Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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5

Unter Bäumen, zwischen denen der von ziehenden Wolken häufig verschleierte Mond nur mit spärlichen Lichtern glänzte, folgte Eberwein dem Pfad. Im Wirbel seiner Gedanken und in dem mit Finsternis wechselnden Zwielicht übersah er die Zweigung des Pfades und schritt zur Linken weiter. Auf einer kleinen Lichtung mußte er rasten, seine Arme zitterten unter der Last des Knaben. In der Mondhelle sah Huze das Antlitz seines Retters; leuchtend traf ihn der Blick dieser stillen Augen, und den Mönch umschlingend, seufzte der Knabe wie einer, der nach üblen Wegen die sichere Ruhstatt fand.

Nach einer Weile erhob sich Eberwein; er hatte die Sandalen angelegt, und mit gestärkter Kraft seinen Schützling tragend, folgte er dem Pfad, der sich nach kurzer Strecke über steile Stufen hinuntersenkte. Aus der Tiefe klang sachtes Rauschen, und durch die Nacht her leuchtete ein rötlicher Schein, wie der Glanz eines Herdfeuers bei offener Tür. Das mußte die Ache sein und der Herdschein des Fischerhauses, dessen Bewohner sich vor der Dämmerung schon zum Tagwerk erhoben hatten. So meinte Eberwein. Doch als er den Niederstieg über den steilen Pfad mühsam vollendet hatte, gewahrte er im Mondlicht, daß er auf engem, von Felswänden eingehegtem Raume stand, während vor ihm der See sich dehnte, in weitem Kreis umschlossen von den schwarzen Mauern der Berge. Sorge befiel ihn. Wie sollte es seinen erschöpften Kräften gelingen, den Knaben wieder empor zu tragen über die Felsen? Da leuchtete draußen im See der Feuerschein, und ein hoffender Gedanke zuckte in Eberwein auf: das ist der Fischer, der bei Fackelhelle die Netze wirft.

»Sigenot!« hallte der Ruf des Mönches in die Nacht. Keine Antwort. Doch Eberwein meinte zu gewahren, daß die Fackel näher käme. Auf einer Steinstufe saß er, den Knaben auf seinem Schoß, und harrte.

Der Himmel wurde bleich, es graute der Morgen, und der Feuerschein erlosch. In Eberwein verstummte jede Sorge vor der überwältigenden Schönheit des Bildes, das die schwindende Dämmerung vor seinen Augen entschleierte. In sachten Wellen schwankend, durchsichtig grün wie ein Smaragd, eine geheimnisvolle Flut, die mit jedem Wellenschlag das Lied der eigenen Schönheit sang, so dehnte der See sich in stundenweite Ferne. Die Ufer schienen keinen Pfad zu dulden; als hätte die Natur diese herrlichste ihrer Stätten geheiligt vor dem Fuß der Menschen, so stiegen die im Rund geschlossenen Berge steil aus der Flut und wuchsen zum Himmel. Dunkle Fichtenwälder und Laubgehölze, die im Welken alle Farben spielten, bekleideten die Gehänge, wie bunte Festgewänder die Fürsten schmücken, wenn sie den Thron umstehen. »Wahrlich, ein Thron der Schönheit,« rief Eberwein, »ein königlicher See! Er soll den Namen führen, der ihm gebührt.«

Immer herrlicher traten alle Formen und Farben aus dem Duft des Morgens hervor, neue Schönheit wuchs hinter jedem weichenden Schatten, und die Gießbäche schimmerten, als gössen geheimnisvolle Hände flüssiges Silber über die Wände. Ein hoher Felsgrat und der weiße Schnee der höchsten Kuppen begann schon zu leuchten im ersten Glanz des nahenden Tages. Rot säumten sich die Wolken, die hoch durch die Lüfte schwebten wie geflügelte Boten. Träumend blickte Eberwein zu ihnen auf. Er sah die leuchtende Strahlengarbe, die von Osten über die Höhen loderte, und ihm war, als hätte der Himmel sich aufgetan und eine Stimme riefe: »Preise die Größe meiner Allmacht! Genieße, was ich schuf zur Freude der Menschen!«

Aus seiner Versunkenheit riß ihn ein leiser Wehlaut des Knaben. »Hast du Schmerzen?« Der Bub schüttelte den Kopf und lächelte. Hastig trug ihn Eberwein zum Ufer und ließ ihn auf weichen Rasen nieder. Mit dem Tuche, das er am Gürtel fand, wusch er ihm die von Blut überronnenen Füße und verband die Wunden. Der Knabe lispelte: »Wie das kühlet, wie das wohltut!« Und nach einer Weile fragte er: »Gelt, das alles tust du an mir, weil's der gute Vater so will?«

Eberwein konnte nicht sprechen; die Prüfung der Wunden hatte ihm gesagt, daß der Knabe an den Füßen gelähmt sein würde fürs ganze Leben. Huze, der nicht sah, was in den Zügen des Mönches redete, blickte zum leuchtenden Himmel auf: »So gut, wie der, ist keiner nimmer!« Und als die Binden geschlossen waren, sagte er: »Ich mein', ich müßt schon laufen können?« Er zog sich an Eberwein in die Höhe. Der Glaube gab ihm Kraft. Er konnte stehen. Mit klunkernden Füßen tat er ein paar kleine Schritte; dann sank er auf einen Stein. »Es geht schon wieder. Ein lützel hinken werd ich halt müssen. Das tut nichts. Wer schnell hinket, kommt auch vom Fleck! Freilich, hinauf –« seine Augen suchten die Almen, »hinauf werd ich wohl nimmer können. Aber herunten ist auch ein gutes Weilen.«

Wortlos streifte Eberwein mit der Hand über das Haar des Knaben.

Da deutete Huze: »Schau, dort schickt uns der gute Vater auch schon das Schiffl her!«

Eberwein sah den Einbaum schwimmen, noch ferne, doch nahe dem gleichen Ufer, und der Kahn schien sich zu nähern. Nun lenkte er jäh zur Seite, hinter einer Biegung der Felswand verschwindend. Eberwein wollte rufen; da hörte er von der Höhe die Stimme Reckas: »Ulla! Hier! Nimm den Mantel und bring ihn mir hinunter an das Ufer.« Auf einer vorspringenden Felsplatte erschien sie, von einem weißen Mantel umhüllt. Durch die Lücken des Buschwerks blickte Eberwein empor und sah, wie Reckas entblößte Schultern sich aus der Hülle hoben. In Schreck umschlang er den Knaben. Und sah den Mantel niedergleiten, sah den schimmernden Körper von der Höhe stürzen, umflattert vom Goldhaar, und sah ihn niedertauchen in die Flut. Als das Wasser rauschte, riß Eberwein den Knaben auf seine Arme und eilte durch die Büsche am Ufer hin, bis die Felswand seine fliehenden Schritte hemmte. Auf den Knien, mit hämmernden Pulsen, drückte er den Knaben an sich. Er mußte jedes Wort vernehmen, das Recka aus den Wellen rief, jedes Wort, das die alte Magd erwiderte. Und er hörte das Wasser plätschern, als die Badende an das Ufer stieg und nach der Hülle verlangte.

»Schau nur, wie du zitterst!« jammerte die Magd.

»Es war wie Eis. Aber diese Nacht ist weggespült!«

Die Stimmen entfernten sich und verklangen auf der Höhe des Felsenpfades; durch die Büsche schimmerte noch der weiße Mantel.

Da rang es sich von Eberweins Lippen: »Hiltischalk! Vergib mir!«

Scheu blickte Huze in das brennende Gesicht des Mönches. »Was hast du, Gottesmann? Warum tust du dich fürchten vor ihr? Sie hat uns doch geholfen in der Not!«

Gedämpfte Stimmen klangen, und der Schlag eines Ruders ließ sich vernehmen. Eberwein sprang auf und trug den Knaben durch die Büsche ans Ufer. Als seine Augen niederblickten in die klare Flut, gewahrte er ein wundersames Bild: in der Tiefe des Wassers, auf grünem Moosgrund, hing mit gebreiteten Schwingen ein verendeter Schwan im Kraut verbissen; sacht bewegte der Wellengang das schneeige Gefieder und rührte die Leichname zweier Falken, die im Tod noch ihre Fänge um den Hals des Schwans geschlagen hielten.

»Wer sendet mir diesen Anblick?« stammelte Eberwein. »Wie die Falken an diesem Schwan, so hängen Zweifel und Sünde an meinem Herzen. Herr! Laß mich niedertauchen in die Tiefen deiner rettenden Liebe!«

An der Biegung der Felswand glitt der Einbaum hervor. Sigenot erkannte den Mönch und trieb den Kahn zum Ufer. Eberwein ließ sich mit dem Knaben in den Einbaum heben, wußte aber kaum, wohin die Füße stellen; der Boden des Kahnes war bedeckt mit den Fischen, die in der großen, an einem Weidenseil nachschwimmenden Kufe nicht mehr Platz gefunden hatten. Immer dem Fuß der Felswand folgend, trieb Sigenot mit wuchtigen Ruderschlägen das Boot. Den Knaben auf seinem Schoß, saß Eberwein mit gesenkten Augen; er schien nicht zu sehen, nicht zu hören. Doch Huze gab Antwort auf die Fragen des Fischers und erzählte von seinem Leiden, von dem Wunder seiner Rettung.

Hinter dem Nachen schloß sich der Weitsee. Vom Duft des Morgens umflossen, lag die Lände und das Fischerhaus, auf dessen Moosdach sich der Herdrauch kräuselte. Dünne Nebel dampften aus dem Röhricht und hoben sich in die weißen Lüfte, als trügen sie den immer dichter ziehenden Wolken Kunde aus der Tiefe zu.

Der Einbaum fuhr in den Sand, es wurde lebendig im Hag. Eigel und die beiden Sennen kamen gelaufen. Als der Mönch aus dem Nachen stieg, fiel der Kohlmann vor ihm nieder und küßte den Saum seines Kleides. Eberwein sah ihn nicht; seine Augen hingen an dem ragenden Kreuz. Er eilte dem heiligen Zeichen entgegen, beugte das Knie, umklammerte den Stamm und preßte die Stirne an das Holz.

»Er redet mit seinem guten Helfer!« flüsterte Sigenot. »Laßt ihn allein! Tragt den Buben ins Haus!«

Huze wollte sich nicht tragen lassen. »Ich geh. Mir hilft einer!« Seinen Schmerz verbeißend, richtete er sich auf und duldete kaum, daß Wicho und Eigel ihn stützten, als er Schrittlein um Schrittlein dem Hagtor entgegenhinkte.

Es währte lange, bis Eberwein sich erhob. Unter dem Tor trat Sigenot vor ihn hin und sprach: »Eh du den ersten Schritt in meine Hofreut tust, laß raiten mit dir! Wie ich selbigsmal von dir gegangen bin, hab ich gemeint, ich könnt wiederkommen, mit Hundert hinter mir. Ich kann mein Wort nit lösen. Frag nit, warum! Aber mich nimm ganz, mich und meine Leut! Und wo der Mann ist, muß sein Haus sein.« Er zog das Messer, schlug vom Pfosten des Hagtors einen Span und legte ihn in Eberweins Hand. »So nimm mein Haus mit allem Recht und Eigen! Tu mit ihm nach deinem Willen, laß mir die Nießung oder gib sie einem anderen. Du bist der Herr.«

»Was du bietest, soll gelegt sein in Gottes Hand!« erwiderte Eberwein. »Du aber schalte in deinem Haus als freier Mann. Tage des Glückes und der Ruhe sollen blühen unter deinem Dach.«

»Glück, Herr?« Schwer hob sich die Brust des Fischers. »Hätt ich die Ruh allein, ich wär zufrieden.«

»Sigenot, was bedrückt dich?«

Da klang es wie ein Schrei aus tiefer Qual: »In mich ist Feuer gefallen. Bei lebendigem Leib verbrennt mein Herz. Wo ich hassen müßt –« Sigenot verstummte. Seine heißen Augen blickten über den See hinaus, zur Höhe der Falkenwand.

Eberwein sah diesen Blick. »Sigenot?« stammelte er. Und wortlos umschlang er den Fischer. –

In Wazemanns Haus kläfften die Hunde.

Es stieg der Morgen.

Im Tal der Ache hoben sich schwere Dünste aus allen Sümpfen und zogen wie schleichende Gespenster durch den Wald und über die Halden.

Die grauen Schleier senkten sich auch in die Wolfsgrube, in welcher Bruder Wampo gefangen saß. Noch immer kauerte er in der Ecke, die schlotternden Backen überronnen von kaltem Angstschweiß; ihm gegenüber, in einen Winkel gedrückt, hockte der Wolf wie ein Hund auf den Hinterbeinen. Die lechzende Zunge hing ihm zwischen den Zähnen hervor, und seine Augen waren unverwandt auf den Gesellen in der Grube gerichtet, der dem Wolf nicht minder schrecklich erschien als der Wolf dem Bruder. Wampo redete mit keuchender Stimme; seit das erste Grau des Tages in die Grube gefallen, hatte er die Zunge nicht ruhen lassen; verstummte er, so wurde das Tier unruhig – sprach er, so saß der Wolf mit schiefem Kopf und äugte nach den tönen den Lippen, halb in Scheu und halb in Neugier. Alle Gebete, die er wußte, alle Lieder und Litaneien, deutsch und lateinisch, hatte Bruder Wampo schon hergesagt. Auf die Psalmen Davids waren Salomonis Sprüche gefolgt. Er hatte dem Wolf die schöne Geschichte der holden Ruth erzählt und war von der Königin Esther auf Hiob geraten, als fern im Wald die rufende Stimme Schweikers klang. Ein Zittern befiel den Bruder; er wagte weder zu schweigen noch zu schreien; nur langsam hob sich seine erschöpfte Stimme. Näher klangen die Rufe Schweikers. Der Wolf wurde unruhig, sein Haar sträubte sich, und mit funkelnden Augen streckte er den Hals. Schritte ließen sich hören. Schweiker kam durch den Wald gegangen.

»Nit wehren will ich meinem Munde,« scholl Hiobs Klage in der Grube, »will reden von der Bedrängnis meines Herzens und will heraussagen von der Betrübnis meiner Seele –«

Schweiker erkannte die Stimme. »Bruder?« schrie er und spähte in den leeren Wald.

»Bin ich denn ein Meer oder Walfisch, daß du mich so verwahrest!« klang es lallend aus der Erde. »Wenn ich gedacht –«

»Bruder, wo bist du?« In langen Sprüngen folgte Schweiker dem Hall dieses biblischen Jammers und fand die Grube. »Allmächtiger!« stammelte er und griff nach dem Beil, das er im Gürtel trug. Da erloschen die betenden Worte unter lautem Gezeter. Mit tollem Satz war der Wolf auf Wampo losgesprungen, und des Bruders Glatze als Schemel benutzend, schwang sich das Tier zum Rand der Grube. Schon wirbelte Schweiker das Beil. Einen Sprung noch tat der Wolf, dann stürzte er blutend ins Moos. Ein wuchtiger Hieb endete sein Leben. »So soll es jedem ergehen, der wider uns anspringt!«

Wampo hüpfte wie ein Frosch, um die Hände zu fassen, mit denen Schweiker in die Grube hinuntergriff. Das kostete ein festes Ziehen, obwohl das gewichtige Bäuchlein nach dieser Nacht um etliche Pfund erleichtert war.

»Bruder! Das soll dir Gott vergelten mit reichem Himmelsbrot!« stöhnte der Erlöste. Er fühlte nach seiner Glatze, ob sie nicht blutete, wischte den Angstschweiß vom Gesicht und taumelte ins Moos, alle viere streckend.

Schweiker warf sich zu ihm. »Dich hab ich! Aber wo ist der Herr?«

»Ich weiß nit. Laß mich nur erst mich selber finden!« Wampo war so erschöpft, daß ihm die Sinne zu schwinden drohten. Der Anblick des erlegten Raubtiers machte ihn wieder lebendig. »Schweiker, das Fell muß ich haben für mein Bett! Ich mein', ich hab's verdient.« Lachend nickte Schweiker, hob den Wolf auf seine Schulter, und so traten sie den Heimweg an.

Eine Stunde später war Bruder Wampo an Leib und Seele gestärkt. Der Sterz mit Wasser hatte ihm noch nie so köstlich gemundet wie an diesem Morgen. Nun lag er auf seiner Stangenpritsche. Kein Laut störte seine Ruhe. Er war allein. Waldram und Schweiker waren ausgezogen, um nach Eberwein zu forschen.

»Er hat den Leutpriester in der Ramsau aufgesucht, dort will ich fragen nach ihm!« hatte Waldram gesagt und war hinausgewandert gegen die Strub.

»Er muß bei dem kranken Kindl gewesen sein, dort will ich suchen!« meinte Schweiker und stieg über die Gehänge des Göhl empor. Als er die Höhe erreichte und den Hag des Greinwalders erblickte, hämmerte sein Herz. Er meinte, es käme vom raschen Gang. Mit Faust und Grießbeil schlug er an das geschlossene Tor. »Tut auf in Gottes Namen!«

Hinter dem Hag blieb alles still. Er trommelte auf die Bohlen und schrie: »Tut auf! So tut doch auf!« Da war ihm, als klänge vom Haus ersticktes Weinen an sein Ohr. Der Schreck fuhr ihm in alle Glieder. »Da muß ein Unheil geschehen sein!« Waren Wazemanns Söhne in den Hag gefallen? Hatten sie den Bauer und die Bäuerin niedergeschlagen? Und war die Hirtin – Er dachte nicht weiter. »Hinzula!« schrie er, warf das Grießbeil fort und rannte mit der klobigen Schulter gegen das Tor. Die Bohlen krachten, der Riegel splitterte, und Bruder Schweiker hatte freien Weg. Er raffte einen Prügel von der Erde und stürzte dem Hause zu. Unter der Türe trat ihm die Bäuerin entgegen und knickte fast zu Boden vor Schreck, als Schweiker den Knüppel schwang und brüllte: »Wo sind die Buben? Wo sind sie?«

»Was für Buben? Ich hab nur einen. Der ist auf der Alben.«

Schweiker ließ den Prügel fallen und griff mit beiden Händen an seinen Kopf, in dem er einen Wirbel spürte, als wären seine Gedanken ein Häuflein Blätter, die der Wind gefaßt. Hinter dem Stall kam der Greinwalder hervorgeschlichen. »Da hört sich doch alles auf! Gleich ein Loch in den Hag rennen! So ein Unfürm!« Er ging zum Tor und besah den Schaden.

»Warum habt ihr das Tor nit aufgetan?« stammelte Schweiker.

Das Weib wurde rot bis hinter die Ohren. »Was willst du denn?«

Schweiker mußte sich besinnen; nach einer Weile fiel es ihm ein: »Meinen Herrn hab ich suchen wollen. Ist er nit dagewesen?«

Verlegen suchte die Bäuerin nach Worten. »Hab nichts gehört, hab nichts gesehen.«

Schweiker machte ein paar Schritte gegen das Tor, blieb stehen und fragte: »Wie geht's ihr denn?«

»Gut!« sagte die Bäuerin hastig. »Du brauchst keine Sorg nimmer haben. Sie wird bald wieder hüten können.«

Ein tiefer Seufzer, und Schweiker wollte gehen. Da klang es aus der Stube: »Gottesmann!«

Mit einem Sprung war Schweiker bei der Türe. Im Halbdunkel der Stube leuchtete ihm vom Bett das Gesichtl der Hirtin und die weiße Binde entgegen. »Kindl!« Mehr brachte er nicht heraus. Als er nähertrat, sah er ihre verweinten Augen. »Gelt, so hab ich doch recht gehört!« stammelte er. »Was ist denn geschehen, Kindl? Warum hast du geweint?«

»Weil –« Hinzula gewahrte die Zeichen, die ihr die Mutter hinter dem Rücken des Mönches machte. Sie senkte die Augen und lispelte: »Weil ich Schmerzen hab.« Erschrocken faßte er ihre Hände, setzte sich auf die Kante des Lagers und betrachtete kummervoll ihr blasses Gesicht. »Mir ist schon wieder ein lützel besser«, flüsterte sie lächelnd und ließ sich auf das Heupolster zurücksinken. »Tu nur meine Händ nit auslassen!« Bruder Schweiker hielt fest. Nach einer Weile wurde er unruhig und drehte immer wieder das Gesicht zur Türe. »Was schaust du denn allweil?« fragte sie.

Er zögerte mit der Antwort. »Ich werd wohl fort müssen.« Sie hob sich erschrocken auf, und ihre zitternden Finger umklammerten seine Hände. »Schau, Kindl, ich muß meinen Herrn suchen!«

»So gut ist mir, wenn deine Händ mich halten. Völlig gesunden hätt ich können. Jetzt gehst du, und da muß ich wieder liegen in Schmerzen.«

Bei dem Zwiespalt, in welchen Bruder Schweiker geriet, fiel es ihm gar nicht auf, daß dem Druck seiner Hände eine so wundersame Heilkraft innewohnte. Was sollte er tun? Konnte er gehen? Durfte er bleiben? Im Wirbel dieser Fragen fiel es ihm ein, daß Eberwein einst zu ihm gesagt hatte: »Findest du ein Menschenkind in Schmerzen, so denke nicht deiner selbst, nicht deiner Brüder und des Klosters! Not hat kein Gebot als nur das einzige des Erbarmens!« Und nun war sein Herz des Erbarmens so voll, daß es ihm fast zerspringen wollte. »Kindl! Wenn du Schmerzen hast, da muß ich bleiben. Das hat er selber gesagt.«

Über die Züge der Hirtin ging es wie Sonnenschein. Draußen leuchtete kein Strahl. Grau hing das dichtgeschlossene Gewölk über dem Tal. Kein Windhauch regte sich, und trübes Zwielicht verschleierte die Farben. Über allem Leben der Erde lag's wie eine dumpfe trostlose Stimmung.

Dunkler und dunkler sammelten sich die Wolken. Aus allen Bergscharten tauchten sie auf, glitten die Gehänge entlang und drängten sich über dem Tal zu Hauf, als wäre in den Lüften ein Thing berufen, das entscheiden sollte über die kommende Zeit.

In schwärzlichem Blau wälzte sich ein gesonderter Wolkenzug hinter dem Totenmann über das Ramsauer Tal einher.

Die ziehenden Schwaden streiften den steilen Bergwald, durch den der alte Runot von den Almen niederstieg. Er hatte seine Buben gerufen, um mit ihrer Hilfe sein in Trümmer gefallenes Haus wieder aufzurichten. Als er am Kirchlein vorüberschritt, sah er das greise Paar auf der Steinbank unter der Linde sitzen, bei der die Erde gelb war von gefallenen Blättern. Der Bauer deutete zu den Wolken hinauf: »Die tragen den weißen Winter im grauen Kittel.«

»Wohl,« nickte Hiltischalk, »tummel dich nur, daß du dein Häusl unter Dach bringst, eh der Schnee kommt.«

»Es wird sich machen. Bieten doch alle Nachbarsleut die Hand zum Schaffen.«

»Recht so! Nur fest zusammenhalten! Bei solchem Bund ist Gottes Segen.«

Der Bauer wanderte weiter.

»Ist ein guter Mann!« nickte der Greis. »Gott wird ihm das neue Haus behüten.«

»Ja, das wird er!« sagte Hiltidiu mit ihrer leisen Stimme und blickte auf das Sträußlein in ihren Händen. Es waren welkende Heideblumen. »Meinst du, heut kommt er noch?«

»Freilich! Hat's ja durch die Mätzel sagen lassen!« Hiltischalk tastete an seiner Kutte. »Hab ich das Birkenblättlein?« In einer Tasche fühlte er die Rinde. »Wohl! Ich hab's.« Dann schlang er den Arm um die Greisin. »Gelt, ich hab halt wieder einmal recht gehabt! Das war das erstemal gewesen, daß ich umsonst gerufen hätt.« Sinnend lächelte er vor sich hin. »Unser Leben? Ein Greuel vor Gottes Aug? Ja, freilich, das wird wohl ein Greuel gewesen sein: beim letzten Sturmwetter, wie ich dem kranken Buben das heilige Himmelsbrot durch Hagel und Wind hinausgetragen hab zum Schwarzeck! Und wie du an meiner Seit gegangen bist, mit dem ewigen Lichtlein, mein Stab und Stecken auf dem frommen Weg!«

Eine Erinnerung knüpfte sich an die andere. Durch die vielen Jahre, die sie Hand in Hand durchwandert hatten, ging ihr Gedenken zurück bis in die längst entschwundene Jugend, bis zu jener Stunde, in der ihre Herzen sich gefunden hatten zwischen Tod und Leben.

»Sag, Hilti, denkst du noch an jene Nacht?«

»Wie ich keine Ruh mehr gehabt hab und kein Aug mehr schließen hab können? Und auf einmal ist mir gewesen, als hätt eine Stimm gerufen: Steh auf und laß ihn nit allein!«

»Es war eine harte Stund. Alle sind wider mich gestanden. Aber ich hab gewußt: mit mir ist einer, stärker als alle! Ihren sündhaften Feuerstoß hab ich niedergeworfen und hab die Axt gehoben und hab den Schlag getan auf ihren Heidenbaum.«

»Und wie der alte Schwarzecker den Stein gehoben hat, bin ich dazugekommen.«

»Und hast dich hingeworfen vor mich und hast gerufen: ›Mein guter Herre, du mein Gott!‹ Du, die erste, die mir's nachgeredet hat!« Hiltischalk streifte mit zitternder Hand das weiße Tüchlein von der Stirn der Greisin. »Schau, noch allweil sieht man die Narb! Wie ein Schlänglein lauft sie hinein unters graue Haar. Aber gelt, ich hab dir das Blut gedankt? Gelt, ja?«

»Mit Lieb und Treu, mit tausend Freuden.«

Ihre welken Hände faßten sich. Die Blätter fielen, und hoch in den Lüften, fast im Gewölk, eilte eine Schwalbenschar der Ferne zu.

Die Greisin fuhr auf. »Er kommt! Zwischen den Bäumen seh ich den weißen Rock.«

»Wohl, das ist er!« lachte Hiltischalk. Und so schnell, als die alten Füße sie trugen, eilten sie zum Tor der Umfriedung. »Willkommen, willkommen!« rief der Greis. Und verstummte. Und sah erschrocken zu Pater Waldram auf, der wankend den Hof betrat. Keuchend ging der Atem des Mönches; seine bleiche Wange war blutig geschunden wie von einem Sturz, und übel hatten die Dornen des Weges, die Schlammpfade und Äste des Urwalds seine weiße Kutte zugerichtet. Und was er auf diesem Weg von Menschen erfahren hatte, redete aus dem gereizten Klang seiner ersten Worte: »Steht dieses Tor dem Diener Gottes offen oder nicht? Wo sind die Hunde, um mich zu jagen? Wo die Steine, die mich treffen sollen?« Seine Hände griffen nach einer Stütze, und taumelnd sank er auf die Steinbank nieder.

In Sorge stammelte Hiltischalk: »Lauf, Hilti, lauf, bring Speis und Trank, daß wir den Müden laben! Der gute Bruder ist völlig von Kräften.«

Die Greisin eilte ins Haus. Bei Hiltischalks letzten Worten hatte Waldram sich aufgerichtet. »Ohne Kraft ist nur, wen Gott nicht stärkt!« Er hob die Arme. »Ich stehe auf geweihter Erde, und mir ist wohl!«

»Freilich, aber der schwache irdische Leib –«

»Rede nicht unnütz! Bist du Hiltischalk, der Leutpriester in der Ramsau?«

»Wohl, der bin ich. Und du bist von den Gadener Brüdern einer? Hat der gute Herr nicht kommen können? Hat er dich geschickt, um mir die Ruh zu bringen?«

»Mich hat die Sorge geführt. Eberwein, mein Propst, ist gestern mit dem Morgen ausgezogen und nicht heimgekehrt.«

Der Greis erschrak. »Allgütiger Himmel! Es wird ihm doch kein Unheil widerfahren sein?«

»Er war bei dir?«

»Freilich, und meine Magd hat ihn geführt und hat das Sträußlein von ihm gebracht und das Birkenblatt. Und hat mir ausgerichtet: heut will er kommen. Stund um Stund schon warten wir auf ihn mit Schmerzen. Wenn mir der liebe Bruder auch das Birkenblatt geschickt hat und das Sträußlein für mein gutes Weib –« Der Greis verstummte.

Wie vor einem Aussätzigen war der Mönch zurückgewichen. »Dein Weib? Du sagst: dein Weib, und es öffnet sich unter deinen Füßen nicht die Hölle?«

»Aber Bruder,« stammelte Hiltischalk, »laß reden mit dir in Ruh!« Seine Stimme dämpfte sich zu zitterndem Flehen. »Schau, da kommt meine gute Hilti –«

Die Greisin trat aus dem Haus, achtsam ein Kännlein Milch in den Händen tragend; Mätzel folgte ihr mit Brot und Käse. »Nehmet, lieber Gast, und genießet der Gottesgab!«

»Lästere nicht den Himmel mit diesem Wort!« klang Waldrams schrille Stimme. »Eh soll der Hunger mich töten, eh meine Lippe kostet, was du berührtest mit verfluchten Händen!« Er schlug die Kanne aus der Hand der Greisin. Bleich stand Hiltischalk, zu Tod erschrocken sein Weib. Mätzel ließ die hölzerne Schüssel fallen, rannte kreischend aus dem Hof, und durch das Tal hin klang ihr Geschrei um Hilfe.

»Herr,« keuchte Hiltischalk, »übel tust du an meinem Weib!« Er trat vor Hiltidiu hin und breitete schützend die Arme. Da zog ihn die Greisin an sich und sagte zu Waldram: »Redet nit so bös! Blicket her auf unser weißes Haar und habet Ehrfurcht vor dem Alter!«

»Ich kenne nur eine Ehrfurcht: die Ehre, die ich dem Himmel gebe, die Furcht vor Gott. Wider den Himmel habt ihr gefrevelt, Gottes Wohnhaus habt ihr entweiht zur Stätte des Lasters! Wollt ihr der Hölle nicht ewig verfallen sein, so zerreißet ohne Zögern den verruchten Bund, den der Teufel segnete! Löset eure Hände! Tretet auseinander! Ihr sollt geschieden sein wie Tag und Nacht. Meer und Berge sollen liegen zwischen euren Leibern.«

Die flammende Kraft dieser Worte versagte auf das greise Paar die Wirkung nicht. Wohl lagen ihre Hände wie festgeschmiedet, doch in ratlosem Jammer sahen sie einander in die Augen.

»Hört ihr das Geheiß der Kirche nicht? Mit jedem Atemzug, den ihr Seite an Seite schöpfet, mehrt ihr eure Sünde. Verflucht ist jeder Blick, den ihr Auge in Auge taucht.«

»Bruder, Bruder!« bettelte Hiltischalk und wühlte aus seiner Tasche das Birkenblatt hervor. »Lies doch, welche Botschaft uns dein Propst gesendet!«

Waldram las. In Entsetzen schleuderte er das Blatt von sich. »Er sandte dir diese Worte? Er? Und wußte, daß du in Buhlschaft lebst?«

Hiltidiu schlug die Hände vor das Gesicht, der Greis aber richtete sich auf, als wäre seinen Gliedern Kraft und Jugend wiedergekehrt. »Sag das Wort nit wieder! Ich und meine Hilti leben in frommer, gottesfürchtiger Eh. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nit scheiden! Das hat mir einer gesagt. Dem glaub ich mehr als dir.«

»Er wußte um deine Sünde und mißbrauchte das heilige Wort? Er hat gehandelt wider Eid und Pflicht, hat die Treue gebrochen, die er der Mutter Kirche zugeschworen! Und ich frage noch, weshalb er nicht heimkehrte? Geh doch, suche die Tiefe, in die ihn Gott gestürzt zur Strafe seines Treubruchs!«

Hiltischalk zog das tränenüberströmte Gesicht seines Weibes an seine Brust. »Laß ihn reden, Hilti! Wir zwei können nimmer voneinander. Gewachsen sind wir, sind gestanden Seit an Seit, zwei gute feste Bäum, die Äst verflochten, daß keiner mehr die Blätter scheidet, die Stämm aneinander gewachsen, daß zwischen ihnen nimmer Platz ist für den Beilhieb. Uns löset keiner mehr. Laß gut sein, Hilti! Es gibt kein Beil, das solche Schneid hat.« Er faßte das Haupt der Greisin und küßte ihr weißes Haar.

Waldram schwieg, als wäre ihm ein menschliches Rühren in das Herz geschlichen. Nun griffen seine Hände nach dem Kreuz am Gürtel, und seine Stimme schrillte: »Wagt sich die Hölle schon heran an mich? Weichet von mir, ihr Geister der Verführung! Mit mir ist Gott!« Er trat auf die beiden zu. »Ihr wollt das Wort der Kirche nicht hören. So leg ich zwischen euch das Kreuz!«

Da stürzte Mätzel schreiend in den Hof. Ihr folgte ein lärmender Haufe von Männern, Weigern und Kindern. Sie umringten das greise Paar, die Weiber griffen nach Steinen, die Männer hoben die Fäuste, und ihr Geschrei erfüllte den Kirchhof. Waldram trat zurück, seine Augen glühten. »Wollt ihr den Diener Gottes morden? Schwinget die Steine! Lasset die Fäuste fallen auf mein Haupt! Ihr seht, ich rühre keinen Arm zu meinem Schutz!« Da wurden sie still, ließen die Fäuste sinken, die Steine fallen; man hörte nur das Rauschen der Ache und das Schluchzen der Magd, die zu Hiltidius Füßen kauerte. Waldram hob das Kreuz. »Fühlt ihr, daß ich ohne Waffe stärker bin als ihr mit euren Steinen und Fäusten? Kommt die Furcht euch an vor jenem, der über den Wolken wohnt als meine Hilfe? Ein Hauch aus seinem Munde, und ihr seid wie dürre Blätter! Doch Gott der Herr will euer Elend nicht. Er hat mich ausgesandt, um euch zu retten. Höret mich, ihr Betrogenen! Wenn ihr nicht sinken wollt in ewiges Verderben, so löset euch von diesem Manne, der als falscher Hirte unter euch gestanden, ein Wolf in eurer Herde!«

Alle Augen wandten sich auf Hiltischalk, und einer der Männer rief: »So red doch, Bruder Hiltischalk! Wie darfst du so was sagen lassen wider dich? Du, der allweil zu uns gewesen ist wie ein Vater zu seinen Kindern!«

»Wie ein schlechter Vater,« klang Waldrams hallende Stimme, »der Not und Jammer über seine Kinder ruft! Tretet hinweg von ihm! Jede Stätte, die sein Fuß berührte, ist verflucht!« Eine der Frauen griff nach ihrem Knaben und riß ihn aus der Nähe des greisen Paares, ein paar Männer schüttelten die Köpfe und schlichen zur Linde, und die anderen redeten mit wirren Worten zu Hiltischalk, während Waldrams Stimme tönte: »Löset euch von ihm, der in Sünden lebte, im Bunde mit der Hölle! Löset euch von ihm, der das priesterliche Kleid besudelte und dies heilige Haus entweihte!«

Einer der Männer, die bei Hiltischalk geblieben waren, rüttelte den Arm des Greises und schrie: »So red doch, Mensch! Wir müssen von dir selber hören, ob du so getan hast! Red doch! Red!«

Hiltischalk, ohne ein Wort zu sprechen, sah mit verstörten Augen um sich her.

»Seht, wie Gott mit Stummheit seine Zunge schlägt und die Lüge erstickt auf seinen Lippen!« Die Hand streckend, trat Waldram auf den alten Priester zu, mit steinernem Gesicht und flammenden Augen. »So lös ich von dir das heilige Zeichen, das du geschändet!« Er riß das hölzerne Kreuzlein von der Brust des Greises. »Du bist dem Bann verfallen, verlustig deines Amts und deiner priesterlichen Würde! Die Weihe sei getilgt von deinem Haupt! Was du gebunden, sei gelöst, was du gesegnet, sei verflucht!« Er wandte sich zu einem Weibe. »Hat er dein Kind getauft? So hat er es der Hölle übergeben! Reiß es hinweg von ihm und trag es in Gottes Haus, ich will dir helfen, daß Gott deines Kindes sich erbarme!« Erschrocken hob das Weib ihren Knaben an die Brust und lief in die Kirche, während Waldram den Arm eines Mannes faßte. »Vergab er deine Sünden? Reichte er deinen Lippen das Sakrament? Unseliger! Dein Herz ist schwer von Schuld, das Brot der Hölle hast du genossen! Wirf dich auf die Knie und bete, daß Gott dir gnädig sei!«

Murrende Stimmen ließen sich hören, doch mit wilder Kraft übertönte sie der Zorn des Mönches. »Folget mir, alle, die dieser falsche Hirte der Hölle zugeführt! Schreiet zu Gott um Gnade! Oder es könnte geschehen, daß der Himmel sein Feuer wirft auf das entweihte Haus!«

»Beim letzten Unwetter hat der Blitz in die Kirch geschlagen,« kreischte eine Weiberstimme, »und hat das Kreuz geworfen und das Dach verbronnen!« Da lichtete sich der Kreis, der die zwei alten Menschen noch immer in Treue umstanden hatte.

Hiltischalk und Hiltidiu hatten aus den Leuten der Ramsau allzu gläubige Christen gemacht, als daß der Himmel und die Hölle, die Waldram vor ihnen beschwor, ihre Gemüter nicht hätte erfüllen sollen mit drückendem Bangen. Das kleine Kirchlein füllte sich, und es wurde einsam um das greise Paar, das in sprachlosem Jammer um sich herstarrte wie auf eine stürzende Welt.

Von allen, die um Hiltischalk und Hiltidiu gestanden, war nur die blöde Magd geblieben. Mit verzerrtem Gesicht und aufgerissenen Augen kauerte sie auf der Erde. »Willst du allein dem Himmel nicht folgen?« rief Waldram und faßte ihren Arm. »So will ich dich der Hölle mit Gewalt entreißen!« Keuchend wehrte sich Mätzel; doch Waldram zog sie zur Kirche und in das offene Tor.

Mit zitternden Händen griff Hiltischalk nach seinen Augen, als müßte er eine Binde niederreißen, die ihm das Sehen wehrte. »Hilti!« lallte er. »Komm! Jetzt müssen wir rufen zu ihm. Er muß uns hören. Er muß!« Sein Weib an der Hand, taumelte er auf die Kirche zu. Waldram stand vor dem Tor: »Weiche von dieser Schwelle, die dein Fuß entweiht! Hier wohnt der Himmel. Wo du bist, brennt die Hölle.« Das Kreuz erhebend, trat er zurück in die Dämmerung der Kirchenhalle. Dröhnend schloß sich das Tor, und der eiserne Riegel klirrte.

Hiltischalk griff ins Leere; er drohte niederzusinken. Hiltidiu stützte ihn; mühsam bezwang sie ihre Tränen und redete zu ihm mit ihrer sanften, leisen Stimme. Immer schüttelte er den Kopf und wehrte zornig mit den Händen. Wie hätte er auf Worte hören sollen? Er sah in Scherben liegen, was sein reiner Glaube und die Liebe erbaut hatten in seinem Herzen. Er sah das Haus zerstört, darin er gewohnt in Glück und Frieden. Durch sechzig Jahre hatte er gesät. Wie lag die Ernte jetzt vor ihm? Verwüstet in einer kurzen Stunde! Wovon nun sollte er zehren? Und wie noch leben?

Verstört sah er sein Kirchlein an, sein Haus, die welkende Linde und die Gräber. Dann hob sein Blick sich empor zum grauen treibenden Gewölk. Keuchend rang es sich aus seiner Brust: »Rufen muß ich! Hat er mich nie gehört, heut muß er mich hören! Und darf ich auch nimmer hinein in das heilige Haus – komm, Hilti, komm, ich weiß ein Kirchl, wo ich rufen kann, ein Fleckl, wo er mich hören muß!«

Er faßte den Arm der Greisin und riß sie hinter sich her, zum Kirchhof hinaus, hinunter auf den Karrenweg an der rauschenden Ache, dem stillen Wald entgegen und der Windach zu.


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