Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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20

Es war um die Sonnenwende des folgenden Jahres, an einem sengend heißen Tag, als ein langer Zug von Menschen, beladenen Saumtieren, Karren, Pferden und Rindern durch die Waldschlucht der Ache den Weg zum Berchtesgaden suchte.

Propst Eberwein kehrte in sein Land zurück, und der Bau des Klosters sollte beginnen.

Drei Väter kamen in seinem Geleit und vier Brüder, unter ihnen Bruder Wampo, dessen Falten sich schon wieder zu glätten und zu füllen begannen. Er war auf der weiten Reise in bester Laune gewesen, denn einer der Karren war schwer befrachtet mit bauchigen Fässern. Doch je näher man der »schiechen Gegend« kam, desto unruhiger blickten Bruder Wampos hurtige Äuglein. Um so heller aber strahlte die Freude in Eberweins Antlitz. Immer wieder eilte er an dem langen Zuge auf und nieder und musterte die Menschen, die Tiere und alles Gerät. Gegen hundert Gewerksleute und Knechte kamen mit ihm; der Bau des Klosters und der steinernen Kirche sollte nicht ihre einzige Arbeit sein. Er streichelte die schweren Pferde und sah sie schon im Pfluge gehen und die rauhdurchschotterte Erde brechen. Und wie die Bauern staunen würden beim Anblick dieser Rinder! Es war ein fester stämmiger Schlag, der die verkümmerte Zucht des Gadens in wenigen Jahren verbessern würde. Ein Teil der Saumtiere war mit Säcken beladen, die den Bedarf für die erste Wintersaat und Flachssamen für das kommende Jahr enthielten. Zwei Karren trugen mancherlei Gerät, nach dessen Muster die Bauern lernen sollten, ihre Stuben und Kammern freundlicher zu bestellen; ein anderer Karren war bepackt mit Handwerkszeug, wie es im Partnachgau und im Wertofelser Land die Holzschnitzer führten; denn die Kunst, allerlei Bildwerk und zierlichen Hausrat zu schnitzen und zu drechseln, gedachte Eberwein die heranwachsenden Knaben zu lehren, damit sie in den Tagen des langen Winters lohnende Arbeit hätten.

Je mehr der Zug in der Waldschlucht vordrang, desto ungeduldiger eilte ihm Eberwein voran; es brannte in seinem Herzen die Sehnsucht, das vielgeprüfte Tal, die stille Klause und ihren einsamen Hüter wiederzusehen. Er überholte die zehn Knechte, die mit Beilen einen Pfad für die Tiere und Karren bahnten, und wanderte aufwärts an der rauschenden Ache. Bei einer Wendung des Tales sah er einen Kreis von Balkenhäusern mit dampfenden Dächern vor sich. Es war die Sudstätte, die der Bischof errichtet hatte, um den von Eberwein entdeckten Salzquell auszubeuten. Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Propstes, obwohl er seit langer Zeit schon wußte, was er an dieser Stelle finden sollte. Der Bote, den er nach der Rückkehr in das Mutterkloster an den herzoglichen Hof gesandt, um für den Berchtesgaden das Hoheitsrecht des Bergbaues zu erwerben, hatte wohl die gewährende Urkunde heimgebracht, doch auch die Botschaft, daß der Herzog wenige Tage früher das Recht auf eine neugefundene Quelle dem Salzburger Bistum verliehen hätte.

Während Eberwein zu den weißen Dampfwolken aufblickte, die sich aus den Dächern der Sudstätte in die klaren Lüfte kräuselten, klang es ihm vor den Ohren, wie die Schellen einer Narrenkappe. Wie hätte er damals denken mögen, daß der reiche Kirchenfürst, in dessen Land seit alten Zeiten ergiebige Sole floß, den bedürftigen Nachbar um diesen Quell betrügen könnte? In Unmut wandte Eberwein der Sudstätte den Rücken. Was ihn bekümmerte, war nur der Verlust, den sein armes Land zu tragen hatte, nicht die häßliche Erfahrung, die er selbst gemacht. Sein Blick glitt über den Weg zurück, den er durchwandert hatte, und seine Gedanken sprachen: »Du bist der erste nicht, der mein redliches Vertrauen täuschte. Ich will auch von dir nicht lernen, den Menschen zu mißtrauen, und will dem nächsten wieder glauben, der mir begegnet auf meinem Weg.«

Raschen Ganges folgte er dem Ufer der Ache, und während der Wanderung überdachte er die Vermutung, ob die Berge, die diesen einen Quell gespendet hatten, nicht auch noch andere in ihrem Schoß verschlossen hielten? Er nahm sich vor, keine Mühe zu scheuen, wollte bauen und bohren – vielleicht, daß es gelingen könnte, das Verlorene zu ersetzen. So hoffte er, ohne zu ahnen, wie reich sich diese Hoffnung in kommender Zeit erfüllen sollte.

Immer weiter traten die Gehänge der Waldschlucht auseinander. Als Eberwein nach stundenlanger Wanderung das offene Talgelände des Gadens erreichte, verhielt er freudig den Schritt: vom Lokiwald tönte die Glocke. Er hätte sich lieberen Gruß zum neuen Einstand in seinem Land nicht wünschen mögen. Hastig suchte er den zur Klause emporziehenden Waldhang zu erreichen. Immer tönte die Glocke noch. Ein Bangen überfiel ihn. Was sollte dieses lange Geläut bedeuten? Und es war im Hall zu merken, daß der Strang mit Ungestüm gezogen wurde. War es Notgeläut?

Von zielloser Sorge erfüllt, hastete er durch den Wald empor und erreichte die mit dünner Saat bewachsenen Felder, in die man die gebrochenen Waldstrecken verwandelt hatte. Von der Klause her tönten zahlreiche Stimmen, und als er die Lichtung betrat, sah er rings um die Kirche über hundert Menschen versammelt, und andere kamen noch immer herbeigeströmt von allen Seiten. Als die Leute den Mönch gewahrten, erhoben sie ein helles Geschrei und eilten ihm jauchzend entgegen. Sie drückten seine Hände, küßten sein Gewand und begrüßten ihn, recht wie ein dankbares Volk seinen guten Fürsten. Seit Wochen hatten sie seiner Wiederkehr gewartet und auf den Höhen des Untersberges Späher aufgestellt, die durch Rauchsäulen die Ankunft des Zuges verkündeten. Wohin Eberwein blickte, sah er bekannte Gesichter. Auch der alte Gobl fehlte nicht; er war säuberlich gekleidet, und auf Eberweins Frage, wie es dem Knaben ginge, sagte der Alte stolz: »Der hat sich herausgewachsen, Herr! Aus dem Buben ist was geworden. Den kann man brauchen jetzt. Der hütet im Gaden die Säu. Das sind gemütliche Tierlen. Denen kommt er nach, obwohl er ein lützel hinket!«

Den anderen währte die Rede des Greises zu lang, sie wollten auch zu Worte kommen und schoben ihn beiseite. Eberwein bekam die Hände nicht mehr frei. Jetzt hielt ihn der Jungsenn, der zum Fischer geworden, und jetzt die Heilwig, die sich aus des Fischers Magd in eine Bäuerin verwandelt hatte; Mitleid und Erbarmen hatten ihr einen Mann erworben: den Kaganhart. Seine Trauer um die Hilmtrud schien sich gelegt zu haben. Das rote Gesicht strahlte vor Vergnügen, und die Haare lagen glatt, als wäre ihm schon lang keine zausende Hand mehr dazwischen gefahren. Aber wo blieben Ruedlieb und Rötli? Und Bruder Sigenot?

»Da drüben sitzt er, beim Kirchl!« lautete die Antwort auf Eberweins Frage. »Er hat nimmer stehen können, die Freud ist ihm in die Knie gefahren.«

Eberwein brach sich Bahn durch das Gedräng der Leute. Bis ins Herz erschrak er, als er auf einem Holzblock neben der Kirchentür den gebrochenen Mann gewahrte, das graue Haupt an die Balkenwand gelehnt. »Sigenot! Mein Bruder!« Lange hielten sie sich stumm umschlungen. Als Eberwein seiner Bewegung Herr geworden, strich er mit den Händen über die abgehärmten Wangen des Freundes und stammelte: »In aller Freude ein Schmerz! Ich hoffte dich anders zu finden, mutig und stark, wie du immer warst!«

»Stark, Herr? Stark ist nur einer!« Ein müdes Lächeln irrte um Sigenots Mund. »Ich will dir sagen, was schuld ist. Es steht für mich die Klaus auf einem unguten Fleck. Allweil seh ich den halben Berg da drüben. Und ich kann's nit wehren: sooft ich hinaufschau, reißt er mir ein Stückl von meiner Seel. Viel ist nimmer übrig, Herr!«

Geschrei und Lärm erhob sich; die Geleitschaft Eberweins war auf der Rodung erschienen. Erschrocken blickte Bruder Sigenot auf die Schar der Kommenden. »Herr? Unter all den Leuten soll ich weiterleben?«

»Nein, Sigenot!« Eberwein legte die Hand auf die Schulter des Bruders und sah ihm in die Augen. »Ich will dich mir erhalten und deshalb lege ich eine heilige Pflicht auf deine Seele und gebe dir ernste Arbeit. Was ich meine, sollst du morgen hören. Für heute nimm deinen Stab, ziehe zur Ramsau und lade die Männer auf den zweiten Tag von heute zur Martinsklause. Sie sollen zugegen sein, wenn ich den Grundstein meines Klosters lege. Morgen zu Mittag kehre heim und erwarte mich im Hause deiner Schwester!«

Sigenot wehrte mit der Hand. »Herr, laß meinen Schatten nit fallen auf ihren hellen Weg!«

Einer der Mönche kam, um die Ankunft des Zuges zu melden und die Befehle des Propstes zu hören.

»Ich komme!« sagte Eberwein. Dann drückte er den eigenen Stab in Sigenots Hand. »Nimm den Stecken und wandere! Ich erwarte dich morgen.« Er wandte sich ab und folgte dem Mönche. Bruder Sigenot stand noch eine Weile, die Augen mit verlorenem Blick auf den Stab geheftet. Als er einen kleinen wohlbeleibten Bruder mit anderen Mönchen der Klause sich nähern sah, kehrte er sich hastig ab und begann die Wanderung.

Der Abend kam, und treibendes Leben herrschte auf der weiten Rodung. Während Zelte und Hütten aufgeschlagen wurden und in der sinkenden Nacht die Feuer zu lodern begannen, saß Eberwein beim Licht einer Kerze in seiner Zelle und schrieb. Lange währte die stille Arbeit. Er siegelte die Rolle, verwahrte sie in hölzerner Kapsel und legte sie mit einem schweren Beutel in eine Ledertasche. Von den drei Vätern begleitet, machte er noch die Runde bei allen Feuern und Baustätten, dann begab er sich zur Ruhe.

Vor dem Grau des Morgens erhob er sich wieder. Während alles noch schlummerte, schwer ermüdet von der weiten Fahrt, und nur die stillen Wächter um die rotstrahlenden Gluthaufen standen, schritt er dem Tal der Ache zu, die Ledertasche an seinem Gürtel. Es drängte ihn, eine Höhe zu ersteigen und von freier Warte sein Land zu überblicken, wie an jenem ersten Morgen, an dem der Kohlmann ihn zur Zinne des Untersberges geführt hatte. Auf schmalem Steg überschritt er die Ache und überließ sich einem Almenpfad, der durch den Bergwald emporführte zu den Gehängen des Göhl. Zwei Stunden wanderte er aufwärts; endlich gingen die Bäume zu Ende, und mit schimmerndem Duft erwachte der schöne Morgen.

Auf steilem Gipfel ruhte Eberwein und harrte, bis im Tal die Schatten wichen. Noch ehe sein Blick die Hage und Häuser unterscheiden konnte, sah er schon die weißgrauen Schuttfelder, die mit langgestreckten Fingern über die Halden der Schönau griffen. Bald erkannte er auch den mattgrünen Schimmer, von dem die gerodeten Flächen wie von einem dünnen Schleier überzogen waren. In stillen Bildern zog das Vergangene an Eberweins Augen vorüber, sein eigenes Hoffen und Leiden, alles Glück und Weh der hundert Menschen, die dort unten mit dem Morgen jetzt erwachten oder ewig schlummerten unter Felsen und Erde. Und er fragte sich bang, wie der Streit zwischen Recht und Willkür, wie der Kampf um die bessere Zukunft dieses felsumgrenzten Landes wohl geendet hätte, wäre nicht die Natur mit einem Gewaltstreich dazwischengefahren und hätte geholfen – geholfen freilich, wie der Hufschmied für das Zahnweh.

Wie viel an gutem und gesundem Leben lag unter den Trümmern des gebrochenen Berges begraben! Und dennoch erkannte Eberwein, daß keine Kraft und Menschenhilfe diesem Land und seinen kommenden Geschlechtern größere Wohltat hätte erweisen können als jene Stunde der stürzenden Felsen. Am verwichenen Abend hatten es ihm die Leute als ein Wunder berichtet, daß seit Menschengedenken der Winter im Gaden nicht so kurz und mild gewesen, der Schnee in den Tälern nicht so früh geschmolzen und der grüne Frühling nicht so zeitig eingetreten wäre als in diesem Jahr. Sinnend schweiften die Blicke Eberweins über das weite Tal hinüber zu den von der Morgensonne beglänzten Ruinen des gebrochenen Berges. Die beiden riesigen Stümpfe waren frei von Schnee, und nur in der breiten Scharte zwischen ihnen dehnte sich im Schatten ein weißes Feld. Auch andere Berge, die noch im letzten Sommer weiße Köpfe getragen, waren in der Sonne schneefrei geworden, nachdem der gewaltige Eisriese verschwunden war, der die ganze Runde in seinem kalten Bann gehalten. Ein neues »Wunder«! Eberwein seufzte, wenn er des absonderlichen Christentums gedachte, das in die Köpfe und Herzen seiner Gadener Leute eingezogen war, und zu dem nicht die Lehre der Liebe sie bekehrt hatte, sondern die Not, welche beten lehrt, Waldrams blutiges Ende und Bruder Wampos Bär. Wunder und Wunder, Gottes starke Faust und der strafende Zorn des Himmels – das war der Inhalt ihres Glaubens. Daneben wandelte der Alte aus dem Untersberg durch ihre Herzen und um ihre Häuser. Und ihre Kinder schreckten sie mit dem steinernen Gespenst des Spisars. Nicht mehr König Eismann, sondern »Wazemann« hieß der gebrochene Berg, und die starrenden Zacken des Grates hießen »Wazemanns Kinder«. Aber wie auf den gerodeten Flächen mit dem Unkraut die erste Saat, so war in den vom Schreck geackerten Herzen doch der erste Keim des Glaubens aufgegangen.

Die Arme gegen die Täler streckend, in deren Tiefe schon der helle Schein der Sonne fiel, erhob sich Eberwein. Sie waren ihm gewonnen, nun hatte er sie und wollte sie halten. Nun kam die Zeit, das Unkraut von der Saat zu scheiden, den jungen Stamm mit Sorge zu pflegen und dem beschnittenen Wildling junge Reiser aufzusetzen. Ob es ihm gelingen würde? Dieses eine wie alles andere, was er zum Wohl seines Landes und seiner Menschen sann und plante? Eine Antwort konnte nur die Zeit ihm geben. Er atmete tief. »Die wir berufen sind, das Leben der Menschen auf guten Pfad zu lenken, wir sind wie der Sämann auf kahlem Acker. Nur den Samen kann er streuen und geduldig auf die Ernte harren. Es wachsen die Halme, wie es der dunklen Erde gefällt, es reifen die Früchte, wenn die Wolken es dulden.«

Der Ton einer Almenschelle traf sein Ohr, und als er aufblickte, sah er über eine grasige Kuppe bläulichen Rauch zum Himmel steigen. Dort mußte eine Hütte liegen, und er wollte unter ihrem Dach eine Stunde friedlicher Einkehr halten. Als er die Kuppe erreichte, öffnete sich ein flaches Almfeld, und auf wenige Schritte vor ihm erhob sich, von moosbehangenen Wetterfichten beschattet, das kleine, von Alter graue Blockhaus. Feuerschein leuchtete aus der offenen Tür, auf deren Schwelle ein junges Weib saß, einen Säugling auf den Armen wiegend. Die rote Herdflamme bestrahlte die nackte Schulter der kleinen zierlichen Gestalt, während das Sonnenlicht um ihre Füße spielte. Mit leiser Stimme summte sie ein Lied und hielt die Augen auf das runde Gesicht des Kindes gesenkt. Der stille Reiz des holden Bildes schlich sich mit Wärme in Eberweins Herz. »Gott grüße dich, junge Mutter!«

Die Sennin blickte auf, und als sie den Mönch gewahrte, wurde sie von lähmendem Schreck befallen; sie wollte sich erheben und sank wieder zurück auf die Schwelle, zitternd an allen Gliedern, mit erblaßtem Gesicht, auf dessen Stirn sich eine Narbe zeigte, wie ein seiner blutroter Strich. Da erkannte sie der Propst. »Hinzula!« Er wollte sich nähern. »Weshalb erschrickst du vor mir?«

In Angst umklammerte die junge Mutter ihr Kind, und lautlos bewegten sich die blassen Lippen. Das hastige Gebimmel einer Schelle tönte, dumpfes Stampfen näherte sich, und hinter der Hütte klang eine Männerstimme: »Wirst du halten oder nit? Wart nur, du! Ich treib dir die Wildheit aus deinem dicken Schädel!« Ein schwarzer Stier erschien, die Nüstern von weißem Schaum bedeckt, mit gestrecktem Schweif und stampfenden Füßen; doch alle Wucht des Tieres zerbrach an der eisernen Kraft des hünenhaften Sennen, der mit nackten, sonnverbrannten Armen den Kopf des Stiers an den Hörnern gefaßt hielt und zu Boden drückte.

»Schweiker!«

Als wäre ein Blitzstrahl auf ihn niedergefahren, so stand der Senn beim Klang dieser Stimme, die Fäuste ins Leere gestreckt, während der befreite Stier in tollen Sprüngen das Weite suchte. Eberwein trat auf den Erstarrten zu und rüttelte ihn am Arm. »Schweiker! Schweiker!«

Der Hüne schlotterte an allen Gliedern, auf der keuchenden Brust zitterten die Wellen des silberblonden Bartes, und ein zuckender Krampf befiel seinen Nacken. Er wollte sprechen und würgte nur heisere Laute hervor. Jetzt hing er mit starren Augen an dem brennenden Zorngesicht des Propstes, dann wieder suchte der hilflos irrende Blick die Hütte, sein Weib und Kind. Und als wäre das Bild, das die junge Mutter in ihrem Jammer bot, die einzige Verteidigung, die er dem schweigenden Vorwurf seines Herrn entgegenhalten könnte, so stöhnte er: »Schau sie an, Herr! Himmel oder Höll – ich hab nimmer anders können!« Er verhüllte mit den Händen das Gesicht und stürzte auf die Knie. Eberwein betrachtete das stumme, von Angst gelähmte Weib, dann wieder das ausgiebige Bröcklein Elend, das vor seinen Füßen auf der Erde lag. Allmählich beschwichtigte sich der Sturm in seinen Zügen, und er legte die Hand auf die Schulter des Knienden. »Steh auf und folge mir! Was ich mit dir zu sprechen habe, ist nicht für die Ohren deines –« die Stimme des Propstes stockte, »für die Ohren dieses armen Weibes.« Sich abwendend, schritt er einer Senkung des Almfeldes zu, aus welcher dunkle Fichtenwipfel hervorlugten.

Mühsam richtete Schweiker sich auf, als wären ihm alle Knochen zu Teig geworden. Er streckte die Hände nach seinem Weib, doch als sich Hinzula erheben wollte, winkte er, daß sie bleiben möchte, und rannte dem Mönche nach.

Immer höher stieg die Sonne, immer stiller wurde in der Hütte das Geprassel des Feuers. Mit zitternden Armen den Säugling wiegend, saß das verstörte Weib auf der Türschwelle. Eine Stunde verging, noch eine zweite. Langsam rann eine Träne um die andere über Hinzulas Wangen, während ihre Augen an der Stelle hingen, wo Eberwein und Schweiker verschwunden waren. Mit jedem Herzschlag wuchs ihre Angst, und als die Sonne schon in Mittagshöhe stand und Schweiker noch immer nicht wiederkehren wollte, sprang Hinzula auf. In Sorge seinen Namen schreiend, eilte sie den Bäumen zu.

In der Senkung sah sie den Propst auf einem Baumstumpf sitzen, an seiner Seite ihren Mann mit hängendem Kopf und schlaffen Armen. Eberwein hatte die Hände im Schoß der Kutte liegen, und während aus der Tiefe herauf, vom Lokiwald, ein verschwommener Hall der Glocke tönte, blickten die Augen des Propstes in das ferne Tal der Ramsau. Durch die grüne Flut der Wälder sah er einen breiten, grauen Streif aus der Höhe niedergreifen in die Täler: das von der Seeflut verwüstete Gehäng der Windach. Seufzend erhob er sich, trat auf Hinzula zu und blickte in das rosige Gesicht des Kindes. »Ist es ein Knabe?«

Sie konnte nicht sprechen, nickte nur und zog in mütterlicher Regung das hüllende Tüchl nieder, damit er das breite Brüstl und die runden Ärmchen des Knaben sähe. Da kehrte auch dem langen Gesellen das Leben wieder. »So sag ihm doch,« stammelte er, »wie unser Büebli heißt!«

Scheu blickte Hinzula auf, als hätte sie kaum den Mut, den Namen ihres Kindes auszusprechen. »Eberwinli!«

Mit furchtsamen Augen hing Schweiker an dem Gesicht des Propstes, um die Wirkung dieses Wortes zu erspähen. Doch Eberwein schüttelte den Kopf. »Der Name gefällt mir nicht. Den wirst du ändern müssen, Hinzula! Bringe mir den Knaben morgen zur Klause, damit ich ihn taufe. Er soll heißen wie jener, der für euch gesprochen: Hiltischalk!« Hastig wandte er sich ab, um seine Bewegung zu verbergen, und stieg der Tiefe zu. Er hatte schon den Wald erreicht, als er hinter sich ein Rennen und Keuchen hörte. Mit versagendem Atem holte Schweiker ihn ein und stammelte: »Herr, ich tu dich bitten aus Herzensgrund, sag mir doch ein Wörtl, daß du mir nimmer zürnen willst!«

Eberwein zeigte ein strenges Gesicht. »Ich kann dir ein solches Wort nicht sagen, denn ich zürne dir. Aber was bleibt mir übrig? Du hast flink dafür gesorgt, daß ich das Geschehene nicht mehr ändern kann. Willst du, daß ich vergessen soll – vergeben darf ich nicht – so füge dich meiner Strafe. Ich will nicht, daß im Gaden die Leute sagen: es muß ein hartes Weilen im Kloster sein, wenn die Mönche entlaufen und sich an Weiber hängen. So wirst du jedem, der dich fragt, die Antwort geben: man hat mich aus dem Kloster gejagt, weil ich im Schreck jener Unglücksstunde meiner Pflicht vergaß!« Schweiker stand, ein Bild der tiefsten Zerknirschung. »Und ich muß helfen zu dieser Ausflucht!« Eberwein seufzte. »Wenn ich dich nicht verderben will, muß mein erstes Werk nach der Rückkehr in mein Land eine Lüge sein!«

Scheu hob Schweiker die Augen und stotterte: »Eine Lüg?« Er strich mit der plumpen, schwieligen Hand über sein Haar. »Aber schau, Herr, es ist doch eine gute Lüg!«

»So?« Mühsam unterdrückte der Propst ein Lächeln. »Du bist mit allem Troste flink bei der Hand. Nur dein Gewissen hat langsame Füße. Schweig! Ich will kein Wort mehr hören. Geh heim zu deinem Weib! Und damit du die schlaflosen Nächte los wirst, die dich plagen, will ich in anderer Stunde wiederkommen und will euch segnen in aller Stille. Ein Senn muß schlafen können, sein Tag ist harte Arbeit.«

»Herr –«

»Schweigen sollst du! Und rühre nicht an mein Kleid! Willst du danken, so laß die Untreu, die du an deinem Gelübd und an mir begangen, die erste und letzte deines Lebens sein!« Eberwein folgte einem Pfad, der sich in dichtem Wald verlor. Hinter ihm war lautlose Stille. Nach einer Weile hörte er von der Almenhöhe einen gellenden Jauchzer, der an den Wänden des Göhl ein lautes Echo weckte. Lauschend blieb Eberwein stehen. »Er zehret von seinem Himmelsbrot!«

Zwei Stunden später erreichte der Propst die Schönau. Als er sich dem Hag des Richtmanns näherte, sah er den Bruder, der seiner schon wartete, am Wegrand auf einem Steinblock sitzen. Eine warme Erregung belebte die Augen Sigenots und seine bleichen Züge.

»Warum unter freiem Himmel? Weshalb nicht unter deiner Schwester Dach?«

»Herr! Da drinnen ist heut kein Platz für mich. Die Leut laufen umeinander in Freud und Sorg: das Rötli will Mutter werden.«

Eberwein lächelte. »Das Leben rührt sich in meinem Land!« An Sigenots Seite ließ er sich nieder, nahm die Ledertasche vom Gürtel und reichte sie dem Bruder. Neben reichlichem Zehrgeld für eine weite Reise enthielt sie den Brief, den Eberwein in der Nacht geschrieben. »Es ist eine ernste Pflicht, die ich dir auferlege mit diesem Botengang, und ich habe dich gewählt für diesen Weg, weil ich bauen kann auf deine Treu!«

»Wohin die Botschaft?«

»In die Hand des Kaisers, dessen Schutz ich angerufen für mein Kloster und Land.«

Sigenot erschrak, daß ihm die Worte versagten. Schweigend hörte er die Ratschläge, die ihm der Propst für die Reise gab.

»Aber Herr!« stammelte er endlich, »wie soll ich Eingang finden in des Kaisers Haus? Ich? Ein bäurischer Mann!«

»Du trägst das Kleid der Kirche. Jedes Herren Tür steht offen vor deinem Fuß. Und ich sende gerade dich, damit der Kaiser sehen mag, daß mein Kloster nicht nur Mönche hat, auch Männer, deren Treue von Wert ist.«

Sigenot erhob sich; fester umschloß er den Stab, und langsam streckte sich seine gebrochene Gestalt, als wäre ein Funke der alten Kraft in ihr erwacht. »So laß mich ziehen in der jetzigen Stund!«

»Ja, Sigenot!« Eberwein faßte die Hand des Bruders und hielt sie mit langem Druck in der seinen, während sie Aug in Auge standen, zu schweigendem Abschied. Aus dem offenen Hagtor kam Ruedlieb hervorgelaufen, mit brennrotem Gesicht. Lachend eilte er auf die beiden Mönche zu und vergaß in seiner Freude, den Propst zu grüßen. »Habt ihr die Hulfrau nit gesehen? Grad ist sie in meinem Haus gewesen, den ganzen Buckel voll Kinder!«

»Ein Bub, Liebli?« stammelte Sigenot.

»Wohl, ein Bub! Und ein Mädel dazu!« prahlte der junge Bauer in strahlender Freude. »Und das wird wohl gut sein! Der Gaden braucht wieder Leut. Aber komm, die Schwester verlangt nach dir. Ihr erstes Wort ist gewesen: gelt, Liebli, Sigenot heißt mein Bub und Recka mein Mädel?« Er rannte dem Hagtor zu, und hastig folgte ihm Sigenot.

Lächelnd sah Eberwein dem Bruder nach. »Nimm diese Freude als Zehrung auf deinen Weg und wandere! Du wirst mir wiederkehren, im Herzen die unheilbare Wunde, denn deine Treue hat eisernen Halt, aber stark und genesen an Geist und Körper! Es soll aus dir noch ein Priester werden, an dem die Liebe Gottes ihre Freude hat.« Tief atmend drückte er die Hände auf seine Brust, als wäre ihm die letzte Sorge vom Herzen gefallen. Mit hellen Augen blickte er umher. Und da glitt schon wieder ein Schatten über sein Gesicht. Ferne, über dem zerstörten Bergwald, sah er den Falkenstein mit seinen verödeten Mauern. In den langen Arbeitswochen, die jenem Unglückstage gefolgt waren, hatte er alle Stätten der Verwüstung besucht, nur diese eine hatte er gemieden. Jetzt zog es ihn zu ihr.

Als er emporstieg zwischen den wirr liegenden Trümmern und gebrochenen Bäumen, führte ihn kein Pfad; der Reitweg war verschüttet, kein neuer Pfad gebahnt, die verrufene Stätte war gemieden von allen Leuten. Ein beklemmendes Gefühl erfaßte ihn beim Anblick des offenen Tores. Die Fallbrücke überspannte den Graben, doch ihre Bohlen waren brüchig und von Schwämmen bedeckt. Im öden Hofe waren an der Ringmauer noch Reste der Ställe zu erkennen, während der steinerne Unterstock des Hauses unter einem wüsten Haufen von Asche und verkohlten Balkenstücken begraben lag. Überall wucherte ein großblätteriges Unkraut mit langstieligen Blüten, und an der Mauer rankte sich der die Steine durchbrechende Efeu empor. Einzelne Bäume des Hofes standen noch, die Stämme behangen mit Wildschädeln und morschen Geweihen; die Äste waren kahl und dürr, versengt von der Hitze des Feuers. Aber an vielen Stellen des grauen Bodens, wo das Unkraut dünner stand, erblickte Eberwein kleine lichtgrüne Blättchen: die jungen Sprößlinge des Buchensamens, den die Herbststürme ausgeworfen hatten. Hundert Jahre – und auf der Stätte, die Wazemanns Haus getragen, grünte ein hochstämmiger Wald mit dichten Kronen!

Erfüllt von wirbelnden Gedanken und wechselnden Empfindungen schritt Eberwein um die Ränder des Aschenhügels, der das Haus gewesen. Unter seinen Tritten stäubte der Schutt, und als er zu der Stelle kam, an der sich unter der grauen Decke noch die Stufen der Freitreppe erraten ließen, schürfte sein Fuß aus der Asche einen kleinen gebogenen Gegenstand hervor. War es der Beingriff eines Schildes oder der Henkel eines hölzernen Kruges? Eberwein bückte sich, streckte die Hand und erschrak. Auf das Rätsel starrend, das er aus dem Staub gehoben, griff er mit der andern Hand an seine Brust und tastete, ob die ihm heilige Reliquie seiner Kindheit noch an der Halsschnur hinge, ob er sie nicht verloren hätte, jetzt, bei diesem letzten Schritt? Und als er sie fühlte, zerrte er, bis das Bein sich löste. Nun hielt er das eine Stück in der rechten, das andere in der linken Hand, und seine verstörten Blicke glitten ratlos hin und her. Die beiden Stücke glichen einander wie die Hälften eines entzweigesprungenen Reifes. Und dennoch nicht! Die eine Hälfte, die er an der Brust getragen, war festes Bein, nur braun vor Alter, mit Runenzeichen aus der Innenseite. Die andere war morsch und grau, vom Moder so zerbissen, daß auf der Innenseite kaum die Spur eines Zeichens sich erkennen ließ. Mit bebenden Händen fügte er Stück an Stück. Sie paßten zueinander wie die Teile eines Ganzen. Und dennoch nicht! Die eine Hälfte zeigte am festen Bein den scharf gesplitterten Bruch. Die andere war an den Stellen des Bruches rundgefressen von der Fäulnis.

Schwer atmend schüttelte Eberwein den Kopf und wollte schon das graue Rätsel zurück in die Asche werfen. Doch wieder hing sein Blick an dem morschen Bein, wieder fügte er die beiden Stücke aneinander! Waren sie die Hälften eines Ganzen? Und wie wurden sie getrennt? Wie kam die eine auf die Romstraße im Partnachgau, die andere in hundertstündiger Ferne hierher unter die Asche von Wazemanns Haus? Und als sie noch ein Ganzes waren, wem gehörte der beinerne Reif? Wer trug ihn am warmen, lebenden Arm?

Ein heißer Schauer rann dem Fragenden durch Herz und Glieder. Sein Atem flog, und in jagenden Schlägen pochte sein Blut. Er deckte mit dem Arm die Augen, als wollte er den in das Dunkel dieses Rätsels spähenden Blick ersticken und allem entrinnen, was seine Seele bestürmte. »Soll der alte Kampf in mir von neuem beginnen, die alte Qual, die alte ziellose Sehnsucht, nur weil ein unbegreiflicher Zufall meine Sinne schreckt?« Er ließ den Arm wieder sinken und blickte hinaus über das weite Tal. »Bin ich in diesem Augenblick besser als jene, welche ›Wunder! Wunder!‹ schreien, wenn ein Bär den Honig leckt, der Sturm die Menschen von der Erde hebt und ein Stein seine unberechenbaren Sprünge macht?« Er lächelte, und eine Blutwelle stieg ihm warm aus dem Herzen, als er im leuchtenden Schein des Abends auf allen Pfaden der Schönau, gleich winzigen Figürchen, die Menschen wandern sah, die es nach vollbrachtem Tagewerk zur Klause trieb, zu ihrem »guten Herrn«. »Ich sehe sie – und suche Haus und Heimat, Brüder und Schwestern? Hab ich sie nicht längst gefunden, Hunderte an der Zahl? Hängt nicht an ihnen meine Liebe und ihre Liebe an mir? Und ich stehe noch –«

Er eilte der Mauer zu, und aus beiden Händen schleuderte er die Hälften des Ringes hinunter in die Tiefe. Er sah sie fallen, immer schneller und schneller. Jetzt erreichten sie den blanken Spiegel des Wassers. Zwei weiße Garben sprühten auf, zwei Wellenkreise schwammen ineinander zu einem einzigen sacht zerfließenden Ring – und wieder, glatt und schimmernd, dehnte sich der See und spiegelte in seiner grünen Flut die Berge und den leuchtenden Himmel.


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