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Freundestreue

Als Heinz bei Helmut eintrat, fand er ihn in dem schon dunklen Zimmer bei der Arbeit vor. Aus der Lampe mit dem grünen Schirm verbreitete sich ein gedämpftes, trauliches Licht über den Arbeitstisch und das ganze Zimmer. Ein Hauch stillen Friedens und wohlgeordneter Ruhe lag über diesem ruhigen Stübchen. Trotz seiner Erregtheit empfand es Heinz, als er nun nach kurzem Anklopfen ohne weiteres zu dem Freunde ins Zimmer getreten war.

Helmut wandte etwas überrascht den Kopf nach dem späten Besucher hin. »Ach du, Heinz!« sagte er und erhob sich, den Freund zu begrüßen. »Hast dich lange nicht mehr bei mir sehen lassen! Das ist recht, daß du endlich einmal kommst.«

Das Gefühl der Beschämung, das eine Sekunde lang Heinz beschleichen wollte – hatte er doch trotz all der wiederholten freundlichen Mahnungen Helmuts sich nicht mehr zu den verabredeten gemeinschaftlichen Arbeitsstunden eingefunden –, verflog gleich wieder unter dem stärkeren Eindruck der Aufregung, die ihn hergetrieben hatte.

»Ja, ja, Helmut, ich habe dir gegenüber ein schlechtes Gewissen! Aber davon später! Was mich jetzt zu dir treibt, ist nicht eine eigene Angelegenheit, sondern die eines befreundeten Couleurbruders. Helmut, du mußt mir helfen! Ich habe mich verbürgt für dich; es handelt sich um eine Lebensfrage!«

Sehr ernst werdend, fragte Helmut den Freund, der noch nicht einmal Mantel und Mütze abgelegt hatte: »Heinz, du ängstigst mich ja! Was ist denn los?«

»Um es kurz zu machen – der Betreffende steckt bös in Schulden. Nun hat er einen Verfallstermin nicht innegehalten, so daß eine Anzahl höchst wertvoller Couleurgegenstände in Trödlerhand geraten ist. Du verstehst, daß das eine Schmach und Schande für unsere Couleur bedeutet und dem leichtsinnigen Unglücksmenschen den Hals bei uns brechen kann. Kurzum, wenn er bis morgen früh nicht die Sachen zurückholt – wozu er dreihundert Mark braucht – geht es für ihn sehr schief aus!«

Helmut stand auf. »Ja, das ist freilich eine böse Sache,« meinte er bedenklich.

Heinz trat näher auf den Freund zu. »Helmut, ich weiß, wie du mit dem Russen stehst. Für Wasilew ist die Summe ja eine Kleinigkeit. Da dachte ich mir –«

»Wie?« Im höchsten Grade peinlich berührt, rief Helmut es dem Freunde zu. »Du hättest die Absicht, mich zu bestimmen, ihn darum anzugehen?«

Heinz nickte.

»Nein, niemals!« stieß Helmut mit fester Entschlossenheit hervor. »Du weißt, ich habe Wasilews Großmut noch keinen Augenblick für mich in Anspruch genommen, und nun mutest du mir zu, daß ich für einen anderen –?«

»Aber Helmut, bedenke doch, was auf dem Spiele steht!«

»Ganz gleich!« tönte es fast hart von Helmuts Lippen. »Wie komme ich dazu, für einen wildfremden Menschen, den ich vielleicht kaum dem Namen nach kenne, etwas zu tun, was ich niemals für mich selbst fertig bringen würde? Gewiß kann der Unglücksmensch mir leid tun, aber schließlich hat er sich die Sache doch selbst eingebrockt! Mag er sehen, wie er sich allein aus der Affäre zieht!«

Heinz antwortete nicht gleich. »Ja, wenn du so denkst,« sagte er dann nach einer Pause, sich aufraffend, und ein Schatten flog über sein Gesicht, »dann freilich! Ich hatte allerdings nicht geglaubt, daß du – nimm es mir nicht übel – so kaltherzig urteilen würdest. Wenn du den Unglücklichen gesehen hättest in seiner Verzweiflung, zu allem fähig – es kann diese Angelegenheit ihm seine ganze Existenz vernichten – ich glaube, Helmut, du dächtest anders!« Er warf noch einen letzten langen Blick auf den Freund, der mit finsterer Miene dastand. »Helmut, sollte ich mich denn wirklich so in dir getäuscht haben? Selbstverständlich ist der Leichtsinn Schultes unverzeihlich; aber soll er denn nun an den Folgen dieses Leichtsinns wirklich erbarmungslos zu Grunde gehen? Denn das wird er sicherlich, wenn er bei uns hinausfliegt und jeden Rückhalt verliert. Denke doch auch daran: der Unglücksmensch steht ja nicht allein auf der Welt. Soll eine unschuldige Familie in Mitleidenschaft gezogen werden? Helmut! Eine Menschenexistenz hängt vielleicht von dir ab!«

Helmut zuckte zusammen. Die Augen vor sich auf den Boden geheftet, kämpfte er noch einen letzten Kampf mit sich selbst, dann aber raffte er sich entschlossen auf: »Gut! Ich werde zu Wasilew gehen!«

»Ich danke dir, Helmut!« Sehr bewegt ergriff Heinz die Hand des Freundes und preßte sie kräftig. »Ich wußte es ja, du würdest mich nicht im Stich lassen! Und wenn es dir recht ist, gehe ich mit. Ich selbst will Herrn Wasilew sagen, wie der Fall steht; ich denke, das wird dir die Sache etwas erleichtern. Er sieht ja dann, daß du nur mir zu Gefallen den schweren Gang tust.«

Helmut war damit gerne einverstanden, und so machten sich denn die beiden unverzüglich zu Wasilew auf den Weg.


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