Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

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Ein junger Autor

Es klopfte. Ich rief: »Herein!«

Nichts rührte sich.

Dann, nach einer Weile, klopfte es ein zweites Mal. Noch leiser, noch zaghafter. »Herein!« schrie ich.

Ein Kopf schob sich scheu durch die Tür. »Störe ich aber auch nicht? Ich stürbe, wüßte ich, ich störe Sie.«

»Sie stören mich gewiß nicht. Treten Sie nur näher! Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Nie!« stotterte der junge Mann entsetzt. »Nie wage ich es.« Er warf einen verlegenen Blick um sich. »Zu denken, daß in diesem selben Raum, wo ich jetzt, vielleicht einmal ein Gerhart Hauptmann, ein Hofmannsthal, ein Ludwig Fulda geatmet, gestanden, gesprochen haben, schauerte mich. Wäre dies nicht vermessenste Hybris, säße ich Nichts, ich armer Namenloser in diesem Heim der Sterne auf denselben geheiligten Stühlen, auf denen diese Großen mit ihrem . . . Nie!«

Schließlich aber saß er doch, wenn auch nur auf dem äußersten Rande des Stuhles und drehte seinen Hut zwischen den Fingern.

»Und was führt Sie zu mir?«

139 »Nämlich. Ich habe, errieten Sie längst, ein Stück«, antwortete, errötend wie ein junges Mädchen, der andere, indem er mit dem bekannten Griffe nach der linken inneren Seitentasche seines Überziehers fuhr. »Es heißt, verzeihen Sie dem Ungeschickten Unschickliches, »Die Hose«. Könnte aber auch, verlangt es Zensur, »Der Riese« heißen. Ein kläglicher Versuch, weiß ich.«

»Gott!« klopfte ich ihm ermutigend auf die Schulter, »ein Versuch wird es wohl sein, aber warum gleich kläglich? Der Titel wenigstens ist hübsch, vielsagend, weckt angenehme Vorstellungen, verspricht eine heitere Behaglichkeit.«

Er griff gerührt nach meiner Hand. »Sie wollen trösten, spenden Mut. Erraten wohlwollender Absicht löst Verzagtestem Zunge. Sie sind, spüre ich dankbar, gütigst, verbreiten gütigst Menschlichkeit, Sonnenschein. Ich wußte, warum zu Ihnen ich kam, dem Ruf der Sanftheit vorausflog, bevor ich zu den anderen, härteren ging. Freunde rieten, Reinhardt, Sommer über in München verpflichtet, zu mir nach Höllriegelskreuth einzuladen und, hinterrücks, ihm ein Stück zu versetzen. Dort habe ich meine armselige Klitsche, für weniges Geld, knappe anderthalb Millionen, erstanden. Ich traute mich's nicht, fürchtete Schein der Aufdringlichkeit, fürchtete, den an große Verhältnisse Gewöhnten durch schlichte Poetenhäuslichkeit enttäuschend zu langweilen. Dem Leben bedenkenloser Gewachsene hätten's getan.«

»Tun Sie es nur ruhig«, sagte ich. »Reinhardt ist gar nicht so. Er kommt gern. Und hat nichts lieber, als sich Stücke vorlesen zu lassen.«

140 »Ich will dem nachdenken«, beruhigte er sich. »Sie aber mögen, bitte ich Sie, zuerst mein bürgerliches lesen. Es ist einer Reihe erstes, die ich Komödien aus dem bürgerlichen Heldenleben nenne. Sie verstehen die Ironie. Ich weiß, es ist von mir bodenlos ungerecht, bis zum Gipfel der Grausamkeit, gegen eine Gesellschaftsschicht, der ich, bis in meine Wurzeln hinein, selbst entstamme, und deren Wesensmerkmale, unzerstörbar, mir aufgebrannt sind. Aber wen satirisiert der Satiriker, dürfte so ich mich nennen, besser als sich selbst und wo fände, wollte ich dereinst einen Snob beschreiben, ich eines solchen Kennzeichen und Schwächen stärker als in der eigenen Wesensart versteckten Schlupflöchern verankert?«

»Sie haben Großes vor«, staunte ich.

»Großes? Nein, Kleines, Kleinstes. Aber auch zu diesem verläßt mich Mut, sehe ich, gespannt, zu der ganz Großen erlauchten Gipfeln empor, zu Molière, unerreichbarstem Vorbild aller an der menschlichen Unzulänglichkeit geißelnd Leidenden, zu Flaubert, ehern unbestechlichem Erzieher zu Selbstzucht und Künstlerischem. Wer würfe da, mutlosest, nicht seine ohnmächtige Feder weg und verkröche sich nicht für immer in seines Nichts anonymsten Unauffindbarkeiten!«

»Sie sind gar zu bescheiden«, meinte ich.

»Oh, sagen Sie das nicht! Eindeutig weiß ich, nur wahres Können sei bescheiden. Da mein Können bescheiden ist, darf ich es mir noch nicht leisten, bescheiden zu sein. Aber warum sprechen wir immer nur von mir? Es widerstrebt mir senkrecht, immer nur, beschnuppernd, von mir 141 zu sprechen. Als ob es Besseres nicht gäbe! Es gibt es. Warum sprechen wir nicht lieber von den andern jungen Dichtern? Die ich so liebe. Und die, was nützte es, verschlösse ich mich, bestimmt alle viel mehr können als ich. Zum Beispiel . . .«


Als ich den anderen mein Gespräch berichtete, lachten sie mich aus und behaupteten, daß ich geträumt haben müsse: die Wirklichkeit Karl Sternheim entspräche nicht völlig seinem Abbild in meiner Begegnung. Und als ich dann Sternheims spätere Bücher las, fand ich selbst, daß sie recht haben könnten. Es muß wohl so sein: ich werde geträumt haben und die Begegnung mit ihm, die ich erzählte, hat nie stattgefunden, sondern andere, die ich nie erzählen werde.

 


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