Ernst Jaedicke
Deutsche Sagen
Ernst Jaedicke

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Stinas Urkiek

(A. Haas)

An der Nordküste der Insel Wollin liegt am hohen Ufer eine Stelle, die Stinas Urkiek heißt. Diesen Namen hat die Örtlichkeit erhalten, weil ehedem Stina, die kühne Gefährtin des Seeräuber Klaus Störtebecker, von hier aus Ausschau zu halten pflegte, wenn Störtebecker von seinen Raubzügen ausruhen und besonders wertvolle Schätze verstecken wollte, segelte er hierher; aber er landete nicht eher, als bis er auf dem hohen Ufer eine rote Flagge wehen sah. Das war das Zeichen, das ihm Stina gab, zur Kunde, das keine Gefahr drohte. Dann landete Störtebecker mit seinen Genossen. Ihre Boote und ihren Raub trugen sie das Ufer hinauf und brachten alles nach dem Jordansee, der im tiefen Waldesdickicht versteckt lag. Dabei schritten sie, einer hinter dem anderen her, das Bett eines kleinen Baches entlang, der vom Jordansee abfließt und in die Ostsee mündet; dadurch wurde jede Spur ihrer Ankunft verwischt. An dem Ufer des Jordansees begann dann ein wildes, ausgelassenes Treiben: die Räuber jubilierten und schwelgten, bis sie zu neuen Taten hinaussegelten. Als Störtebecker und seine Genossen endlich vom Schicksal ereilt wurden, stand die treue Stina noch lange Jahre wartend auf dem hohen Ufer – aber Störtebecker kehrte nimmer wieder. Unermeßliche Schätze sollen am Ufer des Jordansees vergraben oder im Wasser des Sees versenkt liegen; doch weiß niemand, wie sie zu heben sind.


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