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Wieder vereint

Sonnenschein drang in das Zimmer, wo Helmut viele Tage hindurch in heftigem Fieber gelegen hatte. Nun schlug er die Augen auf, zum ersten Male seit langer Zeit wieder mit vollem Bewußtsein. Noch fühlte er sich schwach, aber doch blickte er schon wieder mit dem Gefühl zurückkehrender Kraft um sich.

Fragend schickte er die Blicke durchs Zimmer. Was war denn mit ihm geschehen? Ach ja, allmählich begann es zu dämmern: das Hochwasser, Lischens Rettung und danach sein Zusammenbrechen in Schüttelfrösten. Lange mochte er wohl so gelegen haben, aber er besann sich auf keine Einzelheiten dieses Krankenlagers; offenbar hatte er die ganze Zeit hindurch in Bewußtlosigkeit oder in Dämmerzuständen gelegen.

Aber nun drängte es ihn, Näheres zu erfahren, sich auszusprechen, und langsam versuchte er sich in den Kissen aufzurichten. Wie das Geräusch davon in sein Wohnzimmer hinüberdrang, dessen Tür nur angelehnt war, hörte er, wie drinnen verschiedene Stimmen leise Worte wechselten, wie jemand sich entfernte und die Außentür sich schloß.

Gleich darauf aber näherte sich jemand anderes der Schlafzimmertür, diese ging auf und zu ihm herein trat Heinz Rickmann, sein alter Heinz! Ein Gefühl herzlicher Freude durchströmte Helmuts Brust, daß gerade der alte Freund seiner Kinder-und Jugendtage der erste war, der ihm, dem zu neuem Leben Erwachten, die Hand zu drücken kam. Auch Heinz war tief bewegt, als er dem Kameraden die schmal gewordene Hand preßte.

»Dem Himmel sei Dank, Helmut, daß du wieder so weit bist! Das waren schwere Tage; wir haben viel Angst um dich ausgestanden,« und mit einem befreienden Seufzer ließ sich Heinz neben dem Bett des Freundes nieder.

»Ja, was war denn nur mit mir? Komm – erzähle doch,« bat Helmut. »Es ist mir alles wie in einen Schleier gehüllt. Das letzte, was ich weiß, ist, daß mich der Arzt damals ins Bett schickte, weil mich die Schüttelfröste nicht mehr loslassen wollten.«

»Ja, es war ein schweres typhöses Fieber, das dich heimgesucht hat,« erklärte Heinz ernst. »Es war sehr böse und nur deiner ungemein kräftigen Veranlagung hast du es zu danken, daß du dich noch einmal glücklich durchzubeißen vermochtest. Du lagst die ganze Zeit über in Delirien mit einem furchtbaren Fieber und es war schrecklich, dich so zu sehen mit der fliegenden Röte im Gesicht, mit deinen verglasten Augen und den irren Phantasien auf den Lippen.«

Auch Helmuts Antlitz wurde ernst, eine Weile sann er still vor sich hin. So war er also dicht an der Schwelle des Todes vorbeigegangen, doch eine gütige Vorsehung hatte ihn noch einmal vor der dunklen Pforte gerettet! Ein inniges Dankgefühl durchströmte seine Brust und langsam griff er nun nach der Hand des Freundes.

»Und du hast mich gepflegt, Heinz?«

Dieser nickte. »Ja, abwechselnd mit Frau Härtel und Lischen; die Frauen haben sich rührend um dich gesorgt. Sie waren des Tags, ich des Nachts an deiner Seite.«

»Mein guter, lieber Heinz, wie soll ich dir das nur je vergelten?« Voller Ergriffenheit schüttelte Helmut dem alten Gefährten die Hand mit aller Kraft, deren sein noch erschöpfter Körper fähig war.

»Nichts zu danken, Helmut; es war einfach selbstverständlich. Und zudem war es mir eine Wohltat, dir das tun zu dürfen, endlich einmal eine ernste, schwere Pflicht erfüllen zu können, die das reuegepeinigte Herz wenigstens zeitweilig zum Schweigen brachte.«

Verwundert vernahm Helmut die Worte Heinz Rickmanns, die so überraschend aus dessen Munde kamen, der bisher nur im übersprudelnden, fröhlichen Leichtsinn zu reden wußte. Fragend schaute er in des Freundes Gesicht, und nun sah er zum ersten Male, wie verändert sein Aussehen war. Das war ja gar nicht mehr der übermütige, tolle Heinz! Nein, ein völlig anderer, stiller, ernster Mensch saß da vor ihm. Verwundert und zugleich voll herzlichster Teilnahme drückte Helmut abermals die Hand des Freundes, die er noch immer zwischen seinen Fingern hielt.

»Du, Heinz, was ist mit dir? Man erkennt dich ja kaum wieder!«

Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust Heinz Rickmanns und ein schmerzlich trübes Lächeln spielte um seine Lippen. »Allerdings, Helmut, ich habe eingelenkt und gerade noch zur rechten Zeit, ehe es zu spät war,« sagte er mit leiser Stimme.

In inniger Freude strahlten da Helmuts Blicke den Freund an. »Aber nun sag mir doch bloß, wie ist denn das alles über dich gekommen?« fragte er dann.

Heinz wollte ausweichen. »Ein andermal, Helmut; es sind das ernste, sehr ernste Dinge, und ich fürchte, es würde dich zu sehr aufregen.« Aber Helmut drang weiter in ihn; es ließ ihm keine Ruhe, Näheres über die innere Wandlung des Freundes zu erfahren, daß dieser schließlich nachgab gegen Helmuts ernstes Versprechen, daß er auch ganz ruhig bleiben und sich über nichts aufregen wolle. Da begann denn Heinz: »Helmut, etwas Furchtbares hat sich zugetragen, das auch dich angeht. Aber komm, gib mir die Hand und bleib vollkommen ruhig, hörst du?«

Helmut nickte nur und seine Augen baten lebhaft: »Sprich weiter!« »Also denke dir, gerade an dem Tage, wo du zu Bette gebracht wurdest und dein Bewußtsein verlorst, hatte ich mich nach durchwachter Nacht mit Wasilew in meine Wohnung begeben, um dort ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen. Und da ist das Schreckliche geschehen: ich hatte mich ins Schlafzimmer gelegt und Wasilew in mein Wohnzimmer aufs Sofa. Ein paar Stunden, nachdem wir eingeschlafen waren, kam die Katastrophe. Du weißt ja, das Müllersche Haus, in dem ich wohnte, war schon immer baufällig; es hielt dem Ansturm des Hochwassers nicht stand, und gerade wie wir im ersten tiefsten Schlaf lagen, ereignete sich das Entsetzliche: das Hinterhaus stürzte ein – du weißt, mein Wohnzimmer lag drüben in diesem Flügel – und unter seinen Trümmern begrub es – den armen Wasilew.«

»Ums Himmels willen!« Mit einem Schrei des Entsetzens wollte Helmut in die Höhe fahren, aber Heinz drückte ihn mit sanfter Gewalt nieder.

»Ruhig, ruhig, lieber einziger Helmut! Ich wußte ja, daß es dich furchtbar aufregen würde, und es ist eigentlich unverzeihlich von mir, daß ich dir jetzt schon davon erzähle. Aber nun ist es einmal geschehen und ich bitte dich, beschwöre dich: Helmut, bleib ruhig, fasse dich, daß dir nur ja nichts geschieht!«

Angstvoll ihn streichelnd und beschwichtigend fuhren Heinzes Hände Helmut über Kopf und Wangen. Mehrere Minuten lag dieser mit geschlossenen Augen; er mußte sich erst an den furchtbaren Gedanken gewöhnen. Dann fragte er leise, die Augen wieder aufschlagend: »Und wirklich tot?«

Heinz nickte nur stumm.

»Der arme, unselige Mensch!«

Wieder herrschte eine Weile tiefes, ernstes Schweigen in dem Gemach. In Gedanken nahm Helmut Abschied von Wasilew, dem Gefährten so mancher schönen Stunde, den er bei all dem Übermut seines Wesens doch aufrichtig gern gehabt hatte und gegen den ihn vor allen Dingen ein Gefühl tiefer Dankbarkeit beseelte. Also er weilte nicht mehr unter den Lebenden und vorbei waren alle die Aussichten, die sich für Helmut daran geknüpft hatten! Aber viel zu ergriffen war letzterer in dieser Stunde von der erschütternden Botschaft, als daß er an die ihm im Augenblick so nebensächlich erscheinenden Folgen des Trauerfalls für sich selbst länger denken konnte. Seine Gedanken kehrten jetzt zu Heinz zurück, der mit gesenktem Kopf vor ihm saß.

»Ja, Heinz, nun verstehe ich freilich, wie du ein anderer geworden bist. Armer Freund, die Lehre war furchtbar; aber wie gut, daß sie dich auf den rechten Weg gebracht hat!«

Stumm schüttelten sich die beiden Freunde noch einmal die Hände, dann erhob sich Heinz.

»Ich will jetzt Frau Härtel holen, wenn dir's recht ist. Fühlst du dich aber auch nicht zu angegriffen?«

»Nein, nein, hole sie nur!« Lebendig leuchteten Helmuts Augen. »Ich bin wohl körperlich noch ein wenig schwach, aber sonst fühle ich mich so wohl – wie neugeboren ist mir zu Mute. Ist ja auch mir, wie dir, das Leben noch einmal wie durch ein Wunder von neuem geschenkt worden!«

»Nun gut, Helmut, so will ich sie holen. Aber weißt du, einige Minuten wollen wir dir noch Zeit lassen, dich ein wenig zu sammeln und auszuruhen,« riet Heinz. So machte er sich denn inzwischen allerlei mit dem Freund zu schaffen, legte ihm ein paar Kissen unter, daß er bequem läge, gab ihm einen Schluck Rotwein mit Wasser gemischt zu trinken, erfrischte ihm mit einem feuchten Schwamme das Antlitz und ließ durch das geöffnete Fenster die belebende Kraft der warmen Sommerluft hereinströmen.

Ein Viertelstündchen später holte dann Heinz Frau Härtel herein. Wie freute sich Helmut, wieder in das freundliche, gute Antlitz zu schauen, und wie rührend war die überströmende Dankbarkeit der guten Frau gegen den jungen Freund, der mit Gefahr seines eigenen Lebens ihr die Tochter gerettet hatte! Immer und immer wieder drückte sie ihm die Hand, ja Helmut konnte es sogar nicht hindern, daß sie mit tränenden Augen die Hände küßte, die das Rettungswerk an ihrem Liebling geübt hatten.

Dann aber regte sich in ihr die gute Hausfrau. Eilends trug sie allerlei Stärkung für Helmut herbei, in dessen junger, unverwüstlicher Natur sich nun plötzlich ein gesunder Hunger wieder regte. Schnell war eine Tasse Bouillon bereitet; etwas geschabtes Fleisch und Ei, ein Gläschen stärkenden Weins wurden ihm gereicht und mit herzerfreuendem Appetit verzehrte Helmut die köstlich mundenden Gaben.

»O, das hat prächtig geschmeckt,« sagte er freudig dankend der guten Hausmutter, die mit dem Freund während der Mahlzeit am Bett geblieben war. »Ich fühle mich überhaupt schon wieder so kräftig und wohl; am liebsten spränge ich gleich aus dem Bett!«

»Nun, damit können wir doch noch ein bißchen warten,« erwiderte lächelnd Frau Härtel. »Aber –« und sie tauschte einen vielsagenden, geheimnisvollen Blick mit Heinz, der ihr leise zunickte.

Helmut sah verwundert auf die beiden; was hatten sie denn nur? Schon wieder hatte er das Empfinden, daß da irgend etwas Besonderes um ihn herum vorging, und plötzlich fiel ihm der schon beinahe vergessene Augenblick von vorhin wieder ein, wie da bei seinem Erwachen Stimmen und Schritte im Nebenzimmer laut geworden waren, die aber alsbald wieder verstummten.

»Was habt ihr denn nur?« fragte Helmut mit wachsender Neugierde den Freund. Noch einen letzten Blick des Einverständnisses wechselte der mit Frau Härtel, dann ergriff diese das Wort.

»Sagen Sie, mein lieber Helmut: fühlen Sie sich wirklich schon wieder so gekräftigt, daß Sie im stande wären, eine große Überraschung, eine große Freude zu ertragen, die Ihnen freilich nur gut tun würde?«

Helmut fuhr in freudiger Erregung im Bette auf, ein innerstes Ahnen überflog ihn. »Ja, ja,« versicherte er und streckte erregt die Hand nach Frau Härtel aus. »Aber so sagen Sie mir doch nur, was ist es denn? Bitte, bitte, lassen Sie mich nicht länger warten!«

Heinz war bereits aufgesprungen und eilte zur Tür. Frau Härtel aber drückte ihrem jungen Freund innig die Hand. »Ruhig, lieber Helmut, bleiben Sie ganz ruhig! Gleich soll sich alles aufklären.«

In der Tat, keine zwei Minuten waren vergangen, da öffnete sich draußen die Flurtür, abermals wurden Schritte hörbar und nun – ein freudiges Erzittern durchflog Helmut und in seinen Augen erglänzten Tränen – dort im Rahmen der Tür stand seine geliebte Mutter.

»Mutter!« Ein zitternder Freudenschrei brach sich aus seiner Brust.

Im nächsten Augenblick lag er im Arm der Mutter, die sich über sein Bett beugte und ihn, von Rührung übermannt, fest umschlungen hielt.

»Helmut, mein Helmut! Gott sei gelobt, daß wir dich wieder haben!«

Mehr vermochte das im Innersten aufgerührte Herz der Mutter in diesem Augenblick an Worten nicht zu finden. Aber wie sie immer und immer wieder das Haupt des Sohnes an ihr Gesicht preßte, da fühlte er in beseligender Freude, wie treu ihm die Mutterliebe in der Zeit schwerer Prüfung geblieben war.

Aber nun machte er sich einen Augenblick frei, und ein leiser Schatten begann über sein eben noch freudestrahlendes Gesicht zu ziehen. Noch war der Sonnenschein, der wieder in sein Leben zu leuchten begann, nicht vollkommen.

»Wie kommst du hierher, Mutter?« fragte Helmut leise und noch leiser fügte er hinzu: »Und was sagt der Vater dazu?«

Eine bange Befürchtung wollte wieder von ihm Besitz nehmen, daß wohl die Mutter versöhnungsbereit hierhergeeilt sei, daß aber der Vater keinen Teil daran habe.

»Der Vater?« Frau Berendt stand vom Lager des Sohnes auf; freudig preßte sie diesem die Hände, mit denen er ihre Rechte umklammerte. »Der Vater – was er denkt? Nun, er wird es dir selbst sagen – Vater!« Sie rief es mit lauter Stimme in das Nebenzimmer.

Eine heiße Blutwelle schoß Helmut zum Herzen.

Im nächsten Augenblick stand auch der Vater, mit schnellen Schritten herbeigeeilt, an seinem Lager. Frau Härtel und Heinz waren schon vorher, beim Eintreten der Mutter, stillschweigend aus dem Zimmer gegangen.

Seit langem, langem – fast Jahresfrist war inzwischen darüber verronnen – sah Helmut zum ersten Male wieder in die ihm so teuren Züge, an die er in all der Zeit nur mit Gram und Sorge hatte denken können. Das ernste Antlitz des Steuerinspektors war heute von einer sanften Milde, einer tiefen Rührung verklärt; es preßte Helmut die Tränen in die Augen, wie der große, starke Mann sich plötzlich in tiefster Bewegung, die er noch nie an ihm gesehen hatte, über ihn beugte und ihn in seine Arme schloß.

»Mein Junge, mein lieber Junge!« Aus der tiefsten Brust des Vaters brachen sich zitternd die Töne und drangen in das Ohr Helmuts, der den Vater mit den Armen umschlang.

»Verzeih mir, Vater, verzeih, was ich dir angetan habe! Ich konnte ja nicht anders. Und glaube mir, lieber Vater, es war zu meinem Besten, es mußte so sein!«

»Ich weiß, mein Junge, ich weiß es nun auch,« beschwichtigte der Vater den Aufgeregten, und sanft streichelnd fuhr er ihm über Kopf und Stirn. »Aber nur nicht aufregen, mein Junge, laß sein, laß sein! Es ist alles vergessen, wir sprechen nicht mehr davon. In diesen Tagen der Angst, wo wir an deinem Krankenlager weilten – die gute Frau Härtel hatte uns von dem ernsten Stande der Krankheit benachrichtigt – da ist es mir klar geworden, daß du, mein Junge, das Beste gewollt hast. Du hast den Weg eingeschlagen, den du gehen mußtest und den sollst du von jetzt ab wieder gehen – mit meiner Hilfe! Hier,« und der Vater streckte in feierlichem Versprechen dem Sohn die Hand entgegen, »es soll alles wieder beim alten sein! Bleib uns nur gesund und mach uns wieder Freude im Leben. Im übrigen,« und ein kerniger Druck teilte sich der Hand des Sohnes mit, »hast du wie ein ganzer Mann gehandelt. Es hat mich gefreut, mein Junge, was du an Frau Härtels Tochter getan hast. Ich bin stolz auf dich, Helmut!«

»Ich weiß, mein Junge, ich weiß es nun auch,« beschwichtigte der Vater den Aufgeregten.

Eine hohe Röte überflog Helmuts Gesicht. Die höchste Ordensauszeichnung der Welt hätte ihn nicht so stolz und froh machen können wie diese Worte der Anerkennung des Vaters, der mit seinem Lobe sonst so kargte. Mit innigem Dankgefühl preßte er dessen Rechte.

»Ich bin so froh, so glücklich!« Selig strahlten Helmuts Augen in alter Klarheit erst den Vater und dann die Mutter neben ihm an. Doch nun flog für einen Augenblick wieder ein ernster Schatten über sein Gesicht. »Furchtbar Ernstes hat mir zwar dieser Tag heute gebracht; ein Helfer in schwerer Zeit, den ich nie vergessen werde, ist mir geraubt worden. Aber, dieser Tag brachte mir auch unendlich reichen Ersatz – euch, liebe, liebe Eltern. Und nichts soll uns nun mehr trennen – nicht wahr?«

Wortlos drückte der Steuerinspektor dem Sohne die Hand; aber sie verstanden einander auch so. Ihre Blicke, die leuchtend in einander drangen, sprachen beredt. Und das stumme Gelöbnis, das sie sich in dieser Weihestunde gaben, es würde halten fürs Leben!

 

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