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Ein Ende mit Schrecken

Heinz Rickmann saß Nachmittags, es war gegen sechs, in seiner »Bude« und »büffelte« – ein Ereignis! Sonst pflegte ihn diese Stunde ausnahmslos außerhalb seines Hauses zu sehen, sei es auf einem fröhlichen Spaziergang über Land, oder beim Dämmerschoppen; jedenfalls aber hatte ihn noch niemand um diese Zeit daheim bei der Beschäftigung mit den Wissenschaften vorgefunden.

Es war denn auch ein besonderer Anlaß, der das bewirkt hatte. Vor etwa einer Stunde hatte ihm die Post einen Brief von daheim gebracht, ein Schreiben von seiner Mutter, und zwar ein recht ernstes, sorgenerfülltes.

Heinz hatte bisher sein Verhältnis zu den Eltern immer ziemlich gemütlich und leichtherzig gestaltet, wenigstens von seiner Seite. Er hatte es grundsätzlich vermieden, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie Vater und Mutter wohl über sein Studententreiben dächten. Er huldigte eben dem Grundsatz, die Dinge ruhig an sich herankommen zu lassen. So lange man ihn stillschweigend gewähren ließ, glaubte er, daraus die Berechtigung für sich herleiten zu dürfen, so zu leben, wie er es gewohnt war.

Nun aber hatte ihn der Brief seiner Mutter etwas unsanft aus seiner beschaulichen Gemütsruhe aufgerüttelt. Sie hatte mit kummerbeladenem Herzen an ihn geschrieben: Schon lange trage sie es mit sich herum, aber sie müsse nun endlich einmal mit dem Sohn ernsthaft reden. In seinem eigensten Interesse wolle sie es ihm nicht länger verheimlichen, daß der Vater sich seinetwegen ernste Sorgen mache. Schon sechs Semester sei der Sohn jetzt auf der Universität, mancher Altersgefährte, der wie er Jurist sei, stehe bereits vor dem Staatsexamen; von ihm aber habe man bisher überhaupt noch nicht eine Spur gemerkt, daß er anfangen wollte, zu arbeiten. Der Vater sei seit langem schon über ihn schwer verstimmt, Heinz kenne ja seine Art, stillschweigend die Dinge lange mitanzusehen, aber dann plötzlich mit festem Entschluß zuzugreifen und allem streng ein Ende zu machen. Sie möchte daher in ihrer Angst den Sohn doch inständig bitten und beschwören, sich zusammenzunehmen und endlich an den ernsten Zweck seines Studiums zu denken, damit nicht etwa der Vater die Geduld verliere. Es sei sicherlich nicht mehr weit davon!

Dieses Warnsignal der treuen Mutter hatte in Heinzens Brust nun doch ein lebhaftes Echo wachgerufen. Eine nachhaltige Unzufriedenheit mit sich selbst hatte ihn befallen und nicht mehr losgelassen. Er mußte sich ja selber eingestehen, die Mutter hatte nur allzu recht: er trieb es wirklich arg! Drei oder vier Semester verbummelten ja auch manchmal andere Leute, namentlich Juristen wie er; aber bis zum sechsten sich derartig dem Müßiggang zu überlassen, das ging denn doch über den Rahmen des selbst für einen forschen Couleurstudenten Üblichen weit hinaus. Der Anlauf zur Arbeit, den er zu Beginn des Semesters auf seines Freundes Helmut Betreiben genommen hatte, war bald erlahmt. Wohl hatte er ein paarmal mit Helmut zusammen sich hingesetzt und angefangen, sich in die Pandekten zu vertiefen, aber dann waren Abhaltungen aller Art gekommen, und schließlich war die Sache wieder völlig eingeschlafen.

Nun aber hatte ihm heute die Mutter mit ihren Worten ernst ins Gewissen geredet, und, streng mit sich selbst zu Rate gehend, hatte er den löblichen Entschluß gefaßt, jetzt wirklich einmal an seine Pflichten als Studierender zu denken.

So hatte sich Heinz denn wirklich an seinen Schreibtisch gesetzt und die Bücher vorgenommen.

Den Kopf in die Hände gestützt, stierte er mit verzweifelter Anstrengung auf die Seiten des Buchs; aber nur allzu oft irrten seine Gedanken von der darin niedergelegten Weisheit ab und hin zu dem fröhlichen Kreis der Alanen, die sich jetzt gerade zum »offiziösen Kegelabend« in ihrem Hause zu vereinen pflegten. Wahrhaftig, es war in all diesen Semestern wohl das erste Mal, daß er ohne zwingenden Grund – nach seiner Auffassung – bei einem derartigen Vergnügen fehlte.

Aber weg mit solchen Gedanken! Der Ernst der Arbeit sollte ihn jetzt ganz in Anspruch nehmen. Doch gerade, wie er seufzend sich von neuem über das Buch gebeugt hatte, tönte draußen auf der Straße, noch aus einiger Entfernung, ein langgezogener heller Pfiff – der Lockruf der Alanen!

Heinz horchte auf. Irgend einer der Couleurbrüder, der ihn abholen wollte! Aber er war fest entschlossen, heute der Versuchung zu widerstehen, und so schwieg er. Jetzt klopfte es ans Fenster. Die Fensterscheiben der im Parterre gelegenen Wohnung waren durch Diaphanien für die Blicke der Straßenpassanten undurchsichtig gemacht, und so konnte der Klopfer draußen nicht sehen, wie er dicht dahinter am Arbeitstische saß. Es war gewiß nicht leicht für Heinz, auch jetzt noch sich als nicht anwesend zu stellen; aber er blieb wirklich seinem Entschluß getreu und erhob sich nicht vom Platze. Aber alle Energie half Heinz doch nichts, denn plötzlich wurde seine Zimmertür mit kräftigem Griff aufgemacht, und herein trat einer seiner Couleurbrüder.

»Also doch zu Hause! Menschenkind, warum antwortest du denn nicht?« Im höchsten Grade verwundert trat sein Couleurbruder Töpke, die Mütze auf dem Kopfe behaltend, den Couleurstock in der Hand schwingend, zu Heinz heran. »Daß ich nicht schwach werde! Ich glaube wahrhaftig – du arbeitest!«

»Nun, und wenn?« Halb verlegen, halb gereizt kehrte Heinz, dem unwillkommenen Besucher das Gesicht zu.

Ein schallendes Gelächter war die Antwort, dann trommelte der andere übermütig mit Hand und Stock auf den Schreibtisch los, unbekümmert über Pandekten und Korpus-juris hinweg: »Kinder, ich schrei' mich tot! Rickmann ochst – Rickmann ochst!«

»Ich weiß wirklich nicht, was daran so komisch ist!« Mit gerunzelter Stirn erhob sich Heinz von seinem Stuhl.

»Na, nimm mir's nicht übel, – aber daß du auch unter die Streber gehst! Ne, da hört ja alles auf!« Und abermals gab sich Töpke der ausgelassensten Heiterkeit hin.

»Lieber Töpke, dir mag ja die Sache sehr scherzhaft vorkommen, aber mir ist sie es ganz und gar nicht! Ich habe gute Gründe dazu. Verstehst du?«

Töpke war nun doch betroffen über den Ernst und den Ton Rickmanns. Er nahm eine andere Haltung an und griff leicht an die Mütze. »Ah, Verzeihung! Das ist natürlich etwas anderes! Dann hast du auch wohl nicht die Absicht, heute abend zum Kegeln zu kommen?«

»Allerdings nicht!«

»Das ist sehr bedauerlich,« erwiderte Töpke. »Du weißt wohl noch gar nicht, daß vor etwa einer Stunde das erwartete Telegramm aus Halle angekommen ist. Wir müssen also morgen mittag nach Halle fahren.«

»Ja, allerdings,« Heinz gab die Bedeutung der Angelegenheit zu, »aber trotzdem – ich bleibe heute abend zu Haus.«

»Na, dann viel Vergnügen!« Töpke lüftete grüßend die Mütze. »Übernimm dich nur nicht!« fügte er dann noch einmal neckend mit einem Blick auf Heinzens Bücher hinzu, sich zum Abgehen wendend.

Heinz antwortete dem Spötter nicht, sondern sah ihm schweigend nach, bis er hinaus war; dann ging er zur Tür und riegelte sie kurz entschlossen zu. Er wollte nicht zum zweiten Male auf ähnliche Weise gestört werden.

Wieder hieß es sich von neuem in die ungewohnte Tätigkeit hineinfinden. Wahrlich, das Sprichwort hatte nur allzu recht, daß aller Anfang schwer sei! Heinz sagte es sich seufzend, indem er wahrnahm, wie sehr sein einst so schnelles Auffassungsvermögen und sein Gedächtnis im Laufe der Jahre gelitten hatten, da sie gar nicht mehr geübt worden waren. Er fühlte, es war die allerhöchste Zeit, daß er endlich einmal an die Sache heranging. Und nur nicht den Mut verlieren, es mußte ja wieder werden; nur erst wieder in die Übung hineinkommen! Und mit kräftigem Entschluß machte sich Heinz von neuem an die Arbeit.

Er mochte wohl eine Stunde so gesessen haben, und es ging wirklich schon recht gut. In seinem Eifer hatte er gar nicht bemerkt, daß es allmählich anfing, dämmerig in dem Zimmer zu werden. Da hörte er es plötzlich abermals an seine Tür klopfen. Im höchsten Grade ärgerlich fuhr er auf. Gewiß schon wieder ein solch unerbetener Gast wie vorhin. Nur gut, daß er zugeriegelt hatte, – er war einfach nicht zu Hause. Da klopfte es von neuem, diesmal heftiger, dringlicher, und zugleich hörte er mit gedämpfter Stimme rufen: »Rickmann, mach auf! Ich bin's – Schulte!«

Schulte? Es war dies ein Rickmann besonders befreundeter Couleurbruder, sein einstiger Konfuchs, der ihm gleich vom ersten Semester an besonders sympathisch gewesen war. Schulte war der ausgesprochene Typus eines eleganten jungen Menschen. Nach seinen eigenen Mitteilungen aus einem sehr reichen Berliner Großkaufmannshause stammend, trat er sehr luxuriös auf. Seine stets tadellose Kleidung nach der neuesten Mode galt für die ganze Alania als vorbildlich, er trieb jeden Sport, war der Renommiertänzer der Couleur und vor allem ein nie das Spiel verderbender lustiger Kamerad, stets zu jeder Unternehmung bereit.

Also Schulte! Nun wurde Rickmann doch wankend, ob er nicht öffnen sollte. Er hatte sich vor diesem Freunde bisher noch nie versteckt. Und schon wieder klopfte der draußen mit größter Dringlichkeit. Da stand denn Heinz auf, ging hin und öffnete die Tür.

»Dem Himmel sei Dank, daß du daheim bist!« Erleichtert aufatmend trat Schulte ein und schloß mit einer hastigen Bewegung die Tür hinter sich. »Ich dachte wirklich schon, du wärst nicht zu Hause.«

»Wie du siehst, bin ich allerdings zu Hause, aber beim Arbeiten!«

Mit einer nicht mißzuverstehenden Handbewegung wies Heinz auf die Bücher vor sich.

»Ich störe dich also – Verzeihung!« bemerkte hastig Schulte. »Aber trotzdem – ich muß dich sprechen. In einer dringlichen Angelegenheit von höchster Wichtigkeit!«

Erstaunt blickte Heinz auf den Freund. Nun sah er erst, wie aufgeregt dieser war.

»Aber bitte, so sprich doch!« bat er, den Gast zum Sitzen einladend.

Schulte ließ sich auf dem Sofa, in der Nähe des Schreibtisches nieder. Sich die Stirn trocknend begann er: »Rickmann – ich komme zu dir – als meinem Freund, von dem ich hoffe, daß er mich verstehen – mir helfen wird!«

Noch erstaunter sah Rickmann jetzt auf den anderen. »Ja, was ist denn nur?« entfuhr es ihm.

»Ich bin in einer furchtbaren Notlage!« Gepreßt kam es von dem Munde des anderen. »Höre nur, wie's mir ergangen ist. Ich habe vor einiger Zeit Geld gebraucht – ich mußte einige ungeduldige Gläubiger wieder mal schnell befriedigen. Da wußt' ich mir sonst keinen Rat und ging zu dem alten Schnerber, weißt du, dem Trödler draußen in der Vorstadt!«

Heinz nickte bejahend.

»Ich hatte immer gehört, daß der Mann im Nebengewerbe kleine Geldgeschäfte mache! Na richtig, er läßt sich auch bereit finden und borgt mir die nötigen zweihundert Mark, aber nur gegen einen Wechsel über dreihundert Mark, und außerdem muß ich ihm mein schönes Hirschhornmobiliar – der Kram hat über fünfhundert Mark gekostet – verpfänden!«

Heinz entfuhr ein Laut der Überraschung.

»Wie – das prachtvolle Mobiliar mit den Couleurwappen und Zirkeln?«

Schulte nickte. »Ja, ja! Wie gesagt, ich hatte eben das Geld unbedingt nötig – das Feuer brannte mir anderweitig auf den Nägeln – also ich unterschreibe den Wisch, denke mir, kommt Zeit, kommt Rat, erhalte meine zweihundert Mark und ziehe ab. – Na, so weit war ja dann auch alles ganz gut. Die Zeit geht hin, und im Trubel der Dinge hier – du weißt ja, wir hatten hintereinander in letzter Zeit gerade Sommerfest, dann kam das Vogelschießen – kurzum, im Drang der Ereignisse denke ich an alles andere, bloß nicht mehr an meinen Wechsel und den Pfandschein. Bis heute vormittag – ich liege noch im Bett – Schnerber mit ein paar Männern und 'nem Möbelwagen mir auf die Bude rückt, um mein Mobiliar aufzuladen. Gestern war der Verfalltag – der Schnerber zeigt mir's richtig schwarz auf weiß! Und was hilft all mein Protestieren und Versprechen? Er läßt sich auf nichts ein und zieht mit meinen schönen Möbeln ab!«

»Aber das ist ja nicht möglich!« entfuhr es Heinz. »Die herrlichen Sachen fort?«

»Das wär' noch das Wenigste,« seufzte Schulte, sich abermals die Stirn wischend. »Höre nur weiter! Einer dunklen Ahnung folgend, gehe ich später, sowie ich angezogen bin, hinaus nach der Vorstadt, und was sehe ich? Stehen da im Trödlerladen im Schaufenster meine Sachen mit einem Riesenzettel dran: ›Gelegenheitskauf! Äußerst preiswert!‹«

Bittend hob Schulte die Hände zu Heinz auf.

»Was? Die Couleurmöbel?«

Entsetzt starrte Heinz den anderen an. Der nickte nur stumm, aber mit düsterer Miene.

»Ums Himmels willen, du, das geht ja doch aber nicht! Das ist ja eine Schande für uns allesamt! Die Sachen müssen schleunigst wieder zurückgekauft werden – auf der Stelle!«

Und erregt sprang Heinz auf.

»Darum komme ich eben zu dir!« Auch Schulte sprang auf. »Ich weiß mir ja sonst keinen Rat; den ganzen Tag laufe ich schon nach Geld herum, aber vergeblich! Könntest du mir helfen? Die Summe ist ja allerdings nicht gering, aber vielleicht kannst du sie doch irgendwie beschaffen, nur auf ein paar Tage; dann hoffe ich, anderweitig einen Ausweg zu finden!« Bittend hob Schulte die Hände zu Heinz auf.

Dieser aber schüttelte ernst den Kopf. »Das ist völlig ausgeschlossen! So gern ich dir wahrhaftig helfen möchte – aber wo soll ich diese Summe im Augenblick hernehmen? Mein Monatswechsel beträgt ja noch nicht einmal so viel, und ich habe meinem Vater selber leider schon zu oft mit Extraausgaben kommen müssen, daß ich daran gar nicht denken kann. Aber sollte dir's denn nicht möglich sein, von deinem Vater das Geld zu erhalten? Dein Vater ist doch so vermögend –«

Schulte brach in ein bitteres Lachen aus und setzte sich abseits am Fenster nieder, den Kopf in die Hand stützend. Betroffen starrte Heinz ihn an. »Ja, ich denke doch,« fuhr er zögernd fort, »du selbst hast uns ja immer erzählt, auf wie großem Fuß ihr zu Hause lebt –«

Schulte barg das Gesicht in der Hand; er wagte es nicht, Heinz ins Auge zu sehen, als er nun dumpf die Worte herausstieß: »Ich sagte es – ja! Aber es ist leider nicht so. Mein Vater, ein einfacher Kaufmann, dem es nicht leicht wird, mich studieren zu lassen, war gerade im stande, mir rund hundert Mark monatlich zu schicken. Seitdem ich aber Schulden gemacht habe und die Gläubiger mir immer schlimmer zusetzen, hat er mir erklärt, daß er überhaupt keinen Pfennig mehr für mich übrig habe.«

»Was? Aber Schulte, wie konntest du denn nur?!« Verständnislos blickte Heinz den anderen an.

»Ja, ja, du hast sehr recht,« stöhnte Schulte auf. »Ich fasse es heute auch selber nicht, wie ich in jämmerlicher Schwachheit und Eitelkeit so handeln und mich schämen konnte, einzugestehen, daß ich aus sehr bescheidenen Verhältnissen stamme! Ich hatte nun einmal den unseligen Trieb in mir, etwas vorzustellen, was ich nicht war; in meinem Leichtsinn tröstete mich wohl auch der Gedanke an die Zukunft. Ich hoffte schon Geld zu verdienen, vielleicht eine reiche Heirat und dergleichen zu machen; dann konnte ich die Studentenschulden alle wieder abtragen. Ich bin ja, wie du weißt, nicht mehr allzu weit vom Examen, nächste Ostern hoffe ich es zu machen. Siehst du, damit beruhigte ich mich immer wieder selbst, wenn mich mal ernstlich das Gewissen quälte. Aber nun die Schläge in letzter Zeit: das Entziehen meines Wechsels, und heute die Geschichte – das kann mir den Rest geben. Wenn es in Jena erst ruchbar wird, wie es in Wahrheit mit mir steht, borgt mir kein Mensch einen Pfennig mehr; dann kann ich mich nicht bis zum Examen über Wasser halten, dann fallen sämtliche Gläubiger auf einmal über mich her und um mich und meine Zukunft ist es geschehen. Siehst du« – mit bitterem Lächeln wandte Schulte jetzt sein blasses Antlitz dem Freunde zu – »so steht's in Wahrheit um Schulte, den ›reichen Jungen‹! Nun weißt du alles. Nun geh hin und verachte mich und erzähl es den anderen, was für ein jämmerlicher Mensch ich bin!«

Die tiefste Bitterkeit und Selbstverachtung sprach aus Schulte.

Bewegt trat Heinz auf ihn zu, plötzlich von aufrichtigem Mitleid erfaßt. So ergriff er des Freundes Hand. »Schulte! Wie's auch kommt, jedenfalls wird keine Menschenseele je von mir erfahren, was du mir soeben anvertraut hast! Hier meine Hand darauf! Aber all das hilft dir ja noch nicht! Komm, laß uns überlegen, was geschehen kann, um das Geld zu beschaffen.«

»Wenn dir das möglich wäre!« Verzweifelt packte Schulte den Arm des Freundes, sich an ihn klammernd, wie an seine letzte Rettung.

»Ja, ja – aber laß nur, ich muß in Ruhe überlegen!« Heinz machte sich frei und schritt gesenkten Hauptes im Zimmer auf und ab. Aber was er auch ersann, dies und das, es erschien bei näherer Prüfung alles unausführbar. Mit düsterer Miene betrachtete Schulte den wechselnden Ausdruck im Antlitz des Freundes; von seinem Entscheid hing ja seine ganze Zukunft ab.

»Wenn auch du mir nicht zu helfen weißt,« entrang es sich halblaut seinen Lippen, »so bin ich ein verlorener Mann! Dann weiß ich nicht, was aus mir noch werden soll.«

Heinz fuhr herum. Der dumpfe Verzweiflungston des anderen schreckte ihn auf und trieb ihn zu neuem, fieberhaftem Erwägen. Halt! Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Daß er nicht gleich darauf gekommen war! Das war ja ein Ausweg, der einzige, den er überhaupt finden konnte. Und schnell wandte er sich an Schulte: »Ich hab's! Mein alter Schulkamerad Berendt – du kennst ihn ja, er studiert jetzt wieder hier – ist eng befreundet mit einem russischen Gutsbesitzer, der hier an der Universität hospitiert. Dieser Mann ist riesig reich, der muß helfen! Ich selbst kenne ihn zwar nur flüchtig, habe ihn bloß hie und da gelegentlich bei meinem Freunde gesehen; aber Berendt muß die Sache in die Hand nehmen. Er ist ein seelenguter Mensch und wird es mir zuliebe schon tun.«

»Rickmann, wenn du das wolltest!« Schultes zuckende Hände faßten Heinzens Arme und seine Augen glänzten auf in neuer Hoffnung. »Ich weiß nicht, wie ich dir das je im Leben vergelten soll!«

Heinz machte sich eilends los. »Laß, laß! Es ist ja keine Zeit zu verlieren! Ich will sofort zu Berendt eilen. Das beste ist, du gehst bis ans Haus mit und dann zurück in deine Bude, wo du mich erwartest. Ich komme unverzüglich hin, sobald die Sache zwischen Berendt und dem Russen im reinen ist.«

So geschah es, und die beiden verließen nun schnell Rickmanns Wohnung, um dessen Plan wie verabredet auszuführen.


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