Arthur Kahane
Tagebuch des Dramaturgen
Arthur Kahane

 << zurück weiter >> 

Aus dem Tagebuch des Dramaturgen

II
Der Verkehr mit den Autoren

Anfangs glaubt man, der Verkehr mit allen übrigen Menschen sei leichter. Allmählich kommt man auf den Irrtum. Es gibt keinen Unterschied. Weil es nämlich alle übrigen Menschen nicht gibt. Es gibt nur Autoren. Schließlich entpuppt sich jeder als Autor.

Ich traue niemandem mehr und jedem das Fünfaktigste zu.

Dem geschärften Dramaturgenauge erscheinen alle inneren Rocktaschen verdächtig dick und jede lederne Aktenmappe noch anderes zu enthalten als die dem Unschuldigsten angeborene Frühstücksstulle. Wie kennt seine Erfahrung den gewissen heimtückischen Griff nach dem blaugedeckelten Dolch im Gewand, und welches Recht hat er, sich des Schlimmsten zu versehen! Und die Wirklichkeit, schreibmaschinengetippt, ist immer noch schlimmer!

Die Autoren zerfallen . . . . . Gott behüte! die Autoren zerfallen nicht. Nicht einmal einteilen lassen sie sich: sie wollen sich nicht einteilen lassen, weil keiner zugeben wird, daß es auch andere Autoren gibt neben ihm, und man kann sie nicht einteilen, weil sie einander so ähnlich sind. Vor Gott und dem Dramaturgen sind alle Autoren gleich. Wie alle Fürsten vor ihrem Kammerdiener.

Wenn aber durchaus, da doch alles in der Welt seine Ordnung haben muß, auch die Autoren eingeteilt werden 15 müssen, dann bestimmt nicht in den berühmten und den unberühmten Autor – – – – ich möchte einmal einen unberühmten Autor sehen! – – sondern in den Autor vorher und in den Autor nachher. In den Autor vor und nach der Ablehnung, in den Autor vor und nach dem Durchfall.

Ein anderes Antlitz eh sie geschehn, ein anderes trägt die vollbrachte Tat.

Der vorher und der nachher – – – – kein Mensch würde glauben, daß es derselbe Mensch sei.

Wie sanft ist das erste Pochen an die Tür der Unsterblichkeit. Es heischt nur Liebe, nur Verständnis, nur Lektüre. Es verspricht jede Geduld. Es verlangt nichts als das Urteil des Sachverständigen, des wie hochverehrt! Sachverständigen und ist willig bereit, sich dem strengsten zu beugen, ja, es besteht auf dem strengsten. Und wenn dann das Nein gefallen ist, der andre hört von allem nur das Ja. Du sagst ihm deine Meinung schonend – – – – er hört nur das Ja; du sagst sie ihm rückhaltlos ehrlich – – – er hört nur das Ja; du sagst sie ihm schonungslos grausam – – – er hört nur das Ja. Weil er ja nur ein Ja brauchen kann. Was soll er mit dem Nein innerlich anfangen? Wenn er es erst bis an sein Bewußtsein kommen läßt, dann ist das gefürchtete Fait accompli da, über das ihn auch das »Idiot!«, das er sich denkt, nicht hinweghilft. Darum tut er, als beugte er sich dankbar jedem Urteil, akzeptiert scheinbar alle Einwände und versteht mit verblüffender Einsichtigkeit, warum sein Stück nicht angenommen, nicht gespielt werden und nicht gefallen kann. Du setzest ihm 16 väterlich auseinander, welche Gesichtspunkte einem neuen Autor gegenüber für die Direktion bei der Annahme entscheidend sein müßten: in Diktion und Inhalt die neue und eigenartige Physiognomie eines Dichters und zugleich im Stoff und seiner technischen Behandlung die Möglichkeit einer breiteren Wirkung: denn mit einem halben oder Mißerfolg sei niemandem genützt und beiden geschadet, dem Dichter und dem Theater; und daß an beides wenigstens das Theater selber glauben müsse, weil man nur das gut nennen könne, woran man selbst glaube; und daß bei ihm beides nicht zutreffe. Bist du milde gestimmt, setzest du hinzu: noch nicht zutreffe. Er hört dir andachtsvoll zu, nickt zu jedem Worte verständnisvoll Beistimmung; und zieht scheinbar beseligt und dankbar ab, nicht ohne dir vorher versichert zu haben, wie sehr er sich freue, gleich den richtigen Weg zu dir gefunden zu haben; er sei ja so weltfremd; und, ganz nebenbei in seiner Weltfremdheit bemerkt, wenn es sich doch empfehlen sollte, den Regisseur oder gar den Direktor persönlich zu interessieren, etwa durch die Geliebte des einen oder den Friseur des andern, zu denen man eben einen Weg suchen müßte, so sei niemand geeigneter, ihm rechtzeitig einen klugen Tip zu geben, als du: jedoch werde er selbstverständlich nicht einen Schritt unternehmen, ohne die ausdrückliche Erlaubnis eines Mannes, dem er sich für seine rückhaltlose Aufrichtigkeit so verbunden, durch dessen selbstverständliche Strenge des angelegten Maßstabes er sich so geehrt fühle. Aber wenn du ihm morgen begegnest, hat er bereits dein klares, unmißverständliches, vielfach motiviertes Nein in ein halbes Ja verwandelt und er sagt dir 17 ins Gesicht: »Da Ihnen doch mein Stück bis auf einige kleine Bedenken im großen und ganzen so gut gefallen hat . . . . .« Und noch nach Jahren wird er dich jedesmal erinnern: »Das Stück – – – – Sie wissen doch – – – von dem Sie damals so entzückt waren . . . . .« Dementieren nützt nichts, er überhört es ja doch.

Es ist nicht wahr, daß die Autoren ungeduldig sind. Sie tun nur so. Sie sind ungeduldig, ein Ja zu hören. Aber ein Ja ist selten, wie das große Los. Ein Nein zu hören ist keiner ungeduldig. Dazu lassen sie sich und dir gerne Zeit. Es gibt Autoren, die aufgeführt werden wollen – – das sind die Aufgeführten – – und es gibt Autoren, denen es genügt, Autoren zu sein. Ein jeder wünscht, gelesen zu werden und daß man sich mit ihm beschäftige. Das stärkt sein Autorenbewußtsein. Je länger es dauert, um so gründlicher scheint er gelesen zu werden, und je gründlicher er gelesen wird, um so länger beschäftigt man sich mit ihm. Es gibt Autoren, denen es gar nicht genug lange dauern kann. Ihrem Selbstbewußtsein genügt es schon, vor sich und anderen sagen zu können, sie seien mit dem großen Theater in Unterhandlungen. So lange fühlen sie sich als Autoren des großen Theaters. Sie denken nicht daran, zu drängen. Es könnte ihnen nichts Unlieberes geschehen, als daß die Entscheidung fällt, die diesem Zustande ein Ende macht. Sie machen sich gar nichts aus dem Ende mit Schrecken. Ist die Entscheidung einmal gefallen, dann ist alles aus, dann sind sie gar nichts mehr, nicht einmal in Unterhandlung. Es ist nicht wahr, daß die Unentschiedenheit das Ärgste ist, die negative Gewißheit ist viel ärger, sie ist das absolute 18 hoffnungslose Nichts. Ungewißheit, in der immer noch ein Stückchen Möglichkeit steckt, hat wenigstens den Kitzel der spannenden Erwartung.

Der Dramaturg hält die Parzenfäden des Geschicks in seinen Händen. Schneidet er zu, dann tritt die große Verwandlung ein.

Ein Brief: »Ihr Stück . . . . . . . . ist leider nicht geeignet« – – – ein wohlverschnürtes, richtig adressiertes, richtig frankiertes Postpaket: und das Wunder geschieht. Der vorher so Willige, Einsichtige, Dankbare wird der erbittertste, rachsüchtigste Todfeind. Und hört erst wieder auf, es zu sein, wenn er das nächste Stück eingereicht hat.

Er verfolgt dich mit allen Mitteln, mit den gefährlichsten Waffen. Eine verlassene Geliebte ist erfindungsarm gegen ihn. Sollte er ausnahmsweise des Schreibens mächtig sein, und nicht einmal das braucht es, dann flattern dir die giftigsten Artikel, anonym, pseudonym, nonym, ins Haus. Gegen dich, gegen dein Theater, gegen alle Theater und vor allem gegen die Dramaturgen. Sie sind die schwärzeste Menschenrasse, die sich je verschworen hat, das dramatische Genie im Mutterleibe des Manuskriptes zu erdrosseln. Ihr ruchloses Handwerk ist dramaturgische Engelmacherei. Sie sind die amusischen Korybanten des Geschäftstheaters. Sie sind die unfehlbaren Propheten des Gegenteils von dem, was eintrifft. Sie sind blind, taub, verkalkt, sonst aber, bis auf einen gewissen Schwachsinn, von einer robusten Brutalität und böse um des Bösen willen. Sie sind von einer rührenden Ahnungslosigkeit vom Wesen des Dramas, vom Wesen des Genies im allgemeinen, und im besonderen vom 19 Wesen dieses besonderen Genies. Sie bilden eine undurchdringliche Mauer, die dem ringenden Genius den Weg in die Unsterblichkeit verbaut, die undurchdringliche Mauer um den Direktor, von diesem die Zugluft des Neuen abzuhalten. Sie sind seine höllischen Einflüsterer, und er läßt, der an sich Wohlwollende, nur allzu Schwache, leider sich vom Linken umgarnen. So hat sich der Dramaturg in Herz und Kopf des abgelehnten Autors gemalt, und erst drohende Nähe des nächsten Stückes kann das Bild retuschieren.

Da sieht ihn der andere, der Autor vor der Annahme, anders. Der Autor vor der Annahme ist nämlich ein reizender, ein durchaus freundlicher und zugänglicher Bursche. Schade nur, daß er so gar kein Zeitgefühl hat und daß ihm Aufführungstermine so gleichgültig sind. Er ist mit jedem einverstanden. Er ist überhaupt mit allem einverstanden. Er ist der einverstandenste Mensch, den man sich wünschen kann. Ein Enthusiast ist er für alles und alle. Wie er z. B. gerade an diesem Theater hängt! Er könnte die Annahme an allen anderen Theatern haben, man bedrängt ihn geradezu, aber nein, um keinen Preis, dann lieber gar nicht! Schon um der Atmosphäre willen, die nun einmal so kein zweites Theater hat und die sich ihm eben im Dramaturgen verkörpert, diesem guten Gewissen des Theaters. Ihm erscheint der Dramaturg noch als der weise und väterliche Führer und Helfer, der Demiurgos mit der tiefen Einsicht in das Geheimnis des dichterischen Schaffens und des Handwerks, mit der großen Erfahrung und dem erlebten Wissen um Wesen und Wirkung des Theaters. Wie er sich jeder Besetzung, jedem Striche willig zu fügen verspricht! Er 20 freut sich geradezu auf das gemeinsame Streichen. Er ist so bescheiden und ohne Wunsch, bis auf den einen, den unterschriebenen Vertrag in Händen zu haben.

Hat er ihn aber fest in der Hand, dann wird der Geduldigste zum Ungeduldigsten. Kein Termin ist ihm früh, keiner günstig genug. Plötzlich sinkt das Theater in seiner Achtung, das ihn mit Versprechungen geködert hat. Er bedauert es, alle anderen Direktoren vor den Kopf gestoßen zu haben, die ihm viel bessere Bedingungen, bessere Besetzungen boten. Er will es sich wohl überlegen, ob es nicht möglich sei, den Fehler jetzt noch gutzumachen, wenn ihm nicht alle seine berechtigten Forderungen erfüllt würden. Er sträubt sich gegen jede Besetzung, kein Schauspieler ist ihm gut genug, und er verlangt, daß man für sein Stück die Schauspieler aus der ganzen Welt zusammenengagiere. Koste es was es wolle, keine Auslage der Direktion ist ihm für sein Werk hoch genug. Er sträubt sich gegen jeden Strich und gegen jeden Rat. Der Dramaturg, der Repräsentant der guten Atmosphäre, dient ihm zum Prellbock in seinem täglich erneuten Kleinkrieg mit der nichts als feindlichen Direktion, die das Verbrechen begehen will, ihn aufzuführen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Das sind die wirklichen Dichter und wirklich guten Autoren. Die sind aber an den Fingern einer Hand herzuzählen.

Und wieder ändert sich das chamäleontische Bild, wenn wir knapp vor der Aufführung stehen. Vor der endgültigen Vermählung sozusagen, denn das Theater ist aus der fernen Geliebten zur legitimen Braut geworden. Nun tritt seine 21 Werbung in ihr zweites, das offizielle Stadium. Er geht im Hause aus und ein als einer, der dazu gehört. Er wirbt um jedes Mitglied der teuren Familie, und keines ist ihm so gering, daß ihm an seiner Gunst nicht gelegen wäre. Er sieht in jedem einen, dessen guter Wille ihm nützen, dessen schlechter ihm schaden könnte. Hier muß der gute Onkel Dramaturg, der ihn ja schließlich eingeführt hat, mit klugem Rat und Wink ihm zur Seite stehen. Ohne den tut er keinen Schritt, der muß vermitteln, wenn es von der Bühne manchmal ein wenig respektlos und sogar feindselig herüberweht. Über die kleinen Krisen, die der Brautstand so mit sich führt, muß er dem Nervösen, der sich vergeblich bemüht, seine Nervosität zu meistern und zu verstecken, mit Anstand weghelfen. Es wird einem auch ein bißchen viel zugemutet. Was muß sich sein Autorenstolz bieten, wie vieles andeuten und nicht bloß andeuten lassen! Er duckt sich in Gottes Namen. Die Sache will's. Er schluckt jeden Strich, und wenn er ihm mitten durchs blutende Herz geht. Er hört es mit süßsaurem Lächeln sich an, wenn immer wieder ihm gesagt wird, die einzigen Stellen, die einem Stücke nicht schaden können, seien die gestrichenen. Er langweilt sich zu Tode, sagt der Direktor auf der Probe, harmlos sachlich zum Dichter, wie wenn's den nicht anginge; und das ist wohlwollend gemeint. »Um den Neid der Götter abzuwenden«, kommentiert der Dramaturg. Der Regisseur fragt scheinhöflich bisweilen nach der Auffassung des Dichters, was natürlich so viel heißt wie Bestätigung der eigenen. Aber auch die wird ihn nicht abhalten zu behaupten, der Autor verstehe sein eigenes Stück nicht. Der steckt auch das 22 ein und findet sich Trost darin, daß es im Grunde schmeichelhaft sei, etwas geschaffen zu haben, was über den Schöpfer hinauswachse. Es wird ihm verboten, mit den Schauspielern unmittelbar zu sprechen. Wenn er mit ihnen spricht, behaupten sie, daß er ihnen wörtlich das Gegenteil von dem sage, was ihnen der Regisseur gesagt habe, auch wenn es wörtlich dasselbe ist. Unter allen Umständen wird ihm nachgesagt, daß er heute das Gegenteil von dem sage, was er gestern gesagt habe. Das kommt eben davon, wenn einer seine Nase ins Theater stecke, der nicht die Sprache des Theaters spricht. Und was auch geschieht, entlädt sich über seinen Kopf. Eigentlich weiß er nicht recht warum. Er tut ja niemandem was. Und er könnte so glücklich sein: er hört zum erstenmal die geliebten Sätze aus fremdem Munde. Gekürzt, verstümmelt, verändert, umgestellt; mit falschen Betonungen, sinnentstellenden, daß er aufbrüllen könnte! aber es sind doch Worte von ihm dabei. Er würde nie müde werden, sie immer wieder zu hören. Nun weiß er doch wenigstens, wozu er gelebt hat. Aber er ist auch der einzige, der es weiß. Alle anderen scheint er nur zu stören. Man kann nicht sagen, daß es dem Autor auf Proben gegeben ist, sich vor Gott und Menschen beliebt zu machen, auch wenn er sonst der Scharmanteste von der Welt wäre.

Davon gibt es keine Ausnahme. Auch die größten Dichter sind es nicht und die wirklich guten Autoren. Einzig die, die es vorziehen, den Proben ihrer Stücke wohlweislich fernzubleiben. Sie sind an zwei Fingern einer Hand herzuzählen.

Was soll man über den Autor nach der Aufführung sagen? Das Theater ist an allem schuld. Der ungünstige 23 Termin, die falsche Besetzung, die schlechten Schauspieler, die mißverständliche Regie, die Striche, der Vorhangzieher, das Publikum, das wieder einmal durchgefallen ist, die Kritik, die sich blamiert hat. Bis alles übrige im Nebel der Erinnerung verblaßt ist und als der einzig Schuldige zurückbleibt: der Dramaturg.

 


 << zurück weiter >>