Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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13

Um die Mittagsstunde des folgenden Tages stand Edelrot auf dem Lugaus und spähte, die Augen mit der Hand beschattend, über den See hinaus. Früh am Morgen war Sigenot mit dem Einbaum ausgefahren, um von den Legangeln im Weitsee die Beute der Nacht zu lösen. Er pflegte sonst von solcher Fahrt vor Mittag heimzukehren. Nun warteten sie im Fischerhause schon seit einer Stunde mit dem Mahl auf ihn. Er wollte nicht kommen, und Mutter Mahtilt war unruhig.

In der Sehnsucht, mit welcher Edelrot auslugte über den See, hörte sie nicht, daß im Uferwald der Aufschlag eines Grießbeils klirrte. Sie blickte erst auf, als das Klirren schon nah am Waldsaum klang. Und da huschte warme Röte über ihre Wangen. »Ruedlieb kommt von der Alben,« dachte sie, »er muß auf dem Heimweg hergestiegen sein über die Seewänd und muß den Einbaum gewahrt haben.«

Sie sprang über den Hügel hinunter und eilte vor das Hagtor. Erschrocken verhielt sie den Fuß. Nicht Ruedlieb stand vor ihr, sondern Henning, Wazemanns Ältester, mit dem Grießbeil in der Hand, den Eibenbogen über der Schulter. An der Lippe nagend, stand er und musterte die Gestalt des Mädchens mit frechem Blick.

»Bist du über die Seewänd hergestiegen?« fragte Rötli stotternd.

Er hob das Gesicht, seine Augen wurden klein. »Warum fragst du?«

»Mein Bruder ist ausgefahren am Morgen und sollt schon lang daheim sein. Hast du nit auf dem Weitsee den Einbaum schwimmen sehen?«

Henning lächelte. »Ich mein' wohl, daß ich ihn gesehen hab. Er ist weit vom Land gewesen, es kann eine Weil noch dauern, bis er heimkehrt.« Ein heiseres Auflachen. »Sorgst du dich arg um ihn? Hast du ihn denn gar so lieb? Wenn du dem Bruder schon so gut bist, wie fest und warm erst müßt dein rundes Ärml drücken können am Hals eines Liebgesellen!« Er streckte die Hand, um ihren Arm zu fassen.

Erschrocken wich Rötli zurück.

»Schau, wie das Vöglein sich duckt! Gib acht, wir werden noch gute Freund, wir beide!« Wieder streckte er die Hand. Da sah er Wicho unter dem Hagtor stehen, und zurücktretend sagte er freundlich: »Eine Botschaft meiner Schwester hab ich. Sie will, daß du heut noch zu ihr hinaufkommen sollst in unser Haus. Und bald. Meine Schwester wartet nit gern. Kommst du?«

Rötli zögerte mit der Antwort. »Wenn es deine Schwester begehrt. Ich bin ihr gut.«

Hennings Augen blitzten. »Das will ich ihr sagen!« Lachend ging er davon, dem Weg zur Ache folgend. Als er, über den Felsensteig emporklimmend, seines Vaters Haus erreichte, fragte er den Knecht, der ihm öffnete: »Ist meine Schwester schon daheim?«

»Nein, Herr.«

»Wann kommt sie heimgeritten?«

»Nit vor Abend.«

»Gut! Jetzt tu die Ohren auf –« Hennings Stimme wurde leis, weil er vor dem Bärenzwinger den Vater sitzen sah.

Herr Waze war allein zu Hause; Hartwig und Eilbert waren auf die Jagd gezogen, Sindel, Rimiger, Gerold und Otloh hielten die Wache im Lokiwald. Um die Langweile der Einsamkeit zu verscheuchen, hatte Herr Waze ein Spiel gewählt. Auf einem Steinblock saß er vor dem Raubtierkäfig, einen langen Stecken in der Hand, und reizte mit derben Stößen die eingesperrten Tiere. Brummend erhob sich der Bär auf die Hinterfüße, knurrend fuhr der Wolf von einem Winkel in den anderen, und fauchend sprang der Luchs an den hölzernen Stäben empor und klammerte sich an die Decke des Käfigs. Herr Waze bohrte mit dem Stecken, bis der scheue Zorn der Tiere zur Wut sich steigerte, so daß sie, um ihren Grimm zu entladen, übereinander herfielen und beißend im Knäuel sich balgten. Dann ließ Herr Waze den Stecken sinken, legte die Hände auf den Bauch und lachte. Der heulende Lärm im Käfig brachte alles Geflügel des Hofes in Bewegung. Die Hühner stoben gackernd auseinander, scheu umflatterten die Tauben das Dach, auf der Mauer schrie ein Pfau, und im Zwinger kläfften die Hunde. Langsam trat die Ruhe wieder ein, als die Kämpfer im Käfig voneinander gelassen hatten: in einer Ecke lag der Bär und leckte die Tatze, die der Wolf ihm blutig gebissen, in der andern Ecke saß die rote Bergkatze an die Stäbe gedrückt und ächzte, während der Wolf, dem das Blut von der Schulter tropfte, mit glühenden Augen auf und nieder trabte und die Schnauze in jede Lücke der Stangen stieß, als möchte er den Ausweg erzwingen.

Herr Waze hob den Stecken und begann das rohe Spiel aufs neue. Brummend richtete der Bär sich auf und hielt die funkelnden Lichter auf seinen Peiniger gerichtet. »Rühr dich, Meister Waldhauser! Munter! Munter!« Herr Waze bohrte mit dem Stecken.

Da tat der Bär, laut aufbrüllend, einen mächtigen Sprung gegen die Wand seines Kerkers, daß die Stangen sich bogen und der Käfig erzitterte in allen Fugen. Herr Waze fuhr erschrocken zurück; als er gewahrte, daß die Stangen hielten und der Bär im Rückprall zu Boden kollerte, schlug er mit dem Stecken und lachte. »Gelt, Waldhauserlein? So wie du, möcht mancher anspringen wider mich. Nur gut, daß der Käfig, den ich ihnen gebaut hab, feste Stangen hat.« Er blickte auf, denn er hatte Hennings Schritt gehört. »Du?« fragte er verwundert. »Warum kommst du allein?«

»Weil ich mich gesondert hab von den Brüdern.«

Herr Waze maß den Sohn mit forschendem Blick; er hatte aus Hennings Worten einen Ton herausgehört, der ihn stutzig machte. »Wo warst du?«

»Drüben auf dem Seewandlahner, über dem Moospalfen, der hinaushängt übers Wasser.«

»Hast du den guten Hirsch gespürt?«

»Nein, Vater!« Ein dünnes Lächeln. »Aber der Fischgeier ist mir zugestrichen, auf den ich warte seit lang.«

Herr Waze zog die gekrümmten Finger durch den Bart.

»Und?«

»Über dem Palfen bin ich gelegen und hab ein Trumm Stein gehalten. Da ist der Fischgreifer hergestrichen über den See, auf den Palfen zu, und wie er unter mir war und die Legangel hat heben wollen, da hab ich fallen lassen.«

Der Alte sprang auf. »Er liegt?«

»Schau hinaus über den See! Du kannst den leeren Einbaum treiben sehen!«

Herr Waze eilte zur Mauer und spähte funkelnden Blickes in die Tiefe. Sonnenduft umflimmerte den See, auf dessen schillerndem Spiegel in Pfeilschußweite vom jenseitigen Ufer der leere Nachen schwamm wie ein braunes Scheit. »So hast du's haben wollen!« murmelte Herr Waze. »Ich hab gemeint, es wär genug an deinem Vater. Jetzt lieg, wo du liegst!« Er wandte sich von der Mauer und ging zur Freitreppe.

Da trat ihm Henning in den Weg. »Ich will meinen Dank, Vater!«

»Verlang! Nur nit mein Roß, meinen Stächlinbogen oder den Weißfalk! Die drei Ding behalt ich, solang ich leb.«

»Was ich will, kannst du leichter geben: laß dir den Falben satteln und reit hinaus übers Tal. Der Ritt wird dir wohltun. Ich mein', du kannst den Kopf heben, jetzt, wo der eine weg ist, der denen da draußen beim Lokistein für hundert gewogen hätt.«

Herr Waze schlug die Hand auf Hennings Schulter. »Ja, Bub, ich will reiten und aufschnaufen! Der eine hat mir Sorg gemacht. Die anderen halt ich wie die Mäus im Sack!« Einem Knecht, der aus den Ställen trat, rief er zu: »Den Falben!« Dann ging er ins Haus, um sich für den Ritt zu kleiden.

Henning gab dem Knecht, der die Pforte geöffnet hatte, einen Wink; dann folgte er dem Vater. Der Knecht stieg auf die Mauer, und durch die Pfeilscharte einer Eckzinne spähte er hinunter nach dem Fischerhaus. Die Hofreut und den freien Platz vor dem Hagtor sah er leer; den Ufersaum der Lände verdeckten die Bäume.

Hier am Ufer stand Wicho und löste den Waldschragen; er wollte auf Mutter Mahtilts Geheiß hinausfahren in den Weitsee und Umschau nach Sigenot halten. Schon setzte er den Fuß auf den Schragen; da klang aus dem Fichtenwald der Lockruf eines Sperbers. Betroffen lauschte Wicho. Noch zweimal klang der Ruf, und da lief der Knecht den Bäumen zu; er wußte, wer sich mit diesem Ruf zu melden pflegte, wenn es Ursache gab, den Laut der Stimme zu meiden. Als Wicho den Wald erreichte, blieb er stehen und spähte umher; leis ahmte er den Ruf des Sperbers nach, und aus dem tieferen Wald kam die Antwort. Wicho sprang über die moosigen Steinblöcke. Nun sah er im Schatten seinen Herrn an einen Baum gelehnt, wie erschöpft von raschem Lauf. »Herr? Was tust du im Wald? Du bist doch ausgefahren auf dem Einbaum?« Da stockte dem Knecht die Sprache. Naß hing das Haar über Sigenots Schläfe, seine Augen lagen tief, und Blässe bedeckte seine Wangen. Sein Gewand, von den Schuhen bis zum Hals, war schwer von Nässe. Auf der linken Schulter war das Wams zerfetzt, und dünnes Blut rann in Fäden über den nackten Arm, an dem die Haut zerschunden war. »Herr? Was ist denn geschehen?«

Sigenot streckte die Hand. »Wicho! Ich bin dein Herr! Mein ist dein Leib, dein Gebein und Haar, mein ist dein Aug und Ohr. Ich laß dir alles und will nur deine Treu. Leg den Schweigschwur in meine Hand!« Wicho legte die Hand in Sigenots Rechte. »Unsere Händ liegen ineinander, wie Stein in Stein. Steh du für mich, wie ich stehen will für dich.«

»Herr?« stammelte der Knecht. »Wenn ich dich anschau, wird mir kalt ums Herz. Was ist geschehen?«

Sigenot löste die Hand. »Das sollst du hören. Jetzt geh ins Haus! Heut in der Nacht hab ich das Schwert meines Vaters von der Wand genommen und in meiner Kammer hab ich's geborgen unter der Wolfshaut auf dem Lager. Geh hinein, und daß es Mutter und Schwester nit merken, schieb das Eisen zum Fenster hinaus und bring es mir!«

Wicho wollte davoneilen und wandte sich wieder. »Was soll ich sagen im Haus? Sie haben sich gesorgt um dich.«

»Sag, ich war gekommen und hätt einen Weg zum Richtmann in die Schönau.«

Während der Knecht dem Hagtor zusprang, ließ sich der Fischer auf einen Steinblock nieder, löste einen Ballen Moos vom Grund, faßte eine Handvoll der schwarzen kühlen Erde und drückte sie auf die brennenden Schürfwunden seines Armes. Er wußte kaum, daß er es tat; sein Blick ging ins Leere, und zwischen seinen Brauen lag eine Furche, scharf wie ein Messerschnitt.

Als Wicho über die Hofreut emporstieg, eilte ihm Edelrot entgegen. »Kommt er?«

Der Knecht meldete, was Sigenot ihm aufgetragen. Bei dem Jubel, mit welchem Edelrot diese Botschaft der Mutter zutrug, konnte Wicho unbemerkt in die Kammer schlüpfen. Er brachte das Schwert in den Wald.

Sigenot entblößte die breite Klinge, prüfte ihre Schärfe, stieß sie wieder zurück ins Leder und legte das Schwert über den Schoß. »Von Stund an geht mein Weg unter Eisen!« Er blickte auf. »Wicho! Sie wollen mir ans Leben. Vor zwei Tagen ist Hennings Pfeil vorbeigeflogen an meinem Hals. Und heut, auf dem Weitsee, bin ich mit dem Einbaum zugefahren auf den Moospalfen, um die Legangel zu heben. Wie ich die Hand streck, hör ich ein Rollen über mir und seh einen Steinblock auf mich niedersausen. Da ist einer zu mir gestanden, den ich gerufen hab in der Not. Nur den Arm und die Schulter hat mir der Stein gestreift, und derweil ich versink im Wasser, saust der Block auf den Spiegel des Einbaums, daß der Hohlbalken hingesurrt ist über den See wie ein Pfeil. Schier hätt mich das Ringhemd, das ich trag unter dem Wams, hinuntergezogen. Zur rechten Zeit noch hab ich die Angelschnur gefaßt, die unter der überhängenden Felswand eingeklemmt war in einen Steinriß. Der Faden hat ausgehalten. Eine feste Schnur, die mein Rötli geflochten! Nur das Gesicht und die Hand noch über dem Wasser, so bin ich gehangen im See und hab mich still gehalten, bis ich vom Henning, der hinausgestiegen ist über die Seewand, keinen Tritt und Laut mehr gehört hab. Dann hab ich zwischen dem steil ins Wasser fallenden Gewänd einen Fleck gesucht, wo ich aussteigen könnt. Es ist mir hart geworden. Gezogen hat's an meinen Füßen, als hätt mich der Bid gefaßt und möcht mich hinunterreißen zu meinem Vater.«

Wicho hob die Fäuste gegen den Himmel. »Hauset denn keiner mehr im Gewölk, der den Hammer wirft und die Donnerkeil? Fahrt nit ein Blitz herunter über Wazemanns Haus? Tut nit die Erd sich auf und verschlingt die Mordbrut?«

»Nit schelten, Wicho!«

»Soll man nit schreien in der Not? Wer hilft uns denn, wenn's die nit tun, die über uns sind und unter uns? Stehen wir nit gegen die Wazemannsleut, wie die Geißen gegen die Wölf? Meinst, sie werden ablassen von dir? Wer soll dir helfen? Wie willst du dich wehren?«

Sigenots Faust umklammerte den Schwertgriff. »Wenn es herging um mich allein, ich wüßt schon, was ich tät. Aber Mutter und Schwester brauchen mich. Ein einzigmal hab ich vergessen, daß ich meiner Schwester Bruder bin. Zur Straf, das spür ich, soll ich keine frohe Stund mehr haben im Leben.«

»Herr?« stammelte Wicho.

Da faßte Sigenot die Hände seines Knechtes. »Wicho! Ich bin wie ein Ferch, der ans Land gesprungen nach einer roten Blum. Jetzt liegt er im Sand und muß verschmachten.«

»Ich versteh dich nit. Deine Red ist wie eine Nuß. Schlag sie auf und zeig mir den Kern!«

Sigenot schüttelte den Kopf. »Weißt du, warum sie mir ans Leben wollen?«

»Ich denk' mir's.«

»Sie fürchten, ich steh zu den Klosterleuten, die gekommen sind und Herrenrecht haben an unser Tal.«

»Kann sein! Aber der Grund, an den ich gedacht hab, liegt noch ein lützel näher. Denk an deine Schwester! Und denk an die Wazemannsbuben! Sie wollen das Lamm reißen. Da ist ihnen der Hirt im Weg.«

»Wicho!« Mit zornigem Schrei war Sigenot aufgesprungen.

Der Knecht erzählte, was er gehört und gesehen, als Henning vor dem Hagtor stand.

Durch das dunkle Gewirr der Zweige spähte Sigenot hinauf zu Wazemanns Haus und griff mit zuckender Hand an seine Brust, als könnte er gewaltsam von sich abreißen, was ihm das Herz bedrückte. »Ein Wasser soll sein zwischen mir und ihnen, so breit, daß kein Baum gewachsen ist für einen Steg. Nichts anderes will ich, als meiner Schwester Bruder sein und meiner Mutter Sohn. Wicho, dein Wort hat Feuer in mich geworfen. Jetzt hat der Ferch wieder heimgefunden ins Wasser.« Er schlang das Gehäng des Schwertes um seine Hüfte. »Geh hinein ins Haus! Schick die Heilwig zur Alben! Sie soll das Vieh betreuen und meine Sennen heimschicken. Wir brauchen Männer im Hof. Eh die Dirn zur Alben steigt, soll sie auf dem Schragen in den Weitsee fahren und den Einbaum holen. Laß ihn nit liegen an der Land, sondern schleif ihn hinter den Hag! Dann schließ das Tor und leg die Sperrbalken ein! Und meine Schwester laß keinen Schritt aus der Hofreut tun.«

»Keinen Schritt, oder sie müßt weggehen über mich.«

»Solang es sein kann, laß die Mutter nichts merken. Ich selber will reden mit ihr, wenn ich heimkomm zur Nacht. Jetzt geh!«

»Und du, Herr? Oder soll ich nit wissen, wohin du gehst?«

»Ich geh, wohin ich muß! Wohin das Recht mich ruft und die eigene Not mich treibt. Wahr mein Haus, Wicho, bis ich wiederkomm!«

»Verlaß dich auf mich!«

Ihre Hände faßten sich; dann eilte der Fischer waldeinwärts, dem Tal der Ache entgegen. Wicho sprang hinaus auf die offene Lände; hier spähte er nach allen Seiten; alles war ruhig; nur von Wazemanns Haus herunter tönte das Gekläff der Hunde. Als Wicho die Hofreut erreichte, kam Heilwig von den Ställen her. Kopfschüttelnd hörte sie den Auftrag, den der Knecht ihr überbrachte. Sie hätte gern die Neugier gestillt, die in ihr lebendig wurde, aber Wicho schob sie vor den Hag hinaus und schloß hinter ihr das Tor.

Da nahm es ihn wunder, daß Edelrot nicht zu sehen war. »Sie wird im Haus bei der Mutter sein!« Er trat unter die Tür der Halle. Neben dem Herd saß Mutter Mahtilt im Lehnstuhl und schlummerte; die Nachricht, daß Sigenot zurückgekommen, hatte ihre Sorge beschwichtigt, und nach der schlaflosen Nacht war in der ersten ruhigen Stunde der Schlummer auf ihre müden Lider gesunken.

»Rötli!« rief Wicho mit leiser Stimme. Nichts rührte sich in der Halle. Leise schlich der Knecht zur Frauenkammer und öffnete die Tür; die Kammer war leer. Erschrocken eilte er ins Freie und rief den Namen über die Hofreut. Keine Antwort ließ sich hören. Wicho verfärbte sich. »Ich muß sie finden! Ich muß!«

Er rannte über den Hügel hinunter und riß das Hagtor auf. Gegen das Ufer lief er, gegen den Wald zur Linken, gegen die Ache zur Rechten und schrie mit hallender Stimme: »Rötli! Rötli!« Keine Antwort klang. Nur die Falkenwand schickte den Ruf zurück mit hohlem Echo. –

Sigenot hörte den Klang dieser Stimme nicht mehr. Er hatte schon die Sümpfe im Untersteiner Wald erreicht und eilte, die gebahnten Wege vermeidend, über die Hügel empor. Nun gewann er den Hag des Richtmanns und schlug mit der Faust an das geschlossene Tor.

Ein Knecht, der in der Nähe schaffte, lief, um zu öffnen; er machte verwunderte Augen, als er den Fischer bewaffnet sah mit langem Schwert, in dem nassen, verwüsteten Gewand, mit dem bleichen Gesicht und dem blutbefleckten Arm.

»Wo ist dein Herr, der Richtmann?«

»Da drüben unter den Eichen liegt er und schlaft.«

»Schlaft?« wiederholte der Fischer, als hätte er falsch gehört.

»Er ist außer Haus gewesen die heutige Nacht und die gestrig auch.«

Sigenot schritt den Eichen zu. Der Schönauer lag im Schatten der Bäume und hielt das Gesicht auf die Arme gedrückt. Als er geweckt wurde, blickte er mit müden Augen auf. »Du, Fischer?«

»Heb dich auf, Schönauer, jetzt ist nimmer Schlafenszeit!«

Diese Worte waren anders gemeint, als der Schönauer sie verstand. »Ich hab zwei Nächt nit geschlafen. Wir haben den Huze gesucht, den Buben, der dem Schapbacher die Geißen hütet. Er ist eingestiegen in Wazemanns Bannberg und nimmer heimgekommen. Erst haben wir gemeint, der Bub hätt sich verstiegen. Heut am Morgen, wie wir heimgekommen sind, haben wir hören müssen, was geschehen ist mit ihm. Einer von Wazemanns Knechten hat es ausgeredet. Der Bub ist gefangen und liegt unter Wazemanns Haus im Bußloch. Die Flachsen haben sie ihm abgestochen.«

Sigenot lachte zornig auf. »Ein guter Anfang für die Zwiesprach, zu der ich gekommen bin! Herr Waze hat fleißige Hand. Der Bub ist abgetan. Jetzt hat er mich in der Arbeit. Und warte noch einen Tag, Richtmann, so kommt die Reih an dich.«

Erschrocken sah der Schönauer den Fischer an. »Sigenot? Was soll deine Red? Und alle guten Mächt, wie siehst du aus! Sprich! Was hat's gegeben?«

»Komm ins Haus!« Sigenot schritt dem Schönauer voran.

In goldenem Glanz lag die Nachmittagssonne über Hof und Haus, die Wiesenblumen dufteten, und bunte Schmetterlinge gaukelten über den Hag. Eifrig flogen die Schwalben ab und zu, auf dem Dache gurrten die weißen Tauben, und manchmal setzte sich eine der Schwalben zu kurzer Rast und zwitscherte ein leises Lied. Blau und leuchtend spannte sich die Himmelsglocke über die schimmernden Zinnen der Berge, und der sachte Wind war wie ein Hauch des Friedens, den die Erde atmete. In dieser Stille klang zuweilen aus dem Hause der Laut einer heftigen Stimme. Es schien erregte Zwiesprach zu sein, welche die beiden Männer hielten. Der Knecht im Hof ließ die Arbeit ruhen und lauschte. Nun schwiegen die Stimmen. Sigenot erschien unter der Tür mit hartem Gesicht. Der Schönauer kam ihm nachgeeilt und suchte ihn am Arm zurückzuhalten. »Bleib, Fischer, bleib! Und bei allem, was dir lieb und heilig ist, ich bitt dich, tu's nit! Geh nit hinaus zum Lokstein!«

»Ich tu, was ich muß!«

»Es wird nichts besser damit, alles schlechter!«

»Ob besser oder schlechter, das frag ich nit. Herr Waze will mir den Weg zum Lokstein verwehren. So muß es ein Weg sein, der zum Rechten führt.«

»Er wirft seinen Zorn auf dich und dein Haus, wie er's mir gedroht hat und meinem Buben. Wie willst du stehen gegen ihn und seine Knecht?«

»Ob ich steh oder fall, ich will keinen Umweg suchen wie du. Wie lang mein Weg im Licht noch dauert, das weiß ich nit. Aber grad soll er sein bis zum letzten Schritt. Dir geb ich keinen Rat. Tu nach deinem Willen und sorg nur, daß keine Reu dich ankommt! Mir laß meinen Weg! Der geht zum Lokstein. Von ihnen selber muß ich hören, ob sie mit Recht die Herren im Gaden sind. Und sind sie's, dann steh ich zu ihnen mit Leib und Leben. Ob's mir hilft, das frag ich nit. Aber eines weiß ich: den andern wird's zum Guten sein. Merken sie, daß mein Weg der rechte ist, so gehen mir zwanzig nach, einer zieht den andern, hundert stehen zu den Klosterleuten. Und dann, Herr Waze,« Sigenots blitzende Augen suchten in der Ferne den Falkenstein, »dann wollen wir sehen, wer du bist mit deinen Buben!«

»Red nit so laut!« stammelte der Schönauer und blickte scheu nach dem Knecht, der in der Nähe arbeitete. »Die Lüft haben Ohren im Gaden und tragen jedes Wort hinauf in Wazemanns Haus.«

»Fürchtest du den eigenen Knecht? Richtmann, es ist weit gekommen! Der Mann mag recht haben, der den Spruch gefunden: ›Lützel Treu ist allenthalben, tief im Tal und hoch auf Alben.‹ Aber einen muß es geben, bei dem die Treu ist und eine starke Hand wider alle Not. Den muß ich suchen. Ob ich ihn find beim Lokstein, ich weiß nit. Aber suchen muß ich. Wär nit die Hoffnung in mir, daß ich ihn find, ich müßt mit eigener Faust die Mutter erschlagen und mein lieb Geschwister, daß ich ihnen die Schand und den Jammer spar, und müßt hinunterspringen in den See, damit alles ein End hat. Wären Not und Neid, Untreu und Unehr die einzigen, die über uns Macht haben, und gäb's über ihnen keinen Stärkeren mehr, so gäb's auch für uns keinen Tag nimmer, der den Schnaufer wert ist.«

Der Schönauer sah den Fischer an und fand kein Wort.

»Warum schaust du mich an wie einen Fremden?« fragte Sigenot. »Weil du mich so noch nie hast reden hören? Ich will dir sagen, wie solche Red in mich gekommen ist. Wenn ich mit der Angel hinaufgestiegen bin zur Ramsauer Ache, hab ich diemal zugesprochen beim alten Hiltischalk. Er hat zu mir geredet von seinem guten Himmelsherrn, derweil wir auf der Hausbank in der Sonn gesessen. Und einmal hat er mir erzählt, wie sein Gottesherr ihn gehoben hätt aus arger Not. Droben über dem Windacher See hat der Hiltischalk eine kranke Alberin heimgesucht. Wie er niedergestiegen ist an der Windach, hat sich der Grund gelöst unter seinen Füßen. Hinunter in die tiefe Klamm ist sein Fall gegangen, das wilde Wasser hat ihn gefaßt, und da war für ihn kein Retten nimmer und keine Hilf. Das weißt du selber, Richtmann, die Nachtalfen der Windach haben feste Händ, wenn sie greifen.«

Der Schönauer nickte. »Wen die Windacher Alfen fassen, den lassen sie nimmer aus.«

»Der Hiltischalk, wie ihn die Alfen haben schlingen wollen, hat aufgeschrien: ›Mein guter Herre, du mein Gott!‹ Da hat ihn das Wasser auf einen Stein geworfen, zu dem eine turmhohe Ficht heruntergefallen war aus der Höh. Wie mit Armen haben die Äst ihn aufgefangen, und über den Baum ist der Hiltischalk hinausgestiegen aus der Klamm wie auf einer Leiter! Und heut, wie ich gesehen hab: jetzt ist kein Ausweg mehr, der Stein erschlagt mich und mit mir die Mutter und mein Geschwister, mein Haus und Heim und alles – schau, Richtmann, ich weiß nit, wie's gekommen ist, aber da hat meine Seel geschrien wie der Hiltischalk: ›Mein guter Herre, du mein Gott!‹ Und mich hat der Stein nit erschlagen, mich hat das Wasser nit verschlungen.«

Über den Mund des Schonauers ging ein müdes Lächeln. »Wider den Stein hat dein Sprung geholfen, wider das Wasser die feste Schnur und dein starker Arm.«

Sigenot schüttelte den Kopf. »Ich hab geschrien in der Not, und wohin meine Red geht, dahin gehen auch meine Fuß. Ich muß zum Lokstein.«

»Da ist kein Halten nimmer. So geh!« Der Richtmann atmete schwer. »Zeit lassen, Fischer!«

»Jetzt hab ich Eil.« Sigenot schritt dem Hagtor zu, während der andere ihm nachblickte mit kummervollen Augen.

Der Glanz der Nachmittagssonne hatte schon rötlichen Schein, als Sigenot den Wald beim Lokistein erreichte. Die hallenden Axtschläge wiesen ihm den Weg. Während er dahinschritt zwischen den Bäumen, hörte er seinen Namen schreien, und durch brechendes Gezweig kam ein Reiter auf ihn zugesprengt. Otloh war es, Wazemanns Jüngster. Er verhielt das schnaubende Roß. »Wohin, Fischer?«

Sigenot sah finster zu dem Knaben auf. »Was kümmert's dich? Gib meinen Weg frei!«

»Kehr um, hier ist kein Weg.«

»Weg ist, wo ich mir einen such.«

»In meines Vaters Namen: kehr um, hier ist Bannwald!«

»Davon weiß ich nichts. Dein Vater mag bannen für seine Knecht. Ich bin ein Freier und steh nit unter deines Vaters Faust.«

Zornröte färbte Otlohs Gesicht. »Hüt deine Zung, Fischer! Oder meinst du, deine Keckheit an mir üben zu können, weil ich der Jüngste bin? Irr dich nit in mir!«

An Sigenots Schläfen schwollen die Adern. »Gib meinen Weg frei!«

»Noch einmal: hier ist kein Weg für dich!« schrie Otloh. Weil er sah, daß sich die Hand des Fischers an den Schwertgriff legte, höhnte er mit kreischender Stimme: »Laß ein andermal die Wehr daheim! Das tut dem Bauer nit gut, wenn er geht wie ein Ritter. Die Wehr schlagt dir blaue Fleck an die Waden. Oder willst du Ferchen stechen damit? Oder die Würm graben für deine Angel? Sonst wüßt ich nit, wozu du das Eisen brauchst.«

»Frag deinen Bruder Henning, wenn dich die Neugier plagt!« Sigenot schritt voran und scheuchte mit erhobenem Arm das Pferd, daß es aufbäumte.

Unter zornigem Fluch stieß Otloh dem weichenden Roß den Stachel in die Flanke und riß den Wildfänger aus der Scheide. Doch er fand nicht Zeit, um zum Streiche auszuholen. Blitzschnell hatte Sigenot mit der einen Faust den Reiter an der Brust gefaßt und mit der anderen das Gelenk der bewaffneten Hand umklammert. Otloh stöhnte unter diesem Griff, und da hob ihn der Fischer aus dem Sattel. Während das ledige Pferd davonstob durch den Wald, setzte Sigenot den Knaben ins Moos, wand ihm den Fänger aus der Hand und trieb die Klinge mit wuchtigem Stoß in einen Baum.

»Jetzt lauf deinem Roß nach, Otloh, daß du wieder reiten kannst! Bis heim zu deines Vaters Haus, das wär ein langer Weg für deine kurzen Füß.« Sigenot wandte sich ab und schritt durch den Wald davon, dem Lokistein entgegen. In bebender Wut sprang Otloh auf und suchte den Fänger zu lösen; die Klinge haftete im Baum wie festgewachsen; fluchend riß er und zerrte, da brach der Stahl, und Otloh taumelte zurück, mit dem Stumpf der Waffe in der Hand.

»Fischer, das sollst du mir büßen!«

Sigenot hörte die drohenden Worte noch; ohne die Augen zu wenden, folgte er seinem Wege. Näher und näher klang ihm der Hall der Äxte, das dumpfe Gepolter der rollenden Bäume, das Krachen der brechenden Äste und der laute Ruf, mit dem die Knechte die Balken hoben. Unter den Bäumen trat er hervor auf die von rötlichem Sonnenglanz übergossene Lichtung. Er sah die Rastplätze der Saumtiere, die Reisighütten der Knechte und die Feuerstätte, von welcher Bruder Wampo mit einer Kanne hinwegeilte, um Wasser bei der Quelle zu holen. Er sah die beiden Zelte und das wachsende Balkenhaus; übermannshoch erhoben sich schon die Holzmauern der Klause und des Kirchleins, dessen Wände den Heidenstein umschlossen, so daß über den Saum der Mauer das aus der halbverbrannten Eiche gehauene Kreuz nur mit dem Querholz noch hervorragte.

Sigenot betrachtete erstaunt das freundliche Bild, und der Frieden dieser Stätte redete ihm warm ins Herz. Er atmete auf, als wäre ihm leichter um die Seele geworden. Raschen Schrittes ging er auf die Zelte zu. Den Eingang suchend, umschritt er das eine Zelt, und plötzlich verhielt er den Fuß, gebannt von einem unerwarteten Anblick. Aufrecht, in menschlicher Lebensgröße, stand das vollendete Kreuzbild vor ihm, mit dem Holzpflock in der Erde befestigt. Die Sonne schimmerte auf den trocknenden Farben des mit schlichter Kunst geschaffenen Bildes; die strenge Nacktheit des bleichen Leibes mit seinen roten Malen redete die stumme Sprache der Schmerzen, doch sanft und freundlich blickte das zur Schulter geneigte Antlitz. Mit ausgebreiteten Armen stand das stille Bild vor Sigenot, als möcht es ihn grüßend umfangen und sprechen zu ihm: »Bei dir ist Not, bei mir ist Hilfe! Komm an meine Brust!« Langsam entblößte Sigenot mit der einen Hand das Haupt und bekreuzigte mit der anderen die Stirne und den Mund, wie es Hiltischalk, der alte Pfarrherr in der Ramsau, den fünfzehnjährigen Täufling einst gelehrt hatte.

Da bewegte sich der Vorhang des Zeltes, und Eberwein trat ins Freie; als er den Fischer gewahrte, verwandelte sich der müde Ausdruck, der auf seinen Zügen lag, in glückliche Freude, und er streckte Sigenot die beiden Hände hin. »Oft in diesen Tagen dachte ich, wann und wo ich dich wiederfinden würde. Nun bist du gekommen aus freiem Willen. Ich grüße dich!«

Sigenot faßte die Hände des Mönches und nickte stumm; dann wandte er den Blick über die Schulter und suchte wieder das heilige Bild. »Wie gut er mich anschaut! Und er muß doch leiden?« sprach er leise vor sich hin. »Ich glaub schon selber, das muß ein Gott sein!«

Es leuchtete in Eberweins Augen. »Weshalb glaubst du das?«

»Leiden müssen und gut sein? Herr, das ist eine schwere Sach, das bringt nur ein Gott zuweg.«

»Meinst du nicht, Sigenot, daß du es lernen könntest von ihm, der auch für dich gestorben? Seine Peiniger drückten ihm den Dornenkranz auf die Stirne. Und dennoch bat er im letzten Atemzug seinen himmlischen Vater: ›Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‹ Solltest du diesem Beispiel nicht folgen können?«

»Das wird sich hart machen, Herr! Ich bin nur ein Mensch.«

Da gewahrte Eberwein das Blut und die Wunden am Arm des Fischers und fragte erschrocken: »Du bist verletzt? Was ist dir geschehen?« Ohne die Antwort abzuwarten, eilte er in das Zelt und kehrte mit Balsam und Linnen zurück. »Komm, setz dich auf diesen Block und reiche mir deinen Arm, daß ich ihn verbinde!«

»Aber Herr!« Sigenot wurde rot wie ein Mädchen. »Die paar Kratzer spür ich nit.«

»Ich bitte dich, dulde meine Hilfe!«

Da ließ sich der Fischer nieder, streckte den Arm und lächelte. Nach einer Weile sagte er: »Du hast eine linde Hand. Die müßt auch gut sein und nit drucken als Herrenhand.«

Eberwein blickte auf. »Wie meinst du diese Worte?«

»Grad herausgesagt, ich bin gekommen, weil ich dich hab fragen müssen: mit welchem Recht ihr bauet in unserem Tal? Seid ihr die Herren im Gaden oder nicht?«

»Zuerst deine Wunde, dann deine Frage!« Eberwein wand das Linnen um Sigenots Arm.

Bruder Wampo kam von der Quelle, die gefüllte Kanne schleppend. Als er den Fischer erkannte, schoß ihm die Freude heiß ins runde Gesicht. In der Vorahnung des Guten, das dieser Besuch ihm zu versprechen schien, schnalzte er mit der Zunge und spitzte die Lippen. Gerne wäre er auf den Fischer zugegangen, doch er sah, daß Pater Eberwein sich an Sigenots Seite niederließ und zu reden begann; da wagte er die Zwiesprach nicht zu stören. Er ging zur Feuerstätte, um sein Werk zu beginnen. Immer wieder schielte er hinüber zu den beiden und spähte nach allen Seiten, ob er die Angelrute nicht zu entdecken vermöchte; wo die Angel war, da konnte das Lägel nicht weit sein. Eine geraume Weile verstrich, und immer noch redeten die beiden. Über der Lichtung erlosch der Sonnenglanz, und die Schatten des Abends webten ihren dunklen Teppich; nur die Zinnen der Berge leuchteten noch in rotem Gold. Endlich erhob sich der Fischer; sein Gesicht brannte in Erregung, und seine Augen glänzten.

»Und das alles, Herr, darf ich den Leuten sagen im Thing, auf Treu und Glauben?«

»Ja, Sigenot! Und was ich versprach, das will ich halten. Ich gelob es mit Herrenwort in deine freie Hand.«

Ihre Hände faßten sich, und der Fischer sagte: »Dir glaub ich ohne Zeugen und Siegel. Wenn bei dir die Treu nicht ist, dann ist sie bei keinem mehr. Ich bin der deinige auf biegen und brechen. Wenn Thing gehalten ist, so komm ich.«

»Eines noch sage mir! Du hast für die Leute im Tal geredet wie ein rechter Mann. Ich habe gehört, was sie hoffen und wünschen. Warum verschwiegst du, was sie leiden und fürchten? Man hat mir Übles berichtet von Wazemann und seinem Haus.«

Ein Schatten legte sich über Sigenots Gesicht. »Ich bin zu einer Frag gekommen, zu keinem Gericht, und will nit Kläger sein. Auch steht mir das Reden nit zu, eh nit das Thing gesprochen hat.«

»Ich sehe, du willst nicht Antwort geben, und ich frage nicht weiter. Doch ein Zweites noch! Für die andern hast du Worte gefunden, nur nicht für dich. Hast du allein nichts zu begehren für dein Haus und Recht?«

Der Fischer schüttelte den Kopf. »Davon ein andermal. Es muß nit alles auf einmal sein.«

Eberwein legte die Hand auf Sigenots Arm. »Sei nicht verschlossen! Als du kamst, sah ich Kummer in deinen Augen. Ich bin dir freund geworden in dieser Stunde. Willst du mir dein Herz nicht öffnen?«

Sigenot schwieg. Da klang am Waldsaum das Krachen eines stürzenden Baumes, dann die hallende Stimme Schweizers: »Feierabend, ihr guten Gottesknecht!«

Mit verlorenem Blick sah der Fischer auf.

»Sprich, Sigenot! Zeige mir deinen Kummer! Vielleicht kann ich dir helfen.«

»Mir hilft wohl der eigene Arm noch. Wenn der zu schwach ist, Herr, dann wirst auch du mir nimmer helfen. Oder es müßten schon morgen Hundert zu dir stehen.«

»Zu mir steht nur einer! Doch dieser eine, Sigenot, ist stärker als tausend Männer in Wehr und Eisen. Blick auf zu ihm!« Den Arm um die Schultern des Fischers legend, deutete Eberwein auf das heilige Bild.

»Der?«

Mit hallenden Klängen tönte die Glocke, die Bruder Schweiker zog. Aus dem Wald und von den Bergen kam das Echo, als fände die rufende Stimme freudige Antwort auf allen Seiten. In sanften Klang verwandelt war alle Stille des Abends, die Lüfte tönten, jeder Fels, jeder Baum des Waldes schien zu klingen, und die Vögel, deren Lied schon geschwiegen, erhoben wieder ihren Schlag und ihr Gezwitscher. Eberwein beugte zum erstenmal das Knie vor dem Bilde, das seine eigenen Hände geschaffen, und betete mit lauter Stimme: »Wieder schwindet ein Tag, o Herr, den du gegeben. Laß mich danken für alles Gute, das deine Liebe mir bietet in jeder fließenden Stunde. Ob auch die Nacht sich senket über mich, ich fürchte nichts Böses, denn du bist bei mir, und deine Hände decken den Bedrängten, der redlichen Herzens ist. Gegen den Guten bist du gut, gegen den Treuen bist du treu, er findet Hilfe bei dir in aller Not, und gleich einem Schilde umgibt ihn dein Wohlgefallen.«

An Eberweins Seite hatte Sigenot das Knie zu Boden gedrückt. Seine Augen hingen an dem stillen Bild, und die Fäuste auf die Brust gedrückt, stammelte er das einzige Gebet, das er kannte: »Mein guter Herre, du mein Gott!« Als die Glocke schwieg, erhob er sich und ging wie ein Träumender davon. Bruder Wampo, der neben dem Feuer kniend sein Gebet gesprochen, bekreuzigte sich, sprang hurtig auf und winkte dem Fischer mit beiden Armen. Sigenot hatte kein Auge für ihn. »Fischer, he, Fischer! Guter Freund!« Sigenot hörte nicht. Bekümmert schüttelte Bruder Wampo das runde Köpfl, und während er den Fischer im dunkeln Walde verschwinden sah, murmelte er trübselig vor sich hin: »Eine schieche Gegend! Und schieche Leut! Auf den Fischer hätt ich noch ein Zutrauen gehabt. Jetzt will der auch nichts wissen von uns!«

Im Wald, durch dessen Gezweig nur noch ein spärlicher Schein des erlöschenden Tages schimmerte, folgte Sigenot dem gleichen Pfad, auf dem er gekommen war. Der weiche Moosgrund dämpfte seine Schritte. Da hörte er Eisen klirren, und hinter Büschen klang eine Stimme: »Wir harren umsonst, er kommt nit.«

»Hab ich's nit gleich gesagt?« erwiderte eine andere Stimme. »Er wird den Talweg genommen haben.«

»Den wollen wir ihm verlegen.«

Sigenot hörte das Brechen von Ästen und dumpfen Hufschlag. Dann war wieder Stille im Wald; in der Ferne klang der Schrei eines Nachtvogels.

»Es rufen die Unholden,« murmelte Sigenot, »und zählen meine Stunden.« Tief atmend blickte er zurück nach der Lichtung, die er verlassen hatte. Den blanken Stahl in der Faust, folgte er seinem dunklen Wege. Immer rascher wurde sein Schritt. Als er seinem Heimwesen sich näherte, sank schon die Nacht über See und Lände. Sorge befiel ihn, weil er das Hagtor offen sah. Doch friedlich blickte ihm das Haus entgegen, und Herdschein leuchtete aus Tür und Fenstern. Da schüttelte er die Sorgen von sich ab. Das Haupt entblößend, trat er in die Halle. »Mutter, ich bring die gute Zeit!«

Ein schrilles Lachen war Mutter Mahtilts Antwort; aus dem Lehnstuhl streckte sie die Arme nach ihrem Sohn, und der Schein des Herdfeuers überflackerte die von Angst verzerrten Züge.

Sigenots erschrockene Augen gingen suchend durch die Halle. »Wo ist die Schwester?«

Mutter Mahtilt deutete mit den Armen. Sigenot stand wie versteinert. »Den ich suchen gegangen? Wo ist er?« Ein hartes Lachen. »Derweil ich gebetet hab, wo war da seine Treu?« Mit rascher Faust griff er nach seiner Waffe. »Tu dich nit sorgen, Mutter! In meinem Eisen ist Gottestreu!« Er sprang in die Nacht hinaus.


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