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Ein Ehrenhandel

Begleitet von einem Freund schritt Helmut Berendt in sehr früher Morgenstunde die Kahlasche Straße hinaus. Schon von weitem sahen sie in der Nähe des Felsenkellers einen gelben Omnibus halten, der bestimmt war, sie zum Kampfplatz zu führen. Schweigend trat er mit dem Kameraden zu der Gruppe von Studenten heran, Angehörigen einer fremden Korporation, bei der er Waffen belegt hatte, und die nun hier auf ihn gewartet hatten, um gemeinschaftlich mit ihm zur Mensur zu fahren.

Mit formeller Höflichkeit wurde sein und seines Begleiters Gruß erwidert. Beide waren den Herren schon vom Fechtboden her bekannt, wo Berendt in den letzten acht Tagen sich noch auf den speziellen Komment eingepaukt hatte, der auf der Mensur mit Dobler zu beachten sein würde. Auch nun im Omnibus drin wurden nicht viele Worte gewechselt; die meisten der jungen Leute rauchten ihre Zigarren oder Zigaretten. Man war der frühen Morgenstunde wegen wenig gesprächig und die Unterhaltung beschränkte sich auf wenige scherzhafte Worte, mit denen Reminiszenzen des vergangenen Abends aufgefrischt wurden. Nur der Fechtchargierte der Korporation, der Berendt gegenübersaß, hielt es für angezeigt, ab und zu mit dem Beleger höflichkeitshalber einige Worte zu wechseln.

Nach einer etwa dreiviertelstündigen Fahrt fuhr der Wagen rasselnd in die Dorfstraße ein und hielt dann vor dem ländlichen Wirtshaus, in dessen Tanzsaal der blutige Strauß ausgetragen werden sollte. Ein eigenartiges Gefühl beschlich Berendt, als er seinen Begleitern durch die enge, dunkle Stiege hinauf in den Saal folgte, durch dessen zum Teil verhängte Fenster nur ein trübes Licht fiel. Ein die Brust beklemmender süßlich-dumpfiger Geruch von Karbol und Jodoform wehte den Eintretenden entgegen und erzeugte zusammen mit den ganzen Vorbereitungen für die Mensur eine hochgradige Spannung erregende Stimmung.

Die beiderseitigen Couleurdiener waren schon eifrig dabei, alles zur Mensur vorzubereiten. Die große, dunkle Matte war entrollt, auf der deutlich die Spuren früherer Kämpfe zu erkennen waren; auf den Stühlen standen Waschschüsseln, in denen die Pinzetten, Nadeln, Sonden und andere Instrumente der Ärzte lagen, und einige der Herren in Couleur waren damit beschäftigt, die Klingen in die farbigen Schläger einzuziehen und mit fachmännischem Blick zu prüfen.

Da eine größere Anzahl von Mensuren heute zum Austrag gebracht werden sollte und die Kontrahage Berendt-Dobler gleich als erstes Paar steigen sollte, so wurde Helmut nicht viel Zeit gelassen, sich der Stimmung hinzugeben, die ihn hier beim Eintreten befallen hatte. Der Fechtchargierte trat sofort an ihn heran und bat zu bandagieren. So zog er sich denn die Oberkleider aus und setzte sich auf einen eigens hiefür in einer Ecke zurecht gestellten Stuhl, um sich von dem Couleurdiener die Bandagen anlegen zu lassen.

Helmut war frei von jeder persönlichen Furcht. Aber er konnte es doch nicht hindern, daß ihn in dieser Minute ein gewisses Herzklopfen überfiel, wo er nun seinen Hals in die dichte Seidenbinde einwickeln ließ und ihm die eiserne Paukbrille mit fast schmerzhafter Gewalt auf Nase und Augenhöhlen gepreßt wurde. Aber dann kam plötzlich ein Gefühl starrer Ruhe über ihn, besonders als man ihm nun den Schlägergriff in den Fechthandschuh drückte und seine Faust mit krampfhaftem Druck die Waffe umspannte. In diesem Augenblick durchzuckte ihn das tröstliche Gefühl, daß er in der eigenen Hand ein Mittel habe, sich Schutz zu gewähren, und wahrlich er war fest entschlossen, davon besten Gebrauch zu machen. Auf dem Fechtboden, den er gleich im ersten Semester besucht hatte, um das Fechten als gesunde Leibesübung zu betreiben, hatte er ja bisher stets seinen Mann gestanden und seine außergewöhnliche Körperkraft war auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil im Kampfe mit einem Gegner wie Dobler, der allerdings als ein alter Mensurpraktiker und renommierter Schläger wesentliche Chancen vor ihm voraus hatte.

Nun traten sich die Gegner gegenüber und maßen sich aus dem Dunkel der Höhlen ihrer Paukbrillen heraus mit blitzenden Blicken.

»Auf die Mensur! Bindet die Klingen! Gebunden sind! Halt!«

Mit einem Ruck wurden Dobler die Mütze und Berendt der Hut vom Kopf genommen.

»Bindet die Klingen! Gebunden sind! Los!«

In demselben Augenblick flogen schon die scharfen Speere in wuchtigen Wechselhieben aufeinander los. Dumpf schallte das Geräusch der auf die dicken seidenen Bandagen des Armes auffallenden Klingen, durchbrochen ab und zu von dem hellen, scharfen Laut, wenn Klinge auf Klinge stieß oder dumpf blechern, wenn der schützende Korb des Schlägers berührt worden war. Ein, zwei Gänge gingen vorüber, ohne daß einer der Gegner einen Hieb erhalten hätte. Nun kreuzten sich zum dritten Male in hellem, kampfesfrohem Aufleuchten die sausenden Klingen, da scholl plötzlich auf Gegenseite der Ruf: »Herr Unparteiischer, bitte drüben auf Terz nachzusehen.«

Einen Augenblick vorher hatte Berendt einen dumpfen Schlag auf der Stirn empfunden. Ein Hieb mußte gesessen haben. Er neigte seinen Kopf dem herantretenden Paukarzt hin, aber schon erklärte dieser: »Flach!« Der Hieb hatte keine Wunde verursacht und so ging die Mensur denn weiter.

Mit doppeltem Eifer war Berendt bemüht, eine Blöße des Gegners zu erspähen, und richtig, plötzlich ersah er im Flug, wie Dobler drüben einen Moment die Wange preisgab. Blitzschnell sauste sein Hieb in die Blöße des Gegners, und im nächsten Augenblick sickerte auch – erst in wenigen dünnen Fäden, dann in breiter Spur – das Blut über die Wange des Gegners.

Blitzschnell war der Sekundant Berendts eingefallen und forderte nun mit schmetternder Stimme den Unparteiischen auf, drüben einen Blutigen auf Quart zu erklären.

Der Paukarzt der Gegenpartei begutachtete die Wunde und sie mußte nicht ganz unbeträchtlich sein, denn er war einige Zeit bemüht, mit karbolgetränkter Watte eine Ader zum Stehen zu bringen. Es wurden auch leise gemurmelte Worte zwischen Paukarzt, Sekundanten und Dobler gewechselt, und Berendt, der mit gespanntem Interesse dorthin sah, glaubte wahrzunehmen, daß sein Gegner unwillig die Zumutung ablehnte, sich auf den Schmiß abführen zu lassen, der an sich wohl eine reguläre Abfuhr darstellte. Natürlich, es mochte ihm, dem alten Klopffechter, hart ankommen, sich von einem solchen Neuling auf seine alten Tage gleich in den ersten Minuten abtun zu lassen. So setzte er denn auch seinen Willen durch und eine Minute später scholl das Kommando: »Silentium für den Fortgang der Suite!«

Wieder fuhren die Klingen der Gegner in die Höhe, da hörte man plötzlich draußen laute Stimmen und herbeieilende Schritte. Im nächsten Augenblick wurde die Tür des Saales aufgerissen und atemlos stürzte ein Bauer in den Raum, mit lauter Stimme hineinrufend: »Achtung, der Gendarm!«

Wie in einem aufgestöberten Ameisenhaufen wimmelte es nun plötzlich auf der Kampfesstätte durcheinander. Ehe er recht wußte, was mit ihm geschah, fühlte sich Berendt von kundigen Thebanern fortgerissen hinaus auf die Treppe, eine Art Hühnersteige empor zu einer halbdunklen Kammer, wo er sich nun zu seinem nicht geringen Erstaunen seinem Gegner gegenüber sah. Dann wurde die Tür hinter ihnen zugeschlagen, der Schlüssel krächzte im Schloß, wurde abgezogen und so befanden sich die beiden plötzlich eingesperrt allein, die sich noch vor drei Minuten als erbitterte Gegner mit der Waffe in der Hand gegenübergestanden hatten.

Eine Weile verrann, in der beide in finsterem Schweigen verharrten. Inzwischen gewöhnte sich das Auge an die Dunkelheit, die in dem Raum herrschte, und Berendt unterschied, daß sie sich in einer Kammer befanden, die offenbar einer Magd des Hauses zur Wohnstätte dienen mochte. Dobler hatte sich inzwischen auf dem eisernen Feldbett niedergelassen und beschäftigte sich damit, das aus seiner Wunde wieder von neuem hervorrieselnde Blut mit seinem Taschentuch zu stillen, das inzwischen fast schon völlig von der Feuchtigkeit durchtränkt war.

Berendt schaute auf den Gegner und plötzlich überkam ihn ein banges Gefühl, daß diesem ein ernster Schaden durch die ungestillte Blutung entstehen könnte. Offenbar hatte sich durch die Aufregung, das schnelle Hierherstürmen die Ader von neuem geöffnet und wollte nicht wieder stehen. Helmut kämpfte mit sich, ob er nicht ein Wort an den Gegner richten und diesem seine Hilfe anbieten sollte. Einen Augenblick hielt ihn noch ein Gefühl feindseligen Trotzes davon ab. Was ging es ihn im Grunde an, was diesem da passierte? Er hatte ihm gewiß keine Veranlassung gegeben, sich in übermäßiger Menschenfreundlichkeit um ihn zu besorgen. Aber ein weiterer Blick auf das nun völlig rot gefärbte Taschentuch stimmte ihn um.

»Verzeihung, kann ich Ihnen vielleicht irgendwie meine Dienste anbieten? Ich sehe, Sie bluten stark.« Und schon hatte Helmut dienstbeflissen aus seiner Tasche ein neues, ungebrauchtes Taschentuch gezogen, das er dem Gegner hinreichte.

Einen Moment sah Dobler zu ihm auf, erst sehr erstaunt, dann mit finsterem Stirnrunzeln. Plötzlich schien er sich aber eines anderen zu besinnen und erwiderte: »Es ist zwar nicht der Rede wert, aber ich akzeptiere dankend,« und er nahm das ihm dargebotene Tuch, das er an seine Wange drückte, bemüht, die Ader zu komprimieren. Wieder verrann eine Minute, in der Berendt mit steigender Besorgnis auf die noch immer nicht stehende Blutung sah.

»Sollten wir am Ende nicht doch versuchen, uns bemerkbar zu machen und den Paukarzt zu benachrichtigen suchen? Ich fürchte, Sie verlieren zu viel Blut.«

Dobler lachte laut auf. »Du lieber Himmel, wenn's weiter nichts ist! Ich habe schon geschweißt, daß mir das Blut in den Strümpfen stand. Sie haben eben noch keine rechte Mensur mit angesehen.« Aber plötzlich schien ihm zum Bewußtsein zu kommen, daß der andere es doch herzlich gut mit ihm meinte und ganz unvermutet streckte er ihm die Rechte entgegen. »Es war aber ganz brav von Ihnen gemeint, das da,« er machte eine Geste nach seinem Schmiß hin. »Sie sind überhaupt ein ganz fixer Kerl, und wo wir nun doch einmal hier aufeinander angewiesen sind – kommen Sie her, wir wollen Frieden schließen!«

Wenn auch die Art Doblers, sich zu geben, rauh war, so fühlte Berendt doch heraus, daß hinter seinen Worten eine ehrliche Achtung vor seiner Tüchtigkeit steckte, und das Lob des Gegners, der sicherlich in Mensurdingen eine gute Erfahrung hatte, erfüllte ihn mit freudigem Stolz. Es lag überhaupt nicht in seiner Natur, lange nachzutragen, besonders nicht, wenn jemand das Bestreben hatte, sein Unrecht wieder gut zu machen. So ergriff er denn schnell die ihm dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig.

»Wenn es nach mir gegangen wäre, Herr Dobler, hätten wir nie Feindschaft bekommen,« erklärte er treuherzig.

»Na ja,« brummte der andere, wieder mit Komprimieren beschäftigt, »wie das so geht! Ein alter Esel muß ja immer wieder aufs Eis. Na, ist einem schließlich ganz recht, wenn man da bei einmal ordentlich reinfällt,« tröstete er sich selbst mit grimmigem Humor.

In diesem Augenblick hörte man draußen in dem Bodenvorraum polternde Schritte herannahen.

»Pscht!« raunte Dobler, »der Polyp!«

Mäuschenstill schwiegen nun die beiden und duckten sich in der Kammer zusammen, als könnten sie sich so noch unsichtbarer machen.

Nun waren die Schritte und das Stimmengewirr gerade vor der Tür. Eine rauhe Hand fuhr pochend gegen diese.

»Hier ist nur die Schlafkammer des Mädchens,« erklärte im harmlosen Tone eine Stimme, offenbar die des Wirtes.

»Schadet nichts, aufschließen!« befahl eine andere, barsche Stimme – der Gendarm.

»Herrgott, da muß ich wirklich erst wieder nach unten, den Schlüssel holen. Trina hat ihn bei sich.«

»Kann alles nichts helfen! Holen Sie ihn nur, ich warte hier so lange.«

Mit beredtem Blick sahen sich die beiden Eingeschlossenen an und Dobler machte eine achselzuckende Bewegung, die nur zu deutlich besagte: Na, nun wird's uns wohl nichts mehr helfen, wir werden dran glauben müssen.

Ein plötzlicher Schrecken fiel auf Berendts Seele. Um Himmels willen, wenn er hier abgefaßt, dem Gericht zur Anzeige gebracht würde! Wenn man ihn verurteilte, was sollte daraus werden? Seine Eltern! Mit einem Male fiel ihm mit Zentnerwucht die Schuld auf die Seele, die er auf sich geladen hatte. Gegen das Gesetz hatte er sich vergangen und wie ein Strafschuldiger würde er nun auch diesem verfallen! Ein Zittern durchlief plötzlich seinen Körper. Für sich selbst hätte er ja wohl alles schweigend ertragen, die Schuld, die er auf sich geladen, hätte er mannhaft gebüßt, aber der Vater, die Mutter daheim! Er wußte ja, wie's die treffen, wie's die zu Boden schmettern würde.

Wie ein Gebrochener hockte Berendt auf dem Bette neben dem gleichfalls schweigenden Gegner, der sich seinerseits mit stoischem Gleichmut in das unabänderliche Geschick zu ergeben schien. Er war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Alle seine Sinne drängten sich in sein Gehör zusammen. Sein Ohr lauschte mit fast schmerzhafter Spannung hinaus auf jedes Geräusch draußen.

Ein letzter Hoffnungsschimmer wollte in seiner Seele aufsteigen. Vielleicht ließ sich der Gendarm doch noch bewegen, von einer Durchsuchung der Kammer Abstand zu nehmen. Vielleicht wendeten sich seine Schritte wieder davon!

Aber umsonst war all dieses Hoffen. Plötzlich wurden die Tritte des Wirtes wieder hörbar, kreischend drehte sich der Schlüssel im Schloß – die Tür ging auf und plötzlich stand der Schreckliche in der grünen Uniform, den Helm auf dem Kopf, die Hand an den Degengriff gelegt, in seiner ganzen massigen Größe im Rahmen der kleinen Tür. Ein grimmiges Lächeln überflog sein bärbeißiges Gesicht und, mit ironischem Lächeln sich zu dem Wirt wendend, deutete er auf die beiden Ertappten, die da regungslos, friedlich vereint, auf dem Bette nebeneinander saßen.

»Bedaure sehr, meine Herren, Sie in Ihrer Zurückgezogenheit stören zu müssen,« sagte der Gendarm.

»Na, mein lieber Herr Schuster, Sie sind wenigstens nicht umsonst gegangen. Es war doch ganz gut, daß wir hier noch einmal nachgesehen haben.« Und dann, sich zu den beiden Delinquenten wendend, fügte er mit Galgenhumor hinzu: »Guten Morgen, meine Herren! Bedaure sehr, Sie in Ihrer Zurückgezogenheit stören zu müssen. Sie werden nun schon die Freundlichkeit haben, mir zur Feststellung Ihrer Personalien hinunter zu folgen.«

»Wird uns wohl nichts weiter übrig bleiben,« ging Dobler resigniert auf den Ton des Gendarmen ein und schritt alsbald diesem nach die Treppe hinab. Wortlos folgte Berendt, ihm war zu Mute, als hätte er ein Verbrechen begangen und sollte nun der sühnenden Gerechtigkeit zur vernichtenden Strafe ausgeliefert werden.


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