, weil sie Komiker sind? Woher kommen diese Falten, diese tausend lustigen Runzeln in ihre Gesichter? Diese Verzerrungen in ihre Mienen? Wo gibt es noch Arme und Beine, die so absonderlich schlenkern können, Körper, die so dick oder so mager, so kurz oder so lang sind, Stimmen von solchem Baß oder solchem Falsett? Wo in aller Welt gibt es noch solche Hosen? (Auch wie die Hosen ihres Privatlebens.) Selbst wenn der Komiker ganz normal ausschaut, wird seine Normalität die abnormste Eigenschaft, und wenn er elegant ist, reizt nichts so zum Lachen wie Eleganz. Ebenso faltig, winkelig, runzlich und schlenkrig sieht es in seiner Seele aus, die auch entweder zu dick oder zu dünn, zu kurz oder zu lang, zu abnorm oder zu normal geraten ist und nur im Baß oder in der Fistel spricht. Wenn die Komikerseele eine Hose wäre, dann wäre sie eine Harmonikahose. Sind die meisten 49 Komiker so schrullenhaft aus ihren seltsamen körperlichen und seelischen Eigenheiten heraus? Oder haben sie ihre komischen Eigenheiten, weil nur der Schrullenhafte sich zum Komiker eignet? Denn fast alle haben sie aparte Liebhabereien; fast alle sind sie ungewöhnlich eitel und empfindlich und alle hypochondrisch, melancholisch, ja traurig. So unglaublich es klingt, kein Komiker ist im Privatleben lustig.

Daß hinter der Kunst der Komik Tragik des Lebens steckt, ist immer gespürt worden. Wo Dichter den Komiker als solchen dargestellt haben, enthüllte sich sein schmerzverzerrtes Leidensgesicht. Tabarin wird gehörnt, verhöhnt und ersticht das treulose Weib. »Lache Bajazzo!« Und Rigoletto singt: »O Menschen, o Natur, ihr habt mich beide zum Bösegewicht gebildet, so häßlich zu sein; den Narren zu spielen, ewig scherzhaft zu sein; ewig zu lachen! Mir versagt ist des Menschen Erbe, die Träne.« Molière, der beides war, Dichter und Komiker, war der melancholischste Gesell, der je seine Hörner hinter schmerzlichem Lachen versteckte; und daß Shakespeare den Komiker nicht anders empfand, beweisen seine Narren, die von der Melancholie leben. Und alle die Prehauser und Stranitzky, die Lustigmacher, Humoristen, Clowns, Harlekine, Hanswurste und dummen Auguste werden wohl auch nicht anders gewesen sein, und wenn es je einen Mimus gegeben hat, der auch nicht. Der erste, der, älter als Adam, das komische Element in der Weltschöpfung verkörperte, Gottes lustige Person, war der Teufel und sicherlich war der im Privatleben schon griesgrämig, sauertöpfisch, neidisch, mit 50 seiner Rolle und den ihm vorgeschriebenen Witzen unzufrieden und hat faulere extemporiert. Und arme Teufel sind die Komiker geblieben bis auf den heutigen Tag.

Denn das ist das eigentlich Tragische am Komikerschicksal, daß er auch nicht einmal seiner Tragik so recht von Herzen froh werden kann, weil sie, im letzten Endeffekt, ja doch komisch wirkt. Auch in den Mysterien der privaten Lebensbetätigungen.

Es gibt, sagt man, ein gewisses Faunsglück, dessen sich die Komiker, und die weniger Hübschen vielleicht am meisten, bei dem neugierigen Geschlecht der Frauen erfreuen. Sie nutznießen den Kredit der unwahrscheinlichen Überraschungen. Aber oft schlägt der Kredit in ein Debet der Enttäuschung um und auch dieses Glück in der Liebe bedeutet dem Blamierten Unglück im Spiel des Lebens.

Die Gabe der Komik ist ein Schicksal und nicht gerade ein angenehmes. Lustig, ja, für die anderen, selten lustvoll für den mit ihr Geschlagenen. Er kann nichts dafür, sie sitzt einem im Blute, meist sogar in der Rasse. Rasse ist an sich komisch, nebenbei bemerkt ihre erfreulichste Auswirkung, auf der Bühne wirkt sie unfehlbar so. Unter den Künsten ist Komik die nationalste und nichts differenziert die Völker in ihren spezifischen Eigentümlichkeiten so scharf wie sie. Sie bildet die natürliche Grenze, an der, bei bestem Willen, das gegenseitige Verständnis zu versagen pflegt. Und fühlt sich um so heimischer, je engere Grenzen ihr gezogen sind. Komik lebt, wie von allen Schwächen, von der Enge. Sie ist, auch die beste, fast mehr noch lokal als national. Mit der bloßen Tatsache der lokalen 51 Bestimmtheit stellt sich bereits eine Art von komischer Ausstrahlung ein und es gibt Städte, in denen es genügt, ein Böhme oder ein Sachse zu sein, um das Publikum zu Lachstürmen zu reizen. Gar erst, wenn einer nicht bloß Böhme oder Sachse ist, sondern auch das ganze Arsenal in sich hat, es die Leute recht deutlich merken zu lassen. Am stärksten wirkt es natürlich an Ort und Stelle. Es ist ja komisch, wenn einer aus Czaslau ist: aber am komischsten ist der Czaslauer für den Czaslauer, dann für den Prager, dann für den Wiener und für den Berliner ist es fast schon nicht mehr komisch, wenn einer aus Czaslau ist; es fehlt ihm wohl auch das Ohr für die Czaslauer Nuance. Hier muß der Komiker nachhelfen, der das Ohr und die Nuance hat. Und da jeder Mensch von irgendwoher ist und besonders ein Komiker, verstärkt dies das Komische seiner Begabung, das Tragikomische seiner inneren Existenz.

Wenn ich die lange Reihe der wirklichen Komiker, die ich spielen gesehen habe und die ich zum größeren Teil persönlich kannte, Revue passiere, wird ein Raritätenkabinett daraus, dessen sich keine Goyasche Phantasie zu schämen hätte. Der erste war der berühmte Matras, ein unförmlich dicker, kleiner, untersetzter Mann, von derbster Volkstümlichkeit und saftigster Lustigkeit; sein trauriges Ende gespensterte durch meine frühe Kindheitserinnerung: er starb im Wahnsinn. Sein Gegenspieler war der lange Knaack, der erste Sparadrap, Kantschukoff, Oberst Ollendorf, der aus der Unmöglichkeit und Unverständlichkeit seiner gaumigen Knödelstimme die Wirkung jener Wortverdrehungen und Wortverrenkungen zog, deren Ahnherr 52 er geworden ist. In der höheren Sphäre des Burgtheaters Carl Meixner, der unheimliche Gnom des Menschenhasses. An den unser unvergessener Victor Arnold so erinnerte, dieser bitter witzige Spötter und Zyniker, den hypochondrische Kriegspsychose in einen sinnlosen Tod hetzte. Girardi, in dem wie im glücklichsten Musterexemplar alle Leichtigkeit, Heiterkeit, Liebenswürdigkeit des österreichischen Menschen gesammelt schien und der trotz der ununterbrochenen Kette seiner Erfolge in der Wirklichkeit seiner Natur und seines Schicksals einer der unglücklichsten und verbittertsten Menschen, Künstler und Ehemänner war: ich kenne nichts Traurigeres als die glänzenden Witze, die er über sich und sein Los machte. Pallenberg, hinter dessen unerschöpflich improvisierender Stegreifkunst ebenso viel schmerzliche Menschenkenntnis steckt und geniale Menschengestaltung, wie hinter seiner lachenden Außenfassade kompliziertestes Winkelwerk der inneren Architektur: ich kann mir Menschen denken, mit denen es sich einfacher verkehren läßt! Was sind die beiden folgenden für skurrile Abwandlungen des echtesten Berlinertums: Waßmann, der in seinen früheren Triumphen als Baron im »Nachtasyl« und in seinen Shakespeare-Narren mehr von sich ausgesagt hat, als er später zugeben zu wollen schien, und Tiedtke, der bourgeois bohémien, der schrulligste Falstaff der behaglichen Stammtischphilosophie. Ähnliches in der österreichischen Ausgabe: Carl Etlinger, ein Einsiedler, Eigenbrötler und Einzelgänger, in dessen, von einer seltsamen und selber geschaffenen Bildung und Weisheit erfülltem Kopf sich die Welt ganz anders malt als in 53 anderen Köpfen. Oder Gülstorff: als Schauspieler einer der tiefsten, als Mensch einer der drolligsten Sonderlinge der Bühne. Und schließlich die beiden letzten Novizen des komischen Theaters: Romanowsky und Wallburg, in Moll und Dur Repräsentanten der passiven und der aggressiven männlichen Schüchternheit, im übrigen nicht weniger aparte Querköpfe als alle die anderen.

So sind sie alle, deren Gabe und Aufgabe es ist, uns aufzuheitern und Lustigkeit über die Langeweile und Misere des täglichen Lebens auszubreiten. In der Absonderlichkeit ihrer Körper und Seelen tragen sie unser Lachen, unsere fröhlichen Stunden, die spärliche Heiterkeit unseres Daseins. Ihnen allein gelingt es, jene Gefühlsbalance in der Stimmung herzustellen, jenes Kompromiß mit dem Schicksal, dieses ausgeglichene und zufriedene Gefühl, daß es neben dem Großen auch Kleines, neben dem Heroischen das Bürgerliche, neben den Unerbittlichkeiten der Tragik versöhnliche Schwächen und Dummheiten gibt. Denn nichts versöhnt unseren Haß gegen das Ewig-Andere so sehr als die Genugtuung, über seine Unzulänglichkeit lachen zu dürfen. Und so ist menschliche Schwäche die Wurzel aller komischen Wirkung: die Schwäche des Dargestellten ebenso wie die boshafte Schwäche des vergnügten Zuschauers.

Die menschliche Schwäche, menschliche Unzulänglichkeit, die menschliche Dummheit ist das unermeßliche Darstellungsgebiet der Komiker. Diese Quellen sind natürlich unerschöpflich. Und das macht die Arbeit des Komikers so dankbar. Aber dabei ist sie so ernst und schwer wie irgendeine künstlerische. Denn von welcher Seite immer er der menschlichen 54 Dummheit auf den Leib rückt, wie immer er sie erlebt, ob aus körperlichen Gegebenheiten heraus, ob mit Beobachtung, spontaner Eingebung, Einfühlung, es wird doch immer ein Tiefinnerlicherlebenmüssen und verlangt beides: letzte Intensität der Verwandlung und souveränes Darüberstehen.

Was haben die Komiker von ihrem Leben? Ein bißchen Lachen, das andere lachen. Und dieses bißchen Lachen, das sie so sehr lieben und brauchen, auszulösen, zahlen sie, schmerzhaft genug, mit der Heiterkeit der eigenen Seele.

 


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