Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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4

Herr Waze, als er den Hufschlag hörte, hob das Gesicht. Seine Zähren mußten rasch getrocknet sein, denn auf den hageren Wangen zeigte sich keine feuchte Spur; doch demütig klang seine Stimme: »Da kommt meine gute Tochter! Ich bitt Euch, frommer Vater, redet vor dem Kind nit übel wider den Vater!«

Eberwein errötete. »Es hätte solcher Mahnung nicht bedurft.« Und während Herr Waze über die Freitreppe hinuntereilte, ruhten die Augen des Mönches auf Recka, die aus dem Sattel glitt und den Gurt des Pferdes lockerte. »Eine wilde Taube unter Krähen!« flüsterte er.

Herr Waze war zu seiner Tochter getreten, die staunend den Gast in der Halle gewahrte. Mit eisernem Griff umklammerte er ihre Hand und zischelte, während ein Knecht das schweißbedeckte Roß zu den Ställen führte: »Wenn du mich und deine Brüder nit verderben willst, so gib dem Pfaffen ein freundlich Wort! Ich muß ihn im guten halten, bis Rimiger kommt. Es wird gespielt um unser Haus, mehr noch, um mein Leben.«

»Du bist mein Vater. Ich kann deinen Tod nit wollen.«

Lächelnd führte Herr Waze seine Tochter über die Freitreppe. Vor Eberwein blieb er stehen. »Seht, frommer Vater, das ist das beste Reis auf meinem Stamm, gesund und in der Blüt. Seid gut mit ihr, und sie soll Euch eine liebe Schwester werden.«

Ungestüm löste Recka ihre Hand und sagte: »Wir haben scharf widereinander geredet beim Albenbach. Nun find ich Euch wieder als Gast in meines Vaters Haus, und wir wollen Frieden halten. Hört nit auf meines Vaters Lob! Ich bin nit, wie er sagt. Ich bin, wie ich bin, nit gut, nit schlecht. So biet ich Euch meine Hand. Wollt Ihr sie nehmen?«

Wazemanns Augen funkelten vor Zorn. Mit Verblüffung aber sah er, wie Reckas Worte wirkten. »Ja, ich will!« sagte Eberwein und faßte die Hand des Mädchens. Der Gruß, den Recka ihm bot, hatte rauhen Klang, doch dieser Klang war echt. Und ihm war, als fände er an dieser Hand eine Stütze, deren er bedurfte in diesem Haus. Hatte er doch im Gaden noch kein Wort gehört, das übel redete von Wazemanns Tochter – nur Eigel hatte gescholten wider ihren tollen Wagemut, der beim Weidwerk in den Bergen keine Höhe scheute und keine Tiefe. So faßte er die Hand des Mädchens wie ein Wanderer im pfadlosen Sumpf den grünen Zweig, der zu ihm niederwinkt.

Mit dem Ellbogen stieß Herr Waze an Reckas Arm. »So führ doch deinen Gast ins Haus!«

»Laßt Euch geleiten, Herr!«

Eberwein zögerte. Da furchten sich Reckas Brauen. »Scheint Euch der Tisch, an dem ich sitze, zu schlecht für Eure Würde?«

Wortlos schüttelte Eberwein den Kopf. Als er auf die Schwelle trat und die weite Herrenstube mit der gedeckten Tafel sah, mußte er an das Stübchen in der Ramsau denken. Hatte er jenen frommen Tisch verlassen, um hier zu sitzen? Er war geflohen, wo er hätte weilen sollen, und sollte nun bleiben, wo er fliehen mußte? Wie eine Strafe erschien es ihm, was dieser Gedanke sagte. Schon zuckte seine Hand, als möchte sie sich lösen. Da trafen ihn Reckas Augen, und er mußte bleiben.

Herr Waze holte die Söhne. Schweigend hörte Eberwein ihre Namen. Rimiger fehlte. Auch Henning. Der saß in der Kammer hinter der Tür und lauschte jedem Wort, das in der Stube gesprochen wurde. Verblüfft sahen die Buben sich an, als Herr Waze vor das Kreuz trat und zum Tischgebet die Hände faltete; eine Weile zögerten sie, dann folgte einer nach dem anderen dem Beispiel des Vaters; nur Recka wandte sich ab. Eberwein rührte weder Hand noch Lippe; er konnte nicht beten.

Lärmend trat Herr Waze mit den Söhnen zum gedeckten Tisch und wies, seinem eigenen Stuhl gegenüber, dem Gaste den Platz an zwischen Recka und Otloh. Ein Bärenschinken wurde aufgetragen. Herr Waze faßte ein langes Messer und stieß es in die braune Schwarte; dann hob er die Metbitsche und sagte mit heiserem Lachen: »So biet ich meinem edlen Gast die Minne und trink ihm zu als meinem Herrn! Auf Eure Gesundheit, frommer Vater!« Er setzte die Kanne an; sie hob und hob sich – ein Trunk, der nimmer enden wollte. Es wäre wohl auch der letzte Tropfen aus der Bitsche geronnen, hätte Eberwein nicht über den Tisch gegriffen und Wazes Arm mit der Kanne niedergezogen. »Meiner Gesundheit dienet Ihr auch mit minderem Trunk. Noch mehr der Eurigen.«

Herr Waze strich mit dem Ärmel über den tropfenden Bart. »Nein, frommer Vater! Meine sündige Seel mögt Ihr krampeln, so viel Ihr wollt. Aber die langen Züg, die müßt Ihr mir lassen. Bei mir muß alles tief sein, Reu und Durst, Lieb oder Haß. Mein Los ist so gefallen, weil meine Mutter mich geboren hat im Zeichen der Venus und des Wassermann. Mein Herz ist allzeit heiß gewesen und meine Gurgel schreit nach Feuchtigkeit, wie die Frösch um nasses Wetter.« Herr Waze verstummte, und während die Söhne lachten, erweiterten sich seine Augen in starrem Lauschen. Hufschlag klang im Hof und die Stimme Rimigers: »Wo ist der Vater?«

Die Buben sprangen auf. Herr Waze, dessen Züge sich mit fahler Blässe überzogen hatten, schrie ihnen zu: »Bleibt sitzen!« Seine Augen richteten sich auf Eberwein, funkelnd, mit stechendem Blick; es schien, als läge ein Wort auf seiner Zunge. Doch er sprach nicht, lachte nur heiser vor sich hin, stieß den Sessel zurück und eilte zur Halle. Betroffen erhob sich Eberwein. Recka faßte, wie vor Scham errötend, seine Hand. »Verzeihet meinem Vater seine Art, er hat durch Jahre keinen Gast in seinem Haus gesehen.«

Auf der Freitreppe kam Rimiger dem Vater entgegen, und Herr Waze griff nach dem Arm des Sohnes, zitternd vor Erregung. »Was bringst du?«

»Zwielicht!« sagte Rimiger und zuckte die Achsel. »Ob es Tag bedeutet oder Nacht, ich weiß nit.«

»Red, daß ich versteh! Es muß auf meine Frag doch Antwort sein? Hast du den Haunsperger nit gesprochen?«

»Wohl, Vater! Er hat mich angehört und hat gelacht. Geredet hat er nit. Beim Frühmahl hab ich sitzen dürfen an der Tafel des Bischofs, und der große Herr ist freundlich zu mir gewesen. Bei jeder Anred hat er mich seinen guten Sohn geheißen. Für unsere Sach hat er kein einzig Wort gehabt.«

»Kein einzig Wort?« wiederholte Herr Waze. »Aber ich weiß doch, wie er selbigsmal vor Wut sich verfärbt hat bei der Botschaft, daß Frau Adelheid den Gaden an das Kloster und nit an seine Kirch gegeben hat. Sag's noch einmal: kein einzig Wort?«

»Kein Wort! Aber wie ich schon im Sattel gesessen bin, ist der Haunsperger auf mich zugetreten und hat mir einen Streifen Pergament gereicht.« Rimiger zog eine kleine Pergamentrolle aus dem Wams hervor. »Dabei hat er gesagt: unser Schalksnarr hat ein neues Lied gesungen, bring es deinem Vater mit meinem Gruß.« Herr Waze faßte mit raschem Griff das Pergament, während Rimiger brummte: »Eine solche Narretei! Um Schelmenlieder sollen wir uns kümmern, wo es hergeht um unsere Haut!«

»Der Narr ist des Bischofs liebster Gesell. Da muß er wissen um seines Herren Meinung. Ich schwör darauf: es steht was in dem Lied!« Herr Waze starrte auf die Rolle und griff nach seinem kahlen Scheitel. »Wer liest mir's? Ich müßt zum Hiltischalk in die Ramsau reiten. Doch wenn er gelesen hat? Wie schließ ich ihm das Maul?«

»Der Haunsperger hat gemeint: du hättest vier gute Freund im Gaden, die sich auf's Lesen verstehen.«

Forschend sah Herr Waze seinen Buben an; dann schüttelte er den Kopf und entfaltete das Pergament. In zierlicher Schrift stand Zeile unter Zeile. Herr Waze konnte nicht lesen. Doch rasch verstand er den Sinn des kleinen, in bunten Farben ausgeführten Bildchens, das den ersten Buchstaben umschloß. Auf dem Wipfel einer Fichte war ein Nest zu sehen, das vier weiße Raben umflatterten; um den Fuß des Baumes drängte sich ein Häuflein seltsamer Tiere; sie waren rot gemalt, und man konnte sie als Füchse deuten; über dem Baum, in blauer Luft, stand ein Adler mit gebreiteten Schwingen.

Herr Waze lachte. »Komm! Jetzt mag der Würfel fallen, wie er will!« Er stieg zur Halle hinauf.

Lautes Gelächter tönte aus der Stube, und die Stimme Sindels klang: »Nimm dich in acht, Otloh! Der Pater sitzt neben dir. Wenn du noch einmal so übel scherzest, legt er gegen dich los mit einem Sprüchl, das dir schmecken wird wie eine Kratzbürst.«

»Was hat er denn Arges gesagt?« verteidigte Eilbert den jüngeren Bruder. »Es ist doch die Wahrheit, daß sich der Pater um die Bauern sorgt wie eine Bruthenn um ihre Küchlein. Das muß er tun, schon seinem Namen zulieb. Wer Eberwein heißt, muß Freund sein mit den Säuen.«

Gelächter erhob sich. Weil Recka zornig auffuhr, sagte Eberwein ruhig: »Laßt ihn! Wenn Eure Brüder die Gegenwart der Schwester nicht achten, wie soll ich erwarten, daß sie Ehrfurcht zeigen vor meinem Kleid und vor dem Gast ihres Vaters.« Er stand vom Sessel auf. Da trat Herr Waze in die Stube; der Ausdruck seines Gesichtes und der Anblick Rimigers machte die Lachenden verstummen; sie wußten, was dieser Augenblick für sie bedeutete; aus der Kammer ließ sich ein Geräusch vernehmen, als wäre ein Stuhl gefallen, und die Tür öffnete sich um einen schmalen Spalt.

»Frommer Vater,« rief Herr Waze, »seht, was mein Rimiger gefunden hat. Das Pergament muß Euch gehören. Ihr müßt es verloren haben.«

»Nein. Das Blatt gehört mir nicht.« Eberwein nahm den Streif und rollte ihn auf. »Auch keinem meiner Brüder. Ein Fahrender mag das Blatt verloren haben. Es ist ein weltlich Lied.« Mit halblauter Stimme las er:

»Es schwebt der fürstliche Aar im Blau,
Den Blick gerichtet zur Ferne,
Ihn lockt Frau Sonne, ihn kümmern nicht
Die kleinen Knechte, die Sterne.
Sein Blick späht über die Berge hin,
Sucht nimmer Tal und Halde,
Ihn kümmert das Nest der Raben nicht,
Das sie bauten im finsteren Walde.
Es mag bestehen, es mag vergehn
Und fallen den zausenden Winden,
Es mögen die Füchse schleichen und spähn
Und ihre Beute finden.
Der fürstliche Aar nimmt hohen Flug,
Die Blicke fernab gewendet,
Und nimmer fragt er, wie der Streit
Im tiefen Wald sich endet.«

»Ein Meisterlied!« schrie Herr Waze wie von Sinnen und faßte die Bitsche. »Dem unbekannten Sänger einen festen Trunk zur Minne! Er meint es gut mit den Füchsen.« Sein heiseres Lachen erstickte in der Kanne.

Eberwein legte das Pergament aus der Hand und blickte befremdet an der Tafel umher. Überall sah er funkelnde Augen und brennende Gesichter. Ihm war, als stünde er inmitten eines tollen Traumes. Wie konnte solche Wirkung aus diesem Spielmannsliede kommen, das ihm wertlos erschien und mit geringer Kunst gesungen? Herr Waze stieß die geleerte Kanne auf den Tisch, lachend, und kreischte: »Setzt Euch, mein lieber fürstlicher Herr! Euch zu Ehren will ich schmausen und zechen. Es hat mir im Leben noch kein Mahl geschmeckt, wie es heut mir schmecken soll. Nur Euch zu Ehren! Ihr seid ja mein Herr! Mein Herr!« Seine Worte gingen unter im Gelächter seiner Söhne.

Eberwein strich mit der Hand über die Stirne und ließ sich nieder. Er hörte nicht, daß die Tür der Kammer sich öffnete, aus welcher Henning heraustrat, einen hochstämmigen Rüden am Halsband führend. Und er schien nicht zu sehen, daß Recka bleich, mit blitzenden Augen den Vater streifend, von der Tafel ging und den Saal verließ, als wollte sie nicht teilhaben an dieser Stunde. Mit zitternden Händen griff er nach einem Brot, segnete es und brach es entzwei. »Nehmt, Herr Waze!« Er reichte die Hälfte des Brotes über den Tisch. Da griff eine Hand über seine Schulter. »Mir die ander Hälft! Meinen Hirschmann hungert.«

Heiteres Geschrei erhob sich um den Tisch. Eberwein sprang auf und sah, wie Henning das gesegnete Brot dem Hunde zuwarf, der es mit klaffendem Rachen haschte. Zornröte fuhr über das Gesicht des Mönches. Mit beiden Händen faßte er die Tafel an der Kante und stürzte sie um, daß Herr Waze mit dem Sessel wankte, und daß die hölzernen Teller, die zinnernen Schüsseln und die Metkannen klirrend über den Estrich rollten. »So ende ich dieses Mahl!« klang seine schrillende Stimme. »Und nichts mehr hab ich gemein mit euch!«

In Wut, mit geballten Fäusten, sprang Herr Waze auf; seine Söhne aber starrten in das Gesicht des Mönches – er war es doch gewesen, der diese Worte geschrien, und dennoch schien es ihnen, als hätten sie ihren Vater gehört. So klang seine Stimme im Zorn.

»Faßt ihn!« schrie Herr Waze. »Er hat mein Haus geschändet. Das soll er büßen.«

Henning war der erste, dessen Fäuste nach Eberwein griffen. Da sah auch der Hund in dem Mönche einen Feind seines Herrn und stürzte auf ihn los. Mit einem Faustschlag streckte Eberwein das Tier zu Boden. »Feinde über mir!« Eine Metkanne von der Erde raffend, schwang er sie zum Schlage wider Henning. Doch er schlug nicht. Aus erhobenem Arm ließ er die Kanne sinken. Und zwei der Wazemannssöhne beiseite schleudernd, gewann er mit raschem Sprung das an der Mauer hängende Kreuz, griff nach ihm mit beiden Händen und rief: »Vergib die Sünde meines heißen Blutes, o Herr! Bei Dir ist die Rache, bei Dir die Hilfe! Eripe me, domine, ab homine malo, a viro iniquo eripe me!«

Da faßten sie seine Arme, seine Brust, seinen Hals; er wehrte sich nicht, während sie an ihm hingen wie die Hunde am gestellten Hirsch. Die Fäuste vor Eberweins Augen streckend, leerte Herr Waze in unflätigen Worten die Schale seiner Wut über ihn aus. Ein bitteres Lächeln zuckte um Eberweins bleichen Mund. »Knecht Waze, nun kenn ich dich. Nun zeigst du mir dein wahres Gesicht. Wie steht doch der Redliche vor dem Schlechten – wehrlos, beschämt und aller Bosheit ein Spiel!«

»Ist gefangen! Und will noch den Herrn spielen! Fort mit ihm! Hinunter in meinen tiefsten Keller! Ich will ihm die weißen Rabenflügel stutzen.«

Über das Geschrei der Söhne, die den Gefangenen zur Türe stießen, hob sich Eberweins Stimme: »Waze, ich warne dich! Da du Gott nicht fürchtest, fürchte den Kaiser, vor dessen Gericht ich dich berufe, der Fürst seinen ungetreuen Knecht.«

»Der Kaiser!« höhnte Herr Waze. »Wo ist dein Kaiser? In vierzig Jahren hab ich ihn nicht gesehen, hab keinen Ruf von ihm gehört, hab keinen Mann zu seinem Heer geschickt. Er wird den Käfig nit auftun, in dem ich dich bergen will. Packt ihn, meine Füchslein! Hinunter mit ihm!«

Schreiend stießen sie ihn aus dem Saal und über eine steile Treppe hinunter; eine schwere Türe wurde vor ihm aufgerissen, er taumelte in Finsternis und kalte Moderluft, hinter ihm dröhnten die Bohlen, und der eiserne Riegel klirrte. Draußen Gelächter, das sich entfernte, Geschrei, das unterging wie in weiter Ferne. Dann dumpfe Stille.

Eberwein streckte im Dunkel die Arme. Seine Hände griffen den nassen Fels der Mauer und einen eisernen Ring. Um den Sturm seiner Seele zu bezwingen, sprach er aus heißem Herzen und mit lauter Stimme ein Gebet. Plötzlich verstummte er. Ein Geräusch war an sein Ohr gedrungen. Er lauschte. Wieder hörte er ein leises Rascheln. Und da schüttelte ihn der Ekel: er mußte an das Beinhaus denken und sah die Ratte huschen.

Mattes Stöhnen klang aus einem Winkel des finsteren Raumes. Erschrocken fragte Eberwein: »Wer teilt meinen Kerker? Bist du ein Mensch, so rede!« Ein Wimmern, eine wortlose Sprache des Schmerzes. Eberweins Herz erzitterte. »Gott des Erbarmens!« Er warf sich zu Boden. Über die Fliesen kriechend, tastete er mit den Händen vor sich her. Er fühlte halbverfaultes Stroh und jetzt einen menschlichen Körper, fast nackt, mit schlaffen Armen und steifen Fingern, mit bartlosem Gesicht und kurzgeschorenem Haar. »Der Knabe, den ich suchen kam! – Wazemann, Wazemann!« Mit beiden Armen griff er zu und stützte das taumelnde Haupt des Knaben, dessen Zunge lallte: »Wer ist bei mir?«

»Einer, der es gut meint!«

»Gibt's noch einen, der gut ist?«

»Ja, ja, ja!« rief Eberwein, die Stimme halb erstickt. »Allgütiger! Wie blind war meine Seele! Ich wähnte, daß ich irre ging, von Dir verlassen. Nun seh ich: es war der Weg deiner Liebe, die mich leitete, um dieses Kind zu finden!« Er fühlte, wie die Hände des Knaben an ihm emportasteten und sein Gesicht berührten, das naß von Tränen war.

»Er weinet! Einer, der weinet um den Huzebuben! Bist du ein Geißhirt? Hat er dich auch gebüßt?« Wie der Sinkende den Balken, den eine mitleidige Welle ihm zugeworfen, umklammerte der Bub seinen Gesellen und schmiegte sich an ihn unter fiebrigem Zittern. Aus der Höhe des Hauses klang ein dumpfer Lärm: das Johlen der Wazemannssöhne, die den umgestürzten Tisch wieder aufgerichtet hatten und die Kannen leerten auf das Glück ihrer kommenden Zeit.

Eberwein tastete in der Finsternis umher und fand an der Mauer einen vorspringenden Stein; er setzte sich und hob den Knaben auf seinen Schoß; der Bub wimmerte, weil die Bewegung seine Schmerzen mehrte. Unter zärtlichen Worten schmiegte Eberwein das Gesicht des Knaben an seine Brust, streichelte ihm das struppige Haar und flüsterte in der heimatlichen Sprache seiner Berge: »Mußt nimmer weinen, Büebli! Schau, bald hebt für dich die gute Zeit wieder an. Ich tu dich pflegen, daß du gesunden sollst, und will dich lieb haben mein Leben lang. Und meine Arm, die tragen dich, bis du wieder laufen kannst auf deinen Füßen. Hab nur acht, wenn die Tür sich auftut: wie ich dich hinauftrag in die liebe Sonn!«

Wenn die Tür sich auftut? Es war kein leerer Trost, den Eberwein dem Knaben spendete mit dieser Hoffnung auf die nahe Freiheit. In seinem Herzen wohnte dieser Trost als fester Glaube: fände sich keine Menschenhand, den Riegel aufzustoßen und den Weg zu öffnen, so mußte Gott ein Wunder wirken um dieses Knaben willen.

Langsam hatte der Bub den Kopf erhoben. »Du bist kein Geißhirt. Wer bist du denn?«

»Ein Gottesmann. Weißt du, was das ist?«

»Wohl! So einer wie der Hiltischalk? Den hab ich einmal gesehen. Der hat ein Kirchl, in dem das Glöckl läutet.«

»Und einen guten Vater im Himmel hat er! Hast du nie von dem gehört?«

»Wohl, ich mein' schon, ich hätt so was reden hören!« Stöhnend griff der Knabe nach seinen schmerzenden Füßen.

»Schau, Büebli,« Eberweins Arme schlangen sich fester um den Knaben, »schau, das ist ein treuer Vater, dem alle redlichen Menschen liebe Kinder sind. Wer leiden muß, den tröstet er, und wer in Not gefallen, dem bringt er Hilf!«

»Mir auch?« klang scheu und zitternd die Stimme des Knaben.

»Freilich, Büebli! Alles weiß er und alles kann er. Er hat dich gesehen in deinen Schmerzen und hat zu mir gesagt: geh hin und hilf dem Huzebuben! Und wie ich gegangen bin, dich suchen, hat er mir ein kleines Dirnlein geschickt, von dem ich dich grüßen soll und das dich lieb hat. Gelt, du weißt schon, wen ich mein'?«

»Ach, du guter Mann!« Der Knabe lachte in seinen Schmerzen. »Es wird doch nit das Trudli gewesen sein?«

»Das Dirnlein des Bauern, dem du die Geißen hütest.«

»Das Trudli, das Trudli!«

Eine stumme Weile verging. Dann begann Eberwein wieder zu sprechen, und leuchtend öffnete sich die Tiefe seines hoffenden Glaubens, wie ein Fels in geheimnisvoller Stunde die verschlossenen Schätze zeigt. Der Knabe tat keine Frage mehr; er lauschte und schien im Lauschen seine Schmerzen vergessen zu haben. –

Wüster Lärm klang aus der Höhe. Die Berauschten sangen und schlugen die Tafel mit den Fäusten. Die Mägde weigerten sich, den Saal zu betreten, es mußten die Knechte bedienen und die Metkrüge schleppen. Draußen dämmerte schon der Abend, und das Zechen wollte kein Ende nehmen. Den ganzen Bau des Hauses durchschütterte das Geschrei und das Poltern der stürzenden Krüge und Sessel.

In Reckas Kammer, in der schon die Leuchte brannte, hallten vom Lärm die Wände. Das Haar gelöst, im weißen Schlafgewand, saß Recka im Erker, das Gesicht in die Arme vergraben. Sie hörte nicht, daß die Tür der Zeugkammer sich öffnete; der Bub, der die Falken pflegte, brachte das Federkleid, das er dem verendeten Liebling Reckas abgestreift hatte. Scheu trat er zum Erker. »Herrin!«

Recka fuhr auf; als sie den Balg des Vogels sah, griff sie nach ihm, breitete auf ihrem Schoß das Gefieder aus und strich mit zitternden Händen über die Schwingen. Der Bub ging zur Türe; dort blieb er stehen. »Herrin! Ich weiß, wie dein Falk hat umkommen müssen. Willst du mich nit verraten, wenn ich red?«

Recka hatte sich erhoben. »Sprich!«

»Ich sag's, weil mir leid ist um den Vogel, den ich lieb gehabt.« Der Bub faßte den Balg und deutete auf eine Stelle der Innenseite. »Schau, da hat die Haut einen Stich wie von einer Nadel.« Er griff in das Wams. »Und schau die Spulnadel an: sie ist rostig von Blut. Durch das ganze Ingeweid ist der Stich gegangen. Den Tag, vor du ausgeritten bist, auf den Abend, da ist dein Falk noch frisch und gesund gewesen. Ich bin um Wasser gegangen. Und wie ich wiederkomm, hat der Vogel getrauert.«

Mit zornigem Griff umklammerte Recka das Handgelenk des Buben. »Wer war in der Kammer?«

Scheu blickte der Knabe gegen den Saal, aus dem das Geschrei der Zechenden hallte. Er wollte sprechen. Doch Recka schob ihn zurück. »Schweig! Ich könnte, wenn der Zorn mich faßt, den Namen nicht wahren.« Sie öffnete das auf dem Erkertisch stehende Kästlein und reichte dem Buben eine silberne Spange. »Nimm!«

Er schüttelte den Kopf und legte die Hände hinter den Rücken. »Ich hab nit um Lohn geredet.«

Als er gegangen war, hefteten sich ihre funkelnden Blicke auf die Saaltür. »Wann kommt die Reih an mich?« Zum Erker wankend, schlang sie stöhnend die Arme um ihr Haar. »Hol mich, Mutter! Bei dir war Glück und Ruh!« Sie sank auf den Sessel und griff nach dem Federkleid des Falken; ihr Blick ging durch das offene Fenster und nieder über den abenddämmerigen See zum Fischerhause, dessen Türe vom Widerschein des Herdfeuers leuchtete. »Ich tat ihm unrecht!« Sie drückte das Gefieder des Falken über die brennenden Augen.

Raschelnd strich der Abendwind durch die welkenden Bäume, die sich vor dem Erker erhoben.

In der Tiefe murmelte der See, der in sachten Wellen ging, und leise Plätscherstimmen zischelten durch das schwankende Röhricht.

In der Hofreut des Fischerhauses stand Sigenot, durch die Dämmerung emporspähend nach Wazemanns Haus. Wicho trat zu ihm: »Hörst du sie lärmen?«

»Sie zechen. Die Nacht über werden sie liegen im Rausch, und mein Haus ist sicher bis zum Morgen. Trag die Langwaad in den Einbaum und mach die Pechpfann fertig, wir gehen auf die Fischweid. Der Kalter ist leer, und das Haus hat Leut.«

Hinter dem Haus eine Stimme. Eigel der Kohlmann sprach. Hilmtrud, Kaganhart und die beiden Sennen saßen um ihn her und lauschten seinen Worten. Er sprach vom Untersberg, von König Wute und seinen Helden, vom Birnbaum auf dem Walser Feld und von der guten Zeit. »Sie muß kommen! Es haben die Berg noch nie umsonst gebidmet. Die hundert Jahr sind um. Und steigt Herr Wute nit aus der Tief, so weiß ich einen: der steigt hinauf zu Wazemanns Haus!«

Hilmtrud ballte die Fäuste. »Da tu ich mit!«

»Freilich,« brummte Kaganhart, »weil du überall dabei sein mußt, wo's schiech hergeht!«

Eine Stunde später, als der Himmel schon übersät war mit Sternen, fuhr Sigenot mit Wicho zum Fischfang aus. Der Einbaum glitt an der Falkenwand vorüber. In tiefer Schwärze lag der weite Seekessel, und der Wind trug das dumpfe Rauschen eines Wildbachs über das Wasser her. Gegen die Mündung dieses Baches steuerte Sigenot den Kahn. In der Nähe des Ufers hielt er, hob das Ruder, ließ sich im Spiegel des Schiffes nieder und spähte zum Falkenstein empor. Fast eine Stunde verging. Dann schwieg der letzte Laut in Wazemanns Haus, die Hunde schliefen und alle Fenster waren dunkel.

»Zünd die Pfann!«

Wicho schlug Feuer und warf den glimmenden Schwefelfaden auf die mit Pech getränkten Späne. Lodernd wuchs die Flamme, ihr greller Schein fiel über den See und lockte die Fische aus der Tiefe. Der Knecht warf das Ende der Langwaad aus und ließ die Maschen gleiten, während Sigenot im Bogen fuhr. Als sie das Netz hoben, war es schwer; überall im Garne zappelten die Hechte, die Salmen und Ferchen.

»Solchen Zug haben wir nit oft getan!« rief Wicho lachend.

»Ich weiß, wer das Netz so schwer gemacht hat,« sagte der Fischer ernst, »denn ich hab den ersten Zug den Klosterleuten zugelobt.«

»Den ganzen Zug? Da wird der dicke Bruder lachen! Wenn er wüßt, was ihm zusteht, möcht er springen vor Freud!« –

Bruder Wampo hatte keine Ahnung, daß seiner gedacht wurde beim Fischfang in stiller Nacht. Dennoch sprang er um diese Stunde. Aber nicht vor Freude.

Sorge hatte die Brüder befallen, als die Nacht erschien, ohne daß Eberwein heimkehrte zur Klause. Da sie meinten, er hätte sich auf dem Rückweg im Walde verirrt, zogen Schweiker und Wampo mit Spanlichtern aus, um Eberweins Namen durch die Finsternis zu rufen. Schweiker stieg zur Ache nieder. Bruder Wampo nahm die Richtung gegen die Ramsau. Er schrie und schrie. Plötzlich wich der Grund unter seinen Füßen. Nach einem Halt suchend, ließ er die Fackel fallen, und während sie erlosch, stürzte er in eine tiefe Grube. Es tat einen festen Klatsch, als Bruder Wampo den Boden erreichte. Ein Wust von Reisig fiel hinter ihm her und überschüttete ihn. Sich aufraffend, warf er die stachligen Reiser von sich ab und fühlte nach seinen Gliedern; sie waren ganz und heil. »Ein Glück, daß ich gute Polster hab!« Er begann in der Finsternis umherzutappen. Überall griff er steile, glatte Erdwände, nirgends fand er einen Halt, an dem er sich hätte emporziehen können. Und den Rand der Grube konnte er mit den Händen nicht erreichen. Er tappte und tastete. Da geriet ihm etwas unter die Finger. Fest griff er zu, doch mit einem Schrei des Entsetzens wich er zurück. Seine Hände hatten struppiges Haar gegriffen. Und da fuhr auch schon ein unsichtbares Etwas im Kreis um ihn her wie der ledige Teufel. Bruder Wampo sah nichts, fühlte nur die Püffe, die er bekam, hörte ein Schnauben, ein Springen und Scharren – das währte eine Weile – dann war wieder Stille um ihn her. Er taumelte, geriet in eine Ecke und kauerte sich auf die Erde, mit lallender Stimme betend. Seine Glieder waren wie gelähmt, er wagte keinen Finger mehr zu rühren und starrte mit aufgerissenen Augen auf die zwei runden, glimmenden Lichter, die er nahe vor sich in der Finsternis erblickte. Wenn ihm die betende Stimme erlosch, vernahm er den fliegenden Gang lechzender Atemzüge, wie ein Jagdhund atmet nach der Hetze. Das Grauen machte ihm die Sinne wirbeln, und seine schweißtreibende Angst malte ihm das Bild eines Ungeheuers vor die Augen, mit Drachenflügeln und aufgesperrtem Rachen, groß genug, um einen Berg zu schlingen, geschweige denn das winzige Bröcklein, das Bruder Wampo hieß.

Fern, im Tal der Ache, klang die rufende Stimme Schweikers, und in Zwischenräumen tönte beim Lokistein die Glocke, die von Pater Waldram gezogen wurde, um den Verirrten heimzurufen. Weit drangen ihre Klänge in die stille Nacht hinaus, über die Gehänge des Göhl empor, über die Halden der Strub und das Tal entlang, bis zum Schönsee und zu Wazemanns Haus, an dem ein einsames Fenster in matter Helle schimmerte. Das Erkerfenster in Reckas Kammer.

Neben dem Spiegel flackerte die Leuchte. Mitternacht war vorüber, und noch immer stand das Lager unberührt. Recka saß im Erker. Stille herrschte draußen im Saal, im ganzen Hause. Nur aus dem Hofe war Geräusch zu hören: die gefangenen Raubtiere wachten in ihrem Käfig. Recka spähte nach dem Himmel. Ein bleicher Schein begann das Firmament zu erhellen und die Sterne zu löschen. Als hätte sie auf diese Helle gewartet, so nickte sie vor sich hin und erhob sich, streifte die Schuhe von den Füßen, nahm die Leuchte und schlich auf nackten Sohlen in die Herrenstube. Als sie zurückkehrte, schüttelte sie sich, wie um die Erinnerung des häßlichen Bildes, das sie gesehen, von sich abzuwerfen. Lautlos schritt sie hinaus in die Zeugkammer. Als sie den Unterstock des Hauses erreichte und an der Magdstube vorüberschlich, hörte sie das leise Gezwitscher eines Vogels: Ullas Liebling, der geblendete Star, sang in der Nacht.

»Der hat es gut. Er muß den Tag nimmer sehen.«

Über eine zweite Treppe ging es hinunter, und nun hielt sie vor der niederen Türe des Bußloches. Sie öffnete mit einem Schlüssel das Hängeschloß und schob den Riegel zurück. Als die Tür sich auftat und der Schein der Leuchte in den Kerker fiel, stand Recka ergriffen. Einen Verzweifelten wähnte sie zu finden und sah zwei Menschen, schlummernd in stillem Frieden. Eberwein saß auf dem Steinblock, an die Mauer gelehnt; von seinen Armen umschlungen, ruhte ihm der Knabe an der Brust; so schliefen sie, Wange an Wange.

Recka berührte die Schulter des Mönches. Als Eberwein erwachte und die vom Lichtschein umzitterte weiße Gestalt erblickte, die vor ihm stand wie herausgetreten aus seinen Wunderträumen, stammelte er: »Gott sandte seinen Engel.« Da erkannte er Recka und verstummte.

Huze schlug die Augen auf und zitterte beim Anblick der Wazemannstochter. »Schweige, Kind!« flüsterte Eberwein. Der Schein der Lampe fiel über das fahle Gesicht des Knaben mit den hohl liegenden Augen, über die abgezehrten, von Lumpen umhüllten Glieder und über die mit geronnenem Blut bedeckten Füße. Ein Grauen schüttelte Reckas Nacken. »Wer ist der Bub?«

»Ein Opfer deiner Brüder. Und kamst du, um mir die Freiheit zu bringen, so danke ich dir um dieses Knaben willen.«

Recka, zur Türe lauschend, sagte flüsternd: »Löset Eure Schuhe von den Füßen.« Eberwein ließ den Knaben auf den Steinblock nieder, löste die Sandalen und knüpfte sie an seinen Gürtel.

»Folgt mir!« Recka hob die Leuchte und schritt zur Tür.

Eberwein nahm den Knaben auf seine Arme. »Fürchte dich nicht!«

Da schüttelte der Bub den Kopf, und seine Augen glänzten. »Fürchten? Es ist doch der gute Vater mit uns.«

Fester umschlang ihn Eberwein, als er die Schwelle des Kerkers überschritt.

Recka schloß die Türe, schob den Riegel vor und drehte den Schlüssel um. Lautlos stiegen sie die Treppe hinauf. Noch immer sang der Star. Sie erreichten Reckas Stube. »Ich bitt Euch,« flüsterte Eberwein, »reichet mir Zeug, daß ich die Wunden des Knaben verbinde.«

Recka zog die Hirschdecke von ihrem Lager, riß von dem Hanftuch, das über die Haut geschlagen war, einen Streifen ab und schob ihn hinter den Gürtel des Mönches. Dann löschte sie die Leuchte und faßte Eberweins Arm. »Laßt Euch führen und seid ohne Sorge! Sie liegen im Rausch.«

Nun traten sie hinaus in die Herrenstube. Mondlicht fiel durch die offene Hallentür und durch die Fenster. Gestürzte Sessel lagen umher, auf dem verwüsteten Tisch und auf dem Estrich schimmerten die zinnernen Kannen; in ausgeronnenen Lachen spiegelte sich der Mondschein, und der verschüttete Met erfüllte den Raum mit widerlich süßem Geruch. Henning und Otloh lagen wie Klötze unter dem Tisch; vor der Tür, die zur Kammer der Buben führte, war Eilbert niedergesunken, und Herr Waze lag in den Kleidern auf seinem Spanbett, schnarchend, mit Kopf und Armen niederhängend über die Kante. Eberweins Schritte stockten. Recka zog ihn mit sich fort, in die Halle hinaus, hinunter in den Hof. Als sie dem Zwinger sich näherten, schlugen die Hunde an; mit leisem Lockruf machte Recka sie verstummen. An der Mauer öffnete sie eine Pforte, die gegen die Höhe des Berges führte. »Nach hundert Gängen teilt sich der Pfad, Ihr müßt zur Rechten schreiten und die Mauer umgehen. So gelangt Ihr auf den Reitweg, der Euch zur Ache führt,« ihre Worte klangen heiser, »und zum Haus des Fischers. Unter seinem Dache seid Ihr sicher. Er ist ein starker und redlicher Mann.«

Eberwein rückte den Knaben höher an die Brust. »Mag Gott Euch diese Stunde lohnen! Ihr habt getan an mir wie eine Schwester an ihrem Bruder.«

»Ihr, mein Bruder?« klang Reckas rauhe Antwort. »Ihr mahnet mich zur Unzeit, daß ich Brüder habe und einen Vater.« Von Eberwein sich wendend, schloß sie hinter ihm die Pforte. Sie wollte zum Hause schreiten; neben dem Zwinger sank sie nieder auf die Steine. Winselnd streckten die Hunde ihre Schnauzen durch die Lücken der Stangen und fuhren mit den heißen Zungen nach Reckas Gesicht und Händen.


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