Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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11

Auf dem Herd der Klause saß Bruder Wampo in Sorgen. Er hatte ein Feuer angeschürt, um sich zu wärmen und die nassen Gewandstücke zu trocknen. Während er vor sich hingrübelte, knisterte die Flamme, und nebenan aus der Zelle klang die psalmierende Stimme Waldrams. Bruder Wampo hörte nicht; er war versunken in seinen Kummer. Vor einer Weile hatte er die Vorräte in der Kammer gemustert und hatte das Mehlsäcklein durchweicht gefunden vom Regenwasser, das der Wind durch die offene Fensterluke hereingetrieben. Auch die Hälfte der Bohnen war verdorben. Der karge Rest, den er gerettet hatte, reichte kaum für die Mahlzeit des kommenden Tages. Und war die letzte Bohne verzehrt, was dann? Die gute Hinzula war siech und kam so bald nicht wieder, und gegen Wampos Absicht, mit dem leeren Säcklein auszuziehen und an die Türen der Bauern zu klopfen, sprach Eberweins Verbot. Die Hilfe des Fischers, freilich, war den Brüdern sicher. Aber von Fischen allein kann der Mensch nicht leben. Seufzend blickte Bruder Wampo zu den Hechten und Ferchen auf, die er säuberlich ausgeweidet, auf kleine Stäbe gespießt und über dem Herd an der Balkenwand befestigt hatte, um sie zu räuchern. Wieder begann er zu grübeln. Waghalsige Pläne kreuzten sich in seinem runden Köpflein, und schließlich fiel ihm der wilde Immenstock ein. Honig? Kein Futter für den Hunger, aber doch ein süßer Trost für die Zunge! Hurtig eilte Bruder Wampo zur Tür und spähte hinaus. Es rieselte in Fäden, und Schnee fiel zwischen dem Regen. Die Nässe hätte den Bruder nicht abgeschreckt. Wäre nur der Abend nicht so nah gewesen! Seit dem letzten Abenteuer empfand er ein gelindes Grauen, sooft er an den dunklen Bergwald dachte. Doch die Sehnsucht nach dem Honig war stärker als seine Furcht. »Ich muß ihn holen! Ich muß!«

Er knüpfte einen hölzernen Napf an den Gürtel und barg ein Bündel Kienspäne in der Kutte. Einen Blick noch warf er in Eberweins Zelle, nickte dem Knaben zu, der auf dem Lager ruhte, und eilte davon.

Huze hatte sich aufgerichtet, weil er glaubte, der Bruder käme, um mit ihm zu plaudern. Als er ihn verschwinden sah, streckte er sich wieder auf das Moos und schob die Hände unter die Wange. Draußen plätscherte die Traufe, und durch die Holzwand klang die Stimme Waldrams. Der Knabe schlief ein und flüsterte im Traum den Ruf, mit dem er die Geißen zu locken pflegte, und lispelte den Namen des kleinen Dirnleins im Schapbacher Wald.

Nach einer Weile fuhr er aus dem Schlummer auf und lauschte erschrocken. Er hörte eine gellende Stimme schreien: »Weiche von mir! Denn sieh, ich bin gewaffnet wider dich mit Gottes Schild! Reiße mir Wunden, brenne mein Fleisch, doch meine Seele will ich retten aus deinen Klauen! Unterliegen sollst du! Nieder mit dir! Nieder!« Und klatschende Schläge fielen.

»Zu Hilf! Sie morden den Herren! Zu Hilf!« schrie Huze in Angst. Seiner wunden Füße vergessend, sprang er vom Lager, brach in die Knie, raffte sich wieder auf, und Eberweins Beil ergreifend, schleppte er sich hinkend zur Zelle des Paters, den er von einem Mörder überfallen wähnte. Mit erhobenem Beil erreichte er die Türe. Da sah er Waldram auf der Erde knien, in der Hand die Geißel, mit halb entblößtem, von Blut überronnenem Körper.

»Ihr Gutholden! Er ist närrisch worden!« kreischte der Knabe; das Beil entfiel seiner Hand, und schreiend flüchtete er aus der Klause. Jeden Schritt empfand er mit stechendem Schmerz, aber die zitternde Angst vor dem Wahnsinn, den er gesehen, trieb ihn weiter. Er hielt nicht inne, als er den Wald erreichte. Mit klunkernden Füßen, stöhnend, schleppte er sich zwischen den Bäumen dahin. Bald hörte er im nahen Tal die Ramsauer Ache rauschen; eh er sie erreichte, verließen ihn die Kräfte, und halb bewußtlos sank er zu Boden.

Läutende Schellen näherten sich dem Tal, Kühe zogen vorüber, und erregte Stimmen ließen sich vernehmen.

»Hör auf! Wie soll man denn so was glauben können?« klang eine Männerstimme. Und eine Dirn kreischte: »So frag den Hüterbuben! Der hat's auch gesehen.«

»Wohl,« fiel die Stimme des Knaben ein, »wie ein Lämmlein ist das Untier vor ihm gestanden und hat ihm die Hand geleckt und ist ihm nachgelaufen wie ein Hundl. Hätt ich's nit selber gesehen, meiner Lebtag hätte ich das Wunder nit glauben mögen.«

»Das muß man dem Richtmann sagen!« schrie die Männerstimme. »Gegen Gottesleut, die ein Wunder wirken, trau ich mich nimmer feind sein. Geschworen oder nit, ich tu von morgen an –« Im Rauschen der Ache und des Regens erlosch die sich entfernende Stimme.

»Leut! Leut!« So hatte Huze ein um das andere Mal gerufen. Niemand hörte ihn.

Das Geläut der Schellen klang ferner und verstummte, um nach einer Weile jenseits der Ache auf bewaldetem Hang wieder laut zu werden.

Die kleine Herde zog dem Gehöft des Urstallers entgegen, nahe vorüber am zerfallenen Hag des alten Gobl. Der Greis, der unter seinem Dächlein auf dem Heusack kauerte, hörte den Schellenklang. »Ziehet heim ins Tal oder steiget zu Berg, es gehen doch alle Weg dem gleichen Fleckl zu!«

Je tiefer das Dunkel sank, desto leiser wurde das Rieseln um die Hütte her, bis es ganz verstummte. Gobl streckte die Hand hinaus; leicht und kalt fielen die Schneeflocken auf seine Finger.

Laute Stimmen näherten sich. Ein paar Männer, von einem Haufen Weiber umgeben, eilten am Hag vorüber. Der Greis hörte sie von einem Wunder schreien, das im Lokiwald geschehen wäre. Was er vernahm, störte seine Ruhe nicht. Er streckte sich und schloß die Augen. Da klang durch die Nacht ein schluchzender Ruf. Lauschend saß der Alte, schüttelte den Kopf und legte sich wieder auf den Heusack. Näher klang der matte Ruf, und nach einer Weile hörte der Greis ein Stöhnen. Er kroch vor die Hütte, sah beim Hagtor auf der Erde einen schwarzen Klumpen sich bewegen und rief: »Du Bröckl Elend dort? Was willst du von mir?« Ein klagender Wehlaut. Der Alte lachte. »Muß Elend zum Elend laufen wie Wasser zum Wasser?« Er watete durch die Pfützen zum Hagtor, sah einen Buben liegen, faßte ihn am Arm und rüttelte ihn. »Wer bist du?« Der Knabe blieb stumm, und sein Arm, den der Alte aus den Händen ließ, fiel schwer in die Pfütze. Gobl beugte sich über den Knaben; in der Finsternis vermochte er das Gesicht nicht zu erkennen. »So komm halt! Morgen werden deine Leut schon schreien nach dir.« Mit seinen müden Kräften hob er den Bewußtlosen auf und schleppte ihn unter das Dächlein. Als er merkte, daß der Knabe vor Kälte zitterte, riß er den Heusack auf und höhlte für den stillen Kameraden ein warmes Nest. Dann saß er im Dunkel an seiner Seite, und immer wieder griff er mit der Hand ins Heu, um zu fühlen, ob der Frierende warm würde.

Einmal lachte er. »Schau nur, mein Haus hat wieder Leut! Und sorgen tu ich mich auch schon drum!«

Bald hörte er den stillen Schläfer in tiefen Zügen atmen, und ein feuchtwarmer Dunst begann aus dem Sack zu quellen.

Dem Greis wurden die Lider schwer; neben dem Knaben legte er den müden Kopf aufs Heu und fiel in Schlummer.

Still lag die Nacht um die Trümmer des zerfallenen Hauses her; der Wind hatte sich gelegt, lautlos fiel der Schnee.

Fern draußen auf den Halden der Schönau war es lebendig in allen Gehöften; Leute eilten von Hag zu Hag, schreiende Stimmen klangen, und Feuerschein leuchtete aus offenen Türen.

Auf dem Karrenweg, der von des Richtmanns Hag zur Ache führte, wanderte ein Einsamer, die lodernde Fackel in der Hand; es war einer von des Richtmanns Knechten, und sein Weg ging dem Fischerhaus entgegen. Als er die Achenbrücke erreichte, löschte er die Fackel und spähte durch die Nacht hinauf gegen den Falkenstein. In rötlicher Helle hob sich Wazemanns Haus aus dem Dunkel, als stünden brennende Pechpfannen im Burghof. »Was die da droben schaffen in der Nacht, das wird uns heiß machen am Tag!« Der Knecht begann zu laufen. Am Hag des Fischerhauses pochte er leise, worauf das Tor sich öffnete, um hinter ihm sich wieder zu schließen. »Du kommst einschichtig?« klang die flüsternde Stimme des Kohlmanns.

»Beim Köppelecker hab ich sie eingeholt, alle drei. Die Dirnen sind noch flinker gelaufen. Von ihnen hab ich keine mehr gesehen.«

»Die dürfen laufen, wohin sie mögen! Aber die drei Knecht? Wir brauchen Fäust.«

»Sie kommen nimmer. Jeder hat gemeint: die eigene Gurgel stünd ihm näher als des Fischers Hals.«

Zornig lachte der Kohlmann. »Ich hab mir's gleich gedacht, daß sie ausreißen. Das Feuer auf ihre treulosen Köpf! Sag dem Fischer nichts, daß ich dich hinter ihnen hergeschickt hab. Er hat am Tisch die leeren Plätz gesehen und hat kein Wort geredet.«

Eigel wollte zum Haus hinaufsteigen; der Knecht hielt ihn zurück. »Ich hab noch andere Botschaft. Kann sein, wir kriegen Hilf mit dem Morgen.«

»Hilf? Woher?«

»In der Schönau sind alle Leut lebendig. Mit Laufen und Schreien tragen sie die Red um: einer von den Gottesleuten hätt ein Wunder getan im Lokiwald. Die Urstaller Dirn hat mit ihrem Hüterbuben abgetrieben von der Alben, und wie die zwei nit weit von der Klaus durchs Holz gezogen sind, da haben die Rinder ein Brüllen angefangen und sind scheu davongesaust, als hätt man ihnen Feuer an die Schwänz gehängt. Und da sehen der Bub und die Dirn einen Gottesmann, und sehen, wie ein Bär auf ihn zuspringt. Der Gottesmann hat einen baumstarken Segen gerufen. Und da sehen der Bub und die Dirn, daß der Bär vor dem Gottesmann gestanden ist, so zahm wie ein Lämmlein, und hat ihm die Händ geleckt und ist ihm wie ein Hundl nachgelaufen bis zur Klaus. Der Bub sagt noch, das Untier hätt dem Gottesmann im Maul ein Körbl nachgetragen. Aber das leugnet die Dirn, das will sie nit gesehen haben.«

»Und das glauben die Leut?«

»Es muß was dran sein! Der Bub und die Dirn schwören Stein und Bein. Bei der Ramsauer Ache, wo sie ihr Vieh gefunden haben, ist ihnen der Schmied von Ilsank in den Weg gelaufen. Dem haben sie alles erzählt, und der Schmied ist der erste gewesen, der geschrien hat: er traut sich nimmer feind sein wider die Gottesleut. Er ist umgelaufen von einem Hag zum andern, und die Leut sind lebendig worden. Das wär nit schlecht, wenn man den Bärensegen lernen könnt von den Gottesleuten. Da hätt das Vieh gute Zeit, und es wär ein leichtes Hausen auf der Alben. Und ich mein' halt auch wie die Schönauer Leut: wer so stark ist wider ein Untier, der müßt auch aufkommen gegen die Wazemannsbuben. Die haben heut den Hanetzer krumm geschlagen, bis er ihnen genug geredet hat, und sind zu unserem Hag gezogen und haben Tor und Türen aufgebrochen.«

»Das muß der Fischer hören!« stammelte Eigel und zog den Knecht in das Haus. Als sie eingetreten waren, schloß man die Tür, und an den Fensterluken wurden die Läden vorgeschoben.

Nur aus Wichos Kammer strahlte noch rötliches Licht. Ein flackerndes Spanfeuer erleuchtete den kleinen Raum. Neben Hilmtruds Totenlager saß Kaganhart auf der Erde und murmelte die Klage, während er von den Fingern der Leiche die Nägel schnitt. Bei jedem Nagelspänlein, das niederfiel, nannte er eine gute Eigenschaft seines Weibes. Der unsichtbare Geselle, der gekommen war, um die Hilmtrud einzuführen in sein dunkles Reich, hörte so viel des Lobes, daß er glauben mußte, er hätte dem Leben niemals ein besseres Weib entrissen.

Das war nicht die einzige Totenklage, die gehalten wurde in dieser Nacht.

In stundenweiter Ferne vom Fischerhaus, im Kirchhof der Ramsau, klang eine schluchzende Stimme. Finster stand das Kirchlein, denn das »ewige Licht«, dessen Lampe Hiltischalk an jedem Morgen mit Öl gefüllt hatte, war ausgebrannt, und finster lag auch das Haus mit seinem kalten Herd. Nur die Dächer, auf denen der Schnee zu haften anfing, schimmerten hell aus der Nacht.

In das dumpfe Rauschen der Ache mischte sich die Klage der Magd. Weinend irrte Mätzel durch Haus und Hof, um den Tod, der diesem Hause den Wirt und die Wirtin genommen, allem Leben des Gehöftes anzusagen. Im finsteren Stall umhalste sie die Ziegen, drückte das nasse Gesicht in das zottige Fell der Tiere und lallte in ihrer halben Sprache: »Der Wirti daud – die Wirti daud!« Sie suchte den Immenstand hinter dem Haus und schüttelte jeden Stock, daß die schlafenden Bienen zu summen begannen: der Wirt ist tot, die Wirtin ist tot! Jeden Baum und jedes Bäumlein faßte sie mit beiden Händen und rüttelte an den Stämmen, daß die welken Blätter fielen und die an den Ästen haftende Nässe wie dicker Regen niederging: der Wirt ist tot, die Wirtin ist tot! Zum Beinhaus wankte sie und warf die Knochen durcheinander, als wäre noch Leben in ihnen, das die Trauerkunde hören müßte. An der Balkenmauer tastete sie sich zur Kirchentür – im Kirchlein war doch einer, von dem ihr Hiltischalk gesagt hatte: »Er lebt, Mätzeli, ewiges Leben hat er!« Dem mußte sie auch die Botschaft bringen.

Ein kalter Lufthauch umwehte die Magd, als sie die schwere Tür vor sich öffnete. In der finsteren Halle fand sie tastend den Altar, umklammerte das Kreuz, rüttelte an dem Balken und schrie: »Der Wirti daud – die Wirti daud!« Es hallte an den Wänden, und ein hölzerner Leuchter, an den ihr Arm gestoßen, fiel vom Altar und kollerte über die Bohlen; das hörte sich an, als klänge Gelächter aus der Erde und aus den Mauern. Jähe Furcht befiel die Magd, und kreischend flüchtete sie aus der Kirche. Unter der Linde fiel sie auf die Steinbank nieder und schluchzte in die Hände. –

Im Tal der Ache, fern am Waldsaum, wo der Karrenweg zwischen die Bäume lenkte, gaukelte der Schein einer Fackel. Schweiker trug sie, der mit Eberwein den Heimweg suchte. Bei jeder schlechten Stelle des Pfades senkte er die Flamme, um den Weg vor den Füßen seines Herrn besser zu erleuchten; zuckend fiel die Fackelhelle über Eberwein, der um Jahre gealtert schien. Schweigend wanderten die beiden. Während der fallende Schnee auf der nassen Erde zerschmolz, blieb er an ihren Kleidern haften; ihre Arme und Schultern wurden weiß.

Als Schweiker wieder einmal aufblickte zu Eberweins Augen, stammelte er: »Wie magst du dich so viel kränken! Schau nur, wie alt sie gewesen sind! Mit jedem nächsten Stündl dem Tod verfallen! Und man kann noch allweil nit wissen, ob sie nit doch noch leben. Wenn's aber schon so wär, daß sie hinuntergefallen sind – schau, so sind sie bei den guten Heiligen im Himmel.«

Wortlos streckte Eberwein die Hände gegen Schweiker und winkte ihm, zu schweigen.

Sie wanderten weiter. Immer langsamer wurden Eberweins Schritte. Seine Kräfte waren erschöpft. Fast Übermenschliches hatte er geleistet, seit er mit Schweiker und Mätzel bei der Ache den alten Runot mit anderen Männern der Ramsau auf der Suche nach dem verschwundenen Paar getroffen. Als Eberwein hörte, was bei Waldrams Ankunft vor dem Kirchlein in der Ramsau geschehen, stand er bleich, wie vor einem Unheil, bei dem es nicht Rat noch Hilfe gibt. Schreiend riß die Magd an seinem Gewand, und schmähend hoben die Männer ihre Fäuste gegen ihn. Unter der finsteren Gewalt, mit welcher Waldram sie gefesselt, hatten sie den Greis verlassen; jetzt schrien sie nach ihm wie nach einem Vater, den sie verloren, und sahen in Eberwein und Schweiker die Gesellen jenes anderen, der sie zu Waisen gemacht. In Zorn wollte Schweiker die Schmäher zur Ruhe weisen. Eberwein wehrte es ihm: »Laß ihrem Groll und Jammer sein Recht! Waldram hat gesät, wir müssen ernten. Könnt ich, was geschehen, mit meinem Leben ändern, ich gäb es gerne dahin!«

Der tiefe Kummer, der aus seinen Augen redete, machte die Schreier verstummen. Wohl folgten sie zuerst nur zögernd den Anweisungen Eberweins, doch immer williger gehorchten sie, je mehr sie den schmerzvollen Eifer erkannten, mit welchem Eberwein nach dem Weg der Verschwundenen zu forschen begann.

Auf durchweichter Erde fanden sie die verwaschenen Spuren, die zur Höhe der Windach führten. Da meinten sie, daß Hiltischalk und Hiltidiu sich zu den Almen am Windachersee geflüchtet hätten, denn die Almerin, die dort oben hauste, war eine Blutsverwandte der Greisin. Doch die Dirn, die ihre Herde zu Tal trieb, begegnete den Suchenden und wußte keine Antwort. Man forschte weiter und fand das weiße Häubchen der Greisin, fand am Absturz der Felsen den zerwühlten Rasen und sah in der Schlucht der Windach, an einer vorspringenden Steinschrofe, einen Fetzen des schwarzen Gewandes flattern. Von der Stelle führte keine Spur gegen den höheren Weg, keine Spur zurück ins Tal. Schreck befiel die Männer, während das jammernde Geschrei der Magd von den Felsen hallte. Hier war nicht Hoffnung mehr, nicht Hilfe! Dennoch versuchte Eberwein das Unmögliche. Ob es ihm auch die anderen mit Gewalt zu wehren suchten, ob auch Schweiker mit beiden Armen ihn umklammerte – er riß sich los und wagte den Niederstieg, bis das schießende Wasser und die glatten Felsen ihm den Weg versperrten. Als er mit erschöpften Kräften wieder am Rande der Schlucht erschien und die Arme der anderen ihn emporrissen auf festen Grund, waren seine Züge verwandelt zu einem Bild des Entsetzens.

Scheu trat der alte Runot vor ihm zurück und flüsterte: »Schauet das Gesicht an, Leut! Das hab ich schon einmal gesehen. So hat Herr Waze geschaut am selbigen Tag, an dem man Frau Friderun gefunden hat unter der Rabenwand.«

Mühsam atmend, in sich versunken, ruhte Eberwein auf dem Stein, zu dem ihn Schweiker geführt. Er hörte nicht den Jammer der Magd, nicht die Reden der Männer, sah nicht die Sorge Schweikers und sah nicht, was stumm aus den Augen der anderen redete: daß er sie alle, die vor kurzem noch die Fäuste wider ihn gehoben, in dieser Stunde für sich geworben hatte zu treuen Freunden.

Als Schweiker und Runot seine Arme faßten, um ihn aufzurichten, ließ er sich führen. Zuweilen, während des Niederstieges, blieb er stehen und schloß die Lider, denn immer wieder schwebte vor seinen Augen, was er in der Tiefe der Schlucht an den Felsen geschaut: die blutige Spur des Weges, den Hiltischalk und Hiltidiu genommen.

Auch jetzt, da er in finsterer Nacht mit Schweiker den Heimweg suchte unter fallendem Schnee, bedeckte er immer wieder die Augen mit der Hand. Wollte Schweiker ihn stützen, so wies er ihn stumm von sich.

Als sie das Tal der Strub erreichten, klang fernes Geschrei von der Schönau her. Eberwein hörte nicht; Schweiker lauschte: »Was die Leut nur haben mögen?«

Mühsam wurde der Anstieg durch den Lokiwald. Eberwein vermochte sich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Endlich gewannen sie den Waldsaum, und Schweiker hätte jauchzen mögen, als er in der Finsternis das weiße Dächlein liegen sah. Vor der Klause hob er verwundert die Fackel: er fand die Türe mit Balken und Pflöcken verrammelt. Rasch wußte er freien Weg zu schaffen, und seine rufende Stimme klang; es rührte sich nichts in der Klause, niemand trat den Heimkehrenden entgegen; die Stube fand er leer und steckte über dem erkalteten Herd die Fackel in den Ring. Als er sah, daß Eberwein zur Zelle des Paters wankte, sprang er ihm in den Weg: »Ich bitt dich, guter Herr, nur heut red nimmer mit ihm! Nur heut nimmer!«

In der finsteren Zelle knarrten die Stangen des Lagers und Waldram erschien auf der Schwelle, die Augen brennend wie im Fieber. An Eberwein vorüber blickte er auf Schweiker. »Wehrest du ihn ab von mir, da du weißt, daß er meinen Blick zu fürchten hat?«

Da stürzte Eberwein auf ihn zu und faßte ihn an der Brust. »Waldram! Gib mir diese Menschen wieder! Meine besten, die ich hatte!« Seine Stimme erstickte.

Es kostete Waldram nur geringe Mühe, den Entkräfteten von sich abzuschütteln. »Weiche von mir! Du hast mit diesem Wort das Urteil über dich gesprochen. Zwischen dir und mir sollen Berge und Meere liegen.«

»Ja, Waldram! Hohe Berge, tiefe Meere!« Schwer stützte Eberwein sich auf Schweiker, der ihn in die Zelle führte, in die der Fackelschein einen matten Schimmer warf. Eberwein sah das leere Lager und blickte suchend umher; die Sprache versagte ihm.

Schweiker verstand den Blick. »Tu dich nit sorgen, Herr! Der Bruder wird den Buben in unsere Kammer genommen haben, damit du ruhen kannst in der heutigen Nacht.«

Stumm nickte Eberwein. Ohne Wehren duldete er, daß ihm Schweiker das triefende Gewand mit trockenem Kleid vertauschte, das Moos zu weichem Polster aufschüttelte und die zitternden Glieder bedeckte. Als ihm Schweiker einen Becher brachte, schlürfte er den Trunk in gierigen Zügen, ohne zu merken, was er trank. Der Bruder atmete erleichtert auf, als der Becher geleert war bis auf den letzten Tropfen des Meßweins. Er steckte eine frische Fackel in Brand, und dann saß er neben dem Lager. Eberwein stöhnte im Halbschlaf; doch immer ruhiger wurde sein Atem, und nun lag er in bleiernem Schlummer.

Auf den Zehen schlich Schweiker aus der Zelle, steckte einen Span in Brand, löschte die Fackel und trat in seine Kammer. Zwischen den vier Wänden roch es nach Wachs und Honig, als wäre die Zelle ein Immenstand. Auf dem einen Bett lag Bruder Wampo wie ein Klotz, mit hängenden Armen. Seine Kutte, von der Brust bis nieder zum Saum, war fleckig und glitzerte. Kopfschüttelnd betrachtete Schweiker den Schnarchenden. Da sah er, daß das andere Lager leer war. Er rüttelte den Schläfer. »Bruder? Wo ist der Bub?«

»Der Bär – der Bär –« lallte Wampo, riß die Augen auf und fuchtelte mit den Händen, zwischen deren Fingern der Honig klebrige Fäden spann.

»Ich frag, wo der Bub ist?« brummte Schweiker, der den Bären auf sich bezog.

»Der Bub? Pater Waldram – Waldram –« Dem Bruder fielen die Augen wieder zu, und lallend sank er auf die Wolfshaut zurück.

Schweiker gab sich zufrieden, weil er glaubte, daß Huze bei Pater Waldram in der Zelle wäre. Seufzend blies er das Spanlicht aus, warf die nasse Kutte ab und wühlte sich ins Moos. Er schien nicht gut zu liegen; von einer Seite wälzte er sich auf die andere, und murmelnd klang es im Dunkel: »Hätten wir die schieche Gegend nur nie gesehen! Dem guten Herrn wär wohler. Mir auch!« Eine Weile lag er still, dann wieder ächzten die Stangen. »Es muß ein End haben, es muß!« Mit raunender Stimme begann er zu beten. Bei der vierten Litanei wurde sein Murmeln immer leiser und versank in Schweigen.

Tiefe Stille war in der Klause. Um die Mauern her versiegte die Traufe, und lautlos fiel der Schnee in schweigender Nacht.

Der Morgen konnte nicht mehr ferne sein. Da rann ein leises Zittern durch die Mauern, es knirschte im Gebälk des Daches, der krächzende Schrei eines Vogels klang aus den Lüften, und unter der Klause ging ein dumpfes Murren vorüber, das wie in weiter Ferne verstummte. Die müden Schläfer erwachten nicht. Nur Waldram, auf dessen Augen kein Schlummer gefallen, erhob sich von seinem Lager.

»Ich höre die mahnende Stimme, Herr, und wache. Denn meine Stunde will kommen.«

Auf nackten Sohlen schritt er durch die Herdstube in das Kirchlein, das vom Schein der schwankenden Ampel trüb erleuchtet war. Mit ausgebreiteten Armen vor dem Kreuz auf der Erde kniend, begann er den Psalm: »Erhebe dich, mein Gott, steh auf, daß deine Feinde sich zerstreuen und deine Hasser fliehen vor dir! Wie Rauch verweht, so vertreibe sie! Wie Wachs zerschmilzt vor Feuer, so laß sie vergehen vor deinem Zorn!«


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