Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

 << zurück weiter >> 

Zweiter Band

1

Das war ein seltsamer Morgen, still, ohne Lufthauch, ohne Vogelstimme. Grauer Duft bedeckte die Gräser und das Grün der Bäume. Dieser Schleier sah aus wie Tau, war aber Staub, dünner, fein zerteilter Staub. Woher war dieser Staub gekommen? Keine Wolke am Himmel, über den Wäldern kein Nebelstreif. Dennoch füllte ein trüber Dunst das Tal und hing um alle Höhen, wie vor einem aufziehenden Ungewitter. Zuweilen sah man in der Luft ein Flimmern und Glitzern wie von feinem Sand, auf den die Sonne scheint. Und überall war ein Geruch zu spüren, wie jener, der auftritt, wenn Mahlsteine sich ohne Korn aneinander reiben.

Ein seltsamer Morgen, ein Morgen wie ein Geheimnis, wie das Schweigen auf eine leidenschaftliche Frage.

Still lag die Martinsklause inmitten des stummen Waldes. Im Morgengrau war Eberwein ausgezogen, und Waldram, den nach der Erregung der vergangenen Nacht die körperliche Schwäche wieder befallen hatte, hütete das Lager. Schweiker ging auf der Lichtung umher und sammelte die Steine, die von der Schuttlawine über die Rodung und bis vor die Mauern der Klause gerollt waren. Und immer glitt sein Blick über das Tal der Ache und empor über den jenseitigen Berghang.

Vor dem grauen Lawinenwust, der die jungen Bäume erdrückt, den Lauf der Quelle verändert und den Teich verschüttet hatte, stand Bruder Wampo und betrachtete den wirren Schutt, unter dem die schönen Ferchen und Hechte begraben lagen. Trübselig schüttelte er den runden Kahlkopf und guckte scheu zum Himmel hinauf. »Herr! Das ist aber doch nit gut und recht: deinen armen Knechten die Fastenspeis verderben!«

Schweiker war zum Waldrand gegangen und hatte die Steine aus seiner Kutte geschüttet. Als er wieder hinüberspähte nach dem Berghang, sah er Eberwein über die Halde heruntersteigen, auf welcher Hinzula ihre Ziegen zu hüten pflegte. Wachsame Unruhe befiel den Flachsbärtigen, der kein Auge mehr von der Stelle verwandte, an welcher Eberwein bei der Heimkehr aus dem Walde treten mußte. Doch er wartete umsonst.

Eberwein war im Tal dem Lauf der Ache gefolgt, hatte den Lokiwald umgangen und schlug den Pfad ein, der zur Ramsau führte. Schatten lagen um seine Augen. Die Ereignisse der Nacht hatten ihn mit Sorge erfüllt, und was er vor den Brüdern nicht hatte zeigen wollen, nagte in ihm mit doppelter Schärfe, jetzt, da er einsam war. Bei solcher Stimmung hatte auch die befremdende Erfahrung, die er soeben gemacht, tiefer auf ihn gewirkt, als es sonst wohl geschehen wäre: beim Hag des Greinwalders, zu dem die Sorge um die mißhandelte Hirtin ihn geführt, hatte er stehen müssen vor geschlossenem Tor; er hatte gepocht und gerufen, aber niemand war gekommen, ihm zu öffnen, obwohl er Schritte in der Hofreut gehört hatte. Man wollte nicht öffnen. Weshalb nicht? Welche Ursach konnten sie haben in jenem Haus, das Tor vor der Hilfe zu sperren, vor dem Freund?

Der Pfad führte unter den Bäumen hervor auf eine weite Lichtung. Das waren die Halden der Strub. Gemähte Wiesen wechselten mit geräumten Feldern, und dazwischen, weit zerstreut, standen einzelne Gehöfte, niedere Hütten und Scheunen, von hohem Hag umzogen. Bei ihrem Anblick wich die Schwermut aus Eberweins Augen. Ihm schwoll das Herz bei dem Gedanken, wie viel es da für ihn zu schaffen gab, zu raten und zu nützen. Hier lebte und wirtschaftete das Volk noch, wie es draußen vor den Bergen die Leute getrieben hatten vor hundert Jahren. Das sollte anders werden! Er wollte sie lehren, den Lein zu bauen an Stelle des rauhen Hanfes, besseren Pflug zu führen, die Steine aus den Furchen zu sammeln und sie rings um den Acker aufzuschichten zur Schutzmauer, auf der sich die Dornenhecke wider das Hochwild flechten ließ. Und diese armseligen Hütten! Das sollte sich wandeln! Er wollte die Leute lehren, mit steinernem Sockel zu bauen, mit geschindeltem Dach. Und so übel wie von außen, waren die Hütten wohl auch anzusehen in ihrem Innern? Da sollten geräumige Stuben entstehen und wohnsame Kammern. Und wenn der lange Winter käme, sollten die Männer und Buben das Hohleisen und das kurze Messer führen lernen, um handliches Holzgerät zu fertigen und freundliches Schnitzwerk.

Raschen Ganges folgte Eberwein dem Pfad, der einem Hag entgegenführte. Blauer Rauch wirbelte aus dem Hüttendach, Stimmen klangen in der Hofreut, und das Tor stand offen. Auf der Schwelle der Haustür saß ein Weib, den Hanfrocken unter dem Arm, in der Hand die tanzende Spindel; zwei nackte Kinder tummelten sich im Hof, und der junge Bauer hielt ein drittes auf dem Arm. Als Eberwein vor dem Tor erschien, fuhr ein zottiger Hund auf ihn los und kläffte. Der Bauer schien beim Anblick des Mönches zu erschrecken; hastig setzte er das Kind auf die Erde, sprang zum Hag, schleuderte mit dem Fuß den Hund zurück, schlug das Tor zu und legte den Balken ein.

Schweigend wandte Eberwein sich ab und folgte einem schmalen Felsweg. Nach einer Weile kam er zu einem zweiten Gehöft. Im offenen Hagtor stand ein alter Bauer. Nun verschwand er, und wieder fand Eberwein das Tor geschlossen. Ruhig rief er: »Mann, tu auf! Gottes Gruß deinem Haus!«

»Wer will ein zu mir?«

»Dein bester Freund!«

»Der bin ich selber und brauch keinen andern.«

In Zorn schlug Eberwein an das Tor. »So öffne deinem Herrn!«

»Was Herr? Wer Herr?« klang die rauhe Stimme. »Ich tu nit auf!« Und klappernde Schritte entfernten sich.

Eberwein stand ratlos. »Was ich erlebe, ist wie ein Rätsel! Wer soll es mir lösen?« Er wanderte über die Halden, ohne Wahl jedem Pfade folgend, den er fand. Bald hier, bald dort sah er Leute laufen und in den Gehöften verschwinden. »Bin ich ein reißendes Tier, daß die Menschen vor mir fliehen wie die Schafe vor dem Wolf?« Des Weges nicht mehr achtend, geriet er in dicht verwachsenen Wald. Über niedere Felswände mußte er klimmen, durch wirres Gebüsch sich kämpfen, über Schluchten sich schwingen, unter gestürzten Bäumen hindurchschlüpfen. Stunde um Stunde verging ihm bei mühsamer Wanderung, und noch immer wollte der Wald kein Ende nehmen. Schon war ihm in Erschöpfung zumut, als sollte er niemals wieder dieser Wildnis entrinnen. Da klang ihm der Schall einer Glocke entgegen. In Freude streckte er die Arme. »Klinge, du liebe Stimme, du führst den Irrenden auf guten Weg!« Mit erneuten Kräften kämpfte er sich durch die Wirrnis des Urwaldes der Richtung zu, aus der die Glocke tönte, und fand einen Pfad ins Freie.

Ihm zu Füßen, zwischen Halden und Bergwald, lag ein enges, langgestrecktes Tal, in dessen Tiefe ein reißender Bach durch grauen Schutt seine Straße grub; an seinen Ufern sah man die Zeichen der Zerstörung, die er angerichtet in wilden Tagen. In der Ferne, wo die Berge sich schlossen, schimmerte ein kleiner grüner See. Friedliche Sonntagsstille lag über dem Tal; nur die Ache rauschte und die Glocke tönte. Zwischen den Kronen alter Ulmen und Linden sah Eberwein ein plumpes, hölzernes Türmlein ragen, das die Spuren eines Brandes zeigte und ein neues, weißes Holzkreuz auf der Zinne trug. »Hier wohnet Gott, hier will ich frohe Einkehr finden!« Er stieg über die steilen Halden hinunter. Aus einem Gehöfte liefen ihm zwei Kinder entgegen, ein Bub und ein Mädel, in hanfene Kittelchen gekleidet, sauber gewaschen. Als sie näher kamen, blieben sie stehen und schauten zu Eberwein auf, der den Stab in die Erde stieß und die Hände streckte: »Gott grüß euch, ihr lieben Kinder!«

Zutraulich faßten sie seine Hände. »Gott grüß dich auch!«

Eberwein umschlang die Kinder und drückte ihre linden, warmen Körperchen an seine Brust. »Die ersten, die mir freundlich sind!«

Scheu beugte sich das Mädel zurück. »Mann? Tut dich hungern oder dürsten?«

Er mußte lächeln. »Ja, mein Dirnlein! Mich hungert und dürstet nach eurer Liebe! Wie heißt du denn?«

»Moidi!« erwiderte die Kleine stolz. »Wie die liebe Gottesmutter!«

»Und du, mein Bürschlein?«

»Ich heiß, wie Gott Vater heißt: Seppeli!«

Eberwein hörte bewegt die christlichen Namen und hatte seine Freude an dem kleinen Kirchengelehrten, der in seiner fünfjährigen Weisheit Gott Vater mit dem Zimmermann von Nazareth verwechselte. Da rief hinter dem Hag des Gehöftes eine Frauenstimme die Namen der Kinder, mit dem wirkungsvollen Zusatz: »Kommet zum Mus!« Nun konnte Eberwein das Pärchen nicht mehr halten. »Ich will den Trost vergelten, den ich von euch gewonnen!« sagte er und küßte die Kinder auf die roten Wangen.

Dann stieg er die Halde hinunter, wie neu belebt. Noch eh er das Tal erreichte, sperrte zwischen Bäumen und welkenden Büschen eine hohe Hecke seinen Weg. Die Glocke war verstummt, doch aus dem Kirchhof, von dem die Hecke ihn schied, hörte er Stimmen. Durch eine Lücke sah er die Holzmauer des Kirchleins, das von Grabhügeln umgeben war, und sah ein niederes Balkenhaus, der Hütte eines Bauern gleichend; neben der Tür erhob sich eine alte Linde, die mit ihren Ästen das Moosdach überspannte. Ihren mächtigen Stamm umzog eine Steinbank, auf welcher Hiltischalk saß, der Ramsauer Leutpriester; er hatte wohl achtzig Winter schon gesehen, schneeweiß fielen ihm die dünnen Haarsträhne auf die Schultern. Eine lange, schwarze Lodenkutte, an der Hüfte mit einem Strick gebunden, umhüllte den hageren Leib; der Bart war geschoren; freundliche Augen lugten unter den weißen Dächlein der Brauen hervor, und herzlich klang die sanfte, langsame Stimme. »Jetzt gehet heim zu Weib und Kind!« sagte der Greis zu einigen Männern, die mit sorgenvollen Gesichtern vor ihm standen. »Ich weiß euch besseren Trost nit als allweil den einen bauet auf den Himmel, vertrauet auf Gott! So kann euch kein Unheil ankommen, und keine Not kann fallen über euch!«

»Wohl!« sagte einer der Männer kleinlaut. »Aber der alte Runot ist doch auch ein guter Christ, der beste von uns allen, und heut in der Nacht, derweil er fern gewesen ist, hat doch der Bidem sein Haus geworfen.«

Der Pfarrherr hob die zitternde Hand. »Das hast du gut gesagt: derweil er fern gewesen ist! Freilich, das Häusl ist gefallen. Aber es ist ein altes Häusl gewesen. Was alt ist, geht seinem letzten Stündl zu, Mensch oder Haus, Vieh oder Baum, Berg oder Tal. Das Häusl hat fallen müssen. Und jetzt schauet, was Gott getan hat, weil der Runot sich allzeit gehalten hat als guter Christ. Gott hat das alte Häusl fallen lassen, derweil der Runot fern gewesen ist. Das Häusl liegt, aber der Runot steht gesund und kann seine Buben rufen von der Alben und kann ein neues Häusl bauen. Und wir alle, gelt, wir wollen helfen dazu um Gottes Lieb?«

Da nickten die Männer.

»Ich sag's doch allweil: nur auf den lieben Gott vertrauen! Haltet nur ihr fest! Der liebe Gott laßt nit aus. Schauet nur, wie er an mir getan hat! Da bin ich einmal hinaufgestiegen über den Windacher See, eine Alberin besuchen, weil sie krank gelegen ist –«

Hundertmal hatten die Männer schon gehört, wie ein Wunder Gottes den Hiltischalk in der Windachklamm gerettet hatte aus Not und Tod. Aber geduldig und gläubig lauschten sie der Erzählung des Greises bis zum frohen Ende.

»Und schauet, seit derselbigen Zeit ist in mir der rechte Glauben gewesen. Ist eine Not über mich oder über euch gefallen, gleich hab ich zu meinem lieben Herrn gerufen aus tiefstem Herzen. Das hat noch allweil geholfen. Viel Unglück hab ich verhütet mit meinem Rufen. Und hat das eine oder das ander doch kommen müssen, so hab ich es mit meinem Rufen doch allweil linder gemacht und hab die ärgste Härt davon weggebetet. Drum sorget euch nimmer! Sie soll nur bidmen, die Erd! Ich weiß schon einen, der festhält.« Die Hände faltend, sah er zum Himmel auf. »Eine einzige Sorg noch hab ich gehabt in meinem Leben, und die hat mein guter Herr jetzt auch von mir genommen.«

Fragend blickten ihn die Männer an, und einer sagte: »Sorg? Was wär das für eine?«

»Bin ich nit alt, wie dem Runot sein Häusl gewesen ist? Was alt ist, geht seinem letzten Stündl zu. Und wenn ich einmal nimmer bin, wer wird euch beim Guten und Rechten halten? Wer wird rufen für euch in der Not? Allweil ist das meine Sorg gewesen. Aber derzeit ich gehört hab gestern, daß die frommen Brüder gekommen sind, derzeit ist die letzte Sorg von mir gefallen.«

Eine Bewegung der Unruh ging über die Männer hin.

»So eine Freud hat mein guter Herr mich noch genießen lassen auf meinen Abend! Über die vierzig Jahr lang hab ich keinen geweihten Bruder mehr gesehen. Vierzig Jahr! Aber heut noch muß ich hinaus zum Lokistein! Freilich, der Weg ist weit für meine müden Füß –«

»Ich will ihn dir sparen, mein Bruder!« klang die Stimme Eberweins; er hatte die Hecke geteilt und war über den brüchigen Erdwall in den Kirchhof niedergestiegen. Scheu traten die Männer auseinander, und der greise Pfarrherr schaute auf Eberwein wie auf ein frohes Wunder. Gleich einem Vater, der den ersehnten Sohn begrüßt, eilte er mit offenen Armen auf Eberwein zu und warf sich an seine Brust. »Sei gegrüßt viel tausendmal, mein Bruder in Jesu Christ!« Und als wäre für ihn die Freude zu groß, um sie allein zu tragen, so rief er: »Mannerleut, so kommet doch her!« Betroffen verstummte er. Die Männer waren verschwunden. »Schau, jetzt sind sie heimgegangen, jetzt, derweil sie doch hätten bleiben sollen! Freilich, ich hab doch gesagt zu ihnen: gehet heim!« Wieder schlang er die Arme um Eberwein. »Gelt, mein Bruder, du tust dich setzen an meinen Tisch?« Er humpelte in geschäftiger Eile dem Hause zu. In der Tür verschwand er, und seine zitternde Stimme klang: »Hilti, Hilti! Jetzt tu dich tummeln, schaff nur, schaff, wir haben einen Gast!«

Mit glücklichem Lächeln hatte Eberwein dem Greise nachgeblickt und hob die Augen zum Himmel: »Ja, Herr, hier wohnest du!« Langsam ging er zur Steinbank unter der Linde. »Wie mir wohl ist!« Da hörte er ein Rascheln, und als er sich umblickte, gewahrte er einen kleinen Holzbau, der sich an die Mauer des Kirchleins lehnte: das Beinhaus. Fast zur Mannshöhe waren unter dem niederen Dächlein weiße Totenschädel und gebleichte menschliche Gebeine übereinander geschichtet. Eine große Ratte kletterte schnuppernd an der Knochenwand hinauf. Von Grauen befallen, machte Eberwein eine scheuchende Bewegung; die Ratte verschwand hinter den klappernden Gebeinen, ein kahler Schädel kollerte auf die Erde, rollte unter dem Dach hervor und blieb im Grase liegen, zu Eberwein aufgrinsend mit zerstörtem Gebiß und schwarzen Augenhöhlen.

Ein Schauer rann durch Eberweins Glieder. Die Furcht vor dem Tode war ihm fremd. Doch mitten in der reinen Gottesfreude, die an dieser Stätte über ihn gekommen, war beim Anblick des widerlichen Tieres und beim Klappern des fallenden Gebeins in seiner Seele etwas erwacht, das jede Fiber seines Wesens zittern machte. Ein Gesicht stieg auf vor seinen Augen: überall sah er offene Gräber, der Leichen harrend, die sie empfangen sollten; in den Tiefen der Erde hörte er ein Rollen, gleich dem dumpfen Gebrüll eines hungernden Ungetüms; er sah die Berge wanken und stürzen, und über einem Chaos der Vernichtung schwebte in grauer Luft ein riesenhafter Geist, mit schwarz gebreiteten Flügeln, mit grinsendem Gebiß und leeren Höhlen an Stelle der Augen.

Eberwein schlug die Hände vor das Gesicht. »Gott der Liebe, wo bist du?«

»Da bin ich, mein lieber Bruder in Jesu Christ,« klang die Stimme Hiltischalks, »da bin ich wieder!«

Und Eberwein sah auf, und sah den Glanz des herbstlichen Tages, sah den blauen wolkenlosen Himmel, sah das glücklich strahlende Faltengesicht des frommen Greises. Er atmete tief und lächelte.

Sie gingen zur Steinbank unter der Linde. Hier saßen sie und plauderten.

Kopfschüttelnd hörte Hiltischalk, was ihm Eberwein von seinen Erlebnissen am Morgen erzählte.

»Die Gadener sind rauhe Leut,« sagte der Alte, »und der Unglaube hauset noch in ihren Herzen wie die Maus in der leeren Stub. Sie haben ein hartes Leben. Der Winter ist lang und der Sommer kurz, die Not ist allweil fett, das Brot ist mager. Und wie die Hand den Käs, so macht das Leben die Leut. Die Gadener haben ein rauhes Wesen, aber geschlossene Türen hab ich bei ihnen noch nie gefunden. Da muß was dahinterstecken.«

»Meinst du, es könnte die böse Nacht sie so sehr geängstigt haben, daß sie in blinder Furcht ihr Haus verschließen? Vor mir, wie vor jedem anderen?«

Der Greis schüttelte den Kopf. »In der Not schreien die Leut und jede Hand sucht einen Halt. Wär die Angst in ihnen gewesen, du hättest offene Häuser gefunden. Aber glaub mir: eh der Tag noch gekommen, haben die meisten ihren Nachtschrecken schon wieder vergessen gehabt. Wenn sie nit ein so kurzes Gemerk hätten, sie könnten nimmer leben. Schau die Berg an! Da steckt in jedem Stein ein Tod, eine Not in jedem Wasserloch. Da muß man schnell vergessen können, oder der eine Schmerz fallt auf den andern hin, wie Schnee auf Schnee im langen Winter. Nein, Bruder, aus Angst haben sie ihre Türen nit zugemacht vor dir. Das muß was anderes sein. Wir kommen schon dahinter, wir zwei! Nur Geduld mußt du haben! Und wenn du Honig begehrst von ihnen und sie bieten dir Salz, da mußt du schlucken! An die sechzig Jährlein sitz ich auf meinem Widum. Wie ich gekommen bin, o lieber Herr, wie hat's da ausgeschaut! Aber ich hab's in meinem Kirchlein gemacht, wie drunten in meinem Gärtl. Da rinnet der Bach vorbei, und jedes Jahr hat er mir ein Trumm guten Boden weggerissen. Pfähl hab ich geschlagen und eine Mauer hab ich gebaut, und die Mauer hat er geworfen und die Pfähl gerissen. Aber ich hab nit nachgelassen, hab gepfählt und gebaut und hab ihm seine Bosheiten abgelugt. Jetzt laßt er mein Gärtl in Ruh, der schieche Feind!« Hiltischalk erhob sich. »Aber gelt, jetzt tust mir das zulieb und schaust mein Kirchl an?«

Eberwein stand auf. »Führe mich!« Sie traten in die kühle Halle des Kirchleins. Plumpe Betstühle füllten den schmucklosen Raum, und armselige Geräte zierten den steinernen Altar; jedes Stücklein streichelte der Greis mit zärtlicher Hand, von jedem wußte er eine lange Geschichte zu erzählen. Die Betstühle hatte er selbst gezimmert, das steinerne Taufbecken mit eigener Hand gemeißelt. Kummervoll blickten seine Augen, als er aus einer Wandnische einen hölzernen Buchdeckel mit eisernen Schließen hervornahm – nur einige Fetzen beschriebenen Pergaments umschloß der Deckel noch.

»Schau, Bruder! Das ist einmal mein heilig Meßbuch gewesen. Aber die Mäus sind mir drüber gekommen. Die Mäus! Wenn die nur nagen können! Die haben nit einmal Scheu vor dem Heiligsten. Über mein Evangelienbuch im Haus drüben sind sie mir auch gekommen, die bösen Mäus!«

»Wie kannst du ohne Buch die Messe lesen?« fragte Eberwein erschrocken.

»Hab sie doch vierzig Jahr lang mit dem Buch gelesen!« lächelte Hiltischalk. »Da ist schon was hängen geblieben in meinem Gemerk. Und wenn's einmal auslaßt, in Gottesnamen, so red ich halt mit meinem lieben Herrn, wie's das Herz mir eingibt.« Er blickte in Eberweins Augen und fragte zögernd: »Das wird doch wohl kein Unrecht sein?«

»Nein, Bruder Hiltischalk!« Tiefe Bewegung sprach aus Eberweins Worten. »Doch wenn der Winter kommt, will ich dir ein neues Meßbuch schreiben.«

Der Greis nahm dieses Versprechen auf wie die Verheißung reicher Schätze.

Dem ersten Schreck, den Eberwein überstanden, folgte rasch ein zweiter: seit Jahren las Hiltischalk die Messe nicht nur ohne Buch, auch ohne Wein. In früheren Zeiten hatte wohl immer das gefüllte Fäßlein in der Kellergrube gelegen. Eines Tages waren Wazemanns Knechte im Pfarrhof eingekehrt, durstig von der Jagd; sie hatten den Wein gesucht und hatten ihn gefunden. Die Bauern steuerten dem Kirchlein Honig, Butter und Käse, trugen die frommen Gaben nach Hall und tauschten dafür ein neues Fäßlein ein, und bald ein drittes, ein viertes. Doch wo der Wein auch verborgen wurde – Wazemanns Knechte fanden ihn, wie die Mäuse das Meßbuch. »Und schau, lieber Bruder, da hab ich mir sagen müssen: wie darf ich allweil den Schweiß meiner armen Leut in die schiechen Gurgeln rinnen lassen? Die Mess' aber hab ich doch lesen müssen. So hab ich halt gemeint, es geht mit Wasser auch. Und schau: der zu Kana das Wasser in Wein verwandelt hat, der hat sich das Wasser gern gefallen lassen und hat's gewandelt. Wenn ich den Kelch gehoben hab und hab gebetet und getrunken, da hat's mir nie wie Wasser geschmeckt, allweil wie der rechte, heilige Himmelstrank!« Lächelnd blickte der Greis zum Altarkreuz auf und nickte dem Bilde zu wie einem guten Freund, der sich bewährt in aller Not.

»Selig, die festen Glaubens sind!« flüsterte Eberwein. Er legte die Hand auf die Schulter des Greises. »Aber du sollst nicht weiter Gottes Allmacht auf die Probe stellen. Ich werde dir Meßwein senden und will dafür sorgen, daß böse Hände nicht wieder rühren an das Gut deiner Kirche.«

Da rief eine schwerfällige Stimme den Namen des Pfarrherrn. »Das ist unsere Mätzel,« sagte Hiltischalk, »sie rufet zum Tisch.« Im Tor erschien eine Magd von abschreckender Häßlichkeit, mit dem Ausdruck des Blödsinns in den rotgeränderten Augen. »Geh nur, meine gute Mätzel, wir kommen schon!« Als die Magd verschwunden war, sagte der Greis: »Tu dich an ihr nit scheuen, lieber Bruder! Einwendig ist sie sauber und lieblich. Ist eine fromme, treue Magd. Ihre Mutter ist tot. Die hat gesennet. Wer ihr Vater ist, weiß niemand. Keiner im Tal hat sie nehmen mögen. So haben halt wir sie genommen und haben's nie bereut.« Sie waren aus der Kirche getreten und schritten am Beinhaus vorüber; Hiltischalk sah im Gras den Schädel liegen und hob ihn auf. »Schau, jetzt möcht mir der Loipli gar davonlaufen.«

Erstaunt wiederholte Eberwein den Namen. »An dem kahlen Gebein ernennst du noch das einstige Leben?«

Den Schädel in der einen Hand, streichelte der Greis mit der anderen den Knochenhaufen. »Die kenn ich alle. Die hab ich alle hinuntergelegt und hab sie wieder heraufgehoben, wenn ich Platz hab machen müssen für andere. Wenn unser guter Herr da droben am Jüngsten Tag sich ein lützel irren tät, da könnt ich ihm aushelfen, daß wir meine Ramsauer wieder schön zusammenklauben! Und der da, schau, mit dem Loch im Kopf,« er streckte die Hand mit dem Totenschädel, »das ist der Loipli gewesen, ein junger, schmucker Bub, rechtschaffen und fromm. Am heiligen Ostertag, wie er heim ist aus der Kirch, hat ihn unter der Felswand ein Stein erschlagen. Ein halbes Stündl früher hat er gebeichtet und das Himmelsbrot genommen. So ein Glück! Wie ein weißes Täubl ist seine Seel hinaufgeflogen zu ihrem guten Herrn.« Er legte den Schädel auf den Knochenhaufen. »So, Loipli, mein braves Büebli, jetzt bleib schön liegen da! Ordnung muß sein.«

Eberwein fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als möchte er einen Gedanken verjagen, für den er nicht Worte fand.

Langsam gingen sie dem Hause zu; Eberwein hatte keinen Blick für den Weg und strauchelte auf der Schwelle. Mit beiden Armen stützte ihn der Greis und meinte lächelnd: »Ach, Bruder, du wirst mir doch kein Unheil in meine Stub tragen?«

Da schüttelte Eberwein den Kopf. »Welches Haus wäre sicher, wenn nicht das deine?«

Sie traten in die Herdstube; das war ein kleiner Raum, nicht besser als die Stube eines Bauern; aber die Armut, die hier wohnte, hatte ein lächelndes Gesicht. Der mit gebleichtem Hanftuch überdeckte Holztisch schien dem Gaste sagen zu wollen: »Komm, ich gebe, was ich habe.« Das Feuer brannte noch auf dem Herd, dessen angerußte Wand mit roh geschnitzten Figürchen behangen war; man hätte sie für Alraunen halten können, wenn nicht die gelb bemalten Strahlen, die in ihren Köpfen staken, sie als Heilige bezeichnet hätten. Über dem Tisch im Winkel hing ein großes Holzkreuz, geschmückt mit den letzten Blumen des Sommers; auf einem Wandgesimse stand der zinnerne Kelch zwischen anderem Altargerät; ein frisch gewaschenes Chorhemd hing an hölzernem Nagel und rührte sich im leisen Windzug, der durch die unverwahrten Fensterluken in die Stube strich.

Mätzel kniete neben dem Herd und überwachte eine Pfanne, während eine greise Frau die dampfende Milchsuppe in hölzerner Schüssel zum Tische trug. Sie war, wie Hiltischalk, in eine lange, schwarze Lodenkutte gekleidet, deren weite Ärmel die welken Arme zeigten; zwei dünne, weiße Zöpfe hingen über die Brust der Greisin, und tief in Stirn und Wangen des freundlichen Faltengesichtes reichte das aus Garn geklöppelte Häubchen, das den Scheitel bedeckte. »Schau, lieber Bruder,« sagte Hiltischalk zu Eberwein, »das ist meine gute, brave Hiltidiu.« Er humpelte auf die Greisin zu und faßte sie am Ärmel. »Komm, Hilti, tu unseren Gast begrüßen und dank ihm für die Freud, die er gebracht hat in unser Haus!«

Dünne Röte glitt über die Wangen der alten Frau, als sie dem Mönch ihre Hand zum Gruße bot. »Gesegnet sei dein Eingang, Herr!« Ihre Stimme klang wie das Plaudern einer Quelle.

Hiltischalks Antlitz leuchtete, als er sah, daß der Blick seines Gastes herzlich auf Hiltidiu ruhte. »Ich danke deinem Gruß!« sagte Eberwein zu der Greisin. Und zu Hiltischalk gewendet, fragte er: »Deine Schwester, Bruder? Ich sehe, sie gleichet dir.«

»Freilich gleichen wir uns. Sind wir doch ein Herz und eine Seel seit zweiundfünfzig Jährlein! Nimm zwei Felsen, Bruder, und laß sie hinunterrollen über den ganzen Berg, von der höchsten Höh bis ins tiefe Tal! Wenn sie drunten sind und das letzte Hupferlein machen, schaut einer wie der ander aus. Da hat ein jeder die Ecken abgestoßen. Freilich gleichen wir uns, aber meine Schwester ist die Hilti nit.«

»Deine Magd?« fragte Eberwein erstaunt.

Lächelnd schüttelte die Greisin den weißen Kopf, während Hiltischalks heitere Laune wuchs. »Freilich, eine Magd, eine fromme Gottesmagd. Aber meine Magd? Der liebe Herr soll mich bewahren, daß ich sie je gehalten hätt wie eine Magd. Nein, lieber Bruder in Jesu Christ, die Hilti ist mein gutes Weib.«

Erschrocken trat Eberwein zurück. Der Greis gewahrte die Wirkung seiner Worte nicht. Er hatte Hiltidius Hand erfaßt und streichelte zärtlich ihre dürren Finger. »Zweiundfünfzig Jährlein! Und allweil harren wir noch auf den ersten Streit, den wir haben sollen. Recht und treu haben wir zusammengehalten im Krieg des Lebens, grad so wie unsere Namen zueinanderklingen, Hiltischalk und Hiltidiu, der brave Kriegsknecht und die brave Kriegsmagd! Hätt ich nit auf tausend Wegen den lieben Gott gefunden, ich hätt ihn finden müssen auf dem einzigen, auf dem er mir meine Hilti gegeben hat.«

»Aber geh, was schwatzest du!« schmollte die errötende Greisin.

»Sag ich was Unwahres? Haben wir nit gehauset miteinander wie zwei rechte Christenleut in gottesfürchtiger Eh? Hat es uns der gute Herr im Himmel nit gelohnt? Hat er uns nit alle Lieb und Freud genießen lassen, bis auf eine? Die hat er uns versagt in seiner Weisheit! Wir haben doch hundert Kinder gehabt um unser Haus her.« Er wandte sich zu Eberwein. »Das kannst du mir glauben, Bruder: die Hilti ist ihnen eine gute Mutter gewesen. So manches harte Köpfl, das ich nit hab ducken können in Güt oder Streng, das hat meine Hilti vor dem Kreuz gebeugt mit ihrer Mutterhand. Aber schau nur, das Süppl will nimmer dampfen. Komm, jetzt wollen wir uns niedersetzen! Aber beten müssen wir auch. Das muß allweil das erste sein.«

Er trat zum Tisch und faltete die Hände. In frommer Inbrunst hingen seine Augen am Kreuz, und mit seinen betenden Worten mischte sich die sanfte, leise Stimme der Greisin. »Amen!« sprach Hiltischalk. »Komm, lieber Bruder, setz dich auf den Ehrenplatz!« Da gewahrte er die Verwandlung in Eberweins Gesicht und stammelte erschrocken: »Bruder, was ist dir?«

Eberwein trat auf ihn zu, mit bebender Stimme: »Hiltischalk, ich darf nicht zehren an deinem Tisch.«

Zitternd stand der Greis. »Warum denn nit?« Hiltidiu war an seine Seite getreten, als fühlte sie, daß eine Gefahr ihn bedrohe.

Eberwein atmete tief und richtete sich auf. »Hiltischalk! Weise die Frauen aus der Stube, ich habe mit dir zu sprechen.«

Der Priester starrte auf den Mönch, als hätte er nicht verstanden. Hiltidiu ging zum Herd, faßte Mätzel bei der Hand und zog sie zur Tür. »Ihr könnet laut reden,« sagte sie, »wir gehen weit vom Haus.«

Hiltischalk sah ihr nach, während sie die Stube verließ, sah wieder auf den Mönch, rührte die Lippen und fand kein Wort. Wie der Angstschrei eines Verzweifelten klang Eberweins Stimme: »Hiltischalk! Was hast du mir angetan!«

»Ich, Bruder? Was denn?« lallte der Greis.

»Ich bin getreten in dein Haus, als wär's in eine Kirche. Gottes Nähe meinte ich zu fühlen an deiner Seite. Nun wirfst du Feuer über mich und weckest Zwietracht zwischen meinem Herzen und heiliger Pflicht.«

Der Greis tastete mit den Händen ins Leere. »So was hätt ich getan?«

»Du kannst noch fragen? Hast du denn nicht ein Weib?«

»Wohl, Bruder!«

»Ein Weib! Du! Ein Priester!«

»Wohl! Aber laß das jetzt! Und sag mir, was ich getan hab?«

Eberweins Augen irrten, als wüßte er sich nimmer Rat noch Hilfe. »Mensch, wie redest du? Mitten in Flammen stehst du, deine Kleider und Haare lodern, und du fragst: wo brennt es? Weißt du denn nicht, daß es dir als Priester verwehrt ist, ein Weib zu nehmen? Und daß du in schwerer Sünde lebst wider der Kirche heiliges Gebot?«

Hiltischalk sank auf die Holzbank nieder. Dann schüttelte er den Kopf und stammelte: »Mein lieber Bruder, jetzt muß ich dir aber doch sagen: du tust dich irren! Wenn ich kein Weib haben dürft, wie hätt es denn sein können, daß vor zweiundfünfzig Jährlein der hochwürdigste Herr Bischof in der Salzburg meine Hilti und mich zusammengegeben hat? Vierzig Denar hab ich gezahlt zur Sportel. Mit Müh hab ich sie aufgebracht und hab gezahlt für das heilige Sakrament. Wie schwer ich das Geld hab sparen müssen –«

Eberwein wollte sprechen, die Worte versagten ihm.

»Das hab ich nie vergessen, Bruder! In meinem Kirchl hat keiner zahlen müssen, keiner! Wenn sie gekommen sind, der gute Bräutigam und die liebe Braut, da hab ich ihre Händ ineinander gelegt und hab gesagt: nur festhalten in Lieb und Treu, in Ehr und Gottesfurcht! Und wenn sie den anderen Tag mich heimgesucht haben und haben mir Käs gebracht und Schmalz und Honig und Eier, da bin ich zornig worden und hab gescholten.« Mit zuckenden Händen fuhr sich der Greis in das weiße Haar und stotterte: »Was red ich denn? Das gehört doch nit daher! Von mir ist die Red, von mir und meiner Hilti –« Atem und Worte gingen ihm aus.

»Hier ist Gott!« stammelte Eberwein, während seine Augen in Erbarmen an dem Greise hingen. »Hier ist doch Gott! Das sagt mein Herz. Das Gesetz der Kirche aber ruft: Hier wohnt die Sünde! Und mein Herz darf keine Stimme haben.«

In ratlosem Jammer hatte Hiltischalk sich von der Bank erhoben. Sein Blick fiel auf das Kreuz, er streckte die Hände, und da schien es über ihn zu kommen wie Trost und Ruhe. »Nein, Bruder! Du mußt dich irren. Ich sollt meine Hilti nit haben dürfen? Warum denn nit? Ich bin kein Ordensbruder wie du. Dich bindet ein heilig Gelübd. Und auch ein Bischof soll sich enthalten, wenn er kann. Das steht in der Heiligen Schrift. Die kenn ich gut. Aber ich, Bruder, bin nur ein niedriger Leutpriester wie tausend andere. Wie ich noch ein junger Klerikus gewesen bin da draußen im tiefen Land, da hab ich überall den Pfarrherrn sitzen sehen mit seiner Pfarrin. Und wie sie mich dahergeschickt haben in die Einöd, hat mir alles fehlgeschlagen bei den harten Köpfen. Ich hab gemeint, ich muß verzweifeln. Da hat mich der liebe Himmelsherr die Hilti finden lassen, und sie ist mein Trost geworden und meine Hilf zu allem Guten. Wenn ich sie genommen hab, so hab ich nur getan, was draußen im Land viel tausend andere tun.«

»Was sie taten, war ein Greuel, sagt die Kirche!«

Der Greis schüttelte den Kopf. »Nein, Bruder! Wie könnt eine fromme Eh vor Gott ein Greuel sein? Das kann die Kirch nit sagen. Ich weiß schon – wie ich noch ein junger Klerikus gewesen bin, da hab ich oft gehört, daß über den Bergen drüben im welschen Land ein paar hitzige Köpf so reden, als war die fromme Priestereh ein Unrecht –«

»Nein, Hiltischalk! So hat der Papst entschieden!« rief Eberwein in Qual und Marter. »Auf heiligem Konzil, umgeben von allen Bischöfen der christlichen Welt!«

Der Greis erbleichte. Schweigend standen die beiden voreinander, als wäre der gleiche Jammer in ihnen.

In die dumpfe Stille klang von einer nahen Halde her der frohe Gesang zweier Stimmen; dort oben wandelte ein Bursch mit seinem Mädel in der Sonne, und die beiden, die sich gefunden, jubelten ihr Glück dem Himmel zu.

»Bruder – davon hör ich heut das erste Wörtlein!« sagte Hiltischalk tonlos. »Wann war das gewesen?«

»Vor vierzig Jahren.«

»Aber schau, wie hätt ich das wissen sollen? Über die vierzig Jahr lang bin ich nimmer hinausgekommen aus meinem einödigen Sitz, über die vierzig Jahr lang hab ich keinen mehr gesehen, der das heilige Kleid getragen hat. Wer hätt mir's denn sagen sollen? Und was wär denn anders geworden, wenn ich's gewußt hätt?« Ein Gedanke des Trostes fiel in sein Herz wie Sternenschein in die Nacht. »Ich und die Hilti sind schon über fünfzig Jahr lang Mann und Weib. So kann es für uns nit gelten.«

»Das Wort des Papstes hat gelöst, was gebunden war,« stammelte Eberwein, »wer Priester bleiben wollte, mußte lassen von seinem Weibe. Das ist gegangen durch alle Lande wie ein Sturm. Und nur an deinen Herd hat keine Welle geschlagen? Land auf und nieder sitzt kein beweibter Priester mehr. Nur du noch, du!«

»Ich, der einzig!« Wie ein Schwindel überkam es den Greis.

Eberwein umschlang ihn, ließ ihn auf die Holzbank niedersinken und setzte sich an seine Seite. »Wär ich doch nie gekommen, hätt ich dieses stille, reine Haus doch nie betreten! Glück will ich säen und muß Unheil streuen, wohin ich schreite!«

Hiltischalk löste sich aus Eberweins Armen. »Du mußt dich irren, Bruder! Es kann nit sein, ich kann's nit glauben. Oder ich müßt versterben. Wie meine Hilti und ich gehauset haben miteinander – vor einer Stund noch hab ich gemeint, es müßt der liebe Herr im Himmel seine Freud dran haben! Jetzt auf einmal soll –« Das Wort erstickte. »Nein, Bruder! Das Wort des Heiligen Vaters in Ehren. Aber wie könnt er sprechen wider das Heilige Buch? Steht nit im Heiligen Buch: es haben die Apostel Weib und Kind gehabt? Heißt es nit bei Paulus an die Korinther: ›Haben wir nit, so wie wir essen und trinken, auch das Recht, von einer christlichen Frau uns begleiten zu lassen, wie die Apostel, wie die Brüder des Herrn und Kephas?‹ Und eins noch, Bruder! Heißt es nit bei Paulus an Timotheus: ›Darum muß ein Priester unbescholten sein, eines Weibes Mann, der seinem Haus gut vorsteht, denn wie könnt er sonst in allem ein gutes Beispiel geben seiner Gemein?‹ Wart nur, Bruder, wart, die Stell, die muß ich dir zeigen –« Er humpelte davon und stolperte über die Schwelle einer Kammer.

Die schlaffen Hände im Schoß, starrte Eberwein ihm nach.

Unter den gleichen Worten, mit denen Hiltischalk die Stube verlassen, kehrte er wieder zurück, einen plumpen Pergamentband auf den Armen schleppend. »Wart nur, wart, die Stell muß ich dir zeigen!« Er legte das Buch auf den Tisch, die Schüssel zurückstoßend, daß die erkaltete Suppe hinausschwankte über den Rand; rote Flecken erschienen auf seinen bleichen Backen; bei dem zitternden Eifer, mit dem er im Buch den Brief an Timotheus suchte, fielen einzelne Blätter aus dem Bande, vergilbt und brüchig, mit halberloschener Schrift, an Kanten und Ecken übel zugerichtet von den Zähnen der Mäuse. »Wart nur, wart –« er warf die Blätter um und suchte, »an die Philipper, an die Kolosser, gleich muß es kommen, an die Christen zu Thessalonich – jetzt hab ich es: an Timotheus! Drittes Kapitel, zweiter Vers. Da schau her, da muß es stehen –« Er wollte mit dem Finger deuten, doch jäh verstummte er, stand wie entgeistert und starrte auf das Pergament, das bis über die Mitte zu Fasern und Fetzen zerbissen war. »Jetzt haben mir die Mäus das heilige Wort gefressen!« Lallend sank er in die Knie, fiel mit Gesicht und Armen auf das Buch und brach in Schluchzen aus.

Eberwein, das Herz erfüllt vom Kampfe seines menschlichen Erbarmens mit der beschworenen Pflicht seines Amtes, legte die Hand auf die Schulter des Greises. Doch er fand kein Wort des Trostes, kein Wort des Rates, weder für Hiltischalks Jammer noch für die eigene Pein. »Ich kann ihn nicht weinen sehen, ich ertrag es nicht!« Den Arm vor die Augen pressend, taumelte er aus dem Hause.

Hiltischalk richtete sich auf, und sein verstörter Blick irrte in der leeren Stube umher. »Fort ist er! Hat mich geworfen in Not, und in der Not verlaßt er mich!« Er lief zur Türe. »Bruder, lieber Bruder in Jesu Christ!« Als er den Hof erreichte, sah er Eberwein am Ufer der reißenden Ache auf schmalem Karrenweg dahineilen, mit flatterndem Gewand und vorgebeugten Hauptes, wie einer, der in tobendem Sturme schreitet.

Hiltidiu kam mit Mätzel vom Kirchlein gelaufen. »Warum ist er fort? Was hat er?« Die Sprache versagte ihr, als sie das Gesicht ihres Mannes sah.

»Wo lauft er denn hin?« jammerte Hiltischalk, als wäre der Weg, den Eberwein genommen, seine einzige Sorge. »Er will zum Lokiwald und lauft der Windach zu. Er muß sich verirren! Es kann ihm doch was geschehen! Mätzel, komm doch, lauf und zeig ihm den rechten Weg!«

Mätzel rührte sich nicht; ihre Augen hingen an ihrem Herrn, und sie begann zu zittern, als fiele ihr jede Zähre, die sie über seine weißen Bartstoppeln heruntertropfen sah, wie ein heißer Schmerz in die treue Seele.

»So lauf doch, Mätzel! Oder ich selber muß ihn führen!« Hiltischalk wollte zum Hagtor; da hielt ihn Mätzel kreischend zurück, schoß zum Hof hinaus und folgte mit jagenden Sprüngen dem Weg, auf welchem Eberwein verschwunden war.

»Was sagst du, Hilti! Der wär jetzt hineingelaufen in die Windachklamm!« Mit diesen Worten wandte sich Hiltischalk zu seinem Weibe, das bleich und schweigend stand, von dunkler Angst bedrückt. »In die Windachklamm –« wieder holte er, dann ging ihm die Sprache aus, und mit erloschnem Wehlaut wankte er der Steinbank unter der Linde zu. Erschrocken eilte ihm Hiltidiu nach. »Herr im Himmel, was ist denn? Mann, so red doch!« Sie wollte ihn stützen, doch er wich zurück und stammelte: »Tu nit rühren an mich!« Im nächsten Augenblick streckte er selbst die Hände nach ihr, warf sich an die Brust der Greisin, umschlang sie, drückte sie an sich mit der müden Kraft seiner alten Arme und weinte wie ein Kind. Sie sprach kein Wort. Den Wankenden zärtlich stützend, ließ sie ihn auf die Steinbank sinken, hielt sein Haupt an ihrer Brust und streichelte mit linder Hand sein weißes Haar.

Wie ein Frierender schmiegte er sich in ihre Arme und flüsterte scheu: »Weißt du, was er gesagt hat, Hilti? Er hat gesagt: wir zwei, wir wären nit Mann und Weib!«

Hiltidiu schüttelte den Kopf. Sie verstand nicht. »Wir zwei nit Mann und Weib? Was sonst?«

»Ich weiß nit!« Mit zuckenden Händen griff Hiltischalk an seine Brust und erhob sich. »Komm, Hilti, komm!« Er umklammerte ihre Hand. »Das reden wir zwei nit aus, wir zwei allein! Da muß noch ein anderer dabei sein, ein anderer!« Er zog die Sprachlose hinter sich her und verschwand mit ihr im Tor des Kirchleins.

Stille lag um die hölzernen Mauern und über den Gräbern; manchmal raschelte es leise im Beinhaus, und von der Linde fiel das welke Laub.


 << zurück weiter >>