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Ein Jubeltag

Eine vieltausendköpfige Menge drängte sich heute summend und raunend auf dem Platze vor dem Schillerdenkmal zusammen. Galt es doch die hundertste Wiederkehr des Tages zu feiern, wo der große deutsche Dichter, dessen Name mit Jena so unzertrennlich verknüpft ist, dort seine Antrittsvorlesung als Professor las; hatte doch mit dem Antritt dieses Amtes der große Genius nach langen, sorgenvollen Kämpfen endlich eine gesicherte Stätte friedlichen, stillen Wirkens in Kunst und Wissenschaft gefunden, verknüpften ihn doch dann von hier aus jene Bande der Freundschaft mit dem großen Brudergenius Goethe in Weimar. So hatte sich denn die getreue Stadt Jena in dankbarer Erinnerung heute gerüstet, in würdiger Feier dem Dahingeschiedenen an diesem Gedenktage ihre Huldigung darzubringen.

Um das Denkmal in einem Halbkreis geschart standen die Vertreter der Studentenschaft in ihrem farbenprächtigen Aufzug, hinter ihnen in dichtem Gedränge das vielhundertköpfige Volk der Studenten selbst, während vor dem Denkmal in der Mitte des Halbkreises die Lehrer der Universität, feierlich in ihre Talare gehüllt, Aufstellung genommen hatten.

Gegenüber hatten die Zuschauer aus der Bürgerschaft nach vielen Tausenden zählend sich aufgestellt. Gab es doch für den an festliche Aufzüge gewöhnten Jenenser heute etwas ganz Besonderes zu schauen: Der Großherzog in Person, rector magnificentissimus der thüringischen Universität, sollte ja erscheinen, um dieser Feier beizuwohnen. Und es dauerte nicht allzulange, da drang das Stampfen von eilig herannahenden Rosseshufen an das Ohr der Zuschauer, ein aufgeregtes Gemurmel durchlief die Menschenmassen und gleich darauf fuhr in schlankem Trab ein glänzender Wagenzug vor dem Denkmal vor: der Großherzog mit seinem Gefolge.

Von dem Prorektor und den Dekanen begrüßt entstieg der Fürst dem Wagen, während sich zugleich die Banner der Studenten vor ihm senkten und zum Salut entblößte Schläger im Sonnenlicht blinkten und flimmerten. Es folgte dann der eindrucksvolle Festakt am Denkmal, die Ansprache des Prorektors und die Erwiderung des großherzoglichen Rektors, der seiner Freude Ausdruck gab, bei dieser schönen, erhebenden Feier mit den Studenten vereint zu sein, er, der ja selbst einst deutsches Studentenleben in unvergeßlichen Jahren kennen gelernt habe. Nachdem die offiziellen Ansprachen vorüber und prachtvolle Lorbeerkränze in stummer Huldigung am Fuße des Denkmals niedergelegt waren, schritt der Großherzog, geleitet von dem Prorektor und dem Gefolge, den Halbkreis der Chargierten ab.

Berendt wird vom Großherzog vorgestellt.

Mit gespanntem Interesse verfolgten Tausende von Zuschauern diesen Rundgang, bei dem der Fürst hie und da stehen blieb und einen der Vertreter, die jetzt vom Prorektor vorgestellt wurden, mit einer Ansprache beehrte.

»Du, Mama, jetzt ist er bei Herrn Berendt. Wahrhaftig, er spricht ihn an.« In ihrer Begeisterung – war es ihr doch, als ob diese hohe Ehre ihr selbst widerführe – packte Lischen Härtel den Arm ihrer Mutter, die neben ihr in einer der ersten Reihen der Zuschauer stand.

»Wahrhaftig, du hast recht, Mädel. Nein, aber die Ehre! Wie wird sich Herr Berendt darüber freuen.« Die glänzenden Augen voll Stolz über die Auszeichnung ihres lieben Hausgenossen, blickten die beiden hinüber nach dem Großherzog, der in der Tat gerade jetzt vor Berendt stehen geblieben war. Die kraftvolle, schöne Erscheinung des jungen Studenten, der dort als Vertreter des Ausschusses der nichtkorporierten Studentenschaft stand, hatte die Aufmerksamkeit des Fürsten erregt und er erkundigte sich nach Namen und Studium des jungen Mannes.

Freudiger Stolz belebte in diesem Augenblick auch Helmuts Brust. Konnte er doch in der Tat stolz darauf sein, daß ihn diese Auszeichnung traf. Denn daß er hier als Vertreter der Studentenschaft stand, war ein Beweis des Vertrauens für ihn gewesen, dessen Eigenschaften ihn bald aus der großen Zahl der übrigen hervorgehoben hatten.

Er hatte im Laufe dieser drei Semester, die er nun in Jena studierte, aus dem kleinen Kreis von Fachgenossen heraus, dem er sich enger angeschlossen, bald immer mehr an Bekanntschaft und Ansehen gewonnen, und da er mit lebendigem Interesse auch an den allgemeinen Angelegenheiten der Studentenschaft teilnahm und als ein klarer und gewandter Redner gar bald eine führende Rolle übernommen hatte, so war ihm die Ehre zu teil geworden, in diesem Semester in den Ausschuß gewählt zu werden, als dessen Vertreter er nun auch heute auftrat. Manch Auge ruhte wohlgefällig auf seiner Erscheinung und ein heimliches Geraune ging von Mund zu Mund, daß er einer der schneidigsten aus dem ganzen Kreise sei.

Ein Zufall wollte es, daß nicht weit von ihm auch sein alter Freund Heinz stand, der als Chargierter der Alania gleichfalls heute repräsentierte. In dieser Minute, wo Berendt die ehrenvolle Auszeichnung einer Ansprache durch den Großherzog zu teil geworden war, trafen sich unwillkürlich ihre Blicke und in dieser Stunde freudigen Stolzes entbehrte Helmut nichts von dem, was der Freund im Kreise seiner Couleurbrüder gewonnen hatte.

Ihre Wege waren ja freilich in diesen drei Semestern auseinandergegangen, auch räumlich hatten sie sich getrennt; denn Heinz Rickmann war schon im zweiten Semester aus der Härtelschen Wohnung ausgezogen. Seine Couleurbrüder hatten ihm nahegelegt, dies zu tun, da sie es nicht für angemessen hielten, daß er in einem zu engen Verkehr mit einem Nichtkorporierten stände. Aber wenn auch die Freundschaft der beiden Schulkameraden damit freilich etwas eingeschlafen war, so war sie doch nie ganz erstorben. Von Zeit zu Zeit besuchten sie sich gegenseitig und in den Stunden trauten Plauderns fiel dann bald wieder eine gewisse Förmlichkeit, die zu Anfang ihrer Begegnung sich zwischen sie gestellt hatte. Sie fühlten, daß die Bande, die sie in jahrelanger Freundschaft in der Schule verknüpft hatten, doch durch solche äußerliche Verhältnisse nicht zerrissen werden konnten, sondern diese Zeit überdauern und fürs Leben halten würden. So lag denn auch jetzt in Rickmanns Blick, den er zu dem Freunde hinübersandte, ein vertrauter Gruß, ein freudiges Beglückwünschen zu der Ehre des heutigen Tages, an der sie beide in besonderer Weise teilzunehmen berufen waren.

Der große Festkommers hatte am Abend die Studentenschaft mit ihren Lehrern im Engelsaal vereint. Rundum an den Wänden hingen die Wappen und Farben der zahlreichen Korporationen, dem Saal ein echt studentisch-festliches Gepräge verleihend. Oben auf der Bühne, wo sonst das Theater seine Stätte hatte, thronte heute der Lehrkörper der Universität an langer Festtafel, in seiner Mitte der Prorektor als Leiter des Kommerses. An zahllosen langen Einzeltafeln aber hatten unten im Saale selbst die Studierenden Platz genommen.

Eine wunderbar gehobene Stimmung durchflutete alle die Hunderte von Jünglingsseelen; ein jeder fühlte sich ergriffen von der erhabenen Bedeutung des Tages, die ihnen eben noch besonders zum Bewußtsein geführt worden war durch die zündende, einen förmlichen Begeisterungstaumel hervorrufende Rede, die dort oben von der Bühne her an sie ergangen war.

Ein Dichter hatte da gesprochen, einer der ersten Deutschlands, der durch den glühenden Schwung seiner echt vaterländischen Begeisterung wie kein zweiter berufen war, den großen Genius Schiller zu feiern, er selber ein Dichter von Gottes Gnaden, der der Bühne manches wuchtige Drama von packender Kraft geschenkt hatte. Er hatte gesprochen von jener alten Hochburg deutscher Freiheit und deutschen Geisteslebens, die durch die Jahrhunderte hindurch stolz ihr Banner entfaltete, stets eine Stätte freien Wortes, ein Sammelplatz der führenden Geister deutscher Nation. Von den Donnern der Weltgeschichte hatte er gesprochen, die Jena umtost hatten in jenen furchtbaren, schicksalsschweren Tagen, wo das Heer des korsischen Eroberers auch dies Land überflutete, und wo in unheilvoller Schlacht Preußens Geschick entschieden worden war. Aber ein rächendes Echo hatten diese Donner wachgerufen, wenn auch erst zwei Menschenalter später; es dröhnte von den blutgetränkten Schlachtfeldern jenseits des Rheins, wo in gigantischen Kämpfen das neue Deutsche Reich geboren wurde.

Noch stand alles unter dem gewaltigen Eindruck dieser Rede, mit welcher der Dichter die studierende Jugend Jenas zu nie versiegender Freudigkeit, zu Studium und Lebensarbeit wachgerufen, eingedenk der großen Geistesheroen, die wie Schiller befruchtend gewirkt hatten; da schallte schon wieder vom Prorektor geboten ein Silentium durch den Saal und diesmal für den Herrn Studiosus Berendt.

Schnell erhob sich Helmut, ein leises Zittern durchfuhr seine Hand, die er nun im weißen Stulphandschuh auf die Tischplatte stützte, hochaufgerichtet dastehend. Aber es war keine Befangenheit, keine heimliche Furcht; nein, nur die begreifliche Erregtheit des edlen Renners, der, aufgestachelt von dem Treiben des Rennplatzes, mit zitternden Flanken dasteht, im Begriff, mit wuchtiger Kraft loszustürmen über die Bahn, Sieg und Ruhm zu gewinnen. Helmut war die hohe Ehre zu teil geworden, namens der Studentenschaft die Rede auf die Professorenschaft zu halten, und mit hinreißender Beredsamkeit, die ihm aus innerstem, von Begeisterung flammendem Herzen quoll, entledigte er sich dieser Aufgabe, also schließend:

»Und so wird nie vergessen sein, was für ein hohes, glänzendes Erbe wir übernehmen, was für doppelte Pflichten uns aber auch daraus erwachsen. Ganz Deutschland blickt heute auf uns, Kommilitonen, die wir an der Stätte vereint sind, wo einst unseres Vaterlandes großer Genius, ein Genius, der für die gesamte Menschheit weithin durch die Lande leuchtete, gelebt und gewirkt hat. Von seinem erhabenen Geist dringt heute ein Leuchten in einen jeden von uns hinein, die reine Flamme edler Begeisterung entfachend, die ihm wie keinem anderen zeitlebens gebrannt hat. Kommilitonen, lassen Sie uns dies Leuchten erhalten, voll treuer Liebe pflegen; möge ein Abglanz dieses Leuchtens auch unser Wesen und Arbeiten verklären! An uns ist es heute ferner, unseren tiefgefühlten Dank auszusprechen den Männern, die als treue Hüter jenes großen Geisteserbes an unserer Universität schaffen und wirken, die den Jahrhunderte alten, weithin hallenden Ruf Jenas, der Hochburg deutscher Geisteswissenschaft, noch heute im alten Glanz erhalten. Und so fordere ich Sie denn auf, liebe Kommilitonen, erheben Sie sich mit mir, einen donnernden Salamander zu reiben auf Seine Magnifizenz den Herrn Prorektor und unsere hochverehrten Herren Professoren!«

Wie ein gewaltiges Brausen ging es durch den Saal. Von ihren Sitzen flogen begeisterungsvoll hingerissen Hunderte von Jünglingen empor und durch den weiten Raum klang donnernd Helmuts Stimme, die imposante Huldigung leitend, die dann in einem brausend schmetternden Tusch endete.

Schwirrend und brandend wogte dann wieder die Unterhaltung in dem Saal, nachdem das Silentium vorüber war; aber Helmut war noch lange der Gegenstand aufrichtigen Dankes und anerkennender Worte. Von den Galerien, wo rings ein stattlicher Flor festlich geschmückter Frauen und Mädchen saß, traf ihn mancher bewundernde Blick. Ganz selig waren Lischen und Frau Härtel, über deren Haus heute ja die Festsonne so besonders strahlte. Sie konnten den Augenblick kaum erwarten, wo Helmut, wie er ihnen versprochen hatte, einmal in einer Pause zu ihnen hinaufkommen würde, um sie zu begrüßen, und Lischen erlebte hundertfach schon jetzt den Augenblick freudigen Stolzes, wo sie die Ehre haben würde, den großen Redner des heutigen Abends vor all den Augen der anderen als ihren guten Freund und Hausgenossen vertraulich zu begrüßen.

Inzwischen drängten sich unten im Saal zu Berendt eine Anzahl von Vertretern fremder Korporationen, die in höflicher Weise ihren Dank für die vortreffliche Ansprache ausdrückten. Ohne Selbstüberhebung, aber doch mit einem frohen, stolzen Lächeln empfing Helmut diese Glückwünsche. Da hörte er aber plötzlich, wie im Vorübergehen ein Herr dicht neben ihm zu einem anderen ein paar Worte fallen ließ, aus denen deutlich das Wort »Maulheld« herausklang. Er zuckte zusammen, blickte rasch herum und richtig – eben war Dobler von den Alanen vorübergegangen, der einen spöttischen Blick auf ihn heftete und unzweifelhaft also mit Beziehung auf ihn zu seinem Begleiter, gleichfalls einem Studenten in der Alanenmütze, das Wort gebraucht hatte! Vor innerer Erregung erbebte Helmut. Am liebsten wäre er sofort auf jenen zugetreten, ihn zur Rede zu stellen; aber er durfte ja nicht, er mußte hier seine Pflicht erfüllen und an dem Platz ausharren, auf den er heute berufen war. Jedoch fest nahm er sich vor, daß die Stunde kommen sollte, wo er für diese verletzenden Worte Rechenschaft fordern würde.


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