Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Füchsleins Leiden

Kaum war der Sang droben auf dem Fuchsturm verschollen und schwirrte das Gespräch wieder an der langen Tafel, so wandte sich Dobler über den Tisch hinweg zu Heinz: »Sag mal, dein Freund hatte es ja riesig eilig, wieder von uns wegzukommen; er scheint sich nicht recht wohl in unserer Gesellschaft zu fühlen – was?«

Heinz antwortete nicht, aber die Röte stieg ihm ins Antlitz bei der verletzenden Art des Fragers.

»Na, ein Schade ist's ja durchaus nicht, daß wir auf seine verehrliche Gesellschaft verzichten müssen,« fuhr Dobler höhnend fort. »Ich möchte dir überhaupt den wohlgemeinten Rat geben, Fuchs, diesen wenig für dich passenden Verkehr aufzustecken, und zwar möglichst schleunigst! Es schickt sich für einen Couleurstudenten überhaupt nicht, mit einem Finken – einem Nichtfarbentragenden – so zu verkehren, am wenigsten aber mit einem solchen Knacker, wie es dein Busenfreund zu sein scheint.«

Heinz hatte mit steigender Empörung Dobler angehört, nun aber fuhr es ihm heraus: »Mein Freund ist nichts weniger als ein Knacker, sondern ein höchst achtenswerter Mensch. Ich muß mir jede Beleidigung von ihm sehr verbitten. Im übrigen werde ich mir über meinen Privatumgang keinerlei Vorschriften machen lassen.«

»Was?« Fast entsetzt ließ Dobler die Rechte schallend auf den Tisch fallen. »Bist du von Sinnen, Fuchs? Auf der Stelle steigst du in deine Kanne! Ich lasse deine Kraßheit als mildernden Umstand gelten, sonst –!«

»Ha, ha! Hat sich was mit dem Indiekannesteigen,« schallte es ihm aber spöttelnd von der Tafelrunde entgegen, »du vergißt völlig, daß wir auf dem Fuchsturm sind! Hier ist umgekehrter Comment, mein Lieber! Sieh dich vor, daß dich der Fuchs nicht selbst in die Kanne schickt.«

Richtig! Das hatte er ja in der ersten Aufregung völlig vergessen, daß hier nach uraltem Comment das Rangverhältnis scherzhaft verkehrt war. Ingrimmig mußte Dobler so von der Strafexekution vorläufig Abstand nehmen, aber drohend kam es ihm halblaut von den Lippen: »Na warte, mein Bürschchen – nachher auf dem ›Wilhelm‹!«

Bald war aber die kleine Mißstimmung, die wegen dieses Vorfalls sich auf Heinz gesenkt hatte, wieder vergessen, denn bei heiteren Scherzen und fröhlichen Liedern flogen die Stunden eilends dahin, es blieb keine Zeit zum Grillenfangen. Dem herrlichen Herbstabend, der ausnehmend mild gewesen war, folgte dann schnell die Nacht, und als man so in der zehnten Stunde an den Aufbruch dachte, mußte man den Rückweg nach altem Jenenser Brauch bei Fackellicht antreten.

Hei, das war ein lustiges Wandern, so im nächtlichen Dunkel! In langer Reihe, wie die Indianer auf dem Kriegspfade, wandelten die Burschen dahin, ein jeder den lodernden Kienfackelbrand in der Hand schwingend.

Arm in Arm wanderten Heinz und sein Leibbursch am Ende des Zuges dahin. Heinz war hochbegeistert von dieser romantischen Art, durch die Nacht zu ziehen, und er schwärmte in poetischer Anwandlung dem Freunde von alten Zeiten vor. Die mit Begeisterung verschlungenen Romane Gustav Freytags aus der thüringischen Vergangenheit tauchten in seinem Gedächtnisse auf; er wähnte sich um ein Jahrtausend zurückversetzt in jene Zeit, wo auf diesen Höhen bei nächtlichem Dunkel einst wilde Sorbenkrieger heimlich gezogen sein mochten, zu beutegierigem Einfall in die Waldlauben der Thüringer jenseits der Saale. Ein Nachhall dieser Stimmung war noch in Heinz, als er nun mit Brendicke wieder in der Wirtschaft zum Wilhelm angelangt war, die jetzt im traulichen Lichtgefunkel dalag und wo die übrigen Alanen sich bereits niedergelassen hatten, um noch einen letzten Schluck vor dem Abstiege in die Stadt zu genehmigen. Alsbald hatte der Wilhelm, unterstützt von der treuen Gattin und der Tochter, die Holzkännchen aufgetischt, da wurde Heinz aber unsanft aus seinen Träumen gerissen.

Das war ein lustiges Wandern im nächtlichen Dunkel.

»So, Fuchs,« schallte ihm schadenfroh das scharfe Organ Doblers ins Ohr, »jetzt ist die Reihe an mir! Du weißt ja wohl, von vorhin – also runter mit deinem Kännchen! Hopp, hopp!«

Heiß schoß Heinz das Blut zu Herzen. Der höhnische Anruf Doblers rief ihm die vorhin widerfahrene häßliche Behandlung von neuem frisch ins Gedächtnis zurück; alles empörte sich in ihm bei dem Gedanken, daß er nun für die ihm zugefügte Unbill obenein sich noch strafen lassen sollte. Aber er wußte, was die Couleurdisziplin von ihm verlangte, und so ergriff er denn stillschweigend sein Kännchen und setzte es an den Mund. Langsam trank er es aus; dann aber setzte er, tief Atem holend, das Gefäß etwas kräftig auf den Tisch und trotzig sandte er die Worte zu Dobler hinüber: »Du hast zwar die rohe Gewalt über mich, aber damit kannst du mich doch nicht zwingen. Ich tue trotzdem, was ich für recht und gut befinde!«

»O! – Na, das wollen wir ja gleich mal sehen! Vorerst spinnst du schleunigst noch ein weiteres Kännchen – Rest weg!«

Heinz wollte empört aufbrausen, aber sein Leibbursche drückte ihm beschwichtigend auf die Schulter, indem er sich selber an Dobler wandte.

»Hör mal, ich finde, daß du die Sache etwas forcierst; selbstverständlich hat sich mein Fuchs inkorrekt benommen, und ich werde mit ihm auch noch ein Wort sprechen –, aber du gehst entschieden doch zu weit.«

»Oho, wieso?« schallte es dem Verteidiger Heinzens aus dem Chor der anderen Burschen jetzt entgegen. »Dobler ist völlig im Recht; der Fuchs ist üppig, einfach frechdachsig, da gehört ihm eo ipso ordentlich eins auf die Mütze!« – »Es ist uns selber früher nicht anders gegangen.« – »So 'n Füchslein hat eben zu parieren!«

Angesichts der Opposition, die sich allgemein gegen seinen Verteidigungsversuch erhob, mußte Brendicke doch seinen wohlgemeinten Versuch aufgeben und achselzuckend wandte er sich mit einem Ausdruck des Bedauerns zu seinem Leibfuchs. Dieser hatte inzwischen in einer Anwandlung trotziger Verbissenheit sich vom Wilhelm das zweite Kännchen geben lassen, stracks war er emporgefahren, und mit Anspannung aller Energie leerte er auch seinen Inhalt. Es kam ihm zwar mehr als hart an, aber er zwang doch das Strafquantum hinunter, und als es geschehen, setzte er sich ohne ein Wort zu sagen oder einen Blick auf seinen Widersacher zu richten, jedoch mit einem unverkennbaren Ausdruck tiefsten Ingrimms und kalter Verachtung, wieder nieder.

Den Kopf in die Fäuste gestützt, brütete er so vor sich hin. Das ungewohnte, schnelle Hinunterstürzen des Getränks hatte ihm das Blut in den Kopf getrieben, er fühlte das Unnatürliche, Gesundheitsschädliche dieses unsinnigen Trunkes. Dazu kam noch die heftige innere Erregung, die in ihm wogte: so war er denn in einen Zustand geraten, daß es nur noch eines leisen Anstoßes bedurfte, um die in ihm angespeicherte Gereiztheit zu einem heftigen Ausbruch zu bringen.

Dobler entging die seelische Verfassung Rickmanns nicht und durch das stumme, aber trotzige Wesen des Fuchses nur noch mehr geärgert, gedachte er diesen seine Gewalt immer mehr spüren zu lassen. So trank er denn plötzlich das eigene Kännchen leer und dieses mit einer nachlässigen Gebärde über den Tisch hinweg Heinz zuschiebend, befahl er hochmütig: »He, Fuchs – schleif mir ein neues Kännchen ran!«

Da aber lief das Maß bei Heinz über. Auffahrend ergriff er das Kännchen Doblers und stieß es ihm heftig zurück, daß es umfiel und zu Dobler hinüberkollerte: »Hol dir dein Bier selber, ich bin nicht dein Kellner!« rief er funkelnden Auges dem verhaßten Peiniger zu.

Ein allgemeiner Sturm der Entrüstung brach nun aber los und entlud sich über Rickmanns schuldigem Haupte. Es war ja in der Tat ein arger Verstoß gegen die studentische Disziplin, den sich Heinz da eben geleistet hatte. In demselben Augenblick wie er war auch Dobler in die Höhe gefahren und nicht minder zornig funkelte sein Blick das junge Füchslein an, das da wagte, in so unerhörter Weise gegen ihn, den zehnsemestrigen Burschen, aufzubegehren.

»Bist du toll geworden, Fuchs?« donnerte er Heinz an. »Auf der Stelle holst du mir Bier, oder es soll dir schlecht bekommen!«

Da aber konnte Heinz nicht länger an sich halten; all der Ingrimm, der sich in diesen letzten Minuten in ihm angehäuft hatte, machte sich Luft, wie er nun mit heißglühenden Wangen dem Gegner, der ihn noch um eines halben Kopfes Länge überragte, die Worte ins Gesicht schleuderte: »Ich bin kein Philister, – aber solch ein grober, brutaler Mißbrauch der Gewalt paßt mir nicht! Es fällt mir gar nicht ein, auch nur einen Tropfen noch zu trinken! Dazu bin ich nicht aktiv geworden, daß ich hier jedermanns Stiefelputzer spielen soll! Da pfeif' ich lieber auf den ganzen Krempel!« Und plötzlich von seiner maßlosen Erbitterung hingerissen, nahm er die Mütze vom Kopf, warf sie auf den Tisch und stürmte so aus dem Lokal durch das nächtliche Dunkel davon.

Einen Augenblick war alles sprachlos, dann aber brach ein umso lebhafterer Meinungsaustausch los. In das schallende Gelächter derjenigen, die sich über den »gottvollen Trall« des Fuchsen – sie kannten solche Reaktionen auf den ersten Begeisterungsrausch hin bei so jungen Füchsen schon – weidlich amüsierten, mischten sich die Ausrufe strenger Entrüstung der anderen, die eine unglaublich schlimme Auflehnung gegen das eherne Gebot des Comments in Heinzens Gebaren sahen.

»Alle Wetter!« Mit der Faust auf den Tisch schlagend, machte Dobler seiner tiefgründigen Empörung Luft. »Das ist ja ein nettes Früchtchen! Den Kuckuck auch! Na, Brendicke, ich gratuliere dir zu der Akquisition.«

Aber unmutig entgegnete ihm der also Angezapfte: »Lediglich deine Schuld, daß es dahin gekommen ist! Du hast den armen Kerl ja mit Gewalt dahin getrieben, und es war wahrhaftig doch nicht nötig. Du bringst es fertig, den ruhigsten Menschen rebellisch zu machen; wenn es nach dir ginge, spränge überhaupt jeder Fuchs wieder ab, den wir mit Mühe und Not bekommen haben!«

»Na, was soll denn nun aber werden?« warf Steffen hin, einer von denen, die die Sache von der heiteren Seite auffaßten. »Man kann den Fuchs doch nicht so davonlaufen lassen.«

»Selbstverständlich nicht,« bestätigte Brendicke und sprang im selben Augenblick auch schon von der Bank auf. »Ich werde sehen, daß ich ihn wieder zur Vernunft bringe,« und schnell eilte er davon, in derselben Richtung, wo Heinz im Dunkeln verschwunden war.

Laut rief er ihm nach und ließ den hellen Couleurpfiff der Alanen ertönen, – aber alles blieb still. Heinz war also tatsächlich in seinem blinden Zorn davongelaufen. Ein in der stockdunklen Nacht für einen Neuling übrigens durchaus nicht unbedenkliches Unterfangen, namentlich bei der heftigen Erregtheit, in der sich Rickmann befand, und bei dem steilen Abhang des Berges, wo sich nur der Geübte mit Fackellicht zurechtzufinden verstand.

Wirklich besorgt kehrte daher Brendicke nach einer kurzen Zeit vergeblichen Rufens wieder an den Tisch der Alanen zurück, wo er dann mit einigen anderen der besonneneren Leute eine kleine Hilfsexpedition alsbald auf die Beine brachte, die, mit lohenden Feuerbränden ausgestattet, nach verschiedenen Richtungen verteilt den Abstieg antrat, um nach dem Verlorenen zu fahnden.


 << zurück weiter >>