Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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13

Der rote Frühglanz fiel auf die Felsgehänge des Untersberges, als Bruder Schweiker im Arbeitskittel aus der Tür der Klause trat. Eberwein lag noch im Schlaf. Daß auch Bruder Wampo noch schlummerte, konnte man hören. Nur Waldram wachte; aus dem Kirchlein quoll der eintönige Klang seiner betenden Stimme. Schweiker sah mit großen Augen umher: die Rodung war ein grauer Sumpf, und bis zum Fuß der Berghöhe reichte der Schnee herunter. »Schau nur einer! Vor zwei Tag noch Sommer, und heut springt uns der Winter in die Fenster!« Ein dumpfes Rollen. Auf dem Berghang stob eine silberweiße Wolke in die Lüfte. Ein breiter Schneestrom fuhr über das Gehäng und glitt am Fuße des Berges fächerartig auseinander. Nun wieder Stille. Wie feiner Regen fiel der weiße Staub, und Steine hüpften lautlos über den Schnee.

»Ihr guten Heiligen! So eine Gegend! Da lauft der Schnee, als hätt er Füß!« Schweiker wollte in die Klause treten. Vor der Türe zögerte er. »Ist der Herr nit selber aufgewacht, ich weck ihn nit. Er braucht den Schlaf wie der Hunger den Bissen Brot.« In Sorge betrachtete er den gestürzten Schnee. »Jetzt heißt's aber schaffen und die Pfähl schlagen zum Hag!« Er suchte die Axt und fand sie mit Rost bedeckt auf der Stelle liegen, an der er sie am verwichenen Mittag aus der Hand geworfen.

Da rief eine leise Stimme seinen Namen. Wie Schreck fuhr es ihm in alle Glieder. Ein paar Sprünge machte er, als wäre die Hölle hinter ihm; dann blieb er stehen und blickte über die Schulter. Bei der Klause stand die Hirtin, das weiße Tüchl um den Kopf, am Arm den schweren Weidenkorb. Lächelnd blickte sie zu Schweiker auf, der zögernd näher kam. Nicht die Stimme, die ihn gerufen, und nicht die fromme Gabe, sondern das Staunen zog ihn näher. Die graue Raupe Hinzula war verwandelt in einen bunten Schmetterling. Ein rotes Röckl floß um ihren schlanken Leib, und unter dem grüngefärbten Mieder aus Lammfell quoll das gebleichte Hanftuchkittelchen hervor, dessen Ärmel mit farbiger Wolle gesäumt waren. Sie stellte den Korb zu Boden und lüftete den Deckel. »Schau her, was ich gebracht hab!«

Er sah den Korb nicht. Seine Augen hingen an der Hirtin, die ihm zulispelte: »Was sagst du, wie die Berg ausschauen! Heut in der Nacht hat's Not über Not gegeben auf den Alben. Der Vater und die Mutter sind lang vor Tag schon aufgestiegen. Und wie ich so allein gelegen bin, ist mir die Zeit lang geworden. So hab ich halt ein lützel was ins Körbl getan und bin heruntergelaufen. Du! Droben bei uns, da liegt der Schnee aber schiech!« Sie hob ein wenig das Röckl und lugte auf ihre Schuhe, an denen der Schnee in Klumpen hing; der Saum ihres Kleides war schwer von Nässe.

»Kindl! Wie hast du einen solchen Weg tun können!« stotterte Schweiker in Vorwurf und Sorge. »Bist du denn schon wieder völlig gesundet?«

Sie sah ihn mit glänzenden Augen an und lachte. »Ein lützel brummen tut mir das Köpfl noch. Aber das wird schon aufhören! Gelt?«

Er streckte die Hand und zog sie wieder zurück. Und immer größer wurden seine Augen.

Verwundert sah Hinzula zu ihm auf. »Was hast du denn?« Sie griff nach dem Korb. »So schau doch her und nimm!«

»Leg das Zeug nur vor die Tür! Da wird's der ander schon finden. Ich will nichts haben davon. Kein Bröckl rühr ich an. Überhaupt – es muß ein End haben! So oder so! Und schaffen muß ich auch.« Er nahm die Axt über die Schulter, drehte dem Mädchen den Rücken und schritt zum Waldsaum.

Erschrocken stand die Hirtin und sah ihm nach; ihr Mäulchen zuckte, und Tränen kugelten ihr über die Wangen. Als Schweiker die Arbeit begann, nahm sie den Korb, schüttete seinen Inhalt vor die Tür der Klause und schlich den Bäumen zu.

Am Waldsaum schwang der Bruder die Axt; bei jedem Hieb drehte er die Augen über die Schulter. »So was! Fliegt umeinander wie ein Stieglitz! Rot und grün und schecket! Da hört sich doch alles auf! Wenn ihr einer in den Weg lauft! Von den Wazemannsbuben –« Bei diesem Gedanken fiel ihm das Beil aus den Händen. In langen Sprüngen, daß unter jedem Tritt aus dem nassen Moos das Wasser spritzte, eilte er über die Rodung, holte die Hirtin ein, packte ihren Arm, schüttelte sie und keuchte mit zornrotem Gesicht: »Du heillose Dirn du! Wie kannst du denn so umeinanderlaufen? Wie schaust du denn aus!«

»Wieso? Was hast du denn?« klagte Hinzula. »Ich hab mich doch sauber gemacht! Hast doch allweil gescholten –«

»Sauber? So? Wart, ich will dich sauber machen!« Mit der einen Hand hielt er sie fest, mit der andern fuhr er, sich niederbückend, tief in den Schlamm. Ein flinker Strich über Hinzulas Gesicht. Wieder tauchten seine gespreizten Finger in die graue Farbe. Es währte nicht lang, und die Hirtin bot vom Scheitel bis zum Rocksaum einen Anblick, der auf ein Haar dem Bilde glich, das Bruder Wampo geboten, als er im Sumpf des Achentals den Frischling erbeutet und Schweiker ihm zugerufen hatte: »Bruder, mir graust vor dir!« Jetzt aber schien Schweiker sein Wohlgefallen an dem grauen Bild zu haben. Er nickte zufrieden vor sich hin und wischte die Hände über die Hüften. »So, mein Kindl, jetzt kannst du in aller Ruh den Heimweg suchen!« Mit einem Puff brachte er die Hirtin in Gang. »Jetzt rührt dich keiner an!«

Während Hinzula, die Hände von sich abgestreckt, mit kurzen Schritten, schluchzend und lachend zugleich, den Wald betrat, eilte Schweiker so vergnügt, als hätte er ein gutes Werk getan, der Klause zu. Da hörte er Wampos jammernde Stimme. »Was ist denn schon wieder?« brummte er und sprang über den kleinen Berg von Butter, Brot und Käse, den Hinzula vor der Schwelle abgeladen. Wampos Klagetöne kamen aus der Vorratskammer; als Schweiker auf die Schwelle trat, sah er den Bruder in seiner von Honig glitzernden Kutte auf der Erde knien und verzweifelt die Hände ringen: »Schau nur das Unglück an! Das Ärgste, was noch geschehen hat können!«

»So red doch, was ist denn los?«

»Der ganze Meßwein ist ausgeronnen in der Nacht!«

Schweiker erschrak und wurde rot – er hatte in der Eile, als er den Trunk für Eberwein geholt, den Hahn zu schließen vergessen. Mit den Fingern klopfte er das Fäßl ab. Es hatte hohlen Klang. Und doch begriff er die Sache nicht; auf dem festgestampften Lehmgrund konnte der Wein nicht in die Erde sickern, die ganze Kammer hätte überschwemmt sein müssen, aber auf dem Boden stand nur eine kleine Lache. »Das ist doch nit der ganze Wein! Die paar Kännlen für die Mess' all Tag, sonst hat doch keiner davon genommen. Das Fäßl muß über die Hälft noch voll sein!«

Jetzt wurde Bruder Wampo rot bis über die Ohren. Aber statt seine heimlichen Sünden zu bekennen, jammerte er: »Was tun wir jetzt? Kein Tröpfl Wein mehr! Jetzt dürfen wir zusperren und Amen sagen. Jetzt hat alles ein End, und die Welt geht unter. So eine Gegend, wie das ist!« Unter Seufzen und Schelten begann er alles Unheil aufzuzählen, das den Brüdern von der ersten Stunde an im Gaden widerfahren. »Und gestern,« schloß er, »was mir gestern geschehen ist, das weißt du noch gar nit! Die Haar möchten einem zu Berg stehen!«

Schweiker schielte nach Wampos Glatze.

Seufzend strich der Bruder über einen der schimmernden Honigflecken auf seiner Brust und roch an den Fingern. »So ein Honig, wie das gewesen wär! Süß wie die Seligkeit und düftig wie ein Blümelgarten! Da, riech!« Er hob die Hand. Und erzählte von dem wilden Immenstock und von dem Weg, den er am verwichenen Abend getan, um den Honig auszuheben. »Ich hab den Baum gleich wieder gefunden. So was merk ich mir. Aber wie ich dasteh vor dem Baum, da bin ich erschrocken, weil die ganze Rind verkratzt gewesen ist, als wär einer mit Nägelschuh dran auf und nieder gestiegen. Um aller Heiligen willen, hat's geschrien in mir, es wird mir doch kein anderer über den Immstock gekommen sein? Wie ich hinaufschau, seh ich die Immen klumpenweis am verstopften Einflug hängen. Gott sei Dank, hab ich denken müssen, da hat noch keiner hingerührt! Aber jetzt, Bruder, jetzt weiß ich, wer bei meinem Immstock gewesen ist!«

»Wer denn?«

»Wart nur ein Weil!« Bruder Wampo schöpfte Atem. »Ich hab an einem langen Stecken den Kienspan angezunden und hab die Immen abgebrannt vom Loch. Nachher bin ich hinaufgestiegen. Es hat ein lützel Beißen gekostet! Wie ich droben gesessen bin auf dem Ast, hab ich mich schön ausgeschnauft und hab mir aus Reisern ein Dächl über dem Kopf gemacht, weil mir der Regen über den Buckel geronnen ist, als tät man aus einem Schaffl gießen. Und hab den Holztiegel vom Gurt genommen und hab angefangen.« Er fuhr mit der Zunge über die Finger. »Der ganze Baum ist hohl gewesen, kein Sumserlein hat sich mehr im Stock gerührt, und wie ich hineingreif, spür ich, daß eine Waben neben der andern hängt, dick und fett. Einen Schnalzer hab ich mit der Zung getan und hab geschafft, daß ich schwitzen hab müssen. Eine Waben um die ander hab ich gehoben und hab den Honig ausgedruckt, daß der Tiegel bald übergelaufen wär! Und wie ich in der besten Arbeit bin, da hör ich unter mir ein Tappen und Kraspeln. Wer kommt denn da? Ich schau hinunter – und hab gemeint, es fallt mir vor Schreck die Zung in den Hals!«

»Warum denn?«

»Weil unter mir ein Endstrumm Bär gestanden ist. Ein Kerl wie ein Ochs! Und schaut so schief herauf zu mir, als möcht er sagen: gehst herunter oder nit!«

»Ich mein', du bist droben geblieben?« fiel Schweiker ein, halb in Sorge und halb erheitert; er sah ja den Bruder heil und gerettet vor sich auf der Erde sitzen.

»Droben geblieben? Wohl! Aber gar nit lang! Allweil hab ich hinuntergeschaut auf das wüste Vieh, wie die arme Seel auf den Teufel, der mit dem Hackl kommt. Hat's einen Schnaufer lang gedauert oder eine Ewigkeit? Nit weg ist er gegangen und einen Brummer nach dem andern hat er getan. Ausgeschaut hat er, Bruder, ich kann's nit sagen! Das ganze Fell verzaust, als hätt man ihm schüppelweis die Haar aus dem Pelz gerissen. Den ganzen Schädel hat er voll blutiger Schrammen gehabt, und um die Tatzen herum ist er schäbig gewesen, als hätt er schon einmal merken müssen, was Schlingen sind! So steht er und brummt herauf zu mir – und auf einmal hebt er sich in die Höh und packt den Baum an!«

»Gütiger Himmel!« stotterte Schweiker. »Was hast du denn da getan?«

Bruder Wampo mußte schlucken; der Atem war ihm ausgegangen. »Was ich getan hab? Das weiß ich nimmer. Ich weiß nur: es hat unter mir einen Krach getan, der Ast ist weggebrochen vom Baum, und mit mir ist's hinuntergegangen wie ein Sauser. Aufgefallen bin ich – Bruder, das hat einen Plumps gemacht, als hätt der Bidem ein Trumm Stein vom Berg geworfen. Aber hinfallen und aufspringen ist eins gewesen! Alle Heiligen hab ich angerufen, hab meinen Honigtiegel festgehalten, als wär meine Seel drin, und hab ein Laufen angefangen, daß meine Füß geflogen sind! Und wie ich lauf, da hör ich Küh brüllen im Wald und hör Leut schreien. Ich schau mich um. Und da lauft hinter mir der Bär, und wo ich ein Tröpfl Honig verschüttet hab, macht er mit der Zung einen Schlecker über den Boden. Ich renn und renn, meine Kräft haben ausgelassen, und auf die Letzt bin ich dagestanden wie angewachsen und hab geschnackelt an Hand und Füß!«

»Warum hast du denn nit um Hilf geschrien, wenn doch Leut in der Näh gewesen sind?«

»Hilf schreien! So was!« schalt Bruder Wampo in Ärger. »Schrei du um Hilf, wenn dir kein Schnaufer mehr aus dem Hals will! Und eh ich mich recht besonnen hab, ist der Bär schon dagewesen –«

Erschrocken fragte Schweiker: »Und hat dich angepackt?«

»Angepackt? Ja, schön! Bei meinen Füßen hat er zu schlecken angefangen und hat an mir heraufgeschleckt, bis er zum Tiegel gekommen ist. Ein ganzes Loch hat er mir aus der Kutt gefressen. Da schau her!« Bruder Wampo hob den fransig ausgeknusperten Saum der Kutte. »Jetzt ist mir die Sach zu dick geworden! Ich hab ein Stoßgebetlein getan, hab den Honigtiegel gehoben und hab ihn dem wüsten Vieh auf den Schädel gehauen, daß es gescheppert hat! Und der Bär hat den Hafen gepackt und ist hineingefahren mit der Schnauz – und ich, Bruder, ich bin gesprungen im Regen, wie der Frosch im Hagelwetter. Halbtot bin ich zur Klaus gekommen und hab in meiner Angst vor die Tür geworfen, was mir in die Händ geraten ist! Wie ein Stückl Holz bin ich hingefallen aufs Bett und hab keinen Rührer mehr getan.«

Schweiker lachte. Und plötzlich wurde er stumm. Eberwein stand auf der Schwelle. Bruder Wampos Stimme hatte ihn geweckt, und durch die offene Tür mußte er jedes Wort vernommen haben; aber das wundersame Abenteuer machte ihn nicht lächeln. Sein Gesicht war müd und bleich, dunkle Ringe lagen um seine brennenden Augen.

»Guter Herr!« stammelte Schweiker in Schreck und Sorge.

Eberwein fragte: »Wo ist der Knabe?«

»Ich weiß nit!« stotterte Wampo.

Schweiker faßte den Bruder am Arm. »Aber du hast mir doch in der Nacht gesagt, er wär beim Pater in der Zell!«

»Ich? In der Nacht? Sterben will ich, aber da weiß ich kein Wörtl davon! Seit dem Abend hab ich den Buben nimmer gesehen.«

Sie traten in Waldrams Zelle und fanden sie leer; auf der Erde lag die Geißel, blutfleckig an Griff und Strängen. Mit zerdrückter Stimme rief Eberwein den Namen des Knaben. Während sie nach dem Kirchlein eilten, fiel draußen vor der Klause eine schwere Masse mit dumpfem Klatsch zu Boden. Der nasse Schnee, der auf dem steilen Dach gelegen, war unter der Sonnenwärme ins Gleiten geraten und hatte im Niederfallen die Gabe der Hirtin verschüttet. –

Leuchtend, in jedem hängenden Tropfen ein Blitzen und Schimmern weckend, lag die Morgensonne über Rodung und Wald. Das welke Laub hatte flammende Farben, als wär' es in Brand geraten, und von den weißen Bergen ging ein Glanz aus, der die Augen blendete. Strahlend stand die Sonne am reinen Himmel, ihr Licht verstreuend in gleißender Fülle; sogar die Schatten, die sie warf, erschienen nicht wie Dunkel, sondern wie bläulicher Rauch, hinter welchem Feuer brennt.

Es reichte der Sonnenglanz schon weit hinaus ins Tal, alle Halden der Schönau funkelten schon im Lichte, und immer weiter seewärts rückte die Helle über den Untersteiner Forst.

Nur der Hag des Fischers und Wazemanns Haus lagen noch im Schatten der Seeberge.

Auf der Höhe des Falkensteins füllte wirrer Lärm den Burghof. Die gewaffneten Knechte beluden sich mit den Pechkränzen und Reisigbündeln, die Mägde trugen die Metkannen um, und Herr Waze stand mit fünf Söhnen am Fuß der Freitreppe, der Pferde harrend, die man aus den Ställen führte. Einer der Knechte ließ am Tor die Brücke nieder. Als sie gefallen war, erhob sich Ulla aus ihrem Winkel. Lautlos huschte sie zum Tor hinaus, und niemand achtete ihres Weges.

Schon wollte Herr Waze den Fuß in den Bügel setzen. Da dröhnten schwere Schläge an der Mauerpforte, die gegen die Bergseite führte. Man lief und öffnete. Bis über die Hüften mit Schnee behangen, trat Rimiger in den Burghof. Zornröte schlug über Wazes Stirn, als er den Sohn erblickte, und böser Willkomm schien ihm auf der Zunge zu liegen. Doch Rimiger schnitt ihm die Rede ab mit dem keuchenden Ruf: »Vater, dein Wort ist Wind geworden im Gaden! Auf deinem Bannberg hausen Leut!« Er lachte heiser. »Und kochen ihr Mus am Feuer!«

»Laß sie kochen!« schrie Henning. »Wir haben andere Sorg!«

Herr Waze hatte das Roß von sich geschoben und war auf Rimiger zugetreten. »Leut auf meinem Bannberg?«

»Hinter dem Eismann droben, in der öden Albhütt! Und weißt du, wer? Der Richtmann, sein Bub und Sigenots Schwester.«

»Das Rötli?« klang Eilberts Stimme aus dem Lärm der anderen.

Der schrille Hall dieses Namens flog in die Herrenstube und weckte die Tochter Wazes aus ihrem steinernen Brüten. Wie Ulla sie verlassen hatte, so saß sie noch immer, das Kinn auf der Brust, die Hände im Schoß. Jetzt hob sie das bleiche Gesicht und lauschte. Sie hörte das wirre Geschrei, zornige Worte ihres Vaters, dann die Stimme Rimigers: »Im Schnee ist kein Weg mehr über die Wand gewesen. Otloh wär am liebsten heimgekehrt, aber ich hab mir gute Jagd versprochen vom Morgen. Das Fahlwild hinter dem Eismann ist mir im Sinn gelegen. So sind wir hinuntergestiegen gegen den Windacher See. Noch eh wir im Seetal ans End gekommen sind, ist der Abend eingefallen. Ich hab gemeint, wir sollten noch aufsteigen bis zur Ödhütt und droben nachten. Die Hütt liegt einen Pfeilschuß von dem Wechsel, über den das Fahlwild niederzieht, wenn Schnee gefallen. Gut! Wir steigen weiter und kommen in schneeheller Nacht zur Hütt. Schon von weitem ist mir's gewesen, als käm aus der Hütt ein Lichtschein. Und richtig! Rauch geht auf, und wir hören das Holz im Feuer krachen! Ein Wilddieb? Das ist das erste gewesen, was ich denken hab müssen! Und da hör ich aus der verschlossenen Hütt die Stimm einer Dirn. Und hör den Richtmann reden! Und seinen Buben! Und rat, was ich vernommen hab! Vater! Sie haben dir einen Knecht erschlagen, weil er die Fischerdirn hat fassen wollen.« Die Stimme Rimigers ging unter im Geschrei. Starr lauschte Recka. Abgerissene Worte drangen an ihr Ohr; sie hörte, wie Rimiger von seinem Heimweg sprach, und hörte ihn sagen, daß Otloh in sicherem Versteck zurückgeblieben wäre, um die Hütte im Auge zu behalten.

»Rühr dich, Vater!« schrie Henning. »Willst du zum Gespött werden im Gaden und stillsitzen, wenn dir das Bauernpack dein Fahlwild scheucht? Der Fischer hütet seinen Hag, die Kutten hüten ihre Klaus. Die bleiben dir allweil noch. Hinauf, Vater, hinauf!«

Aus dem Lärm, der diesen Worten folgte, hob sich schrill die Stimme Wazes: »Vier Knecht mit uns! Die Hetzhund an die Riemen! Und nehmt die Würfel mit, ihr Buben: als Einsatz geb ich euch die Dirn!«

Tumult und Gelächter, Pferdegetrappel und das Gebell der Hunde füllten den Burghof. Im öden Herrensaal stand Recka, zitternd an allen Gliedern. Ein Lächeln huschte um ihren bleichen Mund, ihre Gestalt streckte sich, und die Finger schlossen sich zu Fäusten. »Rötli! Auf Tod und Leben, ich halt dir meine Treu!«

Sie sprang in ihre Kammer, und während sie sich rüstete wie zu Ritt und Jagd, ging ein Schreien und Rennen durch alle Räume des Hauses. Die Knechte liefen nach den Schneereifen und Grießbeilen.

Als Recka den Wildfänger um die Hüfte gürtete, wurde an ihrer Kammer die Tür aufgerissen. Henning erschien auf der Schwelle und maß die Schwester mit spöttischem Blick. Ohne ein Wort zu sagen, trat er wieder zurück, warf die Türe zu, und draußen klirrte der Riegel.

Recka war gefangen. Sie lachte – und koppelte den Köcher an ihren Gürtel. An jedem Pfeil, den sie im Köcher verwahrte, prüfte sie die Fiederung, den Schaft und die Spitze. Den Eibenbogen nahm sie auf den Rücken und faßte den Jagdspeer. Nun stand sie und lauschte. Im Burghof dämpfte sich der Lärm, und als der Hufschlag der Pferde und das Gekläff der Meute gegen die Bergseite hin verklang, eilte Recka zum Fenster und schwang sich auf die Brüstung. Sie sah nicht, daß von dem wankenden Tisch der kleine Schrein mit dem Geschmeid ihrer Mutter zu Boden stürzte – sie sprang.

Auf den Dielen ging der Schrein in Scherben; die goldenen Schaumünzen, die silbernen Ketten, die Ringe und Spangen fielen klirrend durcheinander. Zwischen dem schimmernden Geschmeide hüpfte der halbe Beinreif der Salmued heraus und kollerte über den Estrich gegen die Türe.


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