Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

 << zurück weiter >> 

14

Als in der Schwüle des Nachmittags der Schlaf über Mutter Mahtilts Lider gesunken war, hatte sich Edelrot der Botschaft erinnert, die ihr Henning von seiner Schwester Recka gebracht hatte. Wohl dachte sie der Mahnung, die Sigenot schon oft zu ihr gesprochen: »Tu keinen Schritt in Wazemanns Haus!« Aber wie hätte sie das Wort der Herrentochter mißachten dürfen, die immer freundlich zu ihr gewesen? Und hatte sie der Tochter Wazes nicht noch mehr zu danken als gute Worte? War es nicht Reckas Hand gewesen, die in jener Sturmnacht der Sinkenden die Rettung brachte, als das Wasser schon ihren letzten Hilfeschrei erstickte?

»Ich muß!« Edelrot hauchte einen Kuß auf das Haar der schlummernden Mutter und schlüpfte aus der Halle. Der sonnige Wald umfing sie, und raschen Ganges erreichte sie den Reitweg, der in weitem Bogen über den Berghang emporführte zu Wazemanns Haus. Überall schimmerten aus dem grünen Rasen die Sterne und Glocken der Waldblumen. Edelrot pflückte eine Blüte um die andere und band sie für Recka zum Strauß. Schon war sie bis zur Wende des Pfades emporgestiegen, da klang aus dem Tal herauf der Hall einer rufenden Stimme. Edelrot meinte die Stimme Wichos zu erkennen, aber die gellenden Rufe verschwammen mit dem Echo, das sie weckten, und klangen wie Jauchzen. »Was hat er denn, daß er so lustig tut wie ein Hüterbub?« Blüte um Blüte brechend, wanderte Rötli weiter. Nun tauchte zwischen den Bäumen die graue Burgmauer auf. Die Fallbrücke war niedergelassen, ein Knecht saß unter dem offenen Tor. Als er das Mädchen kommen sah, sprang er in den Hof zurück; hier stand, von Henning am Zügel gehalten, der gezäumte Falbe, und Herr Waze wollte sich in den Sattel schwingen.

Henning sah das Zeichen, das der Knecht ihm machte, und fragte hastig: »Vater? Bist du schon in der Falkenkammer gewesen?«

»Warum?«

»Der Weißfalk, den du im Frühjahr dem Haunsperger abgehandelt hast, will mir seit gestern nimmer gefallen.«

»Was soll ihm fehlen?« fragte Herr Waze erschrocken; er hatte den kostbaren Beizvogel mit schwerem Gold bezahlt; drei Jahre hatten die Bauern zwiefach steuern müssen, bis der rote Haufen beisammen war. »Meinst du, daß er gichtig wird?«

Henning zuckte die Schultern. »Schau ihn selber an!« Und während Herr Waze im Unterbau des Hauses verschwand, zischelte Henning dem Knechte zu: »Führ sie ins Haus und bleib bei ihr, bis der Alte draußen ist!« Er folgte dem Vater.

Als der Knecht das Tor erreichte, kam Edelrot: »Deine Herrin hat mich gerufen.«

»Ich weiß. Komm nur, ich führ dich!«

Schon setzte sie den Fuß auf die Brücke; da hörte sie hinter sich ihren Namen rufen und machte erstaunte Augen, als sie Recka auf ihrem Rappen den Reitweg einhertraben sah.

»Mach weiter, komm herein!« brummte der Knecht und faßte ihren Arm. Sie riß sich los. »Recka!« rief sie, ging der Wazemannstochter entgegen und reichte ihr die Blumen. »Da bin ich! Und schau, das hab ich dir gebracht!«

An den Blumen schien Recka keinen sonderlichen Wert zu finden; lässig steckte sie das Sträußl hinter den Ledergürtel und unwillig ruhten ihre Augen auf Edelrot. »Was suchst du im Haus meiner Brüder?«

»Wie fragst du mich? Ich komm doch, weil du mich gerufen hast.«

»Ich?«

»Hast mir doch Botschaft geschickt!«

Reckas Brauen furchten sich. »Botschaft? Durch wen?«

»Durch deinen Bruder Henning.«

Recka glitt aus dem Sattel. »Ja, Rötli! Ich besinne mich. Und danke dir, daß du gekommen bist. Gib mir deine Hand, ich will dich führen.«

»Was ist dir? Deine Hand ist heiß und zittert.«

»Der Zügel hat sie müd gemacht. Wär ich minder scharf geritten, es wäre dir leid gewesen.« Das Mädchen an der einen Hand, an der anderen den Rappen führend, schritt Recka über die Fallbrücke.

Verlegen drückte sich der Knecht an die Mauer. Als er hinter Recka und Edelrot das Tor schloß, trat Herr Waze mit Henning aus der Falkenkammer. Beim Anblick der Schwester blitzten Hennings Augen zornig auf.

»Ich weiß nit, was du an dem Vogel findest,« brummte Herr Waze, »er hat einen frischen Blick und kröpft, als hätt er ein Jahr lang gehungert.« Weil er den Hufschlag vernahm, drehte er das Gesicht. »Du, Recka? Was führt dich heut schon heim? Und was soll die Dirn an deiner Hand?«

Recka warf dem Knecht die Zügel des Pferdes zu und blieb vor ihrem Bruder stehen. »Henning!« Drohend funkelten ihre schönen Augen. »Ich danke dir, daß du meine Botschaft so treulich ausgerichtet! Sieh her, das Kind ist gekommen. Ich halt es an meiner Hand, ich führ es in meine Kammer. Und dir sag ich: was eingeht unter Dach, ist heilig.« Sie schlang den Arm um Edelrot und führte sie zur Halle hinauf.

Verblüfft sah Herr Waze den beiden Mädchen nach; dann wandte er die Augen auf Henning. »He, du! Jetzt weiß ich, weshalb ich hätt reiten sollen? Du bist mir ein Feiner!«

»Ich bin, wie du mich gezogen hast.«

Herr Waze trat mit geballter Faust vor seinen Buben hin. »Mir graust vor dir. Am Morgen den Bruder und am Abend die Schwester. Das ist ein lützel viel für einen Tag.«

»Ich will nit zu kurz kommen!« erwiderte Henning. »Das hat dir getaugt, daß ich dir den andern vom Hals geschafft hab? Der Bruder ist für dich gewesen. Jetzt laß mir die Schwester!«

»Außerhalb der Mauer tu, was du willst!« murrte Herr Waze. »Was eingeht unter Dach, ist heilig.«

»Die Fischerdirn soll mir so heilig sein, wie dir in deiner jungen Zeit die Salmued gewesen ist. Die ist bei dir auch eingegangen unter Dach.« Henning lachte. »Und ich bin ledig. Du hast Weib und Kind gehabt. Gegen dich bin ich ein Heiliger.«

Herr Waze war bleich geworden. »Du!« keuchte er und faßte den Sohn mit beiden Fäusten an der Brust. »Wer hat dir das gesagt?«

»Eine, die's weiß!« Henning schüttelte den Vater von sich ab und trat in die Falkenkammer.

Wie ein angeschossener Eber stürmte Herr Waze über die Freitreppe hinauf in die Stube und brüllte: »Ulla! Ulla!« Die greise Magd erschien, blaß und zitternd. »Her zu mir!« schrie Herr Waze, daß es an den Wänden dröhnte. »Zähn hast du keine mehr im Maul, aber beißen möchtest du noch allweil?« Er schüttelte den Arm der Magd. »Wie kommt es, daß Henning von der Salmued weiß?«

Es währte lang, bis Ulla die Sprache fand. »Wann es war, das weiß ich nimmer. Da bin ich mit dem Zeugknecht hinter der Mauer gesessen, und wir haben geredet von den alten Zeiten. Und von Frau Friderun. Wie schön und gut sie gewesen. Und von der Schwermut, die sie getragen hat –«

»Und von der Ursach?« schrie Herr Waze in Zorn.

»Wie man halt redet, Herr!« stöhnte die Magd. »Und da ist Euer Junker Henning dazugekommen. Er muß ein paar Wörtlein aufgefangen haben, und hat mich gezwungen, daß ich red, hat mich geschlagen und am Haar gerissen.«

»Du Schandmaul, du!« Herr Waze schlug der greisen Magd die Faust ins Gesicht. »Ein andermal schweig! Und hinaus mit dir!« Ulla humpelte zur Tür; sie schien noch froh zu sein, daß sie so glimpflich davongekommen war.

Herr Waze ging eine Weile mit grimmigen Schritten in der Stube auf und nieder; dann warf er sich beim Fenster auf einen Stuhl. »Alles kommt über mich, das Alte und das Neue! Feind im Haus und Feind da draußen!« Er stützte mit der Faust das Kinn und starrte in die Ferne. –

Inzwischen saßen die beiden Mädchen in Reckas Kammer. Das war ein kleiner Raum, der durch die Fenster eines Erkers das Licht der Sonne empfing. Nur ein hoher Schrein, ein von zwei hölzernen Säulchen getragener Zinnspiegel und umherliegende Gewandstücke verrieten, daß dieser Raum die Wohnstätte eines Mädchens war. Sonst sah es aus wie in einer Junkerstube. Bogen, Köcher, Wildfänger und kurze Speere, Falknertaschen, Federspiele und Falkenhauben, Zaumzeug und Vogelnetze hingen an den Holzmauern, die bis zur Decke von Geweihen starrten. Dem Lager eines Mannes glich das niedere plumpe Bett, über das eine schwarze Bärenhaut gebreitet war; zur Stütze des Hauptes diente eine mit Rehfell überzogene Rolle, zum Schutz wider die Kälte eine in grobes Hanftuch genähte Hirschdecke mit grauem Winterhaar.

Im Erker saßen Recka und Edelrot an schmalem Tisch einander gegenüber. Neugierig hatte Rötli das hölzerne, mit Eisen beschlagene Kästlein geöffnet, das vor ihr stand. Ein leiser Ruf des Staunens glitt von ihren Lippen, als sie es gefüllt sah mit Ringen, silbernen Ketten und Spangen, mit funkelnden Gürtelschließen und schimmernden Mantelhaken. Es war Geschmeide von roher Arbeit und geringem Wert, aber die Sonne machte das Gold und Silber leuchten und weckte farbigen Glanz in den ungeschliffenen Steinen, so daß Rötli den Schatz einer Königin vor sich ausgebreitet wähnte. Freundlich lächelnd, wie eine Mutter auf ihr spielendes Kind, sah Recka auf das Mädchen, das sich vor Schauen nicht zu fassen wußte und ihr Staunen in sprudelndem Geplauder ergoß.

»Schau nur, wie das gleißt und glitzert! Das muß ja so viel wert sein wie der ganze Gaden mit Wald und Häusern! Sag nur, warum tragst du nie was von dem schönen Geschmeid? Warum tust du dich nie schmücken damit?«

»Schmücken? Für wen?« Recka lachte. »Für die Sauen und Hirschen in meinem Wald?«

»Aber geh!« schmollte Rötli. »Es gibt doch auch noch Leut, die dich gern beschauen. Und wenn du was umlegen möchtest von deinem Geschmeid, das müßt dich noch schöner machen!«

»Ich, und schön? Wer sagt dir, daß ich schön bin?«

Rötli legte die Hand auf Reckas sonnverbrannten Arm und hing an ihr mit glänzendem Blick. »So schön wie du ist keine mehr! Du bist die Allerschönst im Gaden. Mein Bruder Sigenot hat's auch gesagt.«

Reckas Züge wurden finster. »Red mir von deinem Bruder nit!«

»Warum nit?« stammelte Rötli. »Einmal, da bist du vorbeigeritten bei unserem Hag, und ich und Sigenot, wir haben dir nachgeschaut. Und da hat er gesagt, mit einer so linden Stimm, wie er nur zur Mutter redet: ›Stolz wie ein Baum da droben auf der Wand, über die kein Fuß hinaufsteigt, und schön wie die rote Sonn in der Höh, zu der keine Hand hinauflangt.‹ So hat er gesagt und – Recka? Was hast du? Ich hab doch kein Wörtl gesagt, das dich erzürnen könnt.«

»Schweig!« Mit der Faust stieß Recka nach dem Kästlein, daß die Spangen und Ketten durcheinander klirrten.

»Was hat dir mein Bruder getan?« fragte Rötli erschrocken. »Ich mein', es war keine ungute Hand, die er in der Sturmnacht auf dem Weitsee nach dir gestreckt hat, zuerst nach dir!«

»Mahn mich nit an jene Nacht!« Recka verließ den Erker; doch schon nach wenigen Schritten kehrte sie zurück und sagte: »Daß du nit glauben sollst, ich hätt deinem Bruder nit den Dank geboten, den er um mich verdient hat in jener Nacht! Diese Hand hab ich ihm hingereicht mit freundlichem Wort. Wie von einer Bauernmagd hat er sich gewendet von mir.«

»Das hätt mein Bruder getan?«

»Der Knecht an seines Herren Tochter!«

Edelrot erblaßte. »Dein Zorn redet hart. Ich bin dir gut von Herzen, aber meinen Bruder laß ich nit schmähen. Mein Bruder ist kein Knecht, er sitzt auf einem Freigut als ein freier Mann. Das weißt du so gut wie ich. Was redest du so bös und tust mir weh?«

Zornig wollte Recka erwidern; da sah sie eine Zähre über Rötlis Wangen rollen und wandte sich ab. Ihr Blick fiel auf einen Wildfänger an der Wand. Als möchte sie prüfen, ob das Eisen nicht roste, zog sie die Klinge halb aus der Scheide und stieß sie wieder zurück. Im Erker war der Sonnenschein erloschen, die dunklen Schatten des Abends schlichen in die Stube.

Rötli hatte sich erhoben, und während sie unbewußt mit der Hand im Geschmeide kramte, sprach sie leise vor sich hin: »Wenn mein Bruder so an dir getan hat, sei ihm nit harb darum! Er ist nimmer, wie er gewesen. Es muß was über ihn gekommen sein. Das hat ihn gewandelt wie der Winter den grünen Baum. Sein Aug hat nimmer Sonn, und sein Gesicht hat nimmer Farb. Ich muß mich sorgen um ihn. Und vor zwei Tagen hatt er seinen Jahrbaum kerben sollen. Da hat er nit das Messer genommen, sondern die Axt, hat hineingehauen in den Baum bis tief ins Mark und hat gesagt: ›Wenn's der Baum verwindet, verwind ich's auch.‹ Es muß ihm was ins Herz gegangen sein wie ein Beilhieb. Ich sinn und sinn, und ich komm nit drauf. Er hat doch keinen Feind im Gaden, er ist so gut und treu, einen besseren gibt es nimmer!« Während Träne um Träne über ihre Wangen fiel, sah sie verloren auf das absonderliche Geschmeide nieder, das ihr in die Hand geraten. Es war die Hälfte eines entzweigesprungenen Beinreifs, plump geschnitten und gelb vor Alter, mit halbverwischten Runenzeichen auf der Innenfläche.

Recka, als es still wurde in der Kammer, drückte den nackten Arm über die Augen. Und langsam, wie gezogen von einer Gewalt, der sie widerstrebte, ging sie auf Edelrot zu. Da öffnete sich eine Tür, und die alte Ulla stand auf der Schwelle. Man sah hinaus in einen mit Jagdnetzen und Federlappen angefüllten Raum, von dem eine schmale Treppe in den Unterstock des Hauses führte.

»Ulla, du? Was willst du?« Recka gewahrte, daß Ullas Augen gerötet waren. »Warum hast du geweint?«

»Das Leben wird mir sauer in deines Vaters Haus! Der eine schlagt mich, daß ich red, der ander schlagt mich, daß ich schweig. Da ist schwer auskommen, Reckli, schwer!«

»Klag mir, wer dich gekränkt hat, und ich will dir Sühn schaffen.«

Ulla schüttelte den weißen Kopf. »Laß gut sein! Ich will's nit besser. Solang ich meinen Matz noch hab, ist mir alles recht!« Sie meinte einen gezähmten Star, die einzige Freude ihres armen Lebens.

Freundlich strich Recka mit der Hand über den weißen Scheitel der Magd. »Warum bist du gekommen?«

Ulla warf einen scheuen Blick auf Edelrot und flüsterte: »Draußen vor dem Tor steht Wicho, der Fischerknecht. Felsbrocken wirft er wider das Tor, tut wie ein Unsinniger und schreit nach seines Herren Schwester.«

»Geh hinunter!« erwiderte Recka leise. »Sag ihm: seines Herren Schwester weilet bei mir und steht in meinem Schutz!«

Ulla nickte und wollte gehen. Da gewahrte sie das seltsame Geschmeide in Rötlis Hand, stürzte auf das Mädchen zu und entriß ihm das beinerne Reifstück. »Dirn, wie kommt das unselig Bein in deine Hand?« Edelrot blickte erschrocken auf und wußte keine Antwort. Recka war näher getreten und sagte betroffen: »Ulla, was ist dir? Weshalb erschreckt dich dieser wertlose Tand?« Sie nahm das Bein aus Ullas Händen.

»Laß deine Hand davon!« stammelte die Greisin. »Der halbe Reif ist ein gesprungen Glück. Unheil haftet an dem Bein. Wirf's hinunter, wo der See am tiefsten ist!«

Recka schüttelte den Kopf. »Es kommt von meiner Mutter Friderun.«

»So verwahr es hinter Holz und Eisen! Wenn es deinem Vater vor die Augen kommt, ist Unwetter im Haus.«

Auf Reckas Lippen schien eine Frage zu liegen; aber sie blickte auf Rötli und schob die Magd zur Türe. »Geh zum Tor!« flüsterte sie. »Und tu, wie ich dir gesagt hab.«

Zögernd verließ Ulla die Stube. Und Recka kehrte zum Erker zurück; ihre ernsten Augen hafteten an dem seltsamen Geschmeid, das sie zwischen den Fingern drehte, als sollt es ihr Antwort geben auf die Frage, die sie vor Rötlis Ohr vermieden hatte.

»Recka! Leg das Unding aus der Hand!« mahnte Edelrot ängstlich. »Siehst du nit die Hel-Zeichen in dem Bein? Es ist ein Fluchzahn aus eines wütigen Wolfs Gebiß.«

»Ein Zahn? Nein, Rötli, es ist die Hälfte eines Armrings, wie ihn vor Zeiten die Frauen im Gaden trugen. Weh und Unheil mag wohl haften an diesem Bein. Als ich noch ein Kind war, sah ich es oft in meiner Mutter Hand, und dann waren ihre schönen Augen naß von Zähren.« Reckas Stimme schwankte. Aus gestreckter Hand ließ sie den zersprungenen Reis auf das Geschmeide fallen, und wie ein Schrei der tiefsten Marter klang es von ihren zuckenden Lippen: »Mutter Friderun! Wo bist du, Mutter? Wo hast du mich gelassen?« Die Hände vor die Augen schlagend, sank sie nieder auf die Erkerstufe und brach in Schluchzen aus.

Erschrocken warf sich Edelrot vor Recka aus die Knie, zog ihr die Hände nieder und suchte sie zu trösten durch zärtliche Worte. Mit einem Laut, wie er aus der Brust eines Dürstenden quillt, schlang Recka die Arme um Edelrot und überströmte ihr Gesicht mit Küssen, als könnte das brennende Verlangen nach Liebe, einmal erwacht in ihrem Herzen, sich nimmer stillen. Mund an Mund, mit verschlungenen Armen, saßen die beiden, während draußen der Abend dämmerte.

Da klang im Unterbau des Hauses ein klagender Vogelschrei. Unter Reckas Stube lag die Falkenkammer, ein niederes Mauergelaß mit vergitterten Fenstern. An der Wand, mit einem Drahtgeflecht verwahrt, brannte eine Talglampe mit rußender Flamme. Rings an der Mauer hin zog sich ein hölzernes Gestell, auf dessen oberster Stange, in armslangen Zwischenräumen voneinander, fünf Sperber und vier Wanderfalken saßen, an den »Händen« mit der aus Hirschleder geschnittenen Kurzfessel gebunden. Herrn Wazes Weißfalk saß getrennt von den übrigen Beizvögeln. Von der Decke hingen an Schnüren zwei große Reifen nieder; in jedem saß ein Habicht mit verhaubtem Kopf und gefesselten Schwingen. Ein Bub, der auf einem Schemel hockte, hielt die Reifen in schwingender Bewegung. Neben ihm stand Henning und ließ sich berichten, wie weit die Zähmung der beiden, vor kurzer Zeit erst eingefangenen Vögel vorgeschritten wäre. Dann ging er an der Stange entlang und blieb vor einem Blaufalk stehen. Das war von allen Falken der schönste, ein stolzer Vogel von seidenem Gefieder und scharfem Blick: Edilo, der Liebling Reckas.

Henning wollte den Vogel greifen; der Falk sträubte das Gefieder und schlug mit der scharfen Hand. Über Hennings Lippen glitt ein hämisches Lächeln. »Bist du auch wider mich wie dieselbig, der du gehörst?« Seine Augen hoben sich zur Decke – dort oben lag Reckas Kammer. »Heut hast du mir eine Freud verdorben. Das zahl ich dir heim.« Er griff in den hölzernen Napf, der das Trinkwasser des Falken enthielt, und schrie den Wärter zornig an: »Du Schuft! Die Vögel haben laues Wasser.«

Der Bub sprang erschrocken auf. »Nein, Herr! Grad erst hab ich frisches Wasser aufgegossen.«

»Das lügst du! Hinaus zum Brunnen und frisches Wasser her! Oder ich mach dir Füß.«

Der Bub nahm den Krug und verließ die Kammer. Rasch trat Henning zum Tisch und faßte eine der langen dünnen Nadeln, die, wenn ein Falk auf der Beizjagd eine Schwungfeder gebrochen hatte, in den geknickten Kiel eingeschoben wurden, um der verletzten Feder wieder Halt zu geben. Langsam ging er auf Reckas Liebling zu, drückte flink, ehe der Falk sich wehren konnte, dem Vogel die eine Hand auf den Rücken und stieß ihm mit der anderen die Nadel in das Eingeweide. »Da hast du deinen Teil!« Er ließ den Falken ledig. »Eh du hin bist, will ich die Freud genossen haben, um die mich deine Herrin heut gebracht hat.« Der Falk schüttelte das Gefieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und rückte unruhig auf der Stange hin und her. Henning warf die Nadel auf den Tisch, und weil er den Buben kommen hörte, trat er zu den Reifen und schaukelte die Habichte.

Als der Bub das frische Wasser in die Holznäpfe goß und zu Edilo kam, rückte der Vogel auf die Seite; die Bewegung schien ihn zu schmerzen, er zog den Rücken auf und stieß einen klagenden Schrei aus.

Der Schrei klang hinauf in Reckas Kammer, durch deren Fenster nur noch ein trüber Schein des entschlummernden Tages schimmerte.

»Hörst du ihn?« flüsterte Recka, die Arme von Rötlis Nacken lösend. »Das ist mein Liebgesell. Er sehnet sich nach mir und klagt, daß ich ihn seit Tagen nit geschwungen auf meiner Hand, daß er sitzen muß zwischen übler Mauer, derweil ihn hinaus verlangt in Luft und Sonne, zu hohem Flug.« Wieder umschlang sie das Mädchen. »Ach, Rötli! Wie meinem Edilo, so ist auch einem andern edlen Falk zumut. Er möcht hinaus in lichte Freiheit und den Flug hochauf nehmen ins Gewölk, der warmen Sonn entgegen. Und muß doch sitzen zwischen üblen Mauern, in einer Rabenkammer, darin die unholde Brut um Aas sich rauft!« Mit einem Laut des Ekels sprang sie auf, schüttelte das Haar in den Nacken und streckte die Arme.

»Recka?« stammelte Edelrot.

Die Wazemannstochter atmete tief und strich mit der Hand über die Augen. »Schau, wie dunkel es worden ist! Komm, Rötli, ich führ dich heim.« Sie nahm von dem Geschmeide, das in der Dämmerung funkelte, einen Goldring und faßte Rötlis Hand. So traten sie hinaus in die Herrenstube. in der auf dem Lichtreif schon die Kerzen brannten.

Herr Waze saß noch immer am Fenster, die alte Ulla deckte den Tisch, und Henning trat aus der Halle herein in die Stube.

»Rötli,« sagte Recka mit lauter Stimme und streifte dem überraschten Mädchen den Ring an den Goldfinger der linken Hand, »wir haben Kuß und Lieb getauscht, und ich will dich umschließen mit meiner Treu, wie mein Reif deinen Finger.«

Edelrot wollte sprechen, doch Recka sagte lächelnd: »Red nit! Komm, ich führ dich heim. Es ist spät geworden.«

An Henning vorüber führte Recka das Mädchen in die Halle hinaus. Auf der Freitreppe kam Eilbert ihnen entgegen; er war mit seinem Bruder Hartwig, der im Hof mit den Knechten schrie, von erfolgloser Jagd zurückgekehrt. Als Eilbert das Mädchen an seiner Schwester Seite erkannte, flammten seine Augen; doch eh' er noch Sprache fand, war Recka mit Edelrot an ihm vorübergeschritten. Da hörte er aus der Stube die Stimme seines Vaters und Hennings zornige Gegenrede.

Nach einer Weile trat Henning auf die Schwelle. »Und ob sie eingegangen ist unter Dach, ob meine Schwester Ring und Treu mit ihr getauscht hat oder nit,« rief er in die Stube zurück, »die Dirn ist mein! Das sollst du mir nit wehren. Du nit! Und die Schwester auch nit!«

»Aber ich!« klang Eilberts Stimme hinter ihm.

Henning wandte sich um, maß mit funkelnden Augen die von der Dämmerung umflossene Gestalt seines Bruders und stieg lachend die Treppe hinunter. Im Hofe rief er den Knecht, der ihm als Späher gedient hatte, und trat mit ihm in den finsteren Schatten der Mauer. »Ich kann mich verlassen auf dich?« Der Knecht nickte. »Leg scharfe Wehr um, wenn meine Schwester wieder heimkehrt!«

»Wohin geht der Nachtweg?«

»Zu einem Nest, aus dem ich mir einen schmucken Vogel heben will.«

Der Knecht verstand. »Wir zwei nur? Das ist zu wenig. Der Fischer hat Fäust wie Hämmer.«

»Um den sorg dich nit!« Henning lachte. »Der hat heut nacht ein stilles Geschäft im Weitsee. Schlag du den Knecht nieder! Den Vogel hol ich mir selber aus dem Nest.«


 << zurück weiter >>