Ludwig Ganghofer
Die Martinsklause
Ludwig Ganghofer

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17

Im Rotschein des Abends irrte Eberwein am Ufer der die Ramsau überschwemmenden Seeflut auf und nieder, die Seele umklammert von einem dunklen Grauen. Überall gebrochene Bäume, überall die breit ergossene Flut, die ihm jeden Weg zu den bewohnten Stätten versperrte! Im Gebraus der Wellen konnte er von den Halden der Ramsau keinen Laut vernehmen. Dennoch hörte seine Seele ein Angstgeschrei aus hundert Kehlen und sah die Hütten stürzen im Schwall der Gewässer und sah den Todeskampf der sinkenden Menschen. Seine Herde fiel, und er, der Hirte, mußte tatlos stehen, und seiner Ohnmacht Teil war nur ein schreiendes Gebet, das keinen Gott und keinen Himmel fand, der es erhören wollte.

Zwischen dem Trümmergewirr und dem gaukelnden Hausgerät, das die schlammigen Wellen entführten, rollte ein menschlicher Körper vorüber. Aufschreiend stürzte sich Eberwein bis an die Brust ins Wasser, haschte den stillen Schwimmer und zog ihn ans Land. Es war die Leiche eines Greises: der alte Runot, dessen starre Hand noch das Beil umklammert hielt, mit dem er an den Balken für sein neues Haus gezimmert hatte. Eberwein erkannte den Entseelten, und eine Erinnerung zuckte in ihm auf. Er sah den Pfarrhof in der Ramsau, sah unter der Linde die Steinbank, sah ein Häuflein Männer mit entblößten Köpfen und hörte eine Stimme sagen: »Weil der alte Runot allzeit fromm gewesen, hat ihn der liebe Himmelsherr behütet, hat ihn nit sterben lassen unter dem fallenden Haus und wird ihm helfen ein neues bauen!«

Die Gestalt des Mönches erbebte. »Ja, Hiltischalk! Ein neues Haus! Und fest! Für alle Ewigkeit gebaut!«

Da kamen springende Kiesel über den steilen Hang herunter. Eberwein hob das Gesicht und sah einen Reiter vorübersprengen im gelben Wams der Wazemannsknechte. Ein hoffender Gedanke erwachte in ihm; er streckte die Hände und schrie: »Dein Roß! Gib mir dein Roß! Es soll mich über das Wasser tragen. Menschen in Not!«

»In Not ich selber,« klang die Stimme des verschwindenden Reiters, »und das Grausen hinter mir! Herr Waze liegt unter seinem Berg, seine Buben sind erschlagen vom Gestein.«

Eberwein stand wie gelähmt. Zum Himmel aufblickend, den die sinkende Sonne blutrot färbte, stammelte er die Worte des Jesaias: »Mein Herz ist irre, Schrecken überfällt mich!« Taumelnd wandte er sich und sah, daß der fromme Runot nicht mehr allein war. Das Wasser hatte die Leichen zweier Kinder ausgeworfen, die sich im Tode noch umschlungen hielten. Eberwein erkannte sie. Zwei holde Kinderblüten! »Moidli heiß ich, wie die Gottesmutter! Und ich heiß Seppeli, wie Gott Vater!« Sie hatten ihm den ersten freundlichen Gruß in seinem Land geboten, und er hatte gelobt, den beiden Kindern diesen Gruß zu danken! Welchen Dank nun konnte er ihnen reichen?

Wie ein zu Tod Ermüdeter sank er neben den kleinen Leichen zu Boden, löste ihre starren Ärmchen und wusch den grauen Schlamm von ihren Gesichtern. Dann saß er neben ihnen und sah zum brennenden Himmel auf, den das ziehende Staubgewölk zu verdüstern begann. »Die Festen der Erde erschütterst du und wirfst die Keulen deiner Berge auf die Bösen! Wo ist dein Schild, mit dem du die Unschuld wahrst?« Über das Tal hin glitten seine verstörten Augen zu dem von braunem Rauch umschleierten Lokiwald. »Waldram! Ich sehe deinen Gott!« Mühsam erhob er sich und taumelte am Rand der Fluten entlang. Er sah nicht, wohin er ging, hörte das Gebraus der Wellen nicht mehr. Zitternd an allen Gliedern, schlug er die Hände vor das Gesicht. »Hiltischalk! Steig auf aus deiner Tiefe, du Christ der Christen! Reiche mir den Himmel, der in deinem Herzen wohnte, zeige mir den Gott, an den du glaubtest!«

Am Rande des Wassers irrte ihm ein Mensch entgegen. Es war der Schmied von Ilsank. Als er den Mönch gewahrte, befiel ihn Schreck. Es schien, als wollte er fliehen. Doch er stürzte auf Eberwein zu, fiel vor ihm auf die Knie und umklammerte den Mönch. »Verzeih! Verzeih! Ich hab geschworen wider euch auf dem Totenmann. Ich hab meinen Hag verschlossen vor dir. Mein Haus ist hin, mein Weib und Kind! Sieh meine Reu und laß mich leben!«

Eberwein verstand die Worte nicht – er sah nur den Zug des Leidens in dem bleichen Gesicht und strich mit der Hand über das Haupt des Knienden. »So lebt noch einer?«

»Ich bin der einzige, der entronnen ist!« lallte der Mann, dem noch die Todesangst der vergangenen Stunde in allen Gliedern bebte. Er hatte keinen Menschen mehr gesehen, seit er aus seiner Betäubung erwacht und geflohen war, um sein Haus zu suchen. »Der ganze Gaden liegt verschüttet unter dem Eismann, den dein starker Himmelsherr im Zorn auf uns geworfen hat. Ich bin der einzige, der noch lebt!«

Eberwein erschrak nicht mehr. Nur ein wehes Stöhnen quoll aus seiner Brust. Er löste die Arme des Mannes von seinem Leib, und da sah er in der trüben Helle des Abends ein kleines Fahrzeug auf den grauen Wellen gleiten. Gleich einem winzigen Einbaum war es anzusehen.

»Eine Wieg, Herr,« stammelte der Schmied, »und in der Wieg ein lebendiges Kind!«

»Es soll nicht sterben!« schrie Eberwein.

Erschrocken streckte der Schmied die Arme, doch er konnte die verzweifelte Tat des Mönches nicht mehr hindern. Mit irrsinnigem Sprung hatte Eberwein sich auf ein im Wasser treibendes Dach geschwungen, mit dem zweiten Sprung gewann er eine schwimmende Fichte, lief auf ihrem Stamm entlang und stürzte sich in die Wellen. Seine letzte Kraft erschöpfend, erreichte er die Wiege und hörte die weinende Stimme des Kindes. Von den reißenden Wellen getrieben und gegen sie ankämpfend, stieß er die Wiege vor sich her und dem anderen Ufer zu. Je weiter ihn die Fluten talwärts trugen, desto mehr erlosch die Abendhelle, und ein trüber Rauch begann sich über Wasser und Ufer zu legen. Zwischen dunklem Buschwerk, das den Zug der Wellen milderte, fühlte Eberwein Grund unter seinen Füßen. Keuchend riß er das schreiende Kind an sich, das mit nackten Armen seinen Hals umklammerte. Vom Wasser bis an die Brust umspült, gewann er das Ufer. Schwankend stieg er noch eine Strecke über den waldigen Hang empor, dann sank er entkräftet zu Boden, und es schwand ihm das Bewußtsein.

Finster senkte sich die Nacht über den Besinnungslosen und über die weiten Stätten der Verheerung.

Nirgends leuchtete die Flamme eines Herdes. Schweigen lag um die Hütten, die der Zerstörung entgangen waren. Nur die flutenden Gewässer rauschten, und in Zwischenräumen tönte von den Bergen ein kurzes, dumpfes Gepolter.

Auf einer einzigen Stätte war es laut und lebendig in der Nacht, und rings um sie her verscheuchte eine lodernde Flammensäule das Dunkel. Der rote Schein, der ausging von Wazemanns brennendem Haus, leuchtete weit empor über den verschütteten Bergwald und nieder auf den rauschenden See und die verödete Lände. Zuckende Lichter fielen zwischen Hof und Brücke über den kreischenden Haufen der Männer und Weiber, die mit dem Hanetzer gekommen waren. Sie hatten das Haus verödet gefunden, verlassen von Knechten und Mägden. Beim Anblick der Pechkränze und Reisigbündel, die im Burghof lagen, hatte der Hanetzer geschrien: »Schauet, ihr Leut, Herr Waze selber hat uns Zeug geliefert zu flinkem Feuer!« Auf alle Dächer, in alle Türen und Fenster waren die brennenden Kränze geflogen, und mit johlendem Geschrei begrüßte der Schwarm die erwachenden Flammen. Aber bei aller Wut, die in ihnen gärte, fürchteten sie die Heimkehr des Spisars und seiner Söhne. Die Furcht eines ganzen Lebens wird auch in einer Stunde entfesselten Hasses nicht völlig abgeworfen. Zuerst begannen die Weiber zu laufen, die Männer folgten. Als der Trupp sich durch das Tor hinausdrängte, kam jener Knecht geritten, der im Schapbacher Wald dem Mönche das Roß verweigert und ihm zugerufen hatte: »In Not ich selber!« Den fliehenden Schwarm für das Hausgesinde haltend, keuchte er auch ihnen die Botschaft zu: »Not über uns! Der Herr liegt unter seinem Berg, all seine Buben sind erschlagen!«

Ein kurzes Schweigen. Solche Botschaft konnte von diesen Menschen nicht begriffen werden beim ersten Wort. Dann ein Geschrei, nicht wie von menschlichen Stimmen, sondern wie von gequälten Tieren, deren Käfig sich öffnet. Der Hanetzer raffte einen Buchenast von der Erde und brüllte: »Ich laß ihn grüßen, deinen Herrn!« Krachend fiel das schwere Holz auf die Stirne des Knechtes, und lautlos brach der Mann zusammen, während das scheue Roß über den Weg hinaus in die Tiefe sprang.

Befallen von einem Wahnsinn der Freude, unter jauchzendem Geschrei, wandten sich die Männer und Weiber in den schon taghell erleuchteten Burghof zurück, und ihr furchtlos gewordener Haß berauschte sich in einer Orgie der Zerstörung. Sie erschlugen die Raubtiere, die dem Spisar zu Spiel und Kurzweil gedient. In der Vorhalle fanden sie die Saufänger und Jagdspeere und erstachen im Zwinger die Hunde. An den brennenden Ställen erbrachen sie die Türen und metzelten die gemästeten Rinder nieder, köpften die Ziegen und Schafe und erwürgten das Geflügel. Den Pfauen rissen sie die Federn aus und warfen die zuckenden Fleischklumpen in das Feuer. »Herrenbraten, Herr Waze, Herrenbraten!« In der Falkenkammer schleuderten sie die Beizvögel an die Mauer. In den Kellerhöhlen zerschlugen sie die Metfässer und vernichteten, was sie an Vorrat aufgespeichert fanden. Mit keinem Gedanken dachten sie, daß sie Gut zerstörten, das sie selbst von ihrem Schweiß gesteuert und gezinst hatten. Im Rausch ihres Hasses erschien ihnen alles zwischen diesen Mauern wie ein Teil des Mannes, der das Mark aus ihren Knochen sog und das Blut aus ihren Adern preßte. Die wachsenden Flammen nicht scheuend, drangen sie in alle Kammern des Hauses, brachen die Waffen entzwei, zerschmetterten alles Gerät und rissen in Fetzen, was an Gewand in ihre Hände fiel. Die Trümmer und Scherben, und was der Vernichtung widerstand, warfen sie durch die Fenster in den Burghof und hielten in solcher Zerstörung nicht eher inne, ehe sie nicht durch die fallende Glut des Gebälkes aus dem brennenden Hause getrieben wurden.

Nur einer zögerte noch. In Reckas Kammer hatte der Hanetzer das über die Dielen zerstreute Geschmeid gefunden, das die Habsucht in ihm weckte. Halb erstickt vom Rauch und fast versengt von der schwelenden Hitze, kroch er umher und raffte die Spangen, Ketten und Ringe in seinen Kittel. Jetzt fand er noch ein letztes Stück, nicht schwer wie Gold und Silber, doch anzufühlen wie die Hälfte einer Spange. Er warf sie in den geschürzten Kittel, und aus der Kammer flüchtend, faßte er nach einem Jagdspeer. Was er gewonnen, wollte er auch bewahren. Während er sich durch die von Rauch und Flammen erfüllte Herrenstube kämpfte, umprasselt von fallender Glut, verstummte im Burghof das wirre Geschrei, und eine Stimme tönte in Zorn: »Die Berge erschütterte mein Gott und Herr, um seine Stärke zu weisen vor eurem bangenden Blick. Die Geschosse seiner Felsen warf er auf die Brust der Sünder und Verstockten. Unter ewigen Hügeln begrub er seine Feinde und löschte ihr Leben wie der Sturm die Kerze. Und ihr erkennet seine Größe nicht? Ihr schlaget nicht an die Brust und schreiet: Du Starker, sei uns gnädig!« Dumpfes Rollen klang aus ferner Höhe durch die Nacht. »Habt ihr nicht Ohren, um zu hören? Noch schwinget Gottes strafender Engel die Sense über euren Häuptern. Und ohne Furcht und schamlos wandelt ihr den Weg der Hölle, und eure Werke sind Mord und Brand!«

Taumelnd hatte der Hanetzer die Vorhalle erreicht, schüttelte die Funken von seinem Leib und rang nach Atem. Als er schwankend heraustrat auf die Freitreppe, tönte ihm mit schneidendem Klang jene Stimme entgegen: »Nieder den Raub aus deinen verfluchten Händen!« Vom zuckenden Schein der Flammen erleuchtet, stand vor ihm die hagere Gestalt eines Mönches, in erhobener Faust den Stab. »Nieder den Raub!«

»Was mein ist, behalt ich!« murrte der Bauer.

»Gort befiehlt es!« Der Stab des Mönches traf den Arm des Bauern, daß der geschürzte Kittel sich öffnete und das blinkende Geschmeid über die Stufen rollte.

Der Hanetzer zischte einen Fluch, es zuckte der Speer in seiner Faust, und Waldram taumelte mit durchbohrter Brust. Die Männer erblaßten, die Weiber schrien. Erschrocken streckten sich zwanzig Hände, um den Sinkenden zu stützen. Waldram richtete sich auf. Mit der einen Hand die blutende Wunde deckend, mit der anderen zum Himmel weisend, hob er die Augen mit einem Blick, vor dem der Mörder scheu zurückwich in die brennende Halle. Ohne Zorn, in feierlichem Ernste klangen die Worte des Mönches: »Du sendest mich zu meinem Gott, und ich möchte dir danken. Doch meine Wunde muß reden wider dich vor des Richters Thron. Geweihtes Blut hast du vergossen. Bete, Sünder! Bereue!«

Ein dumpfes Krachen, ein Aufschrei aus allen Kehlen, ein stürzendes Gewirbel von Flammen, von Rauch und Funken. Über der Stelle, die vor einem Atemzug den Hanetzer noch getragen hatte, lag der glühende Trümmerhaufen, zu welchem Wazemanns Haus zerfallen war.

»Zu spät deine Reue!« stammelte der Mönch wie in Erbarmen und sank zurück.

Sie fingen ihn auf, sie trugen ihn aus der Nähe der Glut und schleppten Felle herbei, um den Sterbenden zu betten. Waldram wälzte sich auf die kahle Erde. »Mein Erlöser ist nicht auf linden Fellen gestorben, auf hartem Holz! Leget ein Scheit unter meinen Nacken!« Sie taten ihm den Willen, und er lächelte wie ein Müder auf weichem Pfühl. Seine Hand suchte das Kreuz am Gürtel. Das heilige Zeichen an die Wange schmiegend. lag er ausgestreckt und sang mit erlöschender Stimme das Ambrosianische Lied. Stille war um ihn her, die bangen Blicke der Männer und Weiber hingen an seinen Augen, die in Verklärung leuchteten. Als könnte er den seligen Augenblick des Todes nicht erwarten, so hob er sich halb empor und hauchte lächelnd: »Was zauderst du, meine Seele? Fürchte dich nicht, der Weg zu deinem Heil steht offen!« Reichlicher strömte sein Blut. Mit brechenden Augen die verschleierten Sterne suchend, fiel er zurück und seufzte.

Rings um den Toten lagen sie auf den Knien, und in das Rauschen der versinkenden Flammen mischte sich das Schluchzen der Frauen; die Männer knieten bleich und wortlos. Die wilden Herzen, die der Lebende nie gewonnen hätte, erschütterte sein gottesfreudiger Tod bis ins Innerste. Eines der Weiber küßte die Sohlen des Entseelten und schluchzte: »Hebet ihn auf, ihr Mannerleut, traget ihn zu seinem heiligen Haus!« Doch der Köppelecker streckte wehrend den Arm über die Leiche. »Keiner soll ihn anrühren mit roter Faust. Waschet erst das Viehblut und den Brandschmack von euren Händen! Nachher wollen wir ihn tragen.«

Während im Ring der verödeten Mauern die letzten Flammen in Glut und Asche sanken, stieg durch die Nacht ein stiller Zug über die Trümmerfelder ins Tal, umgaukelt vom Lichtschein zweier Fackeln.

Der Köppelecker eilte zum Lokiwald, um die Kunde von Waldrams Tod vorauszutragen. Als er das Tal der Ache überschreiten wollte, sperrte ihm das breit und finster flutende Wasser den Weg.

Durch das Rauschen, vom anderen Ufer herüber, vernahm er aus der Nacht eine rufende Stimme, die sich entfernte.

Es war die Stimme Eberweins.

Den Besinnungslosen hatte das Weinen des Kindes geweckt. Und da füllte kein anderer Gedanke sein erwachendes Leben, als nur die Sorge für dieses zitternde Geschöpf, das unter Lallen und Tränen an seinen Hals geklammert hing. Ihm war, als trüge er mit diesem Kind die neue Zukunft seines zerstörten Landes auf den Armen und am Herzen.

Mühsam mußte er jeden Schritt erkämpfen und wußte nicht, wo er sich befand. Rings um ihn her zerstörter Wald, nirgends ein Lichtschein, kein Zeichen des Lebens. Er schrie und schrie. Alles blieb still in der Nacht. Endlich erreichte er freien Raum und erkannte mit Freude und zugleich mit Schreck die Rodung, auf der die Klause stand. Auch hier die Vernichtung? Er schrie die Namen der Brüder. Keine Stimme gab Antwort. Konnten sie schlafen in solcher Nacht? Oder waren sie dem grauenvollen Tag zum Opfer gefallen? Vor seinem spähenden Blick tauchte ein schwarzer Klumpen aus der Nacht: die ihres Daches beraubte Klause. Wankend erreichte er die Herdstube, in der die Kohlen noch unter der Asche glommen. Wieder schrie er die Namen der Brüder, eilte von Zelle zu Zelle und fürchtete bei jedem Schritt, auf eine Leiche zu stoßen. Er fand kein Leben, doch auch kein Zeichen des Todes. Wie Hoffnung erwachte in ihm der Gedanke, daß die Brüder dem Verderben entgangen und ausgezogen wären, um Hilfe zu bringen. Zitternd trat er in das dachlose Kirchlein. Die Schale des ewigen Lichtes lag auf der Erde, ein mattes Flämmlein zuckte noch in dem verschütteten Öl. Kaum erkenntlich hoben sich Altar und Kreuz aus dem trüben Dämmerschein; die Farben des heiligen Bildes waren erloschen, waren grau, bedeckt von dem dichten Staub, der aus den Lüften gefallen.

Eberwein stand vor dem Kreuz und hob das Kind in gestreckten Händen dem stillen Bild entgegen. »Blick nieder aus der Nacht! Du! Der du sagtest: Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Die Stimme erlosch ihm. Wie gestaute Flut ihre Dämme bricht, so lösten sich die Schmerzen, die gehäuft auf seiner Seele lagen, in einem Sturz von Tränen. Das Kind umschlingend, wankte er aus der öden Halle und sah nicht, daß über den dachlosen Balken ein Stern durch die sinkenden Schleier des Staubes niederleuchtete.

In seiner Zelle streifte er dem Kinde den nassen Kittel ab und hüllte das schauernde Körperchen in die Decken seines Lagers. Dann saß er im Dunkel neben dem Kinde, dessen winzige Hände einen seiner Finger umklammert hielten. Dabei vernahm er jene schluckenden Laute, wie sie nach überstandenem Schreck aus einer Kindesbrust sich ringen, wenn die Zähren schon gestillt sind. Die Hände des Kindes begannen sich zu erwärmen, immer ruhiger wurde sein Atem, und nach einer Weile entschlief es.

Eberwein saß in sich versunken, regungslos, erfüllt von wirrer Qual und kreisenden Gedanken, bis die kleinere Not des Lebens die größere seines Herzens übertäubte. Es fror ihn in der nassen Kutte, seine Glieder waren wie zerschlagen, und der Hunger mahnte. Seufzend erhob er sich, entzündete eine Fackel, tauschte das Gewand und suchte nach Speise. Nur ein Häuflein Bohnen fand er, trug eine Handvoll zum Lager des Kindes und zernagte die trockenen Kerne. Alles tat er wie im Schlaf.

Der Schein der Fackel fiel über den Schemel, auf dem das heilige Buch lag. Eberwein schlug es auf und begann zu lesen, wie Hiob in Vorwurf rechtete mit seinem Gott.

»Und Gott erwiderte dem Hiob aus dem Sturm und sprach: Wer ist es, der von meiner Weisheit redet und sie verdunkelt mit Worten ohne Sinn und Kenntnis? Auf, gürte wie ein Mann deine Lenden; ich will dich fragen, und belehre du mich! Wo warst du, als ich gründete die Erde? Laß hören, was du weißt! Wer hat bestimmt ihre Weiten? Wer hat über sie die Meßschnur gezogen? Wer ihren Eckstein gelegt beim Jubel aller Morgensterne, da die Söhne Gottes jauchzten? Wer schloß das Meer mit Türen ein, als es, den Mutterschoß durchbrechend, hervorkam? Wo warst du, als ich Gewölk zu seinem Gewande gab und Wolkendunkel zu seiner Windel? Ringsum maß ich ihm seine Grenzen zu und sprach: Bis hierher komme und nicht weiter, hier soll brechen deiner Wogen Trotz! Und du? Wann jemals in deinen Tagen gebotest du dem Morgenrot, daß es leuchtend fasse die Säume der Erde und die Finsternis jage von ihr, damit den Bösen entzogen werde ihr Schutz und gebrochen der feindliche Arm?«

Eberweins Hände fielen von dem Buch, und sein Blick irrte ins Leere. Er sah sich am Rande der Flut, sah in der Höhe des Waldes den Reiter und hörte wieder jenen Ruf: »Herr Waze liegt unter seinem Berg, seine Söhne sind erschlagen vom Gestein.«

Zitternd bedeckte Eberwein die Augen, als möchte er den Gedanken, der ihn befallen hatte, gewaltsam von sich abwehren. Besser, zweifeln an Gott, als glauben, daß er ein Gott der Rache ist! Und zeigte ihm der gleiche Blick, der ihn den Reiter schauen ließ, nicht auch den frommen Runot, die schuldlosen Kinder und alle die anderen in ungezählter Schar, die begraben lagen unter den Felsen, versunken in der Flut?

Mit leisem Hauche strich der Nachtwind in die Zelle und legte die Blätter des Buches um. Vor Eberwein lag ein Lied des Jesaias aufgeschlagen: »Es mögen die Berge wanken und die Felsen stürzen, doch meine Gnade soll nimmer weichen von dir und der Bund meiner Liebe nicht zerbrechen, spricht der Herr, dein Erbarmer.« Ein heißer Schauer rann ihm durch Leib und Seele. »Der Herr, dein Erbarmer?« Als möchte er sich gewaltsam aus dem Streit der Seele reißen, sprang er auf, drückte die Fäuste an seine Stirn und stammelte: » Denke nicht über Gott! Dein Hirn ist Staub. Fühl ihn, wenn es dein Herz vermag! Und hoffe!«

Der Hall seiner Stimme hatte den Schlaf des Kindes gestört. Es regte sich, und sein tiefer Atem klang wie ein Seufzer. Eberwein trat zum Lager. Der Anblick des Kindes schlich ihm ins Herz wie warmer Trost. Es schlief schon wieder. Der Schein der Fackel leuchtete über das runde Gesicht und über das Geringel der weißblonden Härchen, die noch feucht waren und schimmerten. Wie spielend bewegten sich die Finger, und das kleine rosige Mäulchen rührte sich, als genösse das Kind im Traum die Mutterbrust.

»O Glück dieses Kindes! Wonne dieses Schlafs! Berge stürzen, es brechen die Seen, die Hütten fallen und alles Leben sinkt. Und zwischen Schreck und Grauen dieser stille Schlummer ohne Wissen! Wo stand die Heimat dieses Kindes, wo schwimmen die Balken seines Hauses, wo liegen die Leichen der Seinen, was wird der kommende Tag ihm bringen? Jede Frage ein dunkles Rätsel! Und still und zufrieden schläft das Kind, beschwichtigt und genährt von einem Traum, zehrend am Nachgeschmack der einzigen Freude, die es erfuhr in seinem Leben. Und du, mit deinem spürenden Geiste, Mensch! Erforschtest du mit deinen wachenden Sinnen von dem großen Rätsel über den Wolken mehr, als dieses schlummernde Kind von seinem dunklen Los? Spare dir die nutzlose Qual, schließe die Augen deiner Seele, schlafe wie dieses Kind und nähre dich von einem holden Traum, vom süßen Nachschmack eines Augenblicks der Liebe, den du empfangen aus deines Schöpfers Hand!«

Es zuckte müd um Eberweins blasse Lippen. »Wahrlich, wahrlich, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder –«

Durch das Körperchen des schlummernden Kindes fuhr es wie Schreck. Es zappelte und schlug die Augen auf. Sie waren blau und glänzten. Das Mäulchen verzog sich, als wollt' es weinen. In Sorge beugte sich Eberwein über das Lager, und da richteten sich die Augen des Kindes auf sein Antlitz, groß und scheu. Dann glitt ein Lächeln über das runde Gesichtl, und lallend griff das Kind – es hatte wohl einen flachsbärtigen Vater – mit beiden Händen in den Bart des Mönches. Die süße Zärtlichkeit und der reine Glanz der unschuldsvollen Kinderaugen weckte in Eberweins Seele ein Gefühl, so heiß und gläubig, wie es der Sinkende empfinden mag, den im Gebraus der Wellen die starken Arme des Retters umschlingen. »Herr! Nicht dem Greuel dieses Tages, ich glaube dem Wunder dieser Augen! Deine Liebe redet zu mir, ich fühle sie!« In Freude schloß er das kleine zappelnde Leben an seine Brust und küßte mit Inbrunst die warmen Lippen des Kindes.


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