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Hochwasser

Mit hellem Zuruf begrüßte Wasilew Heinz Rickmann, der mit einigen Couleurbrüdern vergnügt auf dem Steingeländer der Lachenbrücke saß und mit neugierigem Interesse in den zischenden und brausenden Strudel der trüben Flut schaute, die sich unter ihnen brausend durch das enge Bett zwängte.

»Auch auf der Hochwasserschau? Scharmant, scharmant, ist sich wirklich grandioses Vergnügen. Und gratis, ganz gratis!«

Lachend schüttelten sich der Russe und Heinz, die sich inzwischen seit der Geschichte mit Schulte des öfteren gesehen und kennen gelernt hatten, die Hände, und schnell wurde der erstere mit den anderen Herren von der Alania bekannt gemacht.

»Wissen Sie was, Herr Wasilew? Kommen Sie mit in unser Haus. Wir machen heute zur Feier des Ereignisses einen Musikfrühschoppen! Man muß die Feste feiern, wie sie fallen; so was wird einem nicht alle Tage geboten.«

»Aberr gern!« stimmte Wasilew vergnügt bei, »nehm' ich mit Dank an!« Und fröhlich setzte sich die kleine Gesellschaft nach dem Alanenhaus in Bewegung, wo die festliche Veranstaltung alsbald vor sich gehen sollte. Es war zwar nicht sehr leicht, trockenen Fußes zu dem etwas tief gelegenen Grundstück der Alanen zu gelangen, denn die Straßen ringsum waren bereits fußhoch vom Wasser überschwemmt; aber es machte den jungen Leuten ein großes Vergnügen, auf den rasch hergestellten Laufbrücken – Bretter, die über Sägeböcke, Schubkarren und dergleichen gelegt waren – schaukelnd und balancierend ihrem Ziel zuzusteuern.

So kam man denn bald in heiterster Laune beim Haus der Alanen an, wo jubelnder Zuruf der schon versammelten Corona die Ankömmlinge bewillkommnete. Die Veranstaltung trug tatsächlich schon in ihrem Äußeren den Charakter eines Hochwasserfrühschoppens. Das Orchester – man hatte eine gerade durch die Stadt ziehende böhmische Musikantentruppe zu diesem Zweck aufgegriffen – thronte hoch auf Stühlen, die wieder auf Gartentische gesetzt waren, in einer großen Laube des Gartens, während die Alanen selbst auf der erhöhten Estrade vor dem Hause Platz genommen hatten.

Von hier aus huldigten die Studenten, die bereits in bester Laune waren, dem »Angelsport«, einem gewiß seltenen Vergnügen, das sich ihnen jetzt in ihrem vollständig unter Wasser stehenden Garten bot. Sie hatten an ihre Spazierstöcke lange Bindfaden geknüpft und versuchten mit den daraus gewundenen Schleifen allerlei Gegenstände, wie schwimmende Holzkännchen, Bierfilze und ähnliches »Strandgut« herauszufischen, das da munter über den Rasenbeeten und Blumenrabatten herumsegelte.

Sie machten gegenseitig Wetten, ob es gelingen würde, eines dieser Objekte glücklich heranzuholen, und mit größter Spannung wurden die Versuche der Angler nach dieser Richtung begleitet.

Auch Heinz Rickmann und Wasilew, die mit ihren Begleitern nunmehr an der Tafel Platz genommen hatten, beteiligten sich alsbald mit größtem Eifer an diesem Hochwasservergnügen, das zu einem wirklichen Jubelsturm der Begeisterung ausbrach, als der dicke Dobler, der sich gar zu wagehalsig über die Brüstung der Estrade beugte, um nach einem heranschwimmenden Marktkorb zu angeln, plötzlich mit einem verzweifelten Aufschrei in die Fluten stürzte, die, mit einem gewaltigen Plumps hochaufzischend, ihn verschlangen. Zwar kam der dicke Herr alsbald wieder aus der Flut hervorgetaucht, die ihm nur reichlich übers Knie ging, aber sein verdutztes Gesicht und der klatschnasse Anzug, der ihm trübselig um den Leib hing, genügten, um den Vorfall zu einem Anlaß größter Heiterkeit für die Tafelrunde zu gestalten, in die schließlich Dobler selbst, gute Miene zum bösen Spiel machend, einstimmte. Langsam kam er die Estrade wieder heraufgeplantscht und übernahm nun, als besonders dazu geeignet, in seinem pudelnassen Anzug, wie er war, das Ehrenpräsidium des Hochwasserfrühschoppens.

Dieser gestaltete sich denn auch immer heiterer. Am Nachmittag, als die Stimmung schon reichlich vorgeschritten war, wurden sogar »Ruderregatten« veranstaltet, indem man einige schwere Bohlen herbeischaffte, sie mit je einem Alanen bemannte und durch einige herausgerissene Spalierstangen sinkend in Bewegung setzte. Preise wurden für die Sieger in dieser eigenartigen Wettfahrt ausgesetzt, die sich von einer Ecke des Gartens zur anderen erstreckte, und bei dem heftigen Bemühen, die Siegespalme zu erringen, plumpste nun noch manch einer der Kämpfer ins Wasser, was die fröhliche Stimmung natürlich nur immer noch mehr erhöhte.

Das Wasser stieg in gleichem Maße wie die Fröhlichkeit der Studenten von Stunde zu Stunde, und als es Abend wurde, stellte sich heraus, daß das Alanenhaus nunmehr tatsächlich vom Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten war. Die am Vormittag noch benutzbar gewesenen provisorischen Stege waren inzwischen längst von dem immer mehr einströmenden Wasser fortgerissen worden, Kähne waren nicht zur Hand; so waren denn die Bewohner dieses tiefgelegenen Stadtteils dazu gezwungen, in ihren Häusern zu verweilen.

Bei den Mitgliedern der Alania rief dieser Umstand aber nur jubelnde Heiterkeit hervor. Wie famos, daß man so etwas einmal erleben durfte! Selbstverständlich wurde nun die Nacht hindurch weiter geulkt, und mit einer Begeisterung, wie sie die Räume des Alanenhauses wohl noch nie geschaut hatten, setzte sich das fröhliche Treiben nun im Innern des Hauses fort, wo man ja im Saale des ersten Stockes vor jeglicher Wassersgefahr wohl geborgen war. Ein »Hochwasserhalber« nach dem anderen wurde mit fidelen Sprüchen in die Welt geschickt, und wenn man den übermütigen Scherzen an dieser Tafelrunde Glauben schenken wollte, so wäre das ganze Hochwasser nur ein großer Ulk gewesen, eigens zum Gaudium der Herren Musensöhne eingerichtet.

So ging die Nacht dahin, aber gegen die Morgenstunde flaute die Stimmung doch vielfach schon bedenklich ab. Der tatenreiche Tag und die durchwachte Nacht hatten bei manch einem schwere Müdigkeit gezeitigt, und schließlich hockten fast alle fröstelnd und übernächtig in dem grau dämmernden Raum da, in dem fahl die Lampen schienen, und wünschten im stillen, daß sie nun endlich doch heim könnten in ihr weiches Bett.

Aber die Kundschafter, die ab und zu hinausgeschickt wurden, um nach dem Stand des Wassers zu sehen, kamen jedesmal mit der Meldung zurück, daß an ein Heimgehen nicht zu denken sei. Die Fluten waren eher noch gestiegen als gefallen und man wußte keine Hilfsmittel, um in die innere Stadt zu gelangen.

Im Laufe der Stunden wuchs sich die Situation nun sogar zu einer ziemlich ungemütlichen aus. Die Speisevorräte des Alanenhauses waren inzwischen völlig erschöpft und zur Müdigkeit und Kälte trat nun noch als dritter Plagegeist der Hunger. In kleinen Gruppen saßen oder lagen fröstelnd die stolzen Söhne der Alania auf Stühlen und Tischen oder gar auf dem harten Erdboden aneinander gekauert herum, um sich gegenseitig zu erwärmen, und manche stille oder laute Verwünschung über das »blödsinnige Hochwasser« klang nunmehr durch den Raum, in dem eben dieses am Abend vorher so jubelnd gepriesen worden war.

Namentlich Dobler und die anderen Herren, die mit ihm ins Wasser gefallen waren und jetzt trotz der übergeworfenen Sommerüberzieher mit den Zähnen klappernd in wirklich bedauerlicher Verfassung herumhockten, fanden nachgerade, daß die Sache wirklich ernst zu werden begann. Nur Wasilew und Heinz Rickmann mit noch ein paar unverwüstlichen Gesellen war der Humor noch nicht ausgegangen; sie präparierten sich »Appetitsbrötchen« aus den Beständen der Menagen, die sie im Büfett vorfanden: Mostrich, Salz und Pfeffer.

Langsam schlichen so die Stunden des Vormittags dahin, und endlich – gegen ein Uhr Mittags – schlug die Stunde der Erlösung für die Eingeschlossenen, an die man sich inzwischen draußen erinnert hatte. Die Späher, die auf das Dach in den Ausguck hinauf geschickt worden waren, kamen plötzlich jubelnd die Stiege heruntergepoltert mit der frohen Botschaft, daß ein Rettungskahn herannahe, um die Abgesperrten zurückzubefördern. So war denn die Not glücklich überstanden und man gelangte endlich wieder mit Hilfe der wackeren Rettungsmannschaften in die innere Stadt, wo nun ein jeder schleunigst seiner Wohnung zueilte, um sich todmüde aufs Bett zu werfen.

Wasilew, dessen Behausung weit draußen lag und voraussichtlich bei den schwierigen Wasserverhältnissen nicht leicht zu erreichen war, nahm Heinz Rickmanns Anerbieten herzlich gern an, vorläufig bei ihm einzukehren und dort ein Schläfchen zu machen. Sie kamen nach einigen Schwierigkeiten – denn Rickmanns Wohnung lag auf der sogenannten Insel, die gleichfalls vom Wasser sehr stark überflutet war – mit Hilfe des Bootes auch glücklich vor Rickmanns Haus an, wo sie durch ein ziemlich hoch gelegenes Parterrefenster einsteigen mußten, denn die Haustür war durch das Wasser ungangbar.

Das ganze, schon recht alte Haus war überhaupt von dem Wasser böse mitgenommen worden. In den Parterreräumen, durch die sie nun hindurchschritten und in denen das Wasser mehrere Fuß hoch stand, war das Mobiliar zerstört – ein Bild jämmerlicher Verwüstung. Aber Heinz Rickmanns Wohnung, die im zweiten Stock lag, war zum Glück von der Zerstörungswut des entfesselten Elements unberührt geblieben.

Ah, wie wohl tat das, nun endlich angelangt, sich in Morpheus' Arme zu werfen! Als höflicher Gastgeber wollte Heinz den Russen durchaus in sein Schlafzimmer nötigen, wo er das Bett benützen sollte. Aber Wasilew beharrte standhaft bei seiner Weigerung; er wollte sich mit dem Sofa begnügen. So ließ er sich denn von Heinz in das Wohnzimmer hinüber geleiten, das auf der anderen Seite des Flurs in einem kleinen Seitenflügel des Hauses lag. Müde zum Umfallen sank der Russe auf das altertümliche Sofa, das in allen Fugen erkrachte und dessen harte Roßhaarpolsterung dem Abgespannten nach all den Strapazen wie ein köstlicher Daunenpfühl vorkam.

»Scharmant, scharmant, ich liege hier wie auf Rosen gebettet,« lobte Wasilew sehr zufrieden sein hartes Lager und zog die Reisedecke behaglich über sich, die ihm sein Gastfreund vorsorglich hingereicht hatte. »In fünf Minuten werde ich schnarchen wie eine Otter. Also gute Nacht, Bruderherz!« – er hatte im Laufe der durchwachten Nacht mit seinem Gastfreund wie mit der gesamten wohllöblichen Alania natürlich auch Brüderschaft geschlossen – »laß dich nicht länger aufhalten, fliege in Morpheus' Arme und weck mich heute abend zur rechten Zeit, daß ich noch nach meiner Wohnung sehen und mich womöglich umkleiden kann. Gute Nacht!«

Er streckte Heinz noch einmal die Hand entgegen, der sich dann – wirklich zum Umfallen müde – in sein Schlafzimmer zurückzog.

Angezogen, wie er war, warf er sich aufs Bett. Sofort fielen seine Augen zu, und es dauerte wohl keine Minute, so umfing den Ermatteten schon ein tiefer, bleischwerer Schlaf.


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