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Der erste Tag der Freiheit

Der goldene Sonnenschein drang warm durchs Fenster in Helmuts Zimmer, als er am anderen Morgen die Augen aufschlug. Schnell sprang er aus dem Bett, fuhr in die Kleider und begann seine Morgentoilette. Sein Kopf war klar, und frohen Blickes schaute er daher beim Anziehen hinaus auf das anmutige Bild vor seinem Fenster, wo jetzt im Sonnenstrahl glitzernd der Graben seine Fluten dahin trieb. Wie mochte es aber wohl mit Heinz aussehen? Ob der auch so leichten Sinnes jetzt in die Welt hinausschauen konnte?

Helmut war mit seiner Toilette fertig geworden und ging nun durch den Salon hinüber zu Heinzens Zimmer. Leise klinkte er auf und schaute in die Stube hinein. Die Vorhänge vor dem Fenster waren noch zugezogen, so daß nur ein gedämpftes Licht in dem Gemach herrschte. Aber doch sah Helmuts Blick sofort eines: ein Farbenband und eine Verbindungsmütze, die auf dem Stuhl neben Heinzens Bett lagen. Ein wahrer Schreck durchfuhr Helmut; also war es doch geschehen! Er hatte ja freilich gestern abend schon derartiges halb geahnt, aber doch hatte er immer noch gehofft, Heinz werde wenigstens sich soweit bedenken, daß er nicht gleich am ersten Abend den entscheidungsvollen Schritt tun würde. Und nun war es doch geschehen! Ob es zum Heile für ihn war?

Helmuts Blick suchte das Gesicht des Freundes, das tief in die Kissen vergraben lag und dem man den schweren dumpfen Schlaf ansah. Er war gewiß erst sehr spät nach Hause gekommen. Eine bange Sorge um den Schläfer stieg in Helmut auf. Am liebsten hätte er ihn wachgerüttelt und ihm ins Gewissen geredet, doch noch umzukehren von dem Weg, den er betreten, Band und Mütze mit der Erklärung zurückzuschicken, daß er sich gestern abend die Sache nicht genügend überlegt hätte. Denn es stand in diesem Augenblick klar vor Helmuts Seele, daß das Verbindungsleben gerade für eine Natur wie die seines Freundes verhängnisvoll werden konnte. Er war gar zu leichtherzig und geneigt, sich von einem falschen Enthusiasmus in froher Gesellschaft fortreißen zu lassen.

Schon wollte daher Helmut näher treten und den Arm des Freundes ergreifen. Aber dann wieder kam ihm der Gedanke: es ist ja nun doch zu spät! Heinz kann nicht mehr zurück, ohne sich selbst und die Korporation, deren Farben er nun einmal angenommen hat, schwer zu kompromittieren. Ja es hätte ein solches plötzliches Zurücktreten vielleicht sogar zu schweren Komplikationen für ihn führen und ihm möglicherweise Forderungen eintragen können. Also es mußte wohl schon so bleiben, wie es einmal gekommen war. So ging denn Helmut leise wieder aus dem Zimmer hinaus und schloß die Tür hinter sich, aber nur schweren Herzens. In die helle Freude, mit der er diesen lichten Morgen, den ersten im lieben Jena, begrüßt hatte, war ein Schatten gefallen.

Schon zweimal hatte Helmut den Knopf der Klingel gedrückt – inzwischen war ein kräftiger Appetit in ihm rege geworden und er hätte gern gefrühstückt – aber niemand war gekommen. Etwas ungeduldig wollte er gerade wieder zur Klingel gehen, da klopfte es. Aber auf sein »Herein!« erschien statt des erwarteten Hausgeistes Frau Härtel in eigener Person, das Kaffeeservice in der Hand, und hinter ihr ein niedliches Backfischchen, das, die Tischtücher nebst Servietten und einen Strauß Astern tragend, die Mama als Assistentin begleitete.

»Sie müssen schon entschuldigen, Herr Berendt, daß Sie so lange auf Ihr Frühstück warten mußten. Ein schlechter Anfang gerade für den ersten Tag, nicht wahr?« Sie lächelte zutraulich den jungen Hausbewohner an, während sie sich mit schnellen Griffen daran machte, den Salontisch zu einer einladenden Frühstückstafel umzugestalten. »Aber Sie brauchen nicht zu fürchten, daß es immer so sein wird. Wir haben nämlich gerade heute Wäsche im Haus und da ist unsere Lina unabkömmlich. So müssen schon Lischen und ich heute alles selbst machen.«

»Ich bedaure sehr, Frau Härtel, daß Sie und Ihr Fräulein Tochter sich persönlich bemühen müssen.« Er sandte dabei einen dankbaren Blick zu dem kleinen Fräulein, das eben dabei war, die mitgebrachten Blumen in die beiden Vasen vor dem Pfeilerspiegel zu verteilen. »Was für wunderschöne Blumen,« fügte er höflich hinzu, zu ihr tretend. Die Kleine war hocherfreut über das gespendete Lob.

»Es soll doch ein bißchen nett hier aussehen,« meinte die Mama, »damit die Herren nicht gar zu sehr die Heimat entbehren. Zu Hause haben Sie doch gewiß auch eine Schwester, die Ihnen das Zimmer immer ein bißchen nett gemacht hat.«

Helmut bejahte eifrig und Frau Härtel erkundigte sich nun sogleich in freundlicher Teilnahme nach seiner Familie.

»Aber bitte, wollen die Damen nicht Platz nehmen,« bat Helmut, eifrig zwei Stühle zurecht rückend.

»Einen Augenblick gern. Aber Sie sollen sich nicht beim Frühstück stören lassen; geh, Lischen, schenke Herrn Berendt doch ein.«

Mit flinken Händen kam Lischen ihren Hausfrauenpflichten nach, während die Mutter sich daran machte, eigenhändig Helmuts Brötchen zu streichen. Dieser fühlte sich recht glücklich, in so mütterlicher Weise aufgenommen zu werden, als ob er zur Familie gehöre.

»Sie werden mich hier so verwöhnen, Frau Härtel, daß ich mich gar nicht mehr nach Hause sehnen werde,« sagte er lachend, während er mit Appetit in das verlockende Weißbrot biß.

»Nun, davor ist mir nicht bange,« sagte Frau Härtel lächelnd, »aber es soll mich wirklich freuen, wenn Sie sich wohl bei uns fühlen. Wenn man selbst einen Sohn hat, der ein paar Semester draußen in der Fremde gewesen ist, so hegt man den Wunsch, solch jungen Menschen ein wenig die Heimat zu ersetzen. Sie wollen doch gewiß einige Semester hier in Jena verbleiben?«

»Meine ganze Studienzeit,« bejahte Helmut, »ich will hier auch Examen machen.«

»O, sehen Sie, wie nett! Da werden wir uns ja gut kennen lernen.« Frau Härtel sah sich nun mit einem sprechenden Blick um. »Ihr Herr Freund? Er ist wohl noch nicht auf?«

Helmut lächelte ein wenig befangen. Es schien ihm fast, als ob er sich für den Langschläfer entschuldigen müßte. »Er ist ein bißchen spät nach Haus gekommen,« sagte er dann entschuldigend.

»Na, das kann ja einmal vorkommen,« meinte Frau Härtel lächelnd. »Nun muß ich aber wieder nach meiner Arbeit sehen – komm, Lischen! Also noch einmal: Lassen Sie es sich recht gut gefallen hier bei uns im Haus, Herr Berendt!«

Sie reichte aufstehend Helmut freundlich die Rechte hin, die dieser warm drückte. Ja, er fühlte es, er konnte nirgends besser aufgehoben sein, und mit herzlichen Worten des Dankes begleitete er die Damen bis an die Tür.

Kaum war Frau Härtel mit ihrer Tochter aus dem Zimmer, so steckte Heinz vorsichtig seinen Kopf drüben durch die Türspalte. »Sind sie weg?« fragte er spähend.

»Ja, die Luft ist rein,« entgegnete Helmut lachend. »Komm nur herein, du Fauldachs.«

Sich räkelnd trat Heinz über die Schwelle. »Allewetter, das war gestern eine Sitzung! Aber famos; schade, daß du nicht dabei warst. Hei, sind wir vergnügt gewesen, und Menschenskind, weißt du das Neueste? Hier, paß mal auf!« Plötzlich wieder ganz Leben geworden, sprang er mit einem schnellen Satz zurück ins Schlafgemach und kam im nächsten Augenblick wieder, die Mütze auf dem noch wirren blonden Haar und das Band über das Nachthemd gestreift, denn er steckte noch provisorisch in Beinkleidern und leichten Morgenschuhen.

»Na, was sagst du nun?« Er stellte sich herausfordernd im Vollgefühl seiner Würde vor den Freund hin.

Aber statt der erhofften jubelnden Bewunderung traf ihn nur ein langer, kritischer Blick des Freundes, der im übrigen still blieb.

»Na, das ist ja auch eine Art, einem zu gratulieren!« schmollte Heinz und wendete sich gekränkt ab.

»Ja, ich weiß wirklich nicht, ob ich dir gratulieren soll. Sieh mal, Heinz,« und Berendt trat zu dem Freund, ihm herzlich die Hand auf die Schulter legend, »ich hab' mir schon den ganzen Morgen die ernstesten Gedanken über dich gemacht, ob es gerade für dich ein Glück ist –«

»Ach, nun willst du mir wohl auch noch obendrein eine Moralpauke halten?« Schnell machte sich Heinz von dem Freunde los. »Nein, mein Junge, das spare dir! Ich will mir nicht die Freude von dir verderben lassen. Weißt du, wir wollen beide vernünftig sein. Du machst dir nichts aus der Sache – schön, das ist, wenn man fleißig studieren will, vielleicht auch das richtige, jedenfalls aber dein gutes Recht! Aber mir macht's Spaß und darum verdirb ihn mir nicht! Doch im übrigen soll das unsere Freundschaft nicht stören, nicht wahr?« Und damit hielt er ihm die Hand hin, die nun Helmut ergriff.

»Selbstverständlich, Heinz, mit unserer Freundschaft hat das nichts zu tun, und da du nun einmal Couleurstudent bist, wäre es auch völlig unnütz, weiter darüber zu reden. So will ich dir nur von Herzen wünschen, daß du den Schritt, den du gestern getan hast, nie bereuen mögest. So, und nun Schluß der Debatte. Komm und setz' dich her und frühstücke mit. Ich nehme an, der Kaffee wird dir recht gut tun.«

»Na, was sagst du nun?« Er stellte sich herausfordernd vor den Freund hin.

»Ach, du denkst wohl, ich hab' etwa 'nen Jammer? Keinen Schimmer,« renommierte Heinz, indem er wacker in das Frühstücksbrot einhieb. »So was wollen wir uns gar nicht erst angewöhnen. Aber nun sag mal, Mensch, was soll nun mit dir werden? Ich kann dich doch nun nicht immer allein in Jena herumlaufen lassen und anderseits bin ich ja nun nicht mehr frei. Wenn ich nämlich nicht ins Kolleg gehe oder zu Hause arbeite, bin ich moralisch verpflichtet, mich meinen Couleurbrüdern anzuschließen. Ausnahmen sind natürlich auch mal gestattet. Wenn du nun schon wirklich nicht aktiv werden willst, wie wäre es, wenn du in ein loseres Verhältnis zu den Alanen trätest? Konkneipant kannst du doch wenigstens werden.«

Mit großem Eifer redete er auf den Freund ein, was ihm Abends zuvor die neuen Couleurbrüder für diesen Fall eingetrichtert hatten. Aber Helmut blieb fest.

»Nein, Heinz, nur keine Halbheiten! Entweder bin ich etwas, oder ich bin es nicht. Du weißt, wie ich über die Sache denke, und kennst auch das Versprechen, das ich meinen Eltern gegeben habe. Aber so als Couleurstudent zweiter Klasse nebenherlaufen, das möchte ich erst recht nicht. Also gib dir keine Mühe!«

»Na, denn nicht,« tröstete sich Heinz, indem er die Semmel vollends in den Mund schob. »Aber langweilig ist's doch, daß mit dir auch gar nichts anzufangen ist!«

Das Frühmahl war beendet, da sah Heinz zu seinem Erstaunen, daß Helmut sich am Schreibtisch zu schaffen machte und nach Heften und Federhaltern suchte. »Was, willst du wahrhaftig gleich heute ins Kolleg laufen?«

»Allerdings,« erklärte der andere ruhig, indem er alles Nötige in die Studentenmappe steckte, die er schon von Haus mitgebracht hatte. »Ich will gleich zur Universität. Wie ich gestern von Herrn Brendicke hörte, haben einige Professoren schon angefangen, zu lesen, darunter auch der berühmte Vormann, der große Philologe. Gerade der interessiert mich besonders und ich will nichts versäumen.«

»Junge, Junge!« Mit drolligem Entsetzen warf sich Heinz ins Sofa zurück und baumelte mit den Beinen. »Wenn dir das nur gut bekommt! So gleich vom Pennal wieder ins Kolleg! Ein bißchen Erholung könntest du dir doch eigentlich gönnen.«

Aber Heinz ging auf den Ton des Freundes nicht ein, sondern machte vielmehr einen Versuch, auch diesen ernst zu stimmen.

»Du, Heinz, darf ich einmal ein offenes Wort sagen? Tu mir den Gefallen und komm mit. Aktiv sein magst du ja immerhin, aber bummeln sollst du nicht. Den Vormittag wenigstens reserviere für die Arbeit!«

Aber Heinz winkte ab, indem er sich gemächlich eine Zigarre langte und sie behaglich ansteckte.

»Nein, mein Junge, dafür bin ich nicht zu haben, wenigstens heute nicht. Erst will ich mal die goldene Freiheit kosten, hab' mich lang genug auf dem Pennal plagen müssen. Außerdem habe ich mich für heute vormittag zu einem Bummel mit meinen Couleurbrüdern verabredet und kann unmöglich gleich das erste Mal fehlen. Also mußt du mich heute schon entschuldigen.«

Mit ernstem Bedauern blickte Helmut auf den Freund; dann reichte er ihm die Hand. »Leb wohl, Heinz,« und schnell ging er aus dem Zimmer.

Einen Augenblick blieb Heinz zurück und blies langsam und nachdenklich den Rauch der Zigarre vor sich hin. Der Blick des Freundes eben und der Ton, in dem er von ihm Abschied genommen hatte, waren ihm doch etwas auf die Seele gefallen. Auch ihm machte es jetzt Gedanken, daß heute gleich am ersten Tage ihres Hierseins sich so ihre Wege voneinander trennten. Eine dunkle Stimme raunte ihm im Innern zu, daß der andere ja wohl im Grunde recht hätte. Ob er nicht doch seinem Rate folgte und auch zur Universität ging? Einen Augenblick schwankte Heinz. Schon war er halb und halb entschlossen, dem Freunde nachzueilen, aber da stieg in seinem Geiste der alte Marktplatz vor ihm auf und er sah im vollen Treiben der Marktleute das lustige Volk der Studenten einherschlendern, mitten drunter die stattliche Schar der Alanen; wie ihnen bewundernden Blicks von Bürgers- und Bauersleuten nachgeschaut wurde, wie sie dann lachend und scherzend im fröhlichen Schwatzen an den Tischen draußen vorm Hause saßen und den Klängen der Marktmusik lauschten – nein, er konnte nicht! Zum Kuckuck, er war doch kein Philister, sondern ein flotter Student, der eben erst an allen diesen Herrlichkeiten zu nippen angefangen hatte – da mußte er den ersten Durst noch in vollen, kräftigen Zügen stillen! Die Arbeit lief ihm ja nicht davon, dazu war's wahrhaftig noch immer Zeit – er hatte ja acht Semester vor sich. Und entschlossen sprang Heinz vom Sitz empor, sich zum Marktbummel fertig zu machen.


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